Prof. Dr. Franz M. Wuketits (Wien)

Wo bleibt das "liberale Rasiermesser"?

Ein Plädoyer für Aufklärung, Freiheit und Eigenverantwortung

aus: Aufklärung und Kritik 1/1998 (S. 34 ff.)


1 . Einleitung

In seiner "Anthropologie in pragmatischer Hinsicht" (1798) schrieb Immanuel Kant folgendes: "Sich selbst unmündig zu machen ... ist doch sehr bequem und natürlicherweise kann es nicht an Häuptern fehlen, die diese Lenksamkeit des großen Haufens (weil er von selbst sich schwerlich vereinigt) zu benutzen, und die Gefahr, sich ohne Leitung eines anderen, seines eigenen Verstandes zu bedienen, als sehr groß, ja als tödlich vorzustellen wissen werden. Staatsoberhäupter nennen sich Landesväter, weil sie es besser als ihre Untertanen verstehen, wie diese glücklich zu machen sind; das Volk aber ist, seines eigenen Besten wegen, zu einer beständigen Unmündigkeit verurteilt."(1) Irgendwie kommt uns das doch bekannt vor: Wenn wir den Reden unserer Politiker und Staatsmänner (bzw. Politikerinnen und Staatsfrauen) zuhören, dann erfahren wir ja, daß sie nur unser aller Wohlergehen im Sinn haben und genau wissen, was für uns alle das Beste ist. Es scheint also eine bestimmte Subspezies der Art Homo sapiens zu geben, deren Angehörige zwar mit unterschiedlicher Dichte auf einzelne Länder unserer Erde verteilt sind, in "ihren" Ländern aber das Privileg genießen, ihre jeweiligen Artgenossen beglücken zu dürfen. Notfalls ergreifen sie dabei auch Zwangsmaßnahmen – weil sich manche Menschen mitunter weigern, glücklich zu werden und zur Einsicht gebracht werden müssen.

Kant war sich also dieses Umstands bewußt. Doch wußte er auch um die Bedeutung der Mündigkeit des einzelnen im Sinne des von ihm mitgetragenen Zeitalters der Aufklärung. Dazu schrieb er: "Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung."(2) Wie aber steht es heute damit? In den seither verstrichenen zwei Jahrhunderten haben sich die Wissenschaften und die Technik rasant entwickelt, hat sich unser Erkenntnishorizont enorm erweitert, haben wir phantastische Möglichkeiten der Kommunikation gewonnen – aber es scheint, daß sich immer weniger Menschen ihres eigenen Verstandes bedienen und immer mehr Menschen freiwillig in die Falle ihrer "Beglücker" laufen. Der Staat mit seiner Bürokratie ersetzt den Verstand des Individuums wo es nur geht, d. h. wo ihm geringer Widerstand entgegenschlägt; und wo Widerstand geleistet wird, dort entwickelt er immer subtilere Methoden, diesen Widerstand zu brechen. Wo aber bleibt das von Popper geforderte liberale Rasiermesser? Die Machtbefugnisse des Staates, meinte Popper, "sollten nicht über das notwendige Maß hinaus vermehrt werden. Dieses Prinzip könnte man das ‚liberale Rasiermesser‘ nennen".(3)

Das in diesem Aufsatz aufgegriffene Thema ist nicht neu. Neu ist vielleicht mein Zugang dazu. Ich glaube, daß sich die Notwendigkeit des "liberalen Rasiermessers" heute vor allem aus den Einsichten in unsere eigene Natur und Stammesgeschichte ergibt. Anstatt den biologischen Beitrag zur Kenntnis unserer Sozialsysteme und ihrer Gefahren als "biologistisch" zu verteufeln (was ja heute nach wie vor sehr beliebt ist), sollten wir uns vor Augen führen, welche Konsequenzen dieser Beitrag für unser Selbstverständnis haben könnte. In meiner Sicht heißt das: Freiheit und Eigenverantwortung des Individuums; weniger Macht dem Staat bzw. der Regierung.

2. Die Natur des Homo sapiens und seine ursprüngliche soziale Ordnung

Der heutige Mensch, Homo sapiens, ist weder gut von Natur aus, noch böse von Natur aus, sondern hat, wie alle anderen Lebewesen, ein Grundproblem zu lösen: das Problem des eigenen, individuellen Überlebens.(4) Ähnlich vielen anderen Arten ist Homo sapiens eine soziale Spezies; er organisiert sich zu Gruppen, und diese Sozialität ist wesentlicher Bestandteil seines alten, stammesgeschichtlichen Erbes. Das Leben in Gruppen bietet dem Individuum Vorteile: Es schützt besser vor Feinden (kollektive Verteidigung) und gewährleistet eine bessere Nutzung von Ressourcen (kollektives Sammeln und Jagen) – "besser" in bezug auf die Leistungsfähigkeit eines solitär, einzeln lebenden Individuums. Es ist daher nicht verwunderlich, daß sich Gruppenbildung in der Evolution vieler Spezies (einschließlich des Menschen) bewährt hat.(5)

Gruppenbildung aber setzt ein Mindestmaß an Kooperation voraus. Der Schutz, den ein Individuum in einer Gruppe genießt, hat seinen Preis. Das Individuum muß sozusagen Rücksicht nehmen auf die Interessen seiner Gruppengenossen und muß sich womöglich unterordnen, um im Schutz seiner Gruppe bleiben zu können. Natürlich erwachsen daraus immer wieder Konflikte. Im Dienste des eigenen Überlebens zahlt es sich aber in der Regel aus, bestimmte Gruppennormen zu befolgen. Vor allem der Egoist, der seine eigenen Ziele nicht ohne die Hilfe seiner Gruppengenossen erreichen kann (und dies auch "einsieht"), zeichnet sich daher besonders durch Kooperation und Hilfsbereitschaft aus.(6) Wir haben Gründe für die Annahme, daß der prähistorische Mensch mithin ein "kooperationsbereiter Egoist" war, worin er sich in nichts beispielsweise von einem Pavian unterschieden hat. Wir haben aber auch Gründe für die Vermutung, daß sich der Mensch ursprünglich, auf steinzeitlichem Niveau, ganz anders verhalten hat als etwa Thomas Hobbes annahm: Hätte sich nämlich, Hobbes‘ Annahme zufolge, ursprünglich tatsächlich jeder gegen jeden im Krieg befunden(7), dann hätte unsere Spezies kaum überlebt. Natürlich darf man das Leben des Steinzeitmenschen nicht romantisieren und glauben, unsere Vorfahren hätten friedlich im Paradies gelebt. Aber ein Mindestmaß an Kooperation war nötig. Damit folgten unsere Ahnen einem uralten Evolutionsprinzip, demzufolge – eigentlich ist das trivial – Kooperation ein wichtiger Motor der sozialen Evolution ist und sich bei verschiedenen Tierarten entwickelt hat.(8) Vor allem die Gegenseitigkeit, der sog. reziproke Altruismus – nach dem Motto "Wie du mir, so ich dir" – muß auf allen Stufen der sozialen Evolution eine wichtige Rolle gespielt haben.(9) Anders wären ja Sozietäten auseinandergefallen. Auch die etwa von Robert Axelrod durchgeführten spieltheoretischen Untersuchungen(10) machen deutlich, daß grundsätzlich in jeder sozialen Organisation kooperatives Verhalten die günstigste Strategie ist.

Nun lebten die Hominiden (Menschenartigen) die längste Zeit ihrer vier bis fünf Jahrmillionen währenden Evolution (beginnend mit Australopithecinen) in relativ kleinen Gruppen von selten mehr als fünfzig und meist weniger als hundert Individuen.(11) Das bedeutet, daß die Gruppenangehörigen einander persönlich bekannt waren und daß soziale Kontrolle unmittelbar ausgeübt werden konnte. Ihre sozialen Beziehungen definierten sich durch direkte Interaktion (face-to-face relation) und vertrauten Umgang miteinander. Die soziale Ordnung – sofern man auf diesem Niveau von "Ordnung" sprechen kann – war relativ locker, vergleichbar den heutigen Wildbeutergesellschaften.(12) Sie entsprach qualitativ im wesentlichen der sozialen Organisation anderer Primatenarten und sollte sich erst sehr spät in der Evolution, mit dem Übergang vom Nomadentum zur Seßhaftigkeit vor etwa zwölftausend Jahren ändern. Dieser Übergang von der Kleingruppe zur Großgesellschaft war ein markanter Einschnitt in der sozialen Evolution der Hominiden. Er verursachte aber auch Probleme grundsätzlicher Art, weil der Mensch eben das geborene Kleingruppenwesen ist. Wir müssen davon ausgehen, daß sich die Grundstrukturen unseres sozialen Verhaltens im Laufe von Jahrmillionen in Kleingruppen entwickelt und stabilisiert haben. Dieses Erbe unserer sozialen Evolution können wir nicht einfach über Bord werfen.

Wir können daher festhalten: Die biosoziale Grundausstattung des Homo sapiens – einschließlich jener Verhaltensmuster, die wir nach heutigen Maßstäben als "moralisch" oder "unmoralisch" bewerten – ist eine Folge des Lebens der Hominiden als Jäger und Sammler im Paläolithikum. Es "ist nicht anzunehmen, daß sich in der relativ kurzen Zeit seit der neolithischen Revolution die Natur des Menschen grundlegend verändert hat, so daß der Mensch in der Großgruppe vor Problemen grundsätzlicher Art steht".(13) So weist auch Peter Meyer aus soziologischer Sicht darauf hin, daß das Wachsen der Mitgliederzahl jeder beliebigen Gruppierung zum Verlust des vertrauten, intimen Charakters sozialer Interaktionen führt.(14) Das prinzipielle Dilemma, ja der prinzipielle Konflikt in der sozialen Evolution unserer Gattung entstand, als mit dem Übergang zur seßhaften Lebensweise und mit der Urbanisierung die legale, unpersönliche Kontrolle eingeführt und der bewährten und gewohnten direkten sozialen Kontrolle, wie sie in Kleingruppen entwickelt worden war, entgegengestellt wurde.(15) Dieses Dilemma hat Homo sapiens nie überwunden – und es steht zu erwarten, daß er es auch nie überwinden wird, weil er seine alte Haut als paläolithischer Jäger und Sammler nicht einfach ablegen kann. Zwar sieht er mehr oder weniger ein, daß in seiner heutigen komplexen sozialen Welt auf die Mechanismen der in Kleingruppen wirksamen Primärkontrolle kein Verlaß ist, aber im Korsett legaler, staatlicher Verordnungen fühlt er sich meist auch nicht wohl.

3. Der Staat als (notwendiges) Übel

Mit der Entstehung des Staates trat ein in der sozialen Evolution der Primaten einzigartiges Gebilde in Erscheinung. Die sozialen Systeme wurden damit gewissermaßen auf ein abstraktes Niveau gehoben. "Ihre Prinzipien sind (und sollen!) nicht mehr für sämtliche ihrer Mitglieder durchschaubar (sein). Der einzelne soll bloß glauben, daß alles seine Ordnung hat."(16) Anders als die Anführer paläolithischer Horden können sich Staatsführer auf "höhere Kräfte" berufen und dadurch ihre Führungsansprüche legitimieren.(17) Dabei kommt ihnen die Metaphysikbedürftigkeit des Homo sapiens und dessen Neigung, beliebigen Unsinn zu glauben, sehr entgegen.(18) Aber darauf werden wir noch später zurückkommen.

Hobbes war in bezug auf seinen Glauben in den Staat gewissermaßen ein Romantiker. Er definierte den Staat folgendermaßen: "Staat ist eine Person, deren Handlungen eine große Menge Menschenkraft der gegenseitigen Verträge eines jeden mit einem jeden als ihre eigenen ansehen, auf daß diese nach ihrem Gutdünken die Macht aller zum Frieden und zur gemeinschaftlichen Verteidigung anwende."(19) Anders gesagt, der Staat soll dem einzelnen Sicherheit bieten und ihm die Furcht vor einem gewaltsamen Tod – der in der archaischen Gruppe überall auf ihn lauerte – nehmen. Der Staat hätte so gesehen also die Funktion, dem "Krieg aller gegen alle" ein Ende zu bereiten. Aber schon eine oberflächliche Betrachtung der Geschichte zeigt, daß die Rechnung nicht aufgegangen ist. "Als sich Staatsgebilde formierten, begannen eben die Staaten gegeneinander Krieg zu führen und ihre Bürger in den kollektiven Wahnsinn zu treiben."(20)

Jedenfalls hatte für Hobbes der Staat sozusagen ein nobles Ziel zu erreichen. Für seinen Landsmann Adam Smith hatte der Staat ebenso die Aufgabe, seine Bürger zu beschützen, im übrigen aber sollte jedermann seinen Lebensplan weitgehend nach eigenem Gutdünken verwirklichen können. Smiths Auffassung vom Staat hat jüngst wieder Gerhard Streminger zusammenfassend dargestellt.(21) Ich kann im vorliegenden Rahmen darauf und auf viele andere Vorstellungen von den Aufgaben des Staates nicht weiter eingehen. Vieles, was darüber gesagt und geschrieben wurde, ist jedenfalls von Idealen durchzogen, die in einem Staat nie verwirklicht wurden.

Es ist daher interessant zu sehen, daß z. B. Karl Popper im Staat ein Übel, wenngleich ein notwendiges, erkannte.(22) Aufschlußreich ist auch die Haltung, die Ortega y Gasset – mag man über ihn auch denken, wie man will – dem Staat gegenüber einnahm. Er schrieb: "Die schöpferischen Kräfte der Gesellschaft werden durch die Dazwischenkunft des Staates immer wieder vergewaltigt; kein neuer Samen kann Frucht tragen. Die Gesellschaft muß für den Staat, der Mensch für die Regierungsmaschine leben. Und da der Staat letzten Endes eben nur eine Maschine ist, deren Dasein und Erhaltung von der Lebenskraft ihrer Besorger abhängt, wird er, nachdem er der Gesellschaft das Mark ausgesogen hat, selber ein klapperndes Gerippe werden und sterben – den rostigen Tod einer Maschine sterben, die viel leichenhafter ist als der eines lebendigen Organismus."(23) Ortega konnte noch nichts von "Rasterfahndung" und vom "großen Lauschangriff" wissen – und von den vielen durch die heutige Technologie unterstützten Möglichkeiten des Staates, ins Leben jedes einzelnen Menschen massiv einzugreifen; sonst wäre er vielleicht vollends am Staat verzweifelt.

Aber bleiben wir noch kurz beim Staat als einem notwendigen Übel. Daß es sich dabei um ein Übel handelt, dürfte niemand bezweifeln, der sich aus privaten und/oder beruflichen Gründen gelegentlich seinen Weg durch den Dschungel von (staatlichen) Ämtern und Behörden bahnen muß und mit Gesetzen und Verordnungen konfrontiert wird, die jeder Logik und jedem gesunden Hausverstand spotten. Warum aber soll dieses Übel notwendig sein? Hans Mohr hat aus (sozio-)biologischer Perspektive wiederholt darauf hingewiesen, daß in unserer komplexen Zivilisation die sozialen Kontrollmechanismen der Kleingruppe und die Sippenmoral längst nicht mehr ausreichen, so daß wir des kodifizierten, staatlich kontrollierten Rechts bedürfen.(24) Nun wollen wir einmal davon absehen, daß möglicherweise unsere ganze Zivilisation ein evolutiver Irrtum war. Tatsache ist: Wir haben diese Zivilisation geschaffen, der größte Teil der Menschheit lebt heute nicht in Kleingruppen von Wildbeutergesellschaften, und es gibt in unseren anonymen Massengesellschaften eine eigene Kaste, die der Juristen, die darüber wacht, daß unser soziales Leben in geordneten Bahnen verläuft. Es ist sicher richtig, daß beispielsweise der internationale Handel und Transportverkehr, die Geschäfte an der Börse oder die Luftfahrt nicht durch die paläolithische Sippenmoral effektiv geregelt werden können. Insoweit sind – da wir nun einmal dieses Niveau der sozialen, ökonomischen und technischen Entwicklung erreicht haben – staatliche und darüber hinaus internationale Regelungen erforderlich. Schon im Vorfeld der Staatenbildung, vor einigen Jahrtausenden, als immer mehr Menschen Territorial- und Besitzansprüche anmeldeten und die Erde in einigen Regionen immer dichter von Angehörigen der Spezies Homo sapiens besiedelt wurde, tauchte das Problem auf, dazu verbindliche Regeln zu finden. Also erschuf der Mensch das Recht oder das, was er (seinerzeit) darunter verstand. Die Rechtsprechung wurde bestimmten Personen, die ein besonderes Vertrauen genossen oder sich sonstwie auszeichneten, übertragen. Dabei waren Recht und Staat (im weitesten Sinne, als Gemeinwesen) von vornherein eng miteinander verknüpft.(25) Nachteile erblickten darin nur diejenigen, die wegen irgendeines Vergehens verurteilt und abgeführt wurden, um geköpft zu werden ... Dieses Privileg, nämlich Menschen zu töten, ist bis heute in vielen Ländern dem Staat vorbehalten geblieben. Doch darauf wird noch zurückzukommen sein. Nehmen wir zunächst einmal den Staat und das von ihm dekretierte Recht als Notwendigkeit: als Notwendigkeit im Dienste der Beschützung des Individuums.

Daß der Staat in erster Linie, wenn nicht ausschließlich die Funktion habe, seine Bürger zu beschützen, wurde von Denkern in der Tradition des Liberalismus immer wieder betont. Sie "bemühten sich", wie Popper zusammenfassend feststellt, "die Notwendigkeit des Staates in einer Weise zu begründen, die den Staat in möglichst engen Grenzen hielt. Ihre Idee war: Wir brauchen einen Staat, aber wir wollen so wenig von ihm wie nur möglich, das Gegenteil eines Totalstaates – keinen paternalistischen, autoritären, bürokratischen Staat; kurz: wir wollen einen Ministaat".(26) Dieser "Ministaat" hätte natürlich die Belange seiner Bürger in höchstem Grade zu respektieren – nicht zuletzt auch deshalb, um nicht selbst in Schwierigkeiten zu kommen. So empfahl Adam Smith größte Umsicht bei der Einhebung von Steuern. Denn steuerliche Abgaben können, wie er ganz richtig bemerkte, "den Erwerbsfleiß der Bevölkerung beeinträchtigen und sie davon abhalten, in bestimmten Geschäftszweigen tätig zu werden, die sehr vielen Menschen Unterhalt und Beschäftigung bieten könnten".(27) (Diese Binsenweisheit kam beispielsweise den österreichischen Finanzbürokraten noch nicht in den Sinn.)

Also: Liberale Denker haben die Notwendigkeit des Staates nicht geleugnet, haben aber seinen Wirkungsradius recht klein bemessen. Zugleich haben sie gefordert, daß der einzelne Staatsbürger möglichst wenig vom Staat verlangen soll, da im umgekehrten Fall, wie etwa auch Herbert Spencer betonte, eine Überbürokratisierung unvermeidlich sei.(28) Andererseits führte im 19. Jahrhundert die zunehmende Industrialisierung zu immer mehr Gesetzen und Verordnungen und zu einer Ausweitung der staatlichen Kontrolle.(29)

Es scheint, daß der Staat an Macht gewinnt, wenn Menschen besonders erfindungsreich sind. Besser gesagt: Der Staat will Kontrolle über allzu eifrige Bürger gewinnen, da seine Verwalter dann ihr Gehäuse bedroht sehen. Und der Staat will vor allem Innovationen auf verschiedenen Gebieten kontrollieren.

4. Der Staat ist keine Person

Redeweisen wie "der Staat will ..." sind allerdings irreführend. Während Platon den Staat analog zu einem Organismus betrachtete(30) und noch Hobbes, wie bereits gesagt wurde, den Staat als Person definierte, muß jeder aufgeklärte Mensch heute einsehen, daß der Staat ein abstraktes Gebilde ist, in dessen Namen andere Menschen – diejenigen, die sich als Staatsträger sehen – handeln. Der Staat kann also nichts wollen, nichts tun und niemanden bestrafen; handeln können nur konkrete Personen, Menschen mit bestimmten Vorstellungen, Ideen, Zielen, Absichten und Wünschen. Diese an sich triviale Tatsache ist sehr wesentlich, wenn wir beispielsweise von den Beziehungen zwischen einem Staat und einzelnen Menschen sprechen wollen. Diese Beziehungen können nur Beziehungen zwischen Menschen sein – also denjenigen, die als Staatsträger agieren (sei es als Minister, Steuerprüfer, Gerichtsvollzieher oder Henker) und all den anderen. Hat man sich diese Tatsache einmal vergegenwärtigt, dann verliert "der Staat" sein furchteinflößendes Antlitz.

Es ist allerdings nur verständlich, daß jedes totalitäre Regime solche banalen Einsichten nicht fördert. Um die Bürger unter Kontrolle zu bekommen, war es daher immer günstig, wenn die Regierenden auf höhere Gewalten hinweisen konnten, deren Exekutoren sie selbst sein durften oder mußten. Kaiser und Könige vermochten ihre Untertanen immer wieder davon zu überzeugen, daß sie "von Gottes Gnaden" in die Welt gestellt wurden und gleichsam dazu ausersehen sind, zu regieren. Dabei hat es nie eine Rolle gespielt, ob "im Namen Gottes" auch Menschen gefoltert und ermordet wurden. Denn die Herrschenden hatten einfach Gewalt über Leben und Tod einzelner Menschen, woran sich ja in vielen Ländern bis heute nichts geändert hat. Topitsch bringt diesen postulierten Zusammenhang zwischen "weltlicher Machtordnung" und "höherer Gewalt" folgendermaßen auf den Punkt: "Der König als Herrscher, Gesetzgeber und Richter sowie die Hierarchien der Würdenträger, Offiziere und Beamten werden ebenso in den Sternenhimmel wie in das Reich der Abgeschiedenen projiziert, und die Rückspiegelung dieser Projektionen auf die irdischen Macht- und Herrschaftsverhältnisse bedeutet deren zusätzliche Stabilisierung und Legitimierung: Der Monarch und seine Großen auf Erden gelten als Söhne, Abbilder oder Beauftragte ihrer vermeintlichen Urbilder im Himmel, und die Rangordnung unter den Lebenden bleibt auch über den Tod hinaus erhalten."(31) (Wohl aus diesem Grund ist "Beamtenbeleidigung" z. B. in Österreich nach wie vor ein ziemlich schwerwiegendes Vergehen.)

Kurz gesagt: Diejenigen, die die "Staatsgeschäfte" besorgen, wußten sich immer unter Berufung auf irgendwelche "höhere Prinzipien" zu behaupten und zu rechtfertigen. So gesehen waren nie alle Menschen wirklich gleichgestellt. "Gleichheit" und "Brüderlichkeit" hat es, abgesehen von wohlgemeinten Phrasen der Französischen Revolution, nie gegeben. Auch in den sozialistischen Ländern, in denen angeblich "das Volk" herrschte (und vereinzelt noch herrscht) hat es immer eine besondere Klasse von Menschen gegeben. Hierzu ist die Nomenklatura der einstigen Sowjetunion und anderer (europäischer) Staaten zu erwähnen, die bis vor einigen Jahren sozialistisch regiert wurden.(32) Sie bestand aus Personen, die das "regierende Organ" bildeten, Macht ausübten und praktisch unantastbar waren. (Analogien zu anderen, demokratischen Staaten drängen sich allerdings auf. Clinton, Klima oder Kohl genießen nun einmal Privilegien, die anderen Menschen versagt bleiben. Allerdings können sie abgewählt werden – ein Schicksal, mit dem Breschnew oder Honecker nicht zu rechnen brauchten, wobei Honecker das Unglück hatte, den Untergang "seines" Staates noch mitzuerleben.)

Hier können wir nun den biologischen Beitrag zur Kenntnis unserer Sozialsysteme (und des Phänomens "Staat"!) endlich einbringen. Dabei kommen wir um einige Vereinfachungen allerdings nicht herum.

Von grundsätzlicher Bedeutung ist zunächst der Umstand, daß alle Menschen ihre eigenen Interessen verfolgen, und zwar Überlebensinteressen. Ohne dabei im strikt soziobiologischen Sinn von Fortpflanzungsinteressen sprechen zu müssen, können wir doch davon ausgehen, daß jeder Mensch ein gutes Leben sucht; daß jeder Mensch in erster Linie an seinem eigenen und am Wohlergehen seiner nächsten Angehörigen interessiert ist. Diese egoistischen und nepotistischen Neigungen gehören zu unserer biosozialen Grundausstattung; sie zu leugnen hieße nichts anderes, als die menschliche Natur zu verschleiern. Ich weiß nicht, warum so viele Menschen immer noch davon überzeugt sind, daß unsere Natur "schlecht" ist und daher durch die Kultur "korrigiert" werden müßte. Gewiß, Menschen sind keine Engel, sie verhalten sich egoistisch – doch sei’s drum, sie sind, wie schon gesagt wurde, in ihrem Egoismus auch in hohem Maße kooperations- und hilfsbereit. Der biologische Ansatz zum Verständnis unserer Sozialsysteme basiert nicht zuletzt auf der an sich simplen Beobachtung, daß Menschen Freude in ihrem Leben suchen und diese Freude auch mit anderen teilen wollen; daß sie andererseits auf Einsamkeit und das Fehlen von ihnen angenehmen Artgenossen negativ reagieren.(33) Bei allem, was Menschen anderen Menschen schon angetan haben, darf diese günstige Eigenschaft unserer Natur nicht übersehen werden. Sieht man sich indes die Führungssysteme in vielen Staaten aus Vergangenheit und Gegenwart an, so gewinnt man den Eindruck, daß die Staatslenker den Menschen als bösartiges Monstrum sahen und sehen, das es zu zähmen und drakonisch zu bestrafen gilt. Sich selbst nahmen und nehmen die Regierenden dabei natürlich aus – sie waren und sind ja besondere Wesen, die einer "höheren Ordnung" folgen.

Dominanzstreben und Dominanzverhalten hat beim Menschen etwas subtilere Formen angenommen als bei Wölfen oder Pavianen. Ein Leitwolf hat nur sein kleines Rudel anzuführen; seine "Führungsposition" kann er aber leicht verlieren, wenn er sich etwa bei der Nahrungssuche oder beim Beutefang nicht bewährt. Er kann in kritischen Situationen nicht einfach junge Wölfe losschicken und sich selbst in Sicherheit bringen. Beim Menschen ist das etwas anders: Generäle, Verteidigungsminister und Ministerpräsidenten ziehen ja nicht an vorderster Front in den Krieg, sondern schicken ihre Rekruten als Kanonenfutter in den Kampf, wobei sie ihnen ihren Segen (oder den Segen Gottes) auf den Weg mitgeben und ihnen eintrichtern, daß sie einer "großen Sache" dienen.

Manche Menschen verstehen es also, Führungspositionen zu erlangen und zu verteidigen. In den parlamentarischen Demokratien beschließen einige Menschen Gesetze, weil sie als "Volksvertreter" gewählt worden sind, wobei "das Volk" auf die Gesetzgebung selbst kaum noch irgendeinen Einfluß ausübt oder ausüben kann. Aber nehmen wir’s nicht tragisch: Unsere Vertreter im Parlament verhalten sich entsprechend der biosozialen Neigungsstruktur des Homo sapiens; sie zergehen nicht vor Sorge um "ihren Staat" (auch wenn sie in den Medien mitunter diesen Eindruck hinterlassen), sondern sind um ihre eigenen Positionen besorgt; sie bilden Seilschaften und Allianzen, "verbrüdern" sich, kommen einander in nepotistischer Absicht näher und setzen sich von anderen "Fraktionen" ab.(34) Anderes dürfen wir auch gar nicht erwarten, es sei denn, wir glauben wirklich noch daran, daß Staat, Regierung, Gesetzgebung Angelegenheiten höherer Wesen sind, die ihre Pflichten auf der Grundlage unumstößlicher Naturgesetze oder von Gott inspiriert erfüllen. Diejenigen, die das tatsächlich (noch) glauben, fördern die Überlebensinteressen "ihrer" Führer und machen sich selbst unmündig. Darauf eben vertrauen Regierungen. Die Regierungsvertreter nützen die Hilflosigkeit des einzelnen aus, um dadurch ihre eigene Position zu stärken; während sie (siehe Kant!) zu wissen vorgeben, wie der einzelne glücklich leben kann, versinkt dieser immer tiefer in seiner Unmündigkeit. Im Sinne der Aufklärung geht es also darum, die Interessen der staatstragenden Personen als Eigeninteressen zu entlarven, die sich zwar auch auf andere Menschen positiv auswirken können (wenn sie beispielsweise eine prosperierende Wirtschaft mit hohen Gehältern und Löhnen erlauben), die aber niemanden von der Eigenverantwortung entlasten. Möge also jeder und jede seine und ihre Eigeninteressen ebenso verfolgen, um den Staatsträgern nicht zu viel Macht in die Hand zu geben!

5. Individuum, Recht und Freiheit

Während die Soziobiologie von vielen als Beitrag zu einer "rechten Ideologie" und als neue Form des Sozialdarwinismus mißverstanden wird, und während noch Popper darin nur einen naiven Determinismus sah (der eben sozialdarwinistische Ideen wiederbeleben würde)(35) möchte ich hier im Gegenteil ausdrücklich folgendes festhalten:

· Indem Soziobiologen individuelle Interessen in den Vordergrund stellen, fördern sie keine rechte oder rechtslastige Ideologie, sondern allenfalls eine Besinnung auf die wichtige Rolle des Individuums in jeder Sozietät.

· Aus soziobiologischer – aber auch allgemein aus verhaltensbiologischer und evolutionstheoretischer – Perspektive verträgt der individuelle Mensch (eben aufgrund seiner eigenen Lebens- bzw. Überlebensinteressen) nicht allzu viel an Reglementierung.

· Da niemand das sprichwörtliche fünfte Rad am Wagen sein will, ist jeder Mensch, um nicht zu vereinsamen, durchaus bereit, sich verschiedenen Gruppennormen zu beugen (und sei es den Normen einer Verbrecherorganisation).

· Der Mensch folgt verschiedenen Normen um so eher, je mehr sie für ihn auch einsichtig sind, je unmittelbarer ihre Bedeutung für sein eigenes Leben ist.

Die menschliche Natur ist, wie ich an anderer Stelle betonte(36), nicht zu beschwindeln. Aber politische Utopisten wollen von unserer "Natur" nichts hören (eben: weil sie ihre eigenen Neigungen durchsetzen wollen). Auch in den modernen demokratischen Staaten fällt den Regierenden als Problemlösung nichts anderes als die Erzeugung von immer neuen und immer mehr Gesetzen ein. In neuerer Zeit haben einige wenige Juristen eingesehen, daß die Kenntnis unserer Natur und der Beitrag der Biologie zum Verständnis des Menschen bei der Gesetzgebung und Rechtsprechung unverzichtbar sind.(37) Die gewaltige Menge von Verordnungen, Vorschriften, Geboten und Verboten, juristischen Regelungen und Richtlinien, die heute über uns hereinbrechen, kann der einzelne nicht mehr verkraften. Er mag daher dazu neigen, Gesetze zu ignorieren oder sich gegen sie aufzulehnen. Gesetze, die unzählige Interpretationen zulassen, gehören von vornherein ins juristische Mülldepot; Gesetze, die nur den Staatsträgern nützen und zur Unterdrückung einzelner Menschen führen, sind einer Demokratie nicht würdig. Daß auch im Strafrecht viele Grotesken passieren, dürfte hinlänglich bekannt sein. Der Jurist Hubert Rodingen meint beispielsweise, es sei "grotesk, wenn schwerer Raub mit mindestens 5 Jahren Freiheitsstrafe geahndet wird, die ‚Verklappung‘ von ‚Dünnsäure‘, welche die ganze Nordsee tötet, dagegen straffrei bleibt".(38) Und es sollte uns daher zu denken geben, wenn derselbe Autor lapidar feststellt: "Das Strafrecht versagt in Theorie und Praxis vor der Aufgabe, den sozialen Zusammenhalt sowie die natürlichen Daseinsgrundlagen unserer Gesellschaft zu sichern."(39) Wie traurig für all jene, die noch daran glauben, daß staatliche Ordnung Ausdruck einer "höheren Ordnung" sei.

Ein weiteres Phänomen, das uns zu denken geben muß, ist der ständige Machtmißbrauch der Regierenden.(40) Von wegen "höhere Ordnung"! Der aufgeklärte Bürger bedarf des Glaubens an abgehobene, abstrakte Prinzipien nicht, in dessen Namen Staatsträger und Führer politischer Parteien zu handeln vorgeben und die ihnen als Legitimation ihrer Macht dienen. Das ist die große Gefahr, die unzählige Menschen schon ins Unglück gestürzt hat: Der Glaube, daß es sozusagen Gesetze höherer Ordnung gibt, die unser Schicksal bestimmen und denen wir auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind. Religiöse und politische Führer wußten aus diesem (Irr-)Glauben immer Profit zu schlagen, und diejenigen, die ihm folgten, degradierten sich zu Marionetten. Zu diesem (Irr-)Glauben gehört der Historizismus, wonach die Geschichte gesetzmäßig fortschreitet und ihr ein Ziel zugrunde liegt.(41) Der einzelne Mensch erscheint dabei als kleines Rädchen in einer Maschinerie, die ihren eigenen Zweck hat.

In diesem Zusammenhang ist auch die Vorstellung zu erwähnen, daß die Menschheitsgeschichte, ja überhaupt die Entwicklungsgeschichte des Lebens auf der Erde (Evolution) progressiv verläuft, einen insgesamt fortschrittlichen Verlauf zeigt. Im Gegensatz dazu meine ich, daß der "Pfeil der Evolution", um es metaphorisch auszudrücken, nirgendhin "fliegt", daß es keine vorgegebene Richtung in der Evolution gibt und unsere eigene Geschichte von uns selbst geschrieben wird.(42) Weder Wirtschaftskrisen, noch Kriege brechen einfach über uns herein, sondern sind stets die Folge des Handelns konkreter Personen. Je weniger wir uns also auf politische Führer und Wirtschaftsplaner verlassen, um so besser für uns.

Die traditionelle Idee von Staat im Sinne des Liberalismus war, daß der Staat den einzelnen schützen und ihm seine persönliche Freiheit garantieren soll. Unser Problem besteht aber auch darin, daß uns die Staatsträger zuviel "Schutz" gewähren wollen, womit sie uns letztlich nur vergewaltigen und jener Freiheit berauben. Wenn daher schon Kant, wie erwähnt wurde, an die Mündigkeit des einzelnen appellierte, Popper ein "liberales Rasiermesser" forderte und beispielsweise Hans Albert für eine Erneuerung der Aufklärung durch einen konsequenten Kritizismus plädiert(43) – ja, dann sieht man sich heutzutage schon berechtigt und gezwungen, hier noch ein Scherflein beizusteuern und alle kritischen Bürger aufzufordern, sich schleunigst ein "liberales Rasiermesser" anzuschaffen und dieses auch zu verwenden. Denn die individuelle Freiheit, die in den Demokratien westlicher Prägung eine entscheidende Rolle spielt, wird heute – in eben diesen Demokratien – bereits beschnitten, ohne daß es die meisten Leute überhaupt merken. Nur allzu bald könnte das Gespenst des Überwachungsstaats sehr lebendige Glieder bekommen. Wer das für eine Übertreibung hält, sollte vielleicht einmal nachforschen, wieviele persönliche Daten über ihn/sie schon in diversen Behörden und Ämtern gespeichert sind. (Natürlich, die Lenker der Staatsmaschine und die Gesetzeshüter werden beschwichtigen – das dient ja nur dem Schutz des einzelnen. Fragt sich, wovor da eigentlich geschützt wird ...)

6. Gesellschaft für freie Menschen

Paul Feyerabend sprach in seinem Buch "Erkenntnis für freie Menschen" von der Notwendigkeit von Bürgerinitiativen auf praktisch allen Ebenen des gesellschaftlichen Lebens.(44) Solche Bürgerinitiativen finden sich ja heute in demokratischen Ländern, wenn es um so heikle Probleme wie etwa das der Atomkraft geht. Natürlich müßte man dabei voraussetzen können (und sollen), daß es informierte Bürger sind, die über Gefahren und Risiken bestimmter Technologien urteilen und sich gegen oder für diese Technologien aussprechen. Eine liberale Gesellschaft, in der jeder einzelne ein größtmögliches Maß an Freiheit genießt und bei der Lösung von gesellschaftlichen Problemen aktiv mitwirkt, erfordert den mündigen Bürger – und nicht jenen Menschen, der für oder gegen etwas deshalb auf die Straße geht, weil er bloß irgendeiner Ideologie die Treue hält. Sie verlangt, daß sich der einzelne über die jeweils zu lösenden Probleme informiert, sich sein eigenes kritisches Urteil bildet und in der Lage ist, mögliche Konsequenzen von Entscheidungen, die er mitträgt, auch abzuschätzen. Man kann sich nicht einfach darauf verlassen, daß eine Volksabstimmung immer auch die richtige Entscheidung herbeiführt; politische Führer verstehen es, durch ihre Propagandafeldzüge in den Massenmedien "ihr" Volk zu blenden. Als die Österreicher über den Beitritt ihres Landes zur EU abstimmten, waren sie mit großer Mehrheit dafür. Inzwischen hat sich ihre EUphorie gelegt. Ob die EU (mit ihrer beständigen Erweiterung) überhaupt für die Europäer der Königsweg ist, wird sich ohnedies noch weisen.(45)

Halten wir nochmals zwei grundlegende Eigenschaften der biosozialen Natur des Menschen fest:

· Homo sapiens ist ein Kleingruppenwesen, von seiner Evolution auf das Leben in Großgesellschaften nicht vorbereitet.

· Soziale Kontrolle akzeptiert und versteht er im wesentlichen im Nahbereich.

Nun ist Homo sapiens gewiß eine sehr anpassungsfähige und flexible Spezies, sonst wäre ihm das Leben in Großgesellschaften prinzipiell unmöglich und es wären nie Städte und Staaten entstanden. Aber diese Anpassungsfähigkeit und Flexibilität sind nicht beliebig strapazierbar. Während in der Politik und Wirtschaft immer größere politische, soziale und ökonomische Systeme geschaffen werden (die jederzeit zusammenbrechen können!), sind Fremdenfeindlichkeit und Nationalismus sozusagen anthropologische Konstanten.(46) Und während unser Rechtssystem, wie bereits gesagt wurde, in die Ungeheuerlichkeit wächst, sind Verbrechen weiterhin das übliche Tagesgeschehen.(47) Der Gesetzgeber scheint zu glauben, daß er durch Rechtsnormen und Bestrafung von Gesetzesbrechern alles in den Griff bekommen wird. Dabei verwechselt er Ursache und Wirkung, denn: "Recht hat nicht erst Ordnung geschaffen, sondern eine durch biologisch evolvierte Mechanismen aufrechterhaltene Ordnung hat Recht hervorgebracht"(48) – und wo dieses Recht jenen Mechanismen widerspricht, dort verliert es an Wirkung oder es unterdrückt die Menschen (und fördert womöglich terroristische Aktivitäten und verschiedene andere Gewalttaten).

Dem Menschen als geborenem Kleingruppenwesen widerstrebt es, viele seiner persönlichen Angelegenheiten in entlegenen Ämtern von anderen, ihm unbekannten (und keineswegs in jedem Falle sympathischen) Menschen regeln zu lassen.(49) Anstatt auf diesen Umstand Rücksicht zu nehmen, schaffen die Regierenden immer monströsere bürokratische Systeme – und fördern die Unzufriedenheit der Bürger. Ganz abgesehen davon darf im Namen des Staates auch rechtmäßig entmündigt, enteignet und getötet werden. Was der Gesetzgeber dem einzelnen – zu Recht – verbietet, nimmt er sich selbst heraus. Ein ziemlich düsteres Kapitel in diesem Zusammenhang ist die in vielen Ländern nach wie vor verhängte Todesstrafe.

Im Sinne der Aufklärung müssen wir nun zum einen die Begrenzung der Staatsmacht, zum anderen größtmögliche Freiheit des Individuums fordern. "Freiheit ist", meinte Voltaire, "... nur das Vermögen, etwas zu tun, was man will."(50) Aber die Staatsmacht ist in der Lage, den Willen des einzelnen gewaltsam zu brechen. In einer Gesellschaft für freie Menschen dürfte es dazu erst gar nicht kommen! Popper ist natürlich beizupflichten, daß es "Demokratie" im Sinne von "Volksherrschaft" im strikten Sinne nie gegeben hat.(51) Auch in einer Demokratie regiert nur ein kleiner Teil der Bevölkerung. Aber die Demokratie hat dem großen Rest ihrer Bevölkerung nicht nur das höchste Maß an "Bewegungsfreiheit" zu garantieren, sondern muß auch gewährleisten, daß die Regierenden jederzeit zurückgepfiffen werden können und daß ihre Machtbefugnisse jedenfalls relativ gering bleiben.

7. Freiheit, Mündigkeit, Verantwortung

Die postulierte Gesellschaft für freie Menschen setzt freilich mündige und verantwortungsbewußte Bürger voraus. Verantwortung heißt hier zuallererst Eigenverantwortung. Nur der, der sich seiner Bedeutung als Subjekt bewußt ist, der persönliche Freude am (eigenen)Leben zu empfinden vermag und sich eigene Ziele steckt – ohne irgendeiner politischen Partei und irgendwelcher (politischen) Führer zu bedürfen! – wird diese Eigenverantwortung wahrnehmen können. Selbstgewählte Interessen sind gewiß eine Quelle der Lebensfreude, die eben ihrerseits den freien und eigenverantwortlichen Menschen kennzeichnet. In diesem Zusammenhang schrieb Bertrand Russell, ein bedeutender Aufklärer, folgendes: "The man who can forget his worries by means of a genuine interest in, say, the Council of Trent, or the life history of stars, will find that, when he returns from his excursion into the impersonal world, he has acquired a poise and calm which enable him to deal with his worries in the best way, and he will in the meantime have experienced a genuine even if temporary happiness."(52) Ein solcher Mensch wird also auf die Zwangsbeglückung von seiten des Staates ebensowenig angewiesen sein wie auf die Verheißungen der katholischen Kirche oder des Werbefernsehens. Es wundert daher nicht, daß heutzutage vor allem die "Anpasser" gefördert und belohnt werden, diejenigen, die sozusagen ihre Seele jederzeit an den jeweils Bestbietenden zu verkaufen bereit und als autonome Personen ausgehöhlt sind.

Gerade diese Anpasser, deren Zahl immer größer zu werden scheint, sind aber eine große Gefahr für eine liberale, freie Gesellschaft, eine große Gefahr für eine dynamische Demokratie. Aus unserer eigenen Stammesgeschichte wissen wir, daß Konflikte stets unvermeidbar waren (und sind) – schließlich haben wir alle egoistische Interessen –, so daß Konfliktlösung eines der Grundprobleme jeder Sozietät war (und ist).

Es sollte überflüssig sein zu bemerken, daß in einer aufgeklärten Gesellschaft die gewaltfreie Konfliktlösung möglich sein muß. Wenn aber alle Konfliktparteien ihre Interessen einem imaginären Wertekonsens, etwa dem "Staat" oder der "Nation" unterordnen, dann kommt es nicht nur zur Krise der liberalen, demokratischen Gesellschaft(53), sondern womöglich auch zu Greueltaten im Namen des "Staates", der "Nation" ... In einer liberalen, demokratischen Gesellschaft sollte es schließlich möglich sein, daß jeder und jede individuelle Interessen vertritt und verteidigt, ohne damit anderen physischen und psychischen Schaden zuzufügen – und ohne vom Staat bzw. seinen Vertretern daran im geringsten behindert zu werden.

Tatsache ist, daß heute selbst diejenigen von uns, die nichts anderes wollen als in Ruhe gelassen zu werden und gegen niemanden böse Absichten hegen und auch vom "Staat" nichts verlangen, keineswegs in Ruhe gelassen, sondern ständig von irgendwelchen Behörden und Ämtern belästigt werden. Diejenigen aber, die etwas zum Positiven bewirken wollen, werden oft als Querdenker bekämpft, diejenigen, die berechtigte Kritik üben, gelten häufig als "Nestbeschmutzer" (das Kleingruppendenken schlägt also auch in dieser Hinsicht voll durch). Man vergegenwärtige sich dazu nur, mit welchen Schwierigkeiten etwa Bertrand Russell wegen seiner liberalen Gesinnung zu kämpfen hatte.(54) (Da er 98 Jahre alt wurde, hatte er allerdings das Glück, viele seiner gemeinen Widersacher zu überleben und sich länger als diese seines Lebens zu erfreuen. Sehr alt zu werden, ist also von Vorteil.)

Es ist sehr einfach, sich darauf zurückzuziehen, was staatlich als "Pflicht" dekretiert wird, denn dadurch wird der einzelne von jeglicher Verantwortung entbunden. "Ich tue nur meine Pflicht" – diese "Rechtfertigung" eigenen Tuns und Handelns ist eines aufgeklärten, liberalen Menschen nicht würdig. Denn schließlich haben auch im Dritten Reich unzählige Mitläufer nur "ihre Pflicht getan"! Pflichterfüllung gegenüber dem Staat oder der Kirche oder einer anderen Institution bedeutet keineswegs moralisch richtiges Handeln; das Bewußtsein der Pflichterfüllung kann auch die Eigenverantwortung beseitigen. Daher ist der zivile Ungehorsam oft die einzig richtige Alternative. Kant verherrlichte die Pflicht, meinte aber auch, daß sie nichts androht, "was natürliche Abneigung im Gemüte erregte und schreckte".(55) Wenn die unzähligen Mitläufer im Dritten Reich beispielsweise ihre Verbrechen mit "Pflichterfüllung" zu rechtfertigen suchten, dann muß demgemäß ihr Gemüt zur Perversion entartet gewesen sein. Verwandte, Freunde und Nachbarn zu denunzieren ist aus evolutionstheoretischer und soziobiologischer Sicht vollkommen falsch (und konsequenterweise eine moralische Schweinerei, die in Primärgruppen nicht geduldet wird). Freiheit, Verantwortung und Mündigkeit bedeuten das Gegenteil von Anpassung an jeweils herrschende politische Strukturen. Ein Beispiel für den vollkommenen Verlust von Freiheit, Mündigkeit und Verantwortung ist der (nicht nur!) in totalitären Regimen anzutreffende vorauseilende Gehorsam. So haben im Dritten Reich manche noch mehr getan als selbst in diesem kriminellen Regime verlangt wurde. Dazu nur ein Beispiel.

Im Jahr 1942 wurde ein achtzehnjähriger Wiener zum Tode verurteilt, "weil er ein paar einseitig mit Fell benähte pappähnliche Einlagesohlen, die sich unter den für die Front gesammelten Wintersachen befunden hatten, im Zuge eines Arbeitseinsatzes des Winterhilfswerkes eingesteckt und mitgenommen hatte."(56) Das Urteil wurde auch vollstreckt. Das war sogar unter den Rahmenbedingungen des Dritten Reiches unnötig. "Der Richter hatte nur von den ihm zustehenden Interpretationsmöglichkeiten Gebrauch gemacht."(57)

Wir sollten alles mögliche tun, um die Handlungsfähigkeit solcher "Staatsdiener" von vornherein drastisch einzuschränken; wir dürfen ein (Staats-)System, das solche Ungeheuerlichkeiten ermöglicht, nicht zulassen; wir müssen das "liberale Rasiermesser" rechtzeitig aus der Tasche ziehen. Der wachsende Einfluß der Staatsbürokratie auf den Einzelmenschen, dem dieser meist hilf- und ratlos gegenübersteht, macht deutlich, daß jenes Instrument unentbehrlich geworden ist; leider ist es häufig unauffindbar, und viele Menschen suchen nicht mehr danach, weil sie bereits vom Staat entmündigt worden sind.

8. Schlußbetrachtung

In evolutionsgeschichtlicher Perspektive ist der Staat als Form der Vergesellschaftung des Menschen ein sehr junges Gebilde. Unsere prähistorischen Vorfahren lebten, wie gesagt, in kleinen Gruppen, die mit anderen Primatengruppen, z. B. den Sozietäten der Schimpansen vergleichbar sind. Unsere Jahrmillionen währende "Vorgeschichte" konnten wir in der relativ sehr kurzen Zeit, die seit Beginn unserer Seßhaftigkeit verstrichen ist, nicht abstreifen. Stammesgeschichtlich etablierte Verhaltensmuster halten sich lange. Als Homo sapiens den Staat erfand, änderte er daher die Grundformen seines Sozialverhaltens keineswegs. Vielmehr schleppte er die Verhaltensweisen der Kleingruppe mit und setzte seine "Schimpansenpolitik" fort.(58) Rational mögen wir sehr klare Vorstellungen davon haben, was ein Staat ist und sein soll, die archaischen Antriebe unseres Verhaltens schlagen aber immer wieder (naturgemäß auch bei unseren Regierenden!) voll durch. Sollen wir uns also überhaupt noch irgendwelche Illusionen machen?

Vor allem in der Neuzeit – in der evolutionsgeschichtlich unbedeutend kurzen Zeitspanne von ein paar Jahrhunderten – hat sich der Mensch "mehr und mehr auf das Experiment mit dem Staat eingelassen".(59) Wie die vielen Kriege, Revolutionen, Rebellionen und Terroranschläge, die unzähligen im Namen des Staates gefolterten, vergasten, erschossenen, erstochenen und enthaupteten Menschen vermuten lassen, handelt es sich dabei um ein äußerst gefährliches Experiment, dessen Ausgang wir immer noch nicht kennen. Während von vielen die Idee eines vereinten Europa, um bei einem aktuellen Beispiel zu bleiben, glühend vertreten und verteidigt wird, sind gerade in Europa nationalistische Bewegungen und separatistische Bestrebungen auf der Tagesordnung. (Heute gibt es in Europa etwa ein Dutzend mehr Staaten als Ende der achtziger Jahre.) Offensichtlich suchen Menschen nach Identität, und offensichtlich vermögen viele Staaten ihren Bürgern keine Identität zu liefern.

Nun meine ich, daß der aufgeklärte, eigenverantwortliche Mensch seine Identität nicht in einem Staat zu suchen braucht, sondern sozusagen in sich selbst finden wird, daß jeder einzelne kraft seiner Selbsterkenntnis und Selbstbestimmung – kritisches Denkvermögen vorausgesetzt – zu einem zufriedenen Leben finden kann, in dem der Staat nur minimale Funktionen zu erfüllen hat.(60) Das Individuum hat sich seiner Rolle in einer verwalteten Gesellschaft bewußt zu werden.(61) Voraussetzung für dieses "Bewußtwerden" wäre jedoch die Verabschiedung der Utopie, daß der Staat, dies bedeutet also die Staatsträger für das Wohlergehen jedes einzelnen sorgen würden und könnten. Letztlich wäre dann zwar jeder einzelne von uns mit größerer Eigenverantwortung bebürdet, hätte aber auch das befriedigende Gefühl, nicht verwaltet zu werden.

Alle Staaten haben, wie Montesquieu sagte, dasselbe Ziel: sich selbst zu erhalten.(62) Alle Menschen, die den Staat vertreten (oder vorgeben, ihn zu vertreten), haben auch dieses Ziel: sich selbst zu erhalten. Das ist (aus evolutionstheoretischer, soziobiologischer Perspektive) verständlich (und moralisch nicht verwerflich). Aber warum sollen wir auf Kosten unserer eigenen Entfaltungsmöglichkeiten und unserer Freiheit dieses Ziel unterstützen? Haben nicht wir alle das Recht, unser eigenes Leben zu leben, so zu leben, wie es uns gefällt? Hüten wir uns also vor all jenen Leuten, die angeblich unser aller Glück wollen – sie haben naturgemäß nur ihr eigenes Glück im Sinn. Lassen wir sie glücklich werden, aber nicht auf unsere Kosten!

Anmerkungen

(1) I. Kant, Werke, Band 10, Darmstadt1968 (S. 522 f.).

(2) I. Kant, "Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?" (1783) in: Werke, Band 9, Darmstadt 1968 (S. 53).

(3) K. R. Popper, Auf der Suche nach einer besseren Welt, München/Zürich 1986 (S. 169). Der Ausdruck "liberales Rasiermesser" steht analog zu "Ockhams Rasiermesser", wonach metaphysische Wesenheiten auf ein bestimmtes Maß zusammengestutzt werden sollen.

(4) Vgl. F. M, Wuketits, Verdammt zur Unmoral? Zur Naturgeschichte von Gut und Böse, München/Zürich 1993.

(5) Details siehe in: E. Voland, Grundriß der Soziobiologie, Stuttgart/Jena 1993; E. O. Wilson, Sociobiology: The New Synthesis, Cambridge, Mass. 1975; F. M. Wuketits, Soziobiologie: Die Macht der Gene und die Evolution sozialen Verhaltens, Heidelberg/Berlin/Oxford 1997.

(6) Vgl. Ch. Vogel, "Der wahre Egoist kooperiert" in: H. D. Ebbinghaus und G. Vollmer (Hrsg.), Denken unterwegs, Stuttgart 1992 (S. 169-182); F. M. Wuketits, "Von der Hilfsbereitschaft des Egoisten" in: Aufklärung und Kritik 1 (2), 1996 (S. 30-38).

(7) Bellum Omnium contra omnes. T. Hobbes, Leviathan (1651), Stuttgart 1980.

(8) Vgl. z.B. L.A. Dugatkin, "The Evolution of Cooperation", in: BioScience 47, 1997 (S. 355-362).

(9) Vgl. z. B. F. M. Wuketits, "‘Wie du mir, so ich dir‘: Zur Evolution von Egoismus und Hilfsbereitschaft", in:Universitas 52, l997 (S.1092-l102)

(10) Vgl. R. Axelrod, Die Evolution der Kooperation, München 1987.

(11) Zur Übersicht siehe z.B. F. M.Wuketits, Anm.5

(12) Siehe hierzu z. B. F. R. Vivelo, Handbuch der Kulturanthropologie, München/Stuttgart 1988.

(13) F. M. Wuketits, Anm. 4 (S. l12).

(14) Vgl. P. Meyer, "Universale Muster sozialen Verhaltens: Wie entstehen aus genetischer Variabilität strukturell ähnliche Lösungen", in: Homo 38, 1987 S. 133-144.

(15) Vgl. D. T. Campbell, "Legal and Primary-Group Social Controls", in: J. Soc. Biol. Struct. 5, 1982 (S. 431-438).

(16) F. M. Wuketits, Anm. 4 (S. l12).

(17) Vgl. E. Topitsch, Erkenntnis und Illusion, Hamburg 1979.

(18) Vgl. F. M. Wuketits, Jenseits von Zufall und Notwendigkeit – Biologische und kulturelle Evolution des Menschen, Basel 1988.

(19) T. Hobbes, Anm. 7 (S. 155 f.).

(20) F. M. Wuketits, Anm. 4 (S. 16).

(21) Vgl. G. Streminger, "Nochmals: Markt und Staat bei ADAM SMITH", in: Aufklärung und Kritik 4 (2), 1997 (S. 3-16).

(22) Vgl. K. R. Popper, Anm. 3.

(23) J. Ortega y Gasset, Signale unserer Zeit, Stuttgart/Salzburg 1958.

(24) Vgl. z. B. H. Mohr, "Alternative Verhaltensstrategien und kultureller Kontext", in: edition ethik kontrovers 5, 1997 (S. 18-21).

(25) Zu den ältesten Zeugnissen zählt der Gesetzeskodex von Hammurabi, der fast viertausend Jahre alt ist.

(26) K. R. Popper, Alles Leben ist Problemlösen – Über Erkenntnis, Geschichte und Politik, Darmstadt 1994 (S. 230).

(27) Zit. in G. Streminger, Adam Smith, Reinbek1989 (S. 103).

(28) Vgl. H. Spencer, An Autobiography, Band 2, London 1904.

(29) Vgl. H. Dyer, The Evolution of Industry, New York/London 1895.

(30) Zur Übersicht und Kritik siehe K. R. Popper, The Open Society and Its Enemies, Band I, London 1945. (Platons Vision war die eines totalitären Staates und einer "geschlossenen", undemokratischen Gesellschaft.)

(31) E. Topitsch, Anm. 17 (S. 74 f.).

(32) Vgl. Maria Wuketits, "Das Phänomen Nomenklatura", in: Sommerakademie Kapfenberg 1996, Kapfenberg 1997 (S. 63-78).

(33) Vgl. B. Grinde, "Darwinian Happiness: Biological Advice on the Quality of Life", in: J. Social Evol. Syst. 19, 1996 (S. 249-260).

(34) Vgl. F. M. Wuketits, Anm. 5.

(35) Vgl. K. R. Popper, Anm. 3.

(36) Vgl. F. M. Wuketits, Anm. 4.

(37) Vgl. z. B. M. Gruter, Rechtsverhalten – Biologische Grundlagen mit Beispielen aus dem Familien- und Umweltrecht, Köln 1993; H. Helsper, Die Vorschriften der Evolution für das Recht, Köln 1989.

(38) H. Rodingen, Schlüssel zum Recht, Düsseldorf/Wien 1986 (S. 52 f.).

(39) A. a. O. (S. 53).

(40) Vgl. z. B. W. Leinfellner, "Macht und Machtmißbrauch in demokratischen Wohlfahrtsstaaten", in: Sommerakademie Kapfenberg 1996, Kapfenberg 1997 (S. 107-134).

(41) Zur Kritik dazu siehe K. R. Popper, The Poverty of Historicism, London 1961.

(42) Vgl. F. M. Wuketits, Naturkatastrophe Mensch – Evolution ohne Fortschritt, Düsseldorf 1998.

(43) Vgl. H. Albert, "Die Idee der kritischen Vernunft", in: Aufklärung und Kritik 1 (2), 1994 (S. 16-29). Albert weist in diesem Zusammenhang mit Recht darauf hin, daß sich für die Tradition der Aufklärung im deutschen Sprachraum nur wenige Fürsprecher finden.

(44) Vgl. P. Feyerabend, Erkenntnis für freie Menschen, Frankfurt a. M. 1980.

(45) Siehe dazu den überaus kritischen Beitrag von R. Baader, "Eu-phorie und Euro-Manie", in: Aufklärung und Kritik 4 (2), 1997 (S. 47-65).

(46) Vgl. z. B. V. Reynolds, V. S. E. Falger, I. Vine (Hrsg.), The Sociobiology of Ethnocentrism, Athens 1987.

(47) Dabei bleibt zu berücksichtigen, daß manchmal das Gesetz erst Verbrechen erzeugt. Ein historisches Beispiel dafür ist die Prohibition in den USA zwischen 1919 und 1933, die die Herstellung und den Vertrieb von Alkohol in den Untergrund drängte und so beachtliche kriminelle Energien entfesselte.

(48) E. Voland, "Von der Ordnung ohne Recht zum Recht durch Ordnung", in: E.-J. Lampe (Hrsg.), Zur Entwicklung von Rechtsbewußtsein, Frankfurt a. M. 1997 (S. 111-133), Zitat S. 127.

(49) Wie bemerkte schon der große Aufklärer Voltaire: "Was man haßt, ist die Gewalt in der vierten oder fünften Hand. Es ist das Vorzimmer einer Behörde, das schlechte Stimmung erzeugt." Zit. in: A. v. Gleichen-Rußwurm, Aus Voltaires Gedankenwelt, Berlin 1905 (S. 77).

(50) F.-M. Voltaire, Philosophisches Wörterbuch (1764), Frankfurt a. Main 1985 (S. 238).

(51) Vgl. K. R. Popper, Anm. 26.

(52) "Der Mensch, der seine Sorgen aufgrund genuiner Interessen etwa am Konzil von Trient oder an der Lebensgeschichte von Sternen vergessen kann, wird bei seiner Rückkehr von der Exkursion in diese unpersönliche Welt ein Gleichgewicht und eine Ruhe gefunden haben, die ihn befähigen werden, seine Sorgen auf beste Weise zu bewältigen, und er wird eine, wenngleich vorübergehende, Freude gewonnen haben." B. Russell, The Conquest of Happiness, London 1961 (S. 121).

(53) Vgl. H. Dubiel, "Die Krise der liberalen Gesellschaft", in: Universitas 50, 1995 (S. 727-733).

(54) Vgl. E. R. Sandvoss, Bertrand Russell, Reinbek 1980.

(55) I. Kant, Kritik der praktischen Vernunft (1788) in: Werke, Band 6, Darmstadt 1968 (S. 209).

(56) U. Jesionek, "Ethik und Politik: Reflexionen über Ethik und Gerechtigkeit-Recht-Justiz", in: Sommerakademie 1995, Kapfenberg 1996 (S. 191-232), Zitat S. 194.

(57) A. a. O. (S. 194). Jesionek (Präsident des Jugendgerichtshofs in Wien) bemerkt dazu zusätzlich folgendes: "Hier hat ein Richter, ohne daß er es mußte und ohne daß er bei einer anderen Entscheidung große berufliche oder private Probleme gehabt hatte, eine unmenschliche Entscheidung getroffen, ohne offenbar dadurch Gewissensprobleme bekommen zu haben."

(58) Dies ist eine Anspielung auf das gleichnamige Buch des holländischen Verhaltensforschers Frans de Waal, Chimpanzee Politics, London 1982. Die deutsche Übersetzung des Buches (Unsere haarigen Vettern, München 1983) ist allerdings hinsichtlich ihres Titels weniger ausdrucksstark.

(59) A. Baruzzi. Einführung in die politische Philosophie der Neuzeit, Darmstadt 1983 (S. 168).

(60) Vgl. F. M. Wuketits, Anm. 18.

(61) Vgl. G. Sorman, Der neue Liberalismus – Die Macht des Individuums in der verwalteten Gesellschaft, Düsseldorf/Wien 1986.

(62) Ch. de Montesquieu, Ausgewählte Schriften, Berlin o. J.