Hans-Joachim Niemann, Lexikon des Kritischen Rationalismus, Mohr Siebeck, Tübingen 2004, ISBN 3-16-148395-2, XII u. 432 S., Leinen 59 €

Verφffentlicht in Aufklδrung & Kritik 2/2004, S. 256 ff.

Lexika gibt es viele, speziell in der Philosophie jede Menge "Philosophischer Wörterbücher", doch ein alphabetisches Nachschlagwerk zu einer bestimmten Philosophie scheint zunächst ungewöhnlich, da man in eine solche normaler Weise eher "systematisch" eingeführt zu werden wünscht, um die Begriffe und Strukturen des "Systems" erst einmal kennenzulernen. Kann es überhaupt gelingen, über alphabetisch aneinandergereihte Begriffe den Gedankenzusammenhang einer Philosophie darzustellen?

Zu behaupten, alphabetische Lexika seien gut geeignet, eine bestimmte Philosophie in ihrem Zusammenhang zu beschreiben, wird so allgemein wohl niemand wagen wollen. Die mit der induktiven Methode arbeitende althergebrachte Philosophie hätte zudem ihre Mühe damit, eine solch allgemeine Behauptung zu verifizieren; müßte sie doch alle möglichen Beispiele dafür heranziehen, um daraus Schlüsse zu ziehen. Und viele gibt es tatsächlich nicht: Einige wenige gelungene Beispiele, wie die von Voltaire und Diderot, beweisen noch nicht, daß dieses Konzept immer funktionieren muß.

Ein besseres und eindeutiges Ergebnis liefert die Poppersche Methode: Statt zu verifizieren, daß alphabetische Lexika grundsätzlich das beste Konzept liefern, eine bestimmte Philosophie in ihrem Zusammenhang zu beschreiben, können wir uns daran erfreuen, daß ab und zu die entgegengesetzte Behauptung falsifiziert wird, kein alphabetisches Lexikon sei dazu in der Lage. Das neuerliche Beispiel, das dieses Vorurteil gründlich widerlegt, ist das vorliegende "Lexikon des Kritischen Rationalismus" von Hans-Joachim Niemann.

Das Gelingen seines Vorhabens stellt der Autor durch verschiedene Maßnahmen sicher:

– All jene Begriffe, die innerhalb des Kritischen Rationalismus besondere Bedeutung haben, sind durch einen Stern gekennzeichnet, so daß der Leser beim Durchgehen der Begriffe sich zunächst auf die wesentlichen konzentrieren kann.

– Vielfache Querverweise führen von jedem bedeutsamen Begriff zu den jeweils verwandten Themen, verwandte und weiterführende Begriffe werden angeboten.

– In den Benutzerhinweisen (S. IX-X) werden für die Hauptfelder des Kritischen Rationalismus die jeweils einschlägigen Einzelbegriffe in einer sinnvollen Reihenfolge aufgeführt, mit deren Hilfe sich der Leser von einer grundsätzlichen Einführung bis hin zu den einzelnen Sachgebieten orientieren kann. So schlägt der Autor "Zur Charakterisierung des Kritischen Rationalismus" z.B. folgende Stichwortreihenfolge vor: "Kritischer Rationalismus, Fallibilismus, Realismus ..., Kernsatz, Vernunft, Problemlösungsmethode, Objektivismus, Komparativismus, Übertragungsprogramm, Karl Raimund Popper, Hans Albert, Wiener Kreis, Popperrezeption." Weitere Einzelgebiete wie vor allem "Zur Objektiven Erkenntnis", "Zur Wissenschaftstheorie", "Zur Sozialphilosophie", "Zu Ethik, Moral und Lebensweise" u.a. lassen sich ebenfalls über entsprechend angegebene Stichwortreihen erarbeiten.

Auf diese Weise sind die Vorteile eines alphabetischen Nachschlagwerkes, das einen schnellen Zugriff auf Einzelbegriffe erlaubt, mit einer gleichzeitigen systematischen Orientierung als "Leselexikon" vereinigt.

Der Autor Dr. Hans-Joachim Niemann, zusammen mit Georg Batz einer der "Gründerväter" der Gesellschaft für kritische Philosophie Nürnberg (GKP), bezieht sich für die Darstellung des Kritischen Rationalismus vor allem auf dessen zwei führende Denker: Karl R. Popper und Hans Albert*. Ersterer hat noch kurz vor seinem Tode die Gründung der GKP und der Zeitschrift "Aufklärung & Kritik" (A&K) mit Genugtuung und Glückwünschen begleitet; Hans Albert selbst war es, der zunächst den Anstoß zur Gründung von GKP und A&K gab, und der als seitheriger Mitherausgeber von A&K in der Nachfolge von Ernst Topitsch auch den Ehrenvorsitz der GKP übernommen hat. Natürlich sind zwei ausführliche Artikel, die bereits an kurze Essays heranreichen, diesen beiden Hauptdenkern des Kritischen Rationalismus in Deutschland gewidmet, wie überhaupt die klare Diktion und gute Lesbarkeit hervorzuheben sind – beides Ansprüche Poppers an die philosophische Schreibweise ("Klarheit ist ein intellektueller Wert an sich"), die der Autor durchweg beherzigt.

Eine Rezension kann nicht das gesamte Gedankengut des Kritischen Rationalismus nachzeichnen, wie es sich dieses Lexikon zur Aufgabe gemacht hat – so sei wenigstens dessen "Kernsatz" hier zitiert: "Eine Einstellung, die zugibt, dass ich mich irren kann, dass Du Recht haben kannst und dass wir zusammen vielleicht der Wahrheit auf die Spur kommen werden." Und die weiter "in der Entscheidung für die Vernunft eine Entscheidung für die Entschlossenheit [sieht], da wo man kann, Probleme zu lösen ... und dabei die politische Gleichheit aller Betroffenen zu berücksichtigen ..." Ausdrücklich versteht sich dabei diese Philosophie als "Stückwerkstechnologie" bzw. "rationaler Revisionismus" – schrittweise Reform statt Revolution.

Wie sich diesen Kernauffassungen leicht entnehmen läßt, eignen sich diese Grundsätze nicht nur für die Philosophie selbst oder für die Wissenschaftstheorie, vielmehr lassen sich diese ohne weiteres als Lebenseinstellung durch eine Entscheidung für die Vernunft auf das alltägliche Leben und dessen Bewältigung übertragen. Und so finden sich in diesem Lexikon denn auch viele direkt anwendbare Maximen für jedermann – einige von vielen möchte ich hier "unsortiert" anführen:

– "Streit um Worte soll man immer vermeiden. ... Es hilft ... viel weiter, wenn man herausfindet, wo das Problem steckt und ob es wichtig ist." (S. 20) "... es ist reiner Obskurantismus, wenn man eine Theorie nur auf Grund ihrer Terminologie kritisiert." (S. 375)

– "Die moralische Unterscheidung zwischen Nahestehenden mit höherem moralischen Wert und Fernstehenden ist irrational. ... Sie wird durch Gefühle nahe gelegt. Nur die Vernunft kann uns überzeugen, dass alle Menschen gleichwertig sind." (S. 104)

– Freiheit als Lebensform: "Wage es frei zu sein, und achte und beschütze die Freiheit aller anderen." (S. 109)

– "Wer die absolute Sicherheit sucht, kann sie nur im Subjektiven finden. Und dort ist sie selbstfabriziert." (S. 124)

– "Nur der kann verstehen, der verstehen will; denn »es [ist] unmöglich ..., sich so auszudrücken, dass man nicht missverstanden werden kann.«" (S. 226)

– "Wir sind alle Philosophen, aber meist schlechte." (S. 257)

– "Die wichtigste aller moralischen Entscheidungen ist die Entscheidung zur Vernunft ..., d.h., die Entscheidung gegen den Irrationalismus, der an Stelle von Argumenten den Appell an Gefühle und Gewalt bevorzugt. Nicht das moralische Gefühl, sondern die Vernunft ist es, die uns daran hindert, die Welt in Freunde und Feinde, Bekannte und Fremde, eigene und fremde Kinder zu unterteilen." (S. 273)

– "Die faire Rekonstruktion der Gedanken, die man kritisieren will, ist eine Vorarbeit, auf die man niemals verzichten darf." (S. 317)

– "Selbstinteresse (Egoismus). Die Theorie, hinter allen Handlungen stehe irgendwie das Selbstinteresse, ist keine wissenschaftliche Theorie, denn mit wenig Phantasie kann man jede nichtegoistische, jede altruistische Handlung als im Selbstinteresse begangen interpretieren; z.B. wenn man sie auf das Interesse an der inneren Befriedigung zurückführt, die gute Taten zu begleiten pflegt. Und was nicht falsifizierbar ist, kann nicht wissenschaftlich genannt werden."

– "Mit wachsendem Wissen wächst die Einsicht in unser noch größeres Unwissen; denn mit jeder Problemlösung stoßen wir auf viele neue Probleme ... Nur wer nicht viel weiß, kann denken, er wisse viel." (S. 386)

– "Es ist unsere Pflicht optimistisch zu sein; denn Pessimismus bedeutet, dass man es aufgegeben hat, die Übel zu beseitigen oder zu verringern." (S. 251)

Diese Blütenlese ließe sich leicht vervielfachen – vielleicht ja ein Anstoß mehr, dies Buch selbst zur Hand zu nehmen.

Zum Schluß seien noch einige Anmerkungen gestattet; zwar werden manche als nicht stichhaltig erwiesenen Auffassungen Poppers durchaus herausgestellt, andererseits wird dessen fragwürdige Platon-, Hegel- ("Scharlatan"), Fichte- ("Windbeutel") Schelte unwidersprochen transportiert; und ausgerechnet Jaspers wird in einer Kurznotiz beschrieben als Beiträger zu einer "geistigen Atmosphäre, die den Nationalsozialismus möglich machte." (S. 172 – oder ganz ähnlich der Absatz zu C.G. Jung.) Es stellt sich die Frage, inwieweit Popper – und so gesehen auch der Autor des Lexikons – hier der selbstgestellten Maxime einer "fairen Rekonstruktion" (s.o.) gerecht werden, wenn als Argument etwa die Aussage Poppers dienen soll: "Auch in der Gesellschaft von Heidegger und Jaspers kann er sich nicht wohlfühlen." (S. 259)

Die Fragwürdigkeit einer solchen "Kritik" besteht genau darin, was Popper eigentlich selbst verlangt: Eine Philosophie in ihrem Entstehungszeitpunkt und den dabei gegebenen Bedingungen aus ihr selbst heraus verstehen zu sollen. Die Bemerkung, daß zur selben Zeit (Platon/Demokrit/Perikles – Hegel/Schopenhauer) andere anderes gesagt haben, entspricht noch lange nicht der geforderten "fairen Rekonstruktion". Die Gedanken einzelner Individuen für den Verlauf der Weltgeschichte haftbar zu machen, entspricht schon eher der sonst von Popper abgelehnten "Verschwörungstheorie", wenn er doch ansonsten selbst auf die Bedeutung der Tradition und deren Entstehungs- und Wirkmechanismen im Gang der geistigen Entwicklung der Menschheit hinweist. Zwar setzt er ganz ähnlich wie Jaspers mit seiner "Achsenzeit" die Entwicklung der Vernunft mit Thales an (S. 354; ohne uns allerdings einen Hinweis zu geben, wie es dazu wohl kommt – nebenbei: implizit unterscheidet so auch Popper zwischen Verstand und Vernunft), aber auch er stückt – ähnlich wie Nietzsche und Heidegger – das griechische Denken in zwei Teile, wenn er die "guten Vorsokratiker" von den "schlimmen Idealisten" Platon und Aristoteles abtrennt (anstatt darauf zu sehen, wie die Gesamtentwicklung des griechischen Geistes zusammenhängt). Im Gegensatz zu Nietzsche, der den Idealismus als "Ressentiment" (= Vernunftreflexion) bereits mit Sokrates anheben läßt, möchte Popper diesen doch als Vorbild retten – vielleicht vor allem deshalb, weil das sokratische Axiom Wissen = Tugend seinem eigenen Denken nahesteht? Und auch die Hochschätzung der Renaissance gelingt Popper nur, weil er wesentliche Bedingungen derselben einfach ausblendet: Bekanntlich ist diese schon dem Namen nach eine "Wiedergeburt" des antiken Gedankengutes, und zwar vor allem desjenigen von Platon und Aristoteles, etwa in Florenz nach dem Untergang Konstantinopels; da dies aber nicht in den Gedankengang von Popper paßt, hören wir hier nur etwas von Galilei ...

Nun, wir lernen aus dem Kritischen Rationalismus vor allem auch dieses, daß aus falschen Theorien durchaus richtige Schlüsse folgen können – in diesem Falle derjenige gegen jeden auf Realisierung drängenden Idealismus und Utopismus: "Eine rationale Methode, die letzte Ziele findet, ist ... immer eine Selbsttäuschung." (S. 372) Denn weder ist eine Letztbegründung möglich ("Münchhausen-Trilemma"), noch verfügen wir bereits heute über das Wissen von morgen, das jede heute noch so richtig scheinende Theorie morgen über den Haufen werfen kann. Angesichts dieser unaufhebbaren Vorläufigkeit allen Wissens beantwortet Hans Albert die Frage nach einer utopischen Leitidee: "Vom kritizistischen Gesichtspunkt her kann es ... nicht darum gehen, das utopisch radikale Denken zu diffamieren, weil es sich kritisch gegen das Bestehende wendet ... Der wesentliche Einwand gegen diese Denkweise ist der, dass sie unkritisch ist gegenüber dem Realisierbarkeitsproblem ... Konstruktionen im sozialen Vakuum reichen da nicht aus. Es tritt vielmehr die sozialtechnische Frage auf: Wie lassen sich derartige Entwürfe unter den gegebenen Bedingungen realisieren? Wie muss in das gegenwärtige soziale Geschehen eingegriffen werden, damit man einer solchen Realisierung näher kommt? Die Beantwortung solcher Fragen erfordert ohne Zweifel Phantasie, aber mehr die produktive und konstruktive Phantasie des Erfinders als die von jeder Einschränkung freie Phantasie des Tagträumers und Illusionärs." (S. 373)

So sieht sich der Kritische Rationalismus als der "dritte Weg, der zwischen der Skylla des Dogmatismus (vermeintlicher Wahrheitsbesitz) und der Charybdis des Skeptizismus (Verlust des Glaubens an die Wahrheit) ins Freie führt: Der kritische Rationalist hat gute Argumente dafür, dass man die Wahrheit erreichen kann und wahrscheinlich oft erreicht ..., auch wenn man nie wissen kann, dass man sie erreicht hat." (S. 193)

Wer sich mit diesen auf die schrittweise (theoretische und praktische) Verbesserung der Realität zielenden Grundzügen des Kritischen Rationalismus vertraut machen möchte, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt, ebenso wie allen, die nach einer rationalen Philosophie suchen, die sich direkt und konkret vor allem im Alltag bewährt, nachvollziehbare Regeln und Begründungen an die Hand gibt, ohne sich im Abseits von Spekulationen zu verlieren.

* Beide Denker werden von ihm in seinem "Niemann-Web" im Internet vorgestellt:

– http://www.kritischer-rationalismus.de

– http://www.hansalbert.de

Helmut Walther (Nürnberg)