Neu-Erscheinung:

Gerhard Streminger, David Hume:
>Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand<. Ein einführender Kommentar
, völlig überarbeitete Neuauflage, ausschließlich erhältlich im Internet unter www.streminger.com, Preis 10,– EUR

Rezension von Helmut Walther
aus Aufklärung und Kritik 1/2003, S. 237 f.


Mehr als ein Kommentar

Der Autor, Verfasser der Biografie David Humes im deutschen Sprachraum und Mitherausgeber von Aufklärung und Kritik, geht mit der Neuauflage seines in erster Auflage vergriffenen Kommentars einen ganz neuen Weg: Er stellt seinen Text Studierenden wie interessierten Lesern ausschließlich im Internet zur Verfügung, was nicht nur den Vorteil der jederzeitigen Verfügbarkeit bietet; vielmehr besteht auf diese Weise auch die Möglichkeit, sich gegen eine geringe Gebühr (1,20 EUR) jeweils bestimmte Einzelkapitel herunterzuladen. Ganz neu wurden zum Text Stichwort- und Themenlisten erstellt, anhand derer sich ein Überblick über den Inhalt der einzelnen Kapitel verschaffen läßt. Diese stehen ebenso wie das Vorwort und das Inhaltsverzeichnis völlig kostenfrei zur Verfügung.

Nun aber zum Buch selbst: Humes 1748 erschienene "Enquiry concerning Human Understanding" gehört sicherlich zu den einflußreichsten und wichtigsten Texten der Philosophiegeschichte – so verdankt etwa Kant nach seinem eigenen Zeugnis David Hume die "Unterbrechung seines dogmatischen Schlummers", selbst noch Darwin ließ sich von den naturalistischen Überlegungen Humes (etwa im Abschnitt IX "Über die Vernunft der Tiere") im Hinblick auf die Evolutionstheorie anregen. Und noch Gerhard Roth zitiert in der modernen Diskussion über Willensfreiheit ausführlich die Enquiry.

So gilt die Enquiry im englischen Sprachraum bis heute als klassischer Einführungstext in die Philosophie – unter anderem auch deshalb, weil Hume in ihr eine fundamentale und zugleich naturalistische Erkenntniskritik leistet.

Streminger unterteilt seinen Kommentar in 16 Kapitel, in denen er die zwölf Abschnitte der Enquiry vorstellt: jeweils einer "Vorbemerkung" zur Einordnung des zu behandelnden Abschnitts folgt die "Textgrundlage", in der die wichtigsten Passagen des Grundtextes zitiert und erläutert werden. Im sich anschließenden "Kommentar" werden die behandelten philosophischen Probleme analysiert, in den philosophiegeschichtlichen Zusammenhang gestellt, und falls nötig, auch aus moderner Sicht kritisiert. Einen inhaltlichen Überblick der Enquiry gibt Streminger in seiner Einleitung wie folgt:

"Hume behandelt darin Probleme der theoretischen und der praktischen Philosophie. Zur theoretischen Philosophie werden üblicherweise die erkenntnistheoretischen Analysen gezählt, und zwar die Grundlegung des Empirismus sowie die Kausal- und Induktions-Analyse. Zur praktischen Philosophie gehören die Überlegungen zur Willensfreiheit (Freiheitsproblem), die Diskussion des physiko-theologischen Gottesbeweises sowie die Analyse der Vertrauenswürdigkeit von Wunderberichten. Neben diesen großen Themen finden sich in der Enquiry noch kurze ontologische Analysen bezüglich der Existenz der Außenwelt sowie knappe Überlegungen zum Theodizeeproblem, zur Anthropologie, zur Frage nach der Verantwortlichkeit des Menschen, zur Methode in der Geschichtsschreibung und zur Rolle von Ideenassoziationen in der Dichtkunst."

Statt einer weiteren Aufzählung des Inhalts sollen noch einige Hauptthemen kurz konkret herausgegriffen werden:

– Im Abschnitt "Über den Ursprung der Vorstellungen" nimmt Hume bereits die Einsichten Feuerbachs vorweg, wenn er, wie Streminger kommentiert, überzeugt war, "daß die Gottesvorstellung der menschlichen Phantasie entspringe und in Wirklichkeit ein ins Übernatürliche gesteigertes Konstrukt aus vorhandenem Sinnenmaterial sei."

– Im Abschnitt "Über die Assoziation der Vorstellungen" gibt Hume ein Beispiel zugleich von seiner psychologischen Einsicht wie seiner exzellenten schriftstellerischen Fähigkeiten, das sich dem bekannten "Inspirationstext" Nietzsches durchaus an die Seite stellen läßt: "Nichts ist bewundernswürdiger als die Bereitschaft, mit der die Einbildungskraft ihre Vorstellungen herbeiholt und sie gerade in dem Augenblick anbietet, in dem sie nötig oder nützlich werden. Die Phantasie eilt von einem Ende des Weltalls zum anderen, um die Vorstellungen zusammenzuholen, die zu einem Gegenstand gehören. Man könnte denken, die ganze geistige Welt der Vorstellungen zeige sich mit einem Male unserem Blick und wir hätten weiter nichts zu tun, als diejenigen herauszugreifen, die für unseren Zweck jedesmal am geeignetsten sind." Hume spricht sogar von "einer Art magischer Fähigkeit der Seele", die "in den größten Genies am vollkommensten" sei; ja sie macht eigentlich das aus, "was wir ein Genie nennen. Dieselbe bleibt aber trotz der äußersten Bemühungen des menschlichen Verstandes unerklärbar."

– Ein zusätzlicher Ertrag für den Leser ist es, daß der Unterschied zwischen der Philosophie Humes und des von ihm "erweckten", aber wieder ins Metaphysische sich wendenden Kant herausgearbeitet und quasi nebenbei einige der dunklen Begriffe Kants im hellen Lichte Humes erläutert werden.

Nach seinen eigenen Worten leitete Streminger nach der Arbeit an seiner großen Hume-Biografie, bei welcher vornehmlich der Historiker gefordert war, bei der Abfassung des Kommentars der Wunsch, "wieder einmal frisch und frei und frech zu philosophieren." Dieses Motiv merkt man seiner Darstellung in jeder Hinsicht an: Der (oft ironischen) Kritik Humes an aller Metaphysik, Aberglauben und dogmatischer Religion, die ersterer stets an gut nachvollziehbaren Beispielen einsichtbar macht, korrespondiert eine sehr gut lesbare und verständliche Textgestaltung des Autors, der teils polemisch, teils humorvoll moderne Varianten dieser antinaturalistischen Fehleinstellungen aufspießt, damit sicherlich auch noch so manchen heutigen Leser herausfordert und die ununterbrochene Aktualität der kritischen Gedanken Humes aufweist.

Anmerkungen:

(1) Gerhard Streminger, David Hume, Sein Leben und sein Werk, Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 1994, 715 S.

(2) Gerhard Roth, "Fühlen, Denken, Handeln. Wie das Gehirn unser Verhalten steuert", S. 429

(3) Friedrich Nietzsche, Ecce Homo, Also sprach Zarathustra, Nr. 3, KSA 6, 339