Prof. Dr. Kurt Salamun (Graz)

Aufklärungsengagement und Ideologiekritik.

Nachruf auf Ernst Topitsch

Am Sonntag, den 26.01.2003, starb in Graz em. o. Univ.-Prof.Dr. Ernst Topitsch in seinem 84. Lebensjahr. Der gebürtige Wiener war 1969 ans Institut für Philosophie der Universität Graz berufen worden, nachdem er von 1962 bis 1969 als Ordinarius für Soziologie an der Universität Heidelberg gewirkt hatte.

Topitsch wurde aufgrund seiner wissenschaftlichen Arbeiten nicht nur unter den Vertretern seines Haupt-Fachgebietes, der Philosophie, bekannt, seine Arbeiten fanden auch vielfache Resonanz in der Soziologie und in der Geschichts- und Politikwissenschaft. Die internationale Anerkennung seiner Forschungen dokumentieren Übersetzungen seiner Bücher und Aufsätze ins Japanische, Italienische und Serbokroatische. Schon in relativ jungen Jahren wurde er zum Mitglied des "Institut International de Philosophie" (Paris) gewählt.

Die bedeutendsten wissenschaftlichen Leistungen von Topitsch liegen auf den Gebieten der Weltanschauungsanalyse und Ideologiekritik und der Sozialphilosophie. Er hat auf Erkenntnissen seines Wiener Lehrers Heinrich Gomperz, sowie von Hans Kelsen, Max Weber und Jean Piaget aufbauend mehrere Typen von Modellvorstellungen herausgearbeitet, die als Grundformen der menschlichen Weltdeutung und Selbstinterpretation angesehen werden können. Es sind dies (a) biomorphe, (b) soziomorphe, (c) technomorphe, sowie (d) ekstatisch-kathartische Modellvorstellungen. Diese Grundformen menschlichen Denkens lassen sich, wie Topitsch anhand seines immensen kulturgeschichtlichen Wissens gezeigt hat, in den verschiedensten Perioden der Kultur- und Geistesgeschichte nachweisen. Sie finden sich nicht nur in archaischen Hochmythologien, platonischen und neuplatonisch-gnostischen Denktraditionen, sondern auch in neuzeitlichen Philosophien, Weltanschauungen und Ideologien. Topitsch hat dies vor allem in dem Buch "Vom Ursprung und Ende der Metaphysik. Eine Studie zur Weltanschauungskritik" nachgewiesen, das er in den Fünfzigerjahren während eines Forschungsaufenthalts an der Harvard Universität verfasste, sowie in dem späteren Band "Erkenntnis und Illusion. Grundstrukturen unserer Weltauffassung".

Als Ideologiekritiker befasste sich Topitsch vor allem mit dem Marxismus und betonte dabei besonders das gnostisch-eschatologische Erbe bei Karl Marx und seinen Nachfolgern. Ähnlich wie sein Heidelberger Kollege Karl Löwith mit dem Buch "Weltgeschichte und Heilsgeschehen. Die theologischen Voraussetzungen der Geschichtsphilosophie", hat er damit wertvolle Erkenntnisse zu einer Interpretationsrichtung der Geschichts- und Sozialphilosophie beigetragen, deren primäres Anliegen darin besteht, über mythisch-religiöse und theologische Denkmotive in neueren Geschichts- und Gesellschaftstheorien aufzuklären. Ihren Niederschlag fanden diese Erkenntnisse und weitere allgemeine anthropologische Einsichten, die Illusionsfähigkeit des Menschen betreffend, in den Büchern "Sozialphilosophie zwischen Ideologie und Wissenschaft","Die Sozialphilosophie Hegels als Heilslehre und Herrschaftsideologie", "Gottwerdung und Revolution. Beiträge zur Weltanschauungsanalyse und Ideologiekritik", sowie "Heil und Zeit. Ein Kapitel zur Weltanschauungsanalyse".

Ein äußerst fruchtbares Konzept für eine Aufklärungsphilosophie in ideologiekritischer Absicht stellt auch der Begriff der Leerformel dar, den Topitsch in die Ideologietheorie eingeführt hat. Dieser Begriff erweist sich in der von Topitsch vorgeschlagenen Spezifizierung (in pseudo-empirische, pseudo-normative und essentialistische Leerformeln) als ein äußerst fruchtbares Instrument, wenn es gilt, in politischen Heilslehren, fundamentalistischen Weltanschauungen und Ideologien Aussagen zu entlarven, die als sachhaltig präsentiert werden, tatsächlich aber nur einen äußerst geringen Informationsgehalt besitzen.

In einer Zeit, in der verstärkt esoterische Guru-Philosophien und fundamentalistische Weltanschauungen als "Orientierungs- und Sinnangebote" auf dem Weltanschauungsmarkt feilgeboten werden, sind ideologiekritische Reflexionen, wie sie Topitsch in vielen seiner wissenschaftlichen Arbeiten, Vorträgen und Vorlesungen beispielhaft vorgeführt hat, für die Einübung kritischen Denkens unverzichtbar. Es ist daher zu hoffen, dass seine Schriften zur Weltanschauungsanalyse und Ideologiekritik weiterhin gelesen und mit ihren aufklärerischen Impulsen wirksam bleiben mögen.

Was den Menschen Ernst Topitsch betrifft, so zeichnete ihn ein feinsinniger Humor, eine außergewöhnliche Erfindungsgabe für originell-witzige Wortprägungen (auch in Versform), sowie eine nicht-opportunistische Grundhaltung gegenüber gerade in Mode befindlichen Zeitgeist-Strömungen aus. Deshalb wird die Achtung und Bewunderung für ihn bei vielen Personen andauern, die ihn auf Teilen seines Lebensweges als Kollegen, Mitarbeiter oder Studierende begleiten durften.