Georg Batz M.A. (Nürnberg)

Karl R. Popper: Auf der Suche nach einer besseren Welt


"Er hat uns vorbereitet, frei zu werden." Diesen Satz schrieben einst die französischen Revolutionäre auf den Sarkophag, in dem sie die sterblichen Überreste des großen Voltaire im Pantheon aufstellten. "Er hat uns vorbereitet, frei zu werden", ich glaube, daß dies das schönste Kompliment ist, das man einem Philosophen machen kann. Der Voltaire unserer Zeit, das war bis zu seinem Tod am 17. September 1994 Karl Raimund Popper. Wenn Popper einst von Bertrand Russell sagte, er halte ihn für den größten Philosophen seit Immanuel Kant, so dürfen wir Popper sicher als größten Philosophen seit Bertrand Russell bezeichnen. In seiner kämpferischen Haltung, im Kampf gegen Dogmatismus und Aberglauben, Fanatismus und Engstirnigkeit bemühten sich beide, das zu leben, was sie lehrten, engagierten sich für Toleranz und Geistesfreiheit wie ihr großer geistiger Ahne Voltaire, dessen 300. Geburtstag wir dieser Tage feiern durften. Vielleicht starb mit Popper der letzte große Philosoph der Aufklärung und des Humanismus, jener geistigen Bewegung, die vor rund 250 Jahren von England und Frankreich ausging, aber in Deutschland nie so recht Wurzeln schlagen konnte. Denn im Gegensatz zu einem großen Teil der noch lebenden Generation von Philosophen sang er nie in dem Chor der Weltuntergangspropheten mit, stimmte keinen kläglichen Pessimismus an, sondern bewahrte seinen Glauben an die Vernunft und an den Menschen. Seiner Meinung nach ist unsere westliche Zivilisation, trotz aller Fehler und Schwächen, die man auch hier nicht übersehen darf, doch die beste aller bisherigen Welten gewesen. (1) Die beste, weil sie die gerechteste und menschlichste war, von der wir historisch Kenntnis haben. Natürlich ist sie keinesfalls die beste aller möglichen Welten, wie dies manchmal seine Gegner ihm unterstellen. Aber sie hat gezeigt, daß sie die verbesserungsfähigste ist, weil hier immer Reformen ohne Blutvergießen zu bewerkstelligen waren und sind. Denn die Suche nach einer besseren Welt ist das leitende Motto dieses Humanisten gewesen, seit er anfing , bewußt zu denken. Die tiefe Weisheit, die uns in seinen Schriften entgegenkommt, das Plädoyer für Bescheidenheit und gegen große Worte, seine Einsicht, daß im Grunde jeder Mensch ein Philosoph ist, weil sich ein jeder Gedanken macht über wichtige philosophische Fragestellungen, die allgemein menschlich sind, sein immerwährender Hinweis, daß wir uns alle irren können und daß der andere rechthaben kann, daß wir im Gespräch und Kompromiß der Wahrheit aber näher kommen: das sind nur wenige Punkte auf der Liste jener Gedanken, die er nicht müde wurde, immer wieder neu zu betonen. Das ist der Grund auch, warum wir ihn lieben, ohne Rücksicht auf seine Schwächen.

Die herausragende Persönlichkeit und freiheitliche Philosophie dieses Mannes möchte ich Ihnen heute vorstellen. Aus den Ideen Poppers kann man vor allem sehr viele Lösungsansätze für den Bereich der Sozialpolitik und auch den ganzen Bereich des sozialen Lebens entnehmen.

"Ausgangspunkte" hat Popper seine Autobiographie überschrieben. Und in diesem Begriff steckt schon vieles verborgen, was auf seine Grundeinstellung hindeutet. Denn, so seine Erkenntnis, die er gerade in den letzten 10 Jahren seines Lebens betonte, die Zukunft ist offen, sie ist nicht vorausbestimmt durch kein ehernes Gesetz der Geschichte, durch keinen Heilsplan, bei dem die Weltgeschichte nur der Vollzug dessen ist, was bereits mit der Schaffung des Menschen feststeht. Wir alle können die Welt ändern und jeder von uns kann sich jeden Tag bemühen, die Welt ein klein wenig zu verbessern. Einmal, indem er bei sich selbst anfängt (seinen Charakter zu ändern, zu verbessern, dafür gibt es wenigstens wirkliche Chancen, wenngleich auch das ganz und gar nicht leicht fallen dürfte), zum anderen, indem er versucht, in den Lebensbereichen, wo er mit Hilfsbereitschaft, Solidarität, materieller Hilfe etwas erreichen kann, mitzuhelfen beim Bau einer besseren Welt. (2)

Die Welt aus der Karl Popper kommt, ist mit dem Zweiten Weltkrieg zerstört worden. Aus jenem Gebiet, das jahrhundertelang eine multikulturelle Gesellschaft bildete und wo die verschiedensten Völker und Religionen zum größten Teil und in der meisten Zeit friedlich zusammenlebten und in dem es neben Deutschen, Polen, Litauern, Russen, Ruthenen, Ungarn, Rumänen, Tschechen und Slowaken mehrere Millionen Einwohner jüdischer Konfession gab. Aus dieser bis 1939 bestehenden Schicksalsgemeinschaft der Juden in Ost- und Südosteuropa, gingen immer wieder bedeutende Gelehrte hervor. Auch die Familie von Popper ist wie die Familie von Ludwig Wittgenstein, von Hans Kelsen, Manes Sperber, Jean Amery usw.usw. jüdischer Abstammung, wenngleich, als Popper am 28. Juli 1902 geboren wurde, seine Familie bereits zur protestantischen Konfession übergetreten war. Ein Jugendfreund aus seiner damaligen Wiener Zeit war kein geringerer als der vor mehreren Jahren verstorbene Verhaltensforscher Konrad Lorenz, mit dem ihn auch in den letzten Jahrzehnten seines Lebens eine gute Freundschaft verband. Wien war in der damaligen Zeit, der Jahrhundertwende, so etwas wie ein Zentrum liberalen Geistes und des Aufbruches zu neuen Ufern in allen möglichen Wissenschaftsbereichen. Hier entstanden weltverändernde Ideen, die später mit der Vernichtung durch den Nationalsozialismus zwar im eigenen Land kaum mehr gehört, ja sogar entscheiden bekämpft wurden, die aber vor allem in den angelsächsischen Ländern auf fruchtbaren Boden stießen und von dort nach Europa nach dem Untergang des Dritten Reiches sozusagen wieder reimportiert worden sind. Wien, das war die Stadt, wo Sigmund Freud die Psychoanalyse entwickelte, die Stadt, wo seit den Zwanziger Jahren die Wissenschaftler des Wiener Kreises wirkten (Carnap, Schlick, Neurath, Hahn usw.), der die Metaphysik gründlich demaskierte und alle weltfremden, illusionären Heilslehren aus der Fachwissenschaft verbannte. Hier entwickelte sich die österreichische Schule der Nationalökonomie (Carl Menger, Ludwig von Mises, Friedrich August von Hayek), der Rechtspositivismus eines Hans Kelsen, aber auch die Persönlichkeit von Ludwig Wittgenstein, der später wie Popper seine zweite Lebenshälfte in Großbritannien verbrachte.

Was noch typisch war, das ist eine sozialistische Bewegung, die sowohl den Gedanken der Volksbildung als auch den Gedanken eines diesseitsbezogenen Materialismus und Humanismus pflegte. In seiner Jugend, kurz nach dem Umsturz, noch vor Vollendung seines 17. Geburtstages war er der kommunistischen Partei beigetreten, von der er sich nach einem halben Jahr aber wieder entschieden abwandte. Nach einer Auseinandersetzung mit den Staatsgewalten wurden mehrere Jugendliche, die Popper dazu animiert hatte, mitzudemonstrieren, erschossen. Popper fühlte eine Mitschuld und es öffneten sich ihm die Augen. Aus diesem Erlebnis erkannte er einige Prinzipien, die er später immer wieder in neuen Variationen beschrieb und zog die ethische Schlußfolgerung, daß keine Idee das Recht hat, Menschen für sich sterben zu lassen, und sei sie noch so wohlwollend gemeint. Zwar hat jeder das Recht, sich selbst für eine Idee zu opfern, wenn er dies freiwillig tun will, aber andere Menschen dürfen nicht gezwungen werden dazu. Laßt Ideen sterben, nicht Menschen, so sein Motto.

Für eine bessere Welt, die auch soziale Gerechtigkeit kennt, hat sich Popper immer wieder eingesetzt. Es ist daher auch nicht verwunderlich, daß gerade sozialdemokratische Führer wie Helmut Schmidt von ihm angezogen wurden, wenngleich Popper sich natürlich keinesfalls mehr als Sozialdemokrat verstand, sondern als Liberaler, der die sozialistische Form des Dogmatismus, den Marxismus, entschieden bekämpfte.

Nicht Revolution sondern Reform schlägt er zur Lösung von Problemen vor. "Sozialtechnik", so wird der englische Begriff "social engineering" übersetzt, manchmal auch Stückwerkstechnik. Gemeint ist damit, daß man beim Umbau und der Verbesserung der Gesellschaft in kleinen Schritten vorgehen sollte, ganz einfach deswegen, weil noch so kluge Experten nicht alle Folgen einer Entscheidung und Änderung voraussehen kann. Oftmals entstehen unliebsame Folgen, an die vorher niemand gedacht hat, oder es entwickelt sich eine Eigendynamik, die nicht mehr zu bremsen ist. Wichtig ist nach der Ansicht von Popper vor allem, daß alle sozialpolitischen Entscheidungen grundsätzlich wieder rückgängig gemacht werden können, wenn sich schlimme Folgen einstellen, die man nicht bedachte, damit nicht aus dem Versuch der Lösung eines Problems oder der Bekämpfung eines Übels nicht ein noch größeres Übel resultiert. Revolutionen, die vorgeben, die bessere Welt mit einem Schlag schaffen zu können, müssen demzufolge zwangsläufig scheitern, gerade, wenn sie Erfahrungen vieler Generationen einfach ignorieren wollen. Wir alle machen Fehler, wir alle können uns irren. Große Männer machen große Fehler. Tiefgreifende Umwälzungen bringen meist nicht mehr sondern weniger Freiheit, nicht mehr sondern weniger soziale Sicherheit. Der Versuch, den Himmel auf Erden zu erreichten, hat immer und immer wieder nur die Hölle erzeugt. Verbesserungen sind nötig, deswegen stimmt es einfach nicht, wenn Gegner Popper vorwerfen, er wolle die bestehenden Verhältnisse rechtfertigen. Dann wäre er ein Konservativer und kein Liberaler, der eine offene Gesellschaft anvisiert. Nicht bewahren, sondern verbessern ist seine Devise.

Die Begegnung mit dem Marxismus war Popper seinen eigenen Worten zufolge eines der wichtigsten Ereignisse in seinem Leben. Sie lehrte ihn die Weisheit der sokratischen Bemerkung, daß wir im Grunde nichts wissen. Wir wissen nicht, wir raten. Die Begegnung lehrte ihn, wie wichtig für alle Erkenntnis intellektuelle Bescheidenheit ist. Alles, was wir wissen, verdanken wir anderen Menschen. Damit sind wir auch schon bei seiner wichtigsten erkenntnistheoretischen Prämisse angelangt, der Einsicht, daß es keine unbedingte Gewißheit geben kann, daß auch unsere Vernunft fehlbar ist. Lernen können wir nur aus unseren Irrtümern, nicht aus den ständigen Bestätigungen für unsere Theorien, die sich zwar, wenn sie sich bestätigen, bewährt haben, die aber trotzdem falsch sein können. Poppers wichtigste Forderung an alle Wissenschaftler ( und zwar nicht nur die Naturwissenschaftler), daß sie ihre Theorien grundsätzlich so aufstellen sollten, daß sie wenigstens grundsätzlich widerlegbar sind. Sind sie dies nicht, dann sind sie auch nicht grundsätzlich überprüfbar. Jede Theorie, die sich gegen prüfbare Aussagen dadurch absichert, daß sie alle Aussagen bewußt vieldeutig formuliert, ist zumindest unwissenschaftlich, sinnlos oder sinnleer. Ein Satz, der mit allem vereinbar ist und auch seinem Gegenteil, ist für Erkenntniszwecke völlig unbrauchbar, er ist Metaphysik, die zwar Popper nicht militant bekämpft, die er aber aus der ernstzunehmenden Wissenschaft ausgrenzen will. Der Marxismus, aber auch alle anderen Heilslehren, stellen oft Thesen auf, die man grundsätzlich nicht widerlegen kann. Denn egal, welche Prognosen man abgegeben hat, das Ergebnis stimmt immer mit der vorgefaßten Theorie überein, weil sie so gehalten sind, daß auch das Gegenteil wahr sein kann. "Wenn Franz Josef Strauß Kanzler wird, dann sind die Juden schuld", so las ich 1980 in einer rechtsradikalen Zeitung. "Wenn er aber nicht Kanzler wird", so nahm der Journalist den Fall vorweg, daß er sich möglicherweise doch irren könnte, dann sind bei ihm natürlich auch die Juden schuld, weil ihnen Helmut Schmidt besser ins Geschäft paßt. Bei dieser plumpen Immunisierung erkennen wir sofort, daß der Wunsch der Vater des Gedankens ist. Für den Antisemiten sind die Juden, egal was sie tun und wie sich verhalten, immer schuld. In ähnlicher Weise gibt auch der Marxismus keinerlei Kriterien an, wie bestimmte Thesen, die er aufstellt, überprüft werden können oder, dies der zweite Trick, er wirft seinem Widersacher sofort vor, daß er ja gerade von seinem Klassenstandpunkt aus die Wahrheit gar nicht sehen wolle, wenn er Beweise für eine These verlangt. Wie bei Wahrsagern und Traumdeutern kann die Interpretation der Kirchenväter Marx und Engels immer so erfolgen, daß man sie seinen Interessen anpaßt. Wobei man trotzdem behauptet, die eigene Auslegung sei die richtige. Ideologen merken nicht, daß sie Interpretationen in Texte erst hineinlesen müssen, damit sie sie wieder herauslesen können. Andere Offenbarungsreligionen handeln exakt genauso. Daß alles nach dialektischen Gesetzen verläuft, daß das Wesen des Menschen dies oder das ist, daß Gott der Urgrund des Seins ist oder gar das Wesen des Seins das Nichts: wer würde dem nicht zustimmen wollen, wenn er überhaupt keine Möglichkeit hat, solche Sätze zu überprüfen? Oder könnte von Ihnen, liebe Zuhörer, jemand nachweisen, daß das Wesen des Seins nicht das Nichts ist? Also muß es doch stimmen, so die Metaphysiker von Hegel bis zu Heidegger und Habermas.

Das Prinzip der Fehlbarkeit der menschlichen Vernunft gibt uns aber sehr wohl ein Instrument an die Hand, mit der wir alle Lebensbereiche verbessern können. Es ist das Verfahren von Versuch und Irrtum, "trial and error". "Alles Leben ist Problemlösen" heißt daher nicht zufällig, das letzte Buch von Karl Popper, ein Sammelband, den ich mit seinem Vorgängerband "Auf der Suche nach einer besseren Welt" allen ans Herz legen möchte als lohnende Lektüre und endlose Quelle von Lebensweisheit. Alles Leben handelt danach, von der Amöbe bis zu Einstein: alles Leben ist auf der Suche nach einer besseren Welt. Falsche Theorien können so leicht eliminiert werden und ein Forscher sollte ganz bewußt alle seine Thesen so aufstellen, daß er Kriterien angibt, bei denen er bereit wäre, seine These fallen zu lassen, indem er sie als widerlegt hinnimmt. Kritik und Selbstkritik ist das fruchtbarste Prinzip der Evolution, denn Leben ist lernen. Nicht der Vertreter einer These muß bekämpft werden, sondern nur Ideen, die man für falsch erkennt. Einsteins Relativitätstheorie war der ausschlaggebende Punkt für Popper. Einstein hatte selbst ein Kriterium angegeben, bei dessen Widerlegung er bereit sein würde, auf seine Theorie zu verzichten. Eine 1919 beobachtete Sonnenfinsternis bestätigte dann Einsteins Theorie, als man nachweisen konnte, daß die Gravitation der Sonne so stark ist, daß sie in ihrer Nähe den Raum krümmt und Licht dahinterliegender Sterne ablenken kann.

Aber setzen wir zunächst erst einmal Poppers Lebenswegbeschreibung fort. Er studierte in Wien Geschichte, Literatur, Psychologie und Philosophie, er besuchte auch Vorlesungen der Medizinischen Fakultät, beschäftigte sich später aber hauptsächlich mit Mathematik und theoretischer Physik. In dieser Zeit begann er, sich durch Kants "Kritik der reinen Vernunft" durchzuarbeiten. Kant wird von Popper als letzter großer Philosoph der Aufklärung geschätzt, nicht als erster Philosoph des sog. Deutschen Idealismus, einer nicht nur im 19. Jahrhundert weit verbreiteten philosophischen Geisteskrankheit, die laut Schopenhauer drei Stufen des Wahnsinns anzeigt: nämlich Fichte, Schelling und Hegel. In der Beschäftigung mit Kant ist auch der Ursprung des heute geläufigen Begriffs "Kritischer Rationalismus" zu suchen, unter dem man heute an Popper sich anlehnende Philosophen subsumiert. An der Lehrerbildungsanstalt der Stadt Wien erwirbt er die Berechtigung an Grundschulen zu errichten. Und er lernt außerdem auch noch das Tischlerhandwerk, das er mit dem Tischlerbrief abschließt. Dann wurde er Erzieher in einem Hort der Gemeinde Wien für sozial gefährdete Kinder.

Groß war seine Begeisterung für Musik, ja er dachte sogar eine Zeitlang daran, Musiker zu werden, weil eine komponierte Fuge mit einem Preis ausgezeichnet wurde. Aber ehrlicherweise gab er zu, daß er weder für Musik, noch für die Tischlerei, nicht für Mathematik und Physik hinreichend begabt ist. So bleibt er Sozialarbeiter und wechselt an das Pädagogische Institut in Wien. Dort lernt er seine Frau, eine Kollegin, kennen. Sie starb im Herbst 1985, ihn in seiner wissenschaftlichen Arbeit immer wieder ermunternd und stützend.

1928 legt er seine Dissertation "Zur Methodenlehre der Denkpsychologie" vor und wendet sich nach Abschluß auch von der Psychologie endgültig ab.

Philosophisch interessierte Natur- und Gesellschaftswissenschaftler trafen sich damals in Wien im Kreis um Moritz Schlick zu einer Art Privatseminar. Hier, im Wiener Kreis, wurden die Grundlagen für die moderne Logik, Wissenschafts- und Erkenntnistheorie gelegt. Zwar wurde Popper nie dazu eingeladen, aber man setzte sich dort ausgiebig mit Poppers Falsifikationskriterium auseinander, dem man das sog. Verifikationskriterium entgegensetzte. Die Neopositivisten (einige waren auch persönlich mit Popper befreundet) ermutigten ihn, seine erkenntnistheoretischen Ansichten ausführlich niederzuschreiben. Seine "Logik der Forschung" (später vollständig unter "Die beiden Grundprobleme der Erkenntnistheorie erschien als Buch in einer Reihe des Wiener Kreises 1934. Obwohl sich Popper Zeit seines Lebens immer scharf gegen jeglichen Positivismus abgegrenzt hat, werden seine Gegner bis heute nicht müde, ihn des Positivismus zu bezichtigen, - auch heute noch beinahe ein Schimpfwort - der vor allem unter nationalsozialistischer Herrschaft als jüdische Philosophie diffamiert wurde. Mit seiner "Logik der Forschung" wurde er auf einen Schlag berühmt.. Er bekam Einladungen zu Vorträgen nach London, Cambridge und Oxford und traf mit Bertrand Russell zusammen. Auf Anregung englischer Freunde bewarb er sich auf eine Dozentenstelle am Canterbury University College in Christchurch, Neuseeland. Der Aufstieg vom Hauptschullehrer zum Hochschullehrer hatte begonnen. 1937 begab sich das Ehepaar Popper auf die lange Seereise ans andere Ende der Welt, ziemlich genau ein Jahr vor dem Anschluß Österreichs an das Hitler-Reich, wo er wahrscheinlich hätte sowieso fliehen müssen. Auch der komplette Wiener Kreis ging in die Emigration.

Im Schatten des Krieges beschloß Popper, seine wissenschaftstheoretischen Erkenntnisse auf die Sozialwissenschaften anzuwenden. Denn hier setzte er sich nun mit den beiden totalitären Richtungen des 20. Jahrhunderts, dem Nationalsozialismus bzw. Faschismus, und dem Stalinismus auseinander. "Das Elend des Historizismus" und "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde" erscheinen zum Ende des Krieges. Beide Bücher verstand er als einen Beitrag zur alliierten Kriegsführung, als eine Verteidigung der Freiheit und der Pluralität gegen totalitäre und autoritäre Ideen, als eine Warnung vor historizistischem Aberglauben.

"Die offene Gesellschaft und ihre Feinde" besteht aus zwei Teilen. In "Der Zauber Platons" stürzt er das Denkmal aller abendländischen Philosophie, von der einmal ein besonders dummer Philosoph behauptet hat, sie sei nichts weiter als eine Fußnote zu Platon. Platon und Aristoteles sind für Popper die Ahnherren des modernen Totalitarismus. Keine Idee des modernen Totalitarismus, die nicht in Platons Zwangsstaat schon vorgedacht worden wäre. Natürlich hat er es sich damit mit sämtlichen Altphilologen und Griechenfreunden verdorben, die auch heute noch in den Sklavenhalterphilosophen Platon und Aristoteles die größten Geister menschlichen Denkens erkennen wollen. Der zweite Teil ist überschrieben "Hegel, Marx und die Folgen". Während dabei Marx als großer Analytiker des Wirtschafts- und Gesellschaftssystems seiner Zeit bei Popper noch einigermaßen wohlwollend davonkommt, betrachtet er Hegel als das "missing link" zwischen dem antiken und dem modernen Totalitarismus, eine Art Kreuzung aus Plato und Hitler. Während der linke Hegelianismus, sprich Marxismus, noch versucht, an der Aufklärung anzuknüpfen und einen wenn auch unkritischen Rationalismus propagiert, führt der rechte Hegelianismus auf direktem Wege zu den Machtstaatsphilosophen der Kaiserzeit und den dialektischen Apologeten von Adolf Hitler. Daß auch das Dritte Reich sich auf Hegel berief, das wollen linke Hegelianer heute nicht mehr wahrhaben, zumindest behaupten sie, das sei nicht der "wahre" Hegelianismus und die "wahre" Dialektik gewesen.

Die London School of Economics, wohl die bedeutendste wirtschaftswissenschaftliche Hochschule der westlichen Welt, wo eine Zeitlang der Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek, ein enger Freund Poppers, Direktor war, holt ihn 1949 nach England und er wird Professor für Logik und Wissenschaftstheorie. Nach seiner Emeritierung zog er sich mit seiner Frau aufs Land zurück, als "der glücklichste Philosoph, der mir je begegnet ist", so selbstironisch Popper dazu. 1965 hob ihn die englische Königin in den Adelsstand und so durfte er sich von da ab Sir Klar R. Popper nennen. Am 17. September 1994 verstarb er.

Betrachten wir nun einige Aspekte und Konsequenzen, die alle, die zu einer Verbesserung der Gesellschaft beitragen wollen, aus Poppers Werken bedenken sollten. Da ist zunächst die Einsicht, daß es keine vollkommene Gesellschaft geben kann, kein Paradies auf Erden und auch kein sonstiger Zustand, der dem paradiesischen auch nur nahekommen könnte. Was den einen glücklich macht, macht den anderen unglücklich. Vor Heilslehren, die den Menschen versprechen, sie glücklich zu machen, sollte man sich sogar besonders in acht nehmen. Alle Versuche dieser Art sind gescheitert, mußten scheitern, weil keine Gesellschaft in der Lage ist, das Glück ihrer Mitglieder zu garantieren. Wohl aber kann der Staat und die Gesellschaft dazu beitragen, daß jeder selbst die Möglichkeit hat, sein Glück zu verwirklichen. Man kann die Rahmenbedingungen so setzen, daß, jeder nach seiner Art von erfülltem Leben streben kann. Weil die Menschen verschieden sind, deswegen brauchen sie Freiheit. Natürlich ist damit keineswegs garantiert, daß der einzelne auch sein erstrebtes Glück erreicht, aber es ist zumindest gesichert, daß jedem, der sich selbst verwirklichen will mit seinen Fähigkeiten, Wünschen und Möglichkeiten, nicht grundsätzlich Steine in den Weg gelegt werden. Keine Generation hat das Recht, von einer anderen Opfer zu verlangen, damit sie in einer besseren Welt lebt. Jeder kann sich natürlich für seine eigenen Zwecke opfern, aber er darf dies nicht von anderen verlangen, daß sie sich für ihn opfern. Aus diesen Erkenntnissen resultiert die Ablehnung jeglicher Utopie, vor allem solcher, die man tatsächlich in die Wirklichkeit umsetzen will und nicht nur als Richtschnur oder Leitstern seinem eigenen Handeln voranleuchten läßt.

In einem großartigen Aufsatz "Utopie und Gewalt" (3) analysiert er ganz ausführlich die Konsequenzen bei dem Versuch einer Umsetzung utopischen Denkens in die Wirklichkeit. Es gibt bekanntlich zwei Arten von Lösungsansätzen für soziale Probleme wie auch alle anderen politischen Fragen: Das Argument oder Gewalt. Alle Menschen haben verschiedene Interessen und unterschiedliche Meinungen. Dabei ist es oft nicht möglich, solange zu diskutieren, bis alle sich geeinigt haben. Entscheidungen müssen getroffen werden, so oder so. Wie erreicht man nun eine Entscheidung? Eben durch Argumente oder mit Gewalt. Wenn unterschiedliche Interessen aufeinanderprallen, dann kann man versuchen, einen vernünftigen Kompromiß zu finden, d.h. mit Argumenten zu überzeugen, oder autoritär den Konflikt zu lösen. Dieser Glaube an die Vernunft, das räumt Popper unumwunden ein, ist immer noch ein Glaube, gewissermaßen ein gefühlsmäßiger, irrationaler Glaube an die Vernunft. Wer sich nicht überzeugen lassen will, wer eher schießt als zuzuhören, bei dem hilft alles rationale Argumentieren nicht, da nur solche Menschen Argumenten zugänglich sind, die wenigstens grundsätzlich davon ausgehen, daß die vernünftige Diskussion die allen Seiten besser nützende Art und Weise der Auseinandersetzung ist. An die Vernunft zu glauben aber heißt für Popper, an den Menschen zu glauben, der zwar nie und schon gar nicht in allen Lebensbereichen immer rational handeln kann und soll, wohl aber nirgendwo die rationale Überlegung ganz außen vorlassen sollte, auch nicht in den Fällen, wo wie in der Liebe, große und einseitige Emotionen herrschen.

Die rationale Haltung setzt für Popper eine große Portion intellektueller Bescheidenheit und unparteiisches Denken voraus. Wie bei der richterlichen Urteilsfindung sollte man auch in den Urteilen des täglichen Lebens sich davon leiten lassen, daß man immer beide Seiten hören soll und daß man kein guter Richter in einer Sache sein kann, wo man selbst Partei ist. Popper lehnt es auch ab, mit Mitteln einseitiger Überredung oder Propaganda zu überzeugen. Die andere Meinung ist ihm als solche achtenswert, wenn sie begründet ist. Nur wenn wir von der Gegenseitigkeit des Gebens und Nehmens, des "give and take" ausgehen, können wir humane Verhältnisse schaffen. Der Utopismus dagegen hat ein vorgefaßtes Ziel, auf das er mit der ganzen Gesellschaft zusteuern will, auch mit denjenigen, die völlig andere Ziele haben. Um dieses vorgefaßte Ziel zu erreichen, muß der Utopist immer neu und mit Gewalt in den Lauf der Dinge eingreifen. Er muß immer wieder versuchen, Feinde, Gegner, Kritiker zum Schweigen zu bringen, besonders wenn die Verwirklichung der versprochenen idealen Gesellschaft auf sich warten läßt. Und wer gibt die Garantie, daß eine kommende Generation sich nicht völlig anders besinnt und nicht mehr mitarbeitet am Aufbau der idealen Gesellschaft? Sind dann nicht all die blutigen Opfer, Leiden, Entbehrungen, die die vorherige Generation auf sich nahm, völlig wertlos gewesen? War dann nicht alles umsonst? Popper war es noch vergönnt, zu erleben, wie der real existierende Sozialismus plötzlich zu existieren aufhörte. Millionen von Menschen sind dafür umgekommen. Wieviele Millionen Opfer darf man einer Ideologie zugestehen, von der man annimmt, daß sie ja nur das beste will für den Menschen, Gleichheit und Gerechtigkeit, Frieden und Freiheit? Wie hoch darf der Preis sein? Und ist es nicht geradezu blasphemisch, zu behaupten, das sei eben nicht der wahre Sozialismus gewesen, weil der ja noch nie probiert worden sei? Ist dies nicht eine Beleidigung für alle Menschen, die als Versuchskaninchen der Ideologen gedient und deren Glück und Leben zerstört worden ist, zugunsten einer angeblich irgendwann kommenden, heute aber noch nicht vorhandenen heilen Welt.

Popper unterscheidet zwischen Utopien, völlig uneinlösbaren Wunschträumen und Idealen, die eine Gesellschaft wohl anstreben kann, wenn sie nach der Stückwerktechnik, der Reform in kleinen Schritten vorgeht. "Arbeite lieber für die Beseitigung von konkreten Mißständen, als für die Verwirklichung abstrakter Ideale" (4).

Politiker, und insbesondere Sozialpolitiker, sollten aufhören, die Menschheit mit politischen Mitteln zu beglücken sondern statt dessen sich für die Behebung konkreter Mißstände einsetzen. Das Elend kann nur mit direkten Mitteln beseitigt werden. So ruft er dazu auf, gegen Epidemien und Krankheiten zu kämpfen durch den Bau von Krankenhäusern, wo sie gebraucht werden. Unwissenheit sollte wie das Verbrechen bekämpft werden. Was das schlimmste Übel in einer Gesellschaft ist, darauf kann man sich viel leichter einigen als bei den Vorstellungen über eine gerechte, glückliche Gesellschaft. Was Leid, ist kann jeder selbst nachempfinden. In einen Leidenden kann sich jeder gut hineinversetzen, wenn er nur bedenkt, daß er selbst in eine solche Situation kommen könnte. Doch was Glück ist, darüber wird wohl nie Einigkeit zu erlangen sein. Alle Träume sollten uns nicht vor den wirklichen Nöten unserer Mitmenschen ablenken. Alle Übel finden wir hier und heute in unserer Mitte, utopisches Glück aber nur in der Phantasie der Köpfe. Arbeitslosigkeit, Krankheit, Krieg: das sind konkrete Herausforderungen. Elend ist immer konkret. Das ideal Gute aber hat noch niemand gesehen. Wir können in allen Generationen versuchen, das Leben weniger leidvoll und etwas weniger ungerecht zu machen. Wir können Chancengleichheit schaffen und die Ausgangsbedingungen jedes einzelnen verbessern. Aber wir werden nie einen neuen Menschen schaffen, wir müssen den Menschen so nehmen wie er ist, mit seinen guten und seinen schlechten Seiten. Daraus folgt für Popper kein Fatalismus. Wir sind keineswegs der Geschichte ausgeliefert und müssen uns nicht treiben lassen. Wir alle arbeiten mit an der Gestaltung der menschlichen Geschichte. Verbesserte Institutionen können gerechtere Verhältnisse schaffen, aber was gerecht ist, das liegt nicht in der Natur der Geschichte oder des Menschen, sondern wird vom Menschen selbst festgelegt. Aber die Geschichte lehrt auch, daß der fanatische Glaube an eine ethische Idee diese immer ins Gegenteil verkehrt hat. Wie oft in diesem Jahrhundert wurden die Gefängnistore im Namen der Freiheit von Revolutionären geöffnet, nur um sich alsbald wieder hinter neuen Opfern zu schließen? Wie oft traten Ideologien unter dem Banner der Gleichheit auf, um dann doch wieder eine privilegierte Feudalklasse hervorzubringen, die um nichts besser war, als die alten Herren. Sogar im Namen der Liebe und der Brüderlichkeit wurden in zweitausend Jahren Menschen gequält und ermordet, verfolgt und diffamiert. "Lehrt uns nicht die Geschichte, daß alle ethischen Ideen verderblich sind und die besten Ideen oft die verderblichsten?" (5)

Wie die Gesellschaft nur aus ihren Irrtümern lernen kann, so kann auch der einzelne nur auf dem Weg durch falsche Schritte, aus denen er lernt, vorankommen. Wer immer nur mit seinesgleichen umgeht, nur mit Menschen diskutiert, die sowieso schon die gleiche politische Meinung haben, wird immer auf der Stelle stehen bleiben. Er kann seine Argumente nicht in der Argumentation überprüfen auf Stichhaltigkeit und Triftigkeit. Denn er wird so immer nur bestätigt. Lernen können wir nur von unseren Gegnern. Deswegen ist es so wichtig, sich mit allen Meinungen und Überzeugungen auseinanderzusetzen. Eine Lüge kann man nur mit der Wahrheit bekämpfen nicht mit juristischen Strafen. Die Selbstbefreiung des Menschen geschieht durch das Wissen, es ist eine geistige Selbstbefreiung durch Kritik und Selbstkritik. Ohne die pluralistische Atmosphäre einer offenen Gesellschaft aber kann eine solche fruchtbare Kritik nicht gedeihen. Nur so kann man Spreu vom Weizen trennen.

Popper wirft gerade vielen Intellektuellen vor, daß sie ihrer Pflicht nicht genügen und nicht dazu beitragen, daß diese Selbstbefreiung durch das Wissen Allgemeingut werden kann. Gerade Intellektuelle haben sich immer wieder anfällig für linke und rechte Ideologien gezeigt, haben sich gar in der Rolle gefallen, als Propheten zu posieren. Insbesondere die deutschen Denker haben sich nach Popper ganz schwer versündigt. Ja in Deutschland erwartet man geradezu von Philosophen, daß sie als eine Art Religionsstifter auftreten, Offenbarer der letzten Geheimnisse der Welt und des Lebens. Wo Nachfrage ist, da entsteht natürlich auch ein Angebot. Popper bewundert gerade an den Angelsachsen ihre kühle Skepsis, ihr empirisches, an der Erfahrung orientiertes Denken und Handeln. Nicht zufällig ist die Aufklärung daher auf englischem Boden entstanden, während in Deutschland die Aufklärung auch heute noch verunglimpft und diffamiert werden kann. Englische Philosophen- und Popper ist hier ein Meister seines Fachs- sind gewöhnlich klare analytische Denker, die in einer verständlichen Sprache schreiben und ihre Leser nicht mit Nebelschwaden von schwer verständlichen Begriffen einlullen. Alles, was sich sagen läßt, läßt sich bekanntlich nach Wittgenstein auch klar sagen. Und Popper geht weiter, wenn er anfügt, daß die Leute, die sich nicht klar ausdrücken können, eben üben müssen oder ihren Beruf aufgeben sollten. Wer von den Steuergeldern aller Bürger bezahlt wird, hat die verdammte Pflicht sich so auszudrücken, daß seine Geldgeber, die Steuerzahler, auch einigermaßen verstehen können, wozu man seinen Posten für die Allgemeinheit überhaupt benötigt.

In Deutschland schreiben die Philosophen seit über 200 Jahren überwiegend sehr unklar, wenngleich man nicht unbedingt wie der von Popper sehr verehrte Schopenhauer alle deutschen Idealisten, Heideggerianer und sonstigen Metaphysiker als banale Unsinnschmierer abtun muß. Bei einigen aber kann man sich des Verdachts einer gewissen Scharlatanerie nicht erwehren. Aufklärer wie Popper wollen Licht ins Dunkel bringen und keine Verdunkler sein, die Probleme, statt sie zu klären, mit tiefgründigen Spekulationen und leerem Gerede noch unklarer machen.

Es gibt viele falsche Propheten auch im Westen und Popper grenzt sich hier vor allem von den "raunzenden Propheten des Pessimismus" ab (6). Sie predigen Untergang und Apokalypse. Popper stellt diese Berufspessimisten Verbrechern gleich, weil er fürchtet, daß gerade die junge Generation durch solche Schwarzseher daran gehindert wird, mitzuarbeiten beim Bau der Verbesserung der Verhältnisse, daß ihnen Optimismus und die positive Betrachtungsweise so früh ausgetrieben wird, daß sie die Hände in den Schoß legen und abwarten, was da kommen wird. Aber er wendet sich auch gegen diejenigen- vor allem Politiker-, die den Erfolg und die Macht anbeten, ja er scheut auch nicht davor zurück eine Ideologie der Marktwirtschaft zumindest dann zu verwerfen, wenn sie in historizistischer Verkleidung auftritt, d.h. an einen Automatismus in der Erreichung von Wohlstand glaubt, wenn nur die Wirtschaft ungezügelt und ohne Rücksicht auf gewisse übergeordnete Ziele der Gesamtgesellschaft hantieren kann. Diese kritischen Töne dem Wirtschaftsliberalismus gegenüber sind allerdings ein wenig zwiespältig, obwohl er in Friedrich August von Hayek einen Wirtschaftsliberalen reinsten Wassers zum Freund hatte, der allerdings einen staatlich kontrollierten Ordnungsrahmen zur Aufrechterhaltung der Marktfreiheit sehr wohl akzeptierte, ja geradezu forderte. Die Demokratie allein- und da ist sich Popper mit Hayek wieder einig- schafft noch keine Wirtschaftswunder und garantiert auch keine Freiheit. Sie ist lediglich ein Instrument der Entscheidung. Natürlich kann auch eine demokratische Mehrheit Fehler machen, aber ein einzelner, eine Klicke von Herrschenden, eine Partei usw. kann dies noch viel mehr, weil man hier noch weniger auf Gegenstimmen Rücksicht zu nehmen braucht, oder andere Erfahrungen gar nicht einbezieht. Die Freiheit läßt sich nach Popper nicht dadurch anpreisen, daß man behauptet, daß es den Menschen dann besser gehe. Aller Reichtum muß erst einmal erarbeitet werden und persönliche Tüchtigkeit und Leistungsbereitschaft reicht keineswegs immer aus, wenn nicht die Portion Glück hinzukommt, ohne die nichts läuft. Wenn die Menschen freier werden, werden sie auch nicht unbedingt glücklicher. Aber Freiheit bedeutet eben Verantwortung, Verantwortung für die Folgen des eigenen Handelns und jede Zunahme des Freiheitsspielraums wird mit Abstrichen bei der Sicherheit erkauft. Aber das ist auch nicht der Grund, warum wir trotzdem die Freiheit wählen sollten. Nicht, weil sie uns ein bequemeres Leben verspricht, sondern weil ein frei denkender Mensch das karge Leben einer Demokratie dem Reichtum unter einer Tyrannis vorzieht. Und eine errungene Freiheit muß nicht ewig währen. Die Freiheit ist immer in Gefahr. Fällt der äußere Feind weg, dann können von innen her andere Herausforderungen zur Bedrohung der persönlichen Freiheit werden. "Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muß", so heißt es schon in Goethes Faust. Die politische Freiheit ist der wichtigste aller Werte und für sie müssen wir immer bereit sein, zu kämpfen. Sie kann immer verloren werden, sobald wir uns in der übergroßen Sicherheit wiegen, daß sie nicht mehr verloren gehen kann.

Poppers Optimismus bezieht sich ausschließlich auf die Gegenwart, nicht auf die Zukunft. Ein Gesetz des Forschritts gibt es für ihn nicht. Die Menschheit hat beide Wege offen zu einer besseren Welt und zu einer schlechteren Welt. Aber die Voraussetzungen hält er für gut, da unsere Gesellschaft einer der reformfreudigsten ist.

Dies, meine Damen und Herren, waren einige Aspekte im Zusammenhang mit dem Leben und Werk von Karl Raimund Popper, die ich Ihnen nahebringen wollte, in der Hoffnung daß der eine oder andere unter Ihnen dazu angeregt wird, noch vor den Weihnachtsfeiertagen eines seiner Bücher zu kaufen oder sich schenken zu lassen, um all diejenigen zu begleiten, die auf der Suche nach einer besseren Welt sind. Lassen Sie mich schließen mit einigen Sätzen aus dem Schluß des ersten Bandes von "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde":

"Wir können niemals zur angeblichen Unschuld und Schönheit der geschlossenen Gesellschaft zurückkehren. Unser Traum vom Himmel läßt sich auf Erden nicht verwirklichen. Sobald wir beginnen, unsere kritischen Fähigkeiten zu üben, sobald wir den Appell persönlicher Verantwortung fühlen und damit auch die Verantwortung, beim Fortschritt des Wissens zu helfen, in diesem Augenblick können wir nicht mehr u einem Zustand der Unterwerfung unter die Stammesmagie zurückkehren. Für die, welche vom Baum der Erkenntnis gekostet haben, ist das Paradies verloren. Je mehr wir versuchen, ´zum heroischen Zeitalter der Stammesgemeinschaft zurückzukehren, desto sicherer landen wir bei Inquisition, Geheimpolizei und einem romantisierten Gangstertum. Wenn wir erst mit der Unterdrückung von Vernunft und Wahrheit beginnen, dann müssen wir mit der brutalsten und heftigsten Zerstörung alles dessen enden, was menschlich ist. Es gibt keine Rückkehr in einen harmonischen Naturzustand. Wenn wir uns zurückwenden, dann müssen wir den ganzen Weg gehen - wir müssen wieder zu Bestien werden....

Wenn wir von einer Rückkehr zu unserer Kindheit träumen, wenn wir versucht sind, uns auf andere zu verlassen und auf diese Weise glücklich zu sein, wenn wir vor der Aufgabe zurückschrecken, unser Kreuz zu tragen, das Kreuz der Menschlichkeit, der Vernunft und der Verantwortlichkeit, wenn wir den Mut verlieren und der Last des Kreuzes müde sind, dann müssen wir versuchen, uns zu stärken mit dem klaren Verstehen der einfachen Entscheidung, die vor uns liegt. Wir können wieder zu Bestien werden. Aber wenn wir Menschen bleiben wollen, dann gibt es nur einen Weg, den Weg in die offene Gesellschaft. Wir müssen ins Unbekannte, ins Ungewisse, ins Unsichere weiterschreiten und die Vernunft, die uns gegeben ist, verwenden, um, so gut wir es eben können, für beides zu planen: nicht nur für Sicherheit, sondern zugleich auch für Freiheit."(7)

Anmerkungen:

(1) Karl R. Popper: Auf der Suche nach einer besseren Welt, München 1984, S. 128

(2) Karl R. Popper: Alles Leben ist Problemlösen, München 1994, S.326

(3) Karl R. Popper: Utopie und Gewalt in: Kritischer Rationalismus und Sozialdemokratie, Bonn- Bad Godesberg 1975, S. 303-315

(4) ebenda S. 311

(5) Karl R. Popper: Auf der Suche nach einer besseren Welt, München 1984, S. 159

(6) Karl R. Popper: Auf der Suche nach einer besseren Welt, München 194, S. 241

(7) Karl R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Band 1, 7. Auflage, Tübingen 1992, S. 238/39

Georg Batz M.A., geb. 1952, lebt in Nürnberg, Studium Neuere Geschichte, Religions- und Geistesgeschichte, Germanistik, Philosophie und Politische Wissenschaften. Leitete 20 Jahre das Aktionszentrum Mittelfranken der Thomas-Dehler-Stiftung und das Collegium Alexandrinum der Universität Erlangen- Nürnberg. Er ist Vorsitzender der Gesellschaft für kritische Philosophie und der Ludwig-Feuerbach-Gesellschaft.