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Helmut F. Kaplan Müssen Behinderte vor Tierrechtlern Angst haben? Bemerkungen zur Euthanasie-Debatte Helmut F. Kaplan (Salzburg) In Deutschland ist die sogenannte Euthanasie- oder Singer-Debatte neu entflammt. Im Unterschied zur ersten Auflage dieser Diskussion im Sommer 1989 ist die Auseinandersetzung diesmal um eine weitere unappetitliche Zutat bereichert: die unzulässige Verknüpfung von Euthanasie-Debatte und Tierrechtsbewegung. Zur Erinnerung: Peter Singer hat nicht nur der Singer-Debatte ihren Namen gegeben. Er ist auch prominenter Repräsentant der Tierrechtsbewegung. Mehr noch, Singer gilt zu Recht als einer der Gründer der Tierrechtsbewegung. Allerdings wäre es falsch, Peter Singer und die Tierrechtsbewegung, wie es zuweilen geschieht, gleichzusetzen. Die Tierrechtsbewegung ist heute eine eigenständige und international präsente politische Kraft mit soliden philosophischen wie (natur)wissenschaftlichen Grundlagen. Peter Singer wird im Rahmen der Euthanasie-Debatte bekanntlich unterstellt, daß er sich für die Tötung von behinderten Kindern einsetze - mit Bedacht gewähltes Stichwort mit unzweideutigem historischem Bezug: lebensunwertes Leben. Außerdem wird Singer unterstellt, daß er Neugeborenen generell das Lebensrecht abspreche. Andererseits wird, völlig zu Recht, auf Singers Engagement für Tiere hingewiesen. Mit diesen Ingredienzen wird nun die jeder Grundlage entbehrende Behauptung zusammengemischt, daß sich die Tierrechtsbewegung für eine Verbesserung der Situation der Tiere auf Kosten von Behinderten und Kindern stark mache. Dieser Vorwurf ist derart absurd und ungeheuerlich, daß ihm auf das Entschiedenste und Vehementeste entgegengetreten werden muß. Hierzu bedarf es keiner langen theoretischen Abhandlungen. Ein Blick auf die philosophischen und historischen Grundlagen der Tierrechtsbewegung genügt, um die Haltlosigkeit dieses Vorwurfs augenscheinlich zu machen: Die Tierrechtsbewegung registriert, allen Rückschlägen und realen Unzulänglichkeiten zum Trotz, einen moralischen Fortschritt. Dieser besteht in der langsamen, aber stetigen Ausdehnung der moralischen Sphäre, das heißt in der Erweiterung jenes Bereiches, innerhalb dessen unsere moralischen Regeln und Rücksichten Geltung haben. So haben wir im Laufe der Zeit erkannt, daß andere Stämme, andere Nationen, andere Rassen und das andere Geschlecht in unsere moralische Sphäre aufgenommen werden müssen. Wir haben erkannt, daß Rassismus und Sexismus moralisch willkürliche Diskriminierungen sind, weil Rasse und Geschlecht für sich genommen moralisch unwesentliche Merkmale sind. Der nächste konsequente Schritt besteht darin zu erkennen, daß nicht nur die Rassen- und Geschlechtszugehörigkeit moralisch bedeutungslos sind, sondern auch die Artzugehörigkeit: "Die Frage ist nicht: können sie denken? oder: können sie sprechen?, sondern: können sie leiden?" bemerkte der englische Philosoph Jeremy Bentham bereits vor über 200 Jahren in bezug auf fühlende Lebewesen. Die Diskriminierung aufgrund der Art oder Spezies, der Speziesismus, ist ebenso willkürlich, falsch und unhaltbar wie die Diskriminierung aufgrund der Rassen- oder Geschlechtszugehörigkeit. Rasse, Geschlecht und Spezies sind gleichermaßen untaugliche moralische Kriterien. Der Rassist sagt: "Weil du eine schwarze Haut hast, darf ich dich als Sklaven halten." Der Sexist sagt: "Weil du eine Frau bist, darfst du nicht zur Wahl gehen." Und der Speziesist sagt: "Weil du ein Tier bist, kann ich dich lebenslang in Zoos sperren, mit dir grausame Experimente durchführen und dich umbringen und aufessen." Rassismus, Sexismus und Speziesismus befinden sich logisch und ethisch auf der gleichen Ebene. Sie sind Verstöße gegen das grundlegende moralische Gleichheitsprinzip. Dabei behauptet natürlich kein vernünftiger Mensch, daß Menschen und Tiere in einem faktischen Sinne gleich wären. Natürlich sind Menschen und Tiere verschieden - so wie auch die Menschen untereinander verschieden sind. Menschen und Tiere haben, wie die Menschen untereinander, unterschiedliche Interessen. Deshalb verlangt auch niemand ernsthaft, daß Menschen und Tiere gleich behandelt werden sollten. Unterschiedliche Interessen erfordern und rechtfertigen eine unterschiedliche Behandlung. Tiere brauchen zum Beispiel im Unterschied zu Menschen keine Religionsfreiheit, weil sie keine Religion haben - so wie Männer im Unterschied zu Frauen keinen Schwangerschaftsurlaub brauchen, weil sie nicht schwanger werden können. Was das moralische Gleichheitsprinzip fordert, ist schlicht dies: Wo und soweit Menschen und Tiere ähnliche Interessen haben, da sollen diese ähnlichen Interessen auch gleich berücksichtigt, moralisch gleich ernstgenommen werden. Zum Beispiel: Weil alle Menschen ein Interesse an angemessener Nahrung und Unterkunft haben, sollen wir dieses Interesse auch bei allen Menschen gleich berücksichtigen - und dürfen nicht willkürliche Diskriminierungen aufgrund der Rassen- oder der Geschlechtszugehörigkeit vornehmen. Und: Weil sowohl Menschen als auch Tiere leidensfähig sind, sollen wir das Interesse, nicht zu leiden, bei Menschen und Tieren gleich berücksichtigen - und dürfen nicht willkürliche Diskriminierungen aufgrund der Artzugehörigkeit vornehmen. Wir brauchen für Tiere keine neue Moral. Wir müssen lediglich aufhören, Tiere willkürlich aus der vorhandenen Moral auszuschließen. Dies wird gewiß ein schwieriger und langwieriger Prozeß werden. Aber das war bei der Befreiung der Sklaven und bei der Emanzipation der Frauen nicht anders. In den USA wurde die Sklaverei erst 1865 abgeschafft. In der Schweiz wurde das Frauenwahlrecht auf Bundesebene erst 1971 eingeführt. Die Befreiung der Tiere hat eben erst begonnen. Die Tierrechtsbewegung bildet aber nicht nur historisch, sondern in gewisser Weise auch moralisch die Speerspitze der Befreiungsbewegungen. Sie impliziert alle anderen und früheren Befreiungsbewegungen: Sich ihrer Kraft und Legitimität stiftenden geschichtlichen Identität bewußt, sind Tierrechtler automatisch auch Menschenrechtler. Wer sich gegen die Unterdrückung von Tieren engagiert, engagiert sich auch gegen die Unterdrückung von Menschen. Wer den Speziesismus verurteilt, verurteilt auch Rassismus und Sexismus. Darüber hinaus ist die Tierrechtsbewegung auch gewissermaßen die "reinste", selbstloseste Befreiungsbewegung, die es bisher gab. Während nämlich etwa die Befreiung der Sklaven und die Emanzipation der Frauen auch aus "vernünftigen" Gründen erfolgten, ist die Befreiung der Tiere nur moralisch motiviert: Für die Ausbeuter von Sklaven und Frauen war es letztlich vorteilhafter, den Unterdrückten "freiwillig" Rechte einzuräumen, als zu warten, bis sie mit Gewalt dazu gezwungen würden. Bei der Befreiung der Tiere fehlt diese "egoistische Nachhilfe". Tiere könnten niemals selbst für ihre Rechte kämpfen, sie könnten uns niemals "anklagen" oder "bestrafen". Tiere könnten wir ewig ausbeuten, ohne befürchten zu müssen, daß sie sich je an uns rächen würden. Die Befreiung der Tiere ist ein genuin moralischer Akt des Menschen. Spätestens hier sollte endgültig und hinreichend klar sein, daß und warum Behinderte und Kinder von Tierrechtlern niemals etwas zu befürchten haben: Die Tierrechtsbewegung ist gleichzeitig eine Menschenrechtsbewegung. Und zwar eine Menschenrechtsbewegung, die garantiert durch keinerlei Vernünftigkeitsüberlegungen "verunreinigt" ist. Denn, wie gesagt, die Befreiung der Tiere ist in keiner Weise "notwendig", sie ist "nur" richtig. An dieser Stelle soll auch an die banale Tatsache erinnert werden, daß sich Tier- und Menschenliebe in keiner Weise ausschließen, sondern vielmehr gegenseitig bedingen. Dafür gibt es genügend historische Belege. So hat etwa der Pionier des Tierschutzes Henry Bergh auch die "Society for the Prevention of Cruelty to Children" gegründet. Und der Begründer des Kinderschutzbundes, Fritz Lejeune, war auch ein bekannter Tierfreund. Das eindrucksvollste Beispiel dafür, daß Menschen- und Tierliebe alles andere als Gegensätze sind, ist wohl Albert Schweitzer, der zu Recht sowohl von Menschenschützern als auch von Tierschützern als Vorbild angesehen wird. Albert Schweitzer war es auch, der erkannte: "Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will" - eine Einsicht, die offensichtlich sowohl in bezug auf Menschen als auch in bezug auf Tiere zutrifft. Schweitzer ist auch unverdächtig, ein rabiater und fanatischer Tierrechtler gewesen zu sein. Deshalb abschließend ein Zitat von ihm, das all jene beherzigen mögen, für die die Tierrechtsbewegung bisher ein willkommenes Feindbild abgab. Es geht um die moralische und historische Kontinuität der Befreiungsbewegungen: "Mit rastloser Lebendigkeit arbeitet die Ehrfurcht vor dem Leben an der Gesinnung, in die sie hineingekommen ist, und wirft sie in die Unruhe einer niemals und nirgends aufhörenden Verantwortlichkeit hinein. Wie die sich durch die Wasser wühlende Schraube das Schiff, so treibt die Ehrfurcht vor dem Leben den Menschen an." Jetzt ist sie bei den Tieren angelangt. Helmut F. Kaplan ist Philosoph, Autor und Präsident der Vegetarischen Gesellschaft. Sein letztes Buch Leichenschmaus - Ethische Gründe für eine vegetarische Ernährung ist im Rowohlt Verlag erschienen. Euthanasie und Emotion Warum Peter Singers Thesen die Gemüter erhitzen Helmut F. Kaplan (Salzburg) Die Situation ist paradox: Peter Singers Argumente im Rahmen der sogenannten Euthanasie- Debatte sind ausgesprochen rational. Die Reaktionen darauf sind aber ausgesprochen emotional, oft sogar irrational. Und dies, obwohl Singer in seinem (gemeinsam mit Helga Kuhse verfaßten) Buch "Muß dieses Kind am Leben bleiben?" das methodische Minenfeld des Utilitarismus ebenso geschickt wie konsequent meidet. Der Utilitarismus ist bekanntlich die ethische Position, wonach jene Handlungsalternative die beste ist, die "unterm Strich" für alle Beteiligten das größte Maß an Glück bzw. das geringste Maß an Leiden bringt. Es ist unschwer zu erkennen, daß dieses Prinzip, auf den Umgang mit Behinderten angewandt, rasch zu unannehmbaren Konsequenzen führen kann: Die Lösung, die für alle Beteiligten, also für den Behinderten plus seinem gesellschaftlichen Umfeld, am bequemsten ist, ist nicht unbedingt auch jene, die für den Behinderten die beste ist! Aber, wie gesagt, der Utilitarismus wird von Singer ohnehin umschifft. Warum aber dann die große Aufregung, warum die ganze "Singer-Affäre"? Etwas Licht in diese Frage zu bringen, wird Ziel dieser Abhandlung sein. Zuvor aber soll mit einem Vorurteil aufgeräumt werden, das sich nun bereits seit Jahren hält, das aber jeglicher faktischer Grundlage entbehrt, nämlich: daß sich Singer leichtfertig zum Herrn über Leben und Tod aufschwinge, daß er selbstherrlich bestimme, wessen Leben nun lebenswert ist und wessen Leben nicht. Das Gegenteil ist der Fall. An keiner Stelle des erwähnten Buches wird leichtfertig oder voreilig über Leben und Leiden von Behinderten gesprochen oder gar entschieden. Vielmehr wird überall nach differenzierten und angemessenen Lösungen gerungen, nach Lösungen, die vor allem (neben den Angehörigen und sonstigen Beteiligten) den betroffenen Behinderten gerecht werden. In diesem Zusammenhang darf man auch nicht, wie es leider immer wieder geschieht, vergessen, was die Ursache der ganzen Euthanasie-Debatte ist, nämlich: vorhandene übliche, aber unhaltbare Praktiken im Umgang mit Behinderten! Vor allem das sogenannte "Liegenlassen": Schwerstbehinderte Neugeborene, bei denen keinerlei vernünftige Aussicht auf eine Besserung ihres Zustandes (geschweige denn auf Heilung) besteht und deren ganzes Leben aller Voraussicht nach ausschließlich aus unerträglichem Leiden bestehen würde, werden einfach "liegengelassen". Das heißt, sie werden ihrem Schicksal überlassen, bis sie langsam und oft sehr qualvoll zugrunde gehen. Dieses "natürliche" Sterben, das man durch Nahrungs-, Medikamenten- und Flüssigkeitsentzug bewußt und willentlich herbeiführt, dauert oft tage- und wochenlang. Hier setzt die Forderung Singers an: Wenn man sich schon einmal aus humanitären Gründen dazu entschlossen hat, ein schwerstbehindertes Kind sterben zu lassen - eben weil sein ganzes Leben aller Voraussicht nach nur aus dauerndem, unerträglichem Leiden bestehen würde -, dann sollte der Tod nicht langsam und qualvoll, sondern möglichst schnell und schmerzfrei herbeigeführt werden. Ohne Zweifel geht es hier um komplexe medizinische wie philosophische Fragen. Und auf die gibt es nun einmal keine einfachen Antworten. Genau deshalb ist die ausführliche und vor allem öffentliche Diskussion so wichtig. Denn ansonsten etablieren sich einfache, zu einfache Lösungen, die mehr oder weniger heimlich praktiziert werden - zu Lasten der Behinderten. Zurück zur Frage, warum denn die ganze Euthanasie-Debatte so verhängnisvoll verläuft. Warum erhitzen Singers Thesen die Gemüter so sehr, daß bis jetzt keine vernünftige Diskussion zwischen Singer und seinen Kritikern, korrekter: zwischen Singer und seinen Gegnern stattfand. Die Antwort auf diese Frage lautet meines Erachtens: Singers Argumente sind zwar zum allergrößten Teil bestechend rational, aber sie sind in entscheidenden Punkten psychologisch unannehmbar. Diese These soll anhand von zwei Aspekten der Singerschen Position verdeutlicht werden. Stichwort "Recht auf Leben". Voraussetzung für das Recht auf Leben ist nach Singer das Personsein. Das heißt, daß das betreffende Individuum Selbstbewußtsein hat, daß es einen Begriff von (der eigenen) Vergangenheit und Zukunft hat, daß es sich als kontinuierliches Selbst erlebt, das an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten identisch ist. Aus dieser Forderung nach dem Personsein als Voraussetzung für das Recht auf Leben folgt, daß auch gesunde Neugeborene kein Recht auf Leben haben. Denn Selbstbewußtsein entwickelt sich erst im Laufe des ersten Lebensjahres, also deutlich nach der Geburt. Auch der Umstand, daß aus gesunden Neugeborenen einmal Personen werden, verleiht ihnen nach Singer kein Recht auf Leben. Denn: Potentialitäten sind moralisch irrelevant, sie konstituieren keine Rechte. Den Grund hierfür sieht Singer in der moralischen Bedeutungslosigkeit der Unterscheidung von Handlungen und Unterlassungen. Diese Nichtunterscheidung von Handlungen und Unterlassungen hat in der Tat einiges für sich. Ob ich jemanden in den Fluß stoße oder ob ich einem Ertrinkenden nicht helfe, macht faktisch wie moralisch kaum einen Unterschied. In beiden Fällen bin ich verantwortlich für den Tod eines Menschen. Umgelegt auf das Thema Euthanasie stellt sich die Nichtunterscheidung von Handlung und Nichthandlung so dar: Wenn man es für moralisch falsch hält, ein neugeborenes (oder noch nicht geborenes) Kind aktiv zu töten, weil sich daraus einmal eine Person entwickeln wird, dann müßte man es konsequenterweise auch falsch finden, eine Handlung zu unterlassen, die die gleiche Konsequenz hat: den Geschlechtsverkehr. In beiden Fällen, bei der aktiven Tötung wie bei der Nichtzeugung, wird das Entstehen einer Person verhindert. Tötung und Nichtfortpflanzung, Handlung und Unterlassung, haben die gleiche Konsequenz - und sind daher moralisch vergleichbar. Sich fortzupflanzen halten wir aber nicht für eine moralische Pflicht, Nichtfortpflanzung für völlig legitim. Deshalb, so die Argumentation, dürfen wir auch die Tötung (einer Nichtperson) nicht verurteilen, da sie nichts anderes zur Folge hat wie unterlassener Geschlechtsverkehr, eben das Nichtentstehen einer Person. Soweit Singers Überlegungen hinsichtlich der moralischen Gleichwertigkeit von Handlung und Unterlassung. Was hier in der Tat klar wird, ist, daß es Situationen gibt, in denen wir Potentialitäten, konkret: dem Person-werden-Können, keine moralische Relevanz beimessen. Dies wird noch deutlicher, wenn wir uns folgendes vergegenwärtigen: Wir überlassen selbstverständlich jeder Frau die Entscheidung darüber, ob sie ein Kind haben möchte oder nicht. Und dies, obwohl die Entscheidung, kein Kind haben zu wollen, die gleiche Konsequenz hat wie die Tötung einer Nichtperson: das Nichtentstehen einer Person. Unsere Nicht- oder zumindest Minderbeachtung von Potentialitäten kommt auch noch in einer anderen als selbstverständlich akzeptierten Praxis zum Ausdruck. Die meisten von uns halten es für völlig legitim, wenn nicht gar für geboten, eine Schwangerschaft zu unterbrechen, wenn sich herausstellt (oder auch nur der begründete Verdacht ergibt), daß der Fetus Defekte aufweist. Auch in diesem Fall nehmen wir das Nichtentstehen einer Person bzw. die Nicht-zur- Person-Entwicklung ohne weiteres in Kauf. Hier kommt noch ein weiterer Aspekt ins Spiel. Wenn wir im Falle von vorhandenen oder auch nur befürchteten Defekten das Töten einer Nichtperson vor der Geburt für richtig halten, warum regen wir uns dann über das Töten einer Nichtperson nach der Geburt auf? Die Geburt ist schließlich, so Singer, nüchtern betrachtet, keine moralisch bedeutsame Zäsur. Sie bewirkt quasi nur einen "Ortswechsel" der betreffenden Nichtperson, nämlich von innerhalb des Mutterleibs nach außerhalb des Mutterleibs. Auch dieser Überlegung Singers kann man eine nicht unerhebliche Plausibilität nicht absprechen. Dies umso mehr im Falle von Frühgeburten: Während wir der Abtreibung von mit Defekten behafteten Feten ohne weiteres zustimmen, gilt das Töten eines gleichaltrigen (früh)geborenen Kindes als Verbrechen! Angesichts solcher offensichtlicher Widersprüche plädiert Singer für ein moralisch und faktisch relevanteres und plausibleres Kriterium für das Recht auf Leben als es die Geburt darstellt - eben für das Personsein. Und dies läuft - konsequenterweise - darauf hinaus, daß Neugeborene noch kein Recht auf Leben haben, weil sie die Kriterien des Personseins nicht erfüllen: "Ein Neugeborenes verfügt nicht über ein kontinuierliches Selbst. Es kann sich zu einer Person entwickeln, doch läßt sich daraus nicht ein Überlebensinteresse mit dem Ziel, eine Person zu werden, ableiten, da dem Neugeborenen die psychologische Kontinuität mit der Person fehlt, die es möglicherweise einmal wird." (S. 188 f.) "Ein Neugeborenes ... besitzt nicht schon darum ein Lebensrecht, weil es ein Mensch ist und den Mutterleib verlassen hat. Sein Leben als Person hat noch nicht begonnen." (S. 214) Das mag nun philosophisch so logisch und konsequent wie auch immer sein oder scheinen - aber psychologisch, als Menschen sträuben sich einem die Haare! Vor allem dann, wenn man das Ganze nicht abstrakt und quasi "von unten", von der Vergangenheit her, sondern konkret und "von oben", aus der Retrospektive betrachtet: Wenn vor meinem Personsein jemand so gedacht und gehandelt hätte, dann gäbe es mich heute nicht! Und was heißt schon: daß "dem Neugeborenen die psychologische Kontinuität mit der Person fehlt, die es möglicherweise einmal wird"? Auch hier stehen einem die Haare zu Berge: Psychologische Kontinuität hin, psychologische Kontinuität her - es geht um ein und dasselbe Lebewesen, das entweder weiterleben und eine Person werden wird oder aber umgebracht wird. Punkt. Natürlich hat der Hinweis auf die gleichen Folgen von Tötung und Nichtzeugung etwas für sich. Aber wenn hier schon von psychologischer Kontinuität die Rede ist, dann müßte man konsequenterweise auch noch von physischer und, sagen wir, kausaler Kontinuität sprechen - und entsprechend differenzieren: Zwischen dem Entschluß, den Zeugungsakt zu vollziehen, und der daraus resultierenden Person besteht ein kausaler Zusammenhang. Zwischen dem Fetus und der daraus resultierenden Person besteht, wenn schon kein psychologischer, so doch zumindest und unzweifelhaft ein physischer Zusammenhang. Und es ist doch wohl auch ein Unterschied, ob ein vorhandener Fetus, das "physische Substrat" der späteren Person, ausgelöscht und damit die Weiterentwicklung zur Person abgebrochen wird oder ob er erst gar nie entsteht! Dieser Unterschied ist faktisch und real und alles andere als eine irrationale Einbildung. Wer ihn leugnet, darf sich über empörte Proteste nicht wundern. Zugegebenermaßen bezieht die Empörung ihre Brisanz und Energie zu einem Gutteil auch aus der mangelnden psychologischen Sensibilität, mit der hier über buchstäblich existenzielle Dinge gesprochen wird. Insbesondere wird die Brisanz der angesprochenen - und wohl legitimen - rückblickenden persönlichen Perspektive völlig unterschätzt: Was wäre mit mir geschehen, wenn ...! Und damit sind wir - nach dem Personsein als Voraussetzung für das Recht auf Leben - bei der zweiten prekären Position bzw. Aussage Singers: Menschen mit bestimmten Behinderungen dürften oder sollten vor dem Erreichen ihres Personseins getötet werden. Menschen mit denselben Behinderungen, die bereits Personen sind, brauchen aber in keiner Weise zu befürchten, daß ihnen nach dem Leben getrachtet werde: "Es (ist) etwas ganz anderes, ob über Leben und Tod eines schwerstgeschädigten Neugeborenen entschieden wird oder über Leben und Tod eines Menschen, der in der Lage ist oder war, die Bedeutung zumindest einiger Aspekte einer solchen Entscheidung zu verstehen. (... ) Ein Leben für nicht lebenswert zu befinden, bevor es recht eigentlich begonnen hat, ist eine Sache; eine ganz andere Sache ist es, die Notwendigkeit zu leugnen, die Qualität eines Lebens, das bereits gelebt wird, nach Kräften zu verbessern." (S. 26) "Kindestötung vor dem Einsetzen von Selbstbewußtheit zu erlauben, kann schlechterdings für niemanden bedrohlich sein, der in der Lage ist, sich darüber Sorgen zu machen. Jeder, der versteht, was es heißt, zu leben oder zu sterben, muß bereits eine Person sein und besitzt dasselbe Recht auf Leben wie jeder von uns." (S. 186) Hier haben wir, quasi in Reinkultur, jenen Aspekt der Singerschen Position, der, ungeachtet seines möglicherweise "richtigen" faktischen und rationalen Hintergrundes, die Menschen dermaßen auf die Palme bringt. Die geradezu zwingende Reaktion: "Wenn Singers ,Programm’ Wirklichkeit wäre, dann gäbe es diesen Menschen nicht!" Oder gar: "Wenn Singers ,Programm´ Wirklichkeit wäre, dann gäbe es mich nicht!" Was ist die Lösung? Was ist der Ausweg aus dem Dilemma zwischen notwendiger Rationalität und berechtigter Emotionalität? Ich weiß es nicht. Gewiß ist nur, daß es vermessen wäre, in diesem Rahmen eine Lösung oder gar eine Patentlösung anzustreben. Aber es wäre schon enorm viel gewonnen, wenn das diffuse Unbehagen, das derzeit mit der gesamten Euthanasie-Debatte assoziiert wird, auf seine konkreten und wahren (Einzel-)Ursachen zurückgeführt werden könnte! Und dies ist, wie mir scheint, zumindest zum Teil, gelungen. Erst durch dieses "Festmachen" des Unbehagens wird der Weg frei zur dringend notwendigen ernsthaften Diskussion der anstehenden Probleme: für eine begründete Kritik dessen, was man ablehnt, und für einen fruchtbaren Umgang mit dem, was man für richtig hält. In dieser Auseinandersetzung - in der es um Leben, Leiden und Tod geht! - sind alle Beteiligten gefordert. Und zwar als Menschen, als ganze Menschen: Niemand darf sich mit einer bequemen einseitig rationalen oder einseitig emotionalen Position zufriedengeben. Menschenrechte für Affen? Eine "Deklaration über die Großen Menschenaffen" sorgt für Aufregung Helmut F. Kaplan (Salzburg) Der Verdacht ist nicht neu: An unserem Umgang mit Tieren ist etwas grundsätzlich faul. Schon Arthur Schopenhauer entrüstete sich: "Die vermeintliche Rechtlosigkeit der Tiere, der Wahn, daß unser Handeln gegen sie ohne moralische Bedeutung sei, ist geradezu eine empörende Roheit und Barbarei des Okzidents." Christian Morgenstern vermutete: "Weh dem Menschen, wenn nur ein einziges Tier im Weltgericht sitzt." Und Albert Einstein sah die Aufgabe der Menschen darin, "uns selbst zu befreien, indem wir die Sphäre des Mitleids auf alle Lebewesen ausdehnen". Paula Cavalieri und Peter Singer fordern nun im gleichnamigen von ihnen herausgegebenen Sammelband nicht mehr und nicht weniger als "Menschenrechte für die Großen Menschenaffen". Nachdem englischsprachige Ausgaben dieses Buches bereits weltweites Aufsehen erregten, sorgt nun die soeben erschienene deutsche Übersetzung auch bei uns für Aufregung. So irreal und irrational die Forderung nach Menschenrechten für Menschenaffen zunächst auch klingen mag - dieses sogenannte "Great Ape Projekt" ist wohlüberlegt und wohlbegründet. Zahlreiche renommierte Wissenschaftler aus aller Welt setzen sich unter anderem aus philosophischer, psychologischer, biologischer und juristischer Sicht mit unserem Umgang mit Menschenaffen (Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans) auseinander und kommen zum Schluß, daß wir diesen Tieren konsequenterweise folgende Rechte zugestehen müßten: das Recht auf Leben, das Recht auf Schutz der individuellen Freiheit und das Recht auf Schutz vor Folter. Diese Forderungen werden in einer "Deklaration über die Großen Menschenaffen" (damit sind Menschen und Menschenaffen gemeint) am Anfang des Buches aufgestellt. Der Band stellt ein politisches Manifest dar, dessen Ziel ebenso eindeutig wie ehrgeizig ist: Die für die Menschenaffen reklamierten Rechte sollen keineswegs nur im unverbindlichen Rahmen philosophischer und wissenschaftlicher Diskussion erhoben, sondern vielmehr praktisch durchgesetzt und in der Charta der Vereinten Nationen verankert werden. Zur Wahrung der Rechte der befreiten Menschenaffen sollen - je nachdem, ob sie unter natürlichen oder unter zivilisatorischen Bedingungen leben - Einrichtungen geschaffen werden, die sich an bereits bestehenden Institutionen orientieren könnten. Dabei denken die Herausgeber etwa an UN-Treuhandgebiete oder Organisationen mit "Obhut"-Charakter wie zum Beispiel Amnesty International. Gleich mehrere Autoren betonen, daß die übliche wissenschaftliche Systematik weniger die Fakten der Biologie widerspiegelt als vielmehr die Irrationalität und Hybris des Menschen. Richard Dawkins, Zoologe an der Universität Oxford, weist auf die Künstlichkeit der konventionellen Kategorie Menschenaffe hin: "Es gibt keine natürliche Kategorie, zu der Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans gehören, nicht aber der Mensch." Auch für Jared Diamond, Professor für Physiologie an der Universität von Kalifornien in Los Angeles, ist die traditionelle Unterscheidung von Menschen und Menschenaffen schlicht eine "Verzerrung der Tatsachen". Er veranschaulicht dies mit dem Hinweis, daß, sollten je außerirdische Systematiker auf die Erde kommen, um ein Verzeichnis ihrer Bewohner anzulegen, sie ganz bestimmt Menschen und Schimpansen der gleichen Gattung zuordnen würden. Noch "sensationeller" und schlagender (weil intuitiv nachvollziehbar) als die biologische Ähnlichkeit ist aber die "geistige", psychologische Ähnlichkeit zwischen Menschen und Menschenaffen. Unter anderem Roger und Deborah Fouts (Begründer des Chimpanzee and Human Communication Institute an der Central Washington University), H. Lyn White Miles (von der Universität von Tennessee in Chattanooga) und die weltberühmte Schimpansenforscherin Jane Goodall berichten von geradezu phantastisch anmutenden Fähigkeiten von Menschenaffen: Sie können die amerikanische Taubstummensprache erlernen und über ein aktives Vokabular von etwa tausend Wörtern verfügen. Mit dieser Zeichensprache können sich Menschenaffen sowohl untereinander als auch mit Menschen verständigen. Sie können gedruckte Wörter, unter anderem ihren eigenen Namen, lesen. Menschenaffen sind in der Lage, gesprochenes Englisch zu verstehen und ein passives Vokabular von mehreren Tausend Wörtern zu beherrschen. Sie können auf Englisch gestellte Fragen in der Zeichensprache antworten und äußern sich über ihre Gefühle, wobei sie Worte wie "glücklich", "traurig", "furchtsam", "freuen", "begierig", "enttäuschen", "böse" und "Liebe" verwenden. Menschenaffen verfügen über ein ausgeprägtes Erinnerungsvermögen, zeigen Humor, erfinden und spielen Spiele, lügen, täuschen. Sie können abstrakt denken, haben eine bildliche Vorstellung, sind kreativ, malen Bilder. Sie sind in der Lage, komplexe Probleme planmäßig und unter Zuhilfenahme verschiedenster Werkzeuge zu lösen. Diese Tiere zeigen fürsorgliches und altruistisches Verhalten, weinen bei Verletzungen oder wenn sie alleine gelassen werden, trauern um Verstorbene und sprechen über den Tod. Und: Sie sind (was schon die vorangehenden Ausführungen belegen und was unter anderem die Verwendung von Personalpronomen und das Selbererkennen im Spiegel vollends außer Zweifel stellen) selbstbewußte Lebewesen. Intelligenz und Sensibilität der Menschenaffen stehen in einem haarsträubenden und erschütternden Widerspruch zur Art, wie wir mit ihnen umgehen. Geza Teleki, Vorsitzender des Committee for Conservation and Care of Chimpanzees in Washington, vergleicht den modernen Schimpansenhandel mit dem historischen Sklavenhandel. Für einen Schimpansensäugling, der mehr als ein Jahr an seinem Bestimmungsort in Übersee überlebt, müssen mindesten zehn andere Schimpansen sterben: "Das Gemetzel beginnt in der Wildnis, wo Jäger die Mütter der Schimpansenbabies und andere Mitglieder der Gruppe, die sie beschützen wollen, mit Schrotflinten oder Steinschloßgewehren, die mit kleinen Steinen oder Metallsplittern geladen sind, überfallen. Viele Säuglinge sterben, wenn diese grobe Munition streut und nicht nur die Mütter, sondern auch die Kinder trifft, die sich an ihnen festklammern. Um die erwachsenen Schimpansen zu töten, die die Jungen verteidigen, werden auch Fallgruben, vergiftetes Futter, Drahtschlingen, Netze und sogar Meutehunde eingesetzt. Noch mehr Tote gibt es während des Transports zum nächsten Dorf. Oft werden die Säuglinge mit Draht an Händen und Füßen gefesselt.... Lastwagen bringen sie in die Städte, in winzigen Käfigen oder fest zugebundenen Säcken.... Nur wenige werden unterwegs versorgt, daher sind Verhungern und Verdursten Alltäglichkeiten. Während sie auf den Weitertransport nach Übersee warten, sterben wieder einige durch die Unterversorgung in den schmutzigen Verschlägen und auf Flughäfen, wo es durch Flugverspätungen zu Erfrierungen kommt. In winzige Käfige gestopft ..., müssen die Opfer oft tagelang reisen .... Einigen Säuglingen gelingt es, trotz der schlechten Chancen, alle diese Strapazen zu überleben, nur um dann am Bestimmungsort am Zusammenwirken des physischen und psychischen Traumas zu sterben." Doch diese Tiere haben im Vergleich zu den Überlebenden noch Glück gehabt. Denn am Bestimmungsort beginnt das ärgste Elend erst. Die Tiere kommen in Zoos, Zirkusse oder Tierschauen, um hier lebenslang unter erbärmlichen Umständen dahinzuvegetieren, bis sie schließlich buchstäblich verrückt werden. Oder sie werden, sobald sie nicht mehr jung und attraktiv sind, an Versuchslabors weiterverkauft. Oder sie kommen direkt, ohne Umweg über Zoo, Zirkus oder Tierschau in Versuchslabors. Hier werden sie, wie David Cantor von der Tierrechtsorganisation PETA ("People for the Ethical Treatment of Animals") berichtet, unter anderem mit Grippe, Hepatitis, Krebs und Aids infiziert. Sie leben in winzigen, verdreckten Käfigen, ohne jegliche Ablenkungs- oder Spielmöglichkeit und ohne jeden Kontakt zu anderen Tieren. In solche Isolierkäfige sind diese hochintelligenten, sensiblen und sozialen Tiere unter Umständen 50 Jahre eingesperrt! Sie verlassen ihr Gefängnis nur zur Durchführung von Versuchen - und als Tote. Daß ein solcher Umgang mit unseren nächsten Verwandten moralisch nicht in Ordnung sein kann, leuchtet jedem intuitiv ein. Doch damit wollen es die Autoren des Buches nicht bewenden lassen. Sie erheben den Anspruch, rational nachvollziehbare Argumente zu liefern. James Rachels, Professor für Philosophie an der Universität von Alabama in Birmingham, erinnert an das zuerst von Aristoteles formulierte fundamentale moralische Prinzip, daß gleiche Fälle auch gleich behandelt werden müssen. Darwin hat uns gelehrt, daß Tiere im allgemeinen und Menschenaffen im besonderen uns in vielerlei Hinsicht gleichen. "Jeder gebildete Mensch", so Rachels, "hat heute Darwins Lektion über den Ursprung des menschlichen Lebens und seine Verbindung zu nichtmenschlichem Leben gelernt. Unsere Sache ist es jetzt, die daraus folgenden moralischen Konsequenzen ebenso ernst zu nehmen." Auf einen anderen Gesichtspunkt, der uns im Hinblick auf unseren Umgang mit Tieren zu denken geben sollte, weist Colin McGinn, Professor für Philosophie an der Rutgers University in New Jersey, hin: Wir haben schlicht Glück gehabt, als Menschen und nicht als Tiere geboren worden zu sein. Unsere privilegierte Stellung beruht nicht auf Verdienst, sondern auf Zufall. Wir hätten genausogut als Menschenaffen, mit denen grausame Experimente gemacht werden, auf die Welt kommen können. Möglicherweise ereilt uns ein ähnliches Schicksal auch noch. Vielleicht werden wir eines Tages von uns intellektuell überlegenen Außerirdischen heimgesucht, die sich uns gegenüber so verhalten, wie wir uns gegenüber Tieren verhalten. Aus diesem Bewußtsein des (Bis-jetzt-)Glücklich-davongekommen-Seins sollten wir die moralische Konsequenz ziehen, diejenigen, die nicht solch unverschämtes Glück hatten, nicht allzu anders zu behandeln, als wir an ihrer Stelle behandelt werden möchten. Welch grauenhaftem Schicksal wir möglicherweise dadurch entgangen sind, daß wir zufälligerweise als Menschen geboren wurden, verdeutlicht ein Vorfall, von dem Bernard E. Rollin, Professor der Philosophie, Physiologie und Biophysik an der Colorado State University, berichtet: Ein Tierpfleger in einem Versuchslabor hatte sich intensiv mit der Aufzucht eines Schimpansenbabys beschäftigt, an dem später Experimente durchgeführt werden sollten. Es entwickelte sich eine persönliche Beziehung zwischen Pfleger und Schimpanse. Schließlich wurde das Tier in ein anderes Laboratorium gebracht. Der Pfleger vermied es bewußt, sich über das weitere Schicksal "seines" Schimpansen zu informieren. Eines Tages spazierte der Tierpfleger mit einem Kollegen durch eine Abteilung des Instituts, die er normalerweise nicht betrat. Plötzlich zeigte der Kollege auf einen Käfig, in dem ein Schimpanse durch wilde Gesten offensichtlich auf sich aufmerksam machen wollte. Der Pfleger trat zum Käfig, las an der daran befestigten Karte und stellte fest, daß es sich um jenen Schimpansen handelte, den er einst großgezogen hatte. Das Tier war für Experimente benutzt worden, die schließlich zu seinem Tod führen würden. "Als der Pfleger vor dem Käfig stand, reichte ihm der Schimpanse durch das Gitter die Hand, sah ihm in die Augen, hielt seine Hände fest und starb." Paola Cavalieri, Peter Singer (Hrsg.): Menschenrechte für die Großen Menschenaffen. München: Goldmann, 1994. |