Joachim Köhler (Hamburg)

ZARATHUSTRAS SEELE

aus: Aufklärung und Kritik 2/2002 S. 156-161


Nietzsches Traum von einem wiedergeborenen Griechenland, im Internat Pforta geboren und in den Jahren der sexuellen Entbehrung genährt, ließ sich Ende des neunzehnten Jahrhunderts nirgendwo mehr verwirklichen, ohne im Gefängnis oder Irrenhaus zu landen. Andererseits sah der männerliebende Professor keinen Grund, sein Ideal dem schnöden Wirklichkeitssinn zu opfern. Er wurde, wie sein Adlatus Peter Gast halb scherzhaft, halb mitleidvoll meinte, zum "Don Quichote, pneumatische Auslegung".

Wie Cervantes’ Held, dem Nietzsche sich tatsächlich verwandt fühlte, zog er mit Koffern voll Wäsche und Büchern über die Alpen, ohne festes Ziel vor den kurzsichtigen Augen, es sei denn jenes "pneumatische", das ihm seine unstillbare Übermenschen-Sehnsucht eingab. Glaubt man seinen Schriften, die von "großer Loslösung" und "Wiedergeburt" schwärmen, so hat er in Italien das Land gefunden, wo die schönen Leiber blühen und, wie Zarathustra psalmodierte, "die Götter sich tanzend aller Kleider schämen". Er war der erste nicht.

Seit Winckelmanns und Platens Zeiten hatten Leidensgefährten aus Europas nördlichen Regionen hier ihre Befreiung erlebt, da die italienische Gesetzgebung, im Gegensatz zu anderen europäischen Staaten, keine Bestrafung der Männerliebe kannte. Viele Künstler, die sich im neuen Arkadien ansiedelten, sandten Locksignale, in poetischer wie fotografischer Form, über die Alpengipfel, worauf eine frühe Form von Sex-Tourismus an die Küstenstriche Liguriens und zu den Inseln Capri oder Sizilien einsetzte.

Auch Nietzsche, der sich Familie und Freunden höchst erfindungsreich entzog, indem er ständig seine Quartiere wechselte, ließ sich von jenen Gegenden anziehen. Bei Genua "überfiel" ihn sein Zarathustra, in Neapel "überfielen ihn Tränen und das Gefühl, noch gerettet zu sein, im letzten Augenblick", und auf Sizilien dämmerte ihm jenes "afrikanische Glück" der verbotenen Wollust, bei dem das Herz erschrickt, wie "als ob es sich an vergessene Inseln erinnere, wo es einst weilte, wo es ewig hätte weilen sollen..."

Doch als "neuer Columbus" durfte er sich nur in seinen Gedichten feiern – das verheißene Land war längst entdeckt. Auch in Sizilien, das Nietzsche ohne Wissen seiner Lieben im April 1882 besuchte, musste er auf deutsche Flüchtlinge treffen: Etwa jenen berühmten Fotografen Wilhelm von Gloeden, der das Land um den Ätna als "Insel der Glückseligkeit im Meer der zivilisatorischen Erschütterungen und Umwälzungen" pries. Seit 1876 lebte der aus Mecklenburg gebürtige Lichtbildner in Taormina, nicht weit von Messina, wo der "neue Columbus" an Land gegangen war, und umgab sich mit jungen Fischern und Hirtenknaben, die ihm als griechische Helden Modell standen. Die antiken Zeiten, in denen die Männerliebe nicht verfolgt, sondern besungen wurde, schienen hier wiedergekehrt, ihre Marmorstatuen zu neuem Leben erweckt.

"Die griechischen Formen reizten mich", bekannte Gloeden, "ebenso das Bronzekolorit der Nachkommen der alten Hellenen, und ich versuchte, das alte klassische Leben im Bilde wieder auferstehen zu lassen". So ließ er, mit Blick auf seine nordeuropäische Kundschaft, Dionysos-Jünger vor der Kamera aufmarschieren, mit Leopardenfell über der Schulter und Thyrsusstab in der Hand.

Da der Mecklenburger sich europaweiter Bekanntheit erfreute, hatte Nietzsche, der Abenteuerreisende, keinen Grund, ihn bei seinem Taormina-Besuch nicht aufzusuchen – aber allen Grund, es zu verschweigen. Immerhin lüftete er über die Erfahrungen, die er dort sammeln konnte, ein wenig den Schleier, wenn er dichtete: "Nun wird mir alles noch zuteil, der Adler meiner Hoffnung fand ein reines neues Griechenland". Eben dort, auf den "glückseligen Inseln", so verriet er im "Zarathustra", hatte er auch sein philosophisches Schlüsselwort vom Übermenschen "am Wege aufgelesen".

Der beiläufige Hinweis kontrastierte auffällig zur metaphysischen Hochsprache von "Also sprach Zarathustra". Sollte Nietzsche tatsächlich das Hauptdogma seiner religiösen Verkündigung "am Wege aufgelesen" haben? Als etwas, das unbeachtet am Boden gelegen hatte, vielleicht vergessen von jemandem, der hier zuvor gegangen war? Womöglich hatte er diese übermenschliche Idee dort nicht so sehr aufgelesen, als schlicht: gelesen, und zwar in einem Buch, das gerade dort, wo er ein "neues Griechenland" entdeckte, am Wege lag, sich dem geneigten Leser zur Lektüre anbot.

Ganze Generationen von Nietzsche-Forschern haben sich den Kopf darüber zerbrochen, welcher Quelle das verhängnisvolle Wort vom "Übermenschen" entsprudelt sein könnte. Dem augenzwinkernden Hinweis vom Zufallsfund "am Wege", auf-gelesen auf den "glückseligen Inseln", wollte keiner folgen. Doch es gibt ein Buch, nicht nur der Nietzsche-Forschung bis heute unbekannt, das von der Wiederkehr der griechischen Liebe und den "glückseligen Inseln" handelt, in dem auch jenes ominöse Wort auftaucht, welches heute wie kein anderes mit dem Denker verbunden wird.

Es handelte sich um die heimliche Bibel der Homosexualität, verfasst zu einer Zeit, als Pfarrersohn Nietzsche, der die Griechen mit der Seele suchte, noch nicht einmal geboren war. Als Autor zeichnete der Schweizer Heinrich Hössli, erschienen ist es 1836 in Glarus und der Titel lautete: "Eros. Die Männerliebe der Griechen; ihre Beziehungen zur Geschichte, Erziehung, Literatur und Gesetzgebung aller Zeiten". Es versteht sich von selbst, dass sich in Nietzsches Werken kein Hinweis auf ein Buch dieses Titels findet.

Verkürzt lautet Hösslis These, dass etwas, das Plato und den alten Griechen recht war, den modernen Europäern nur billig sein kann. Hinter diesem etwas verbarg sich die verfemte Männerliebe. Hössli, ganz Missionar der platonischen Philosophie, vertrat die unerhörte Ansicht, dass die Liebe zwischen Männern, weit entfernt von der Verächtlichkeit, mit der das moderne Vorurteil sie bedenkt, in Wahrheit etwas Göttliches darstellt. Nicht zufällig, so Hössli, belohnen die Götter die Treue heroischer Liebhaber mit ewigem Leben auf den "Glückseligen Inseln". Auch deswegen sollte sie nicht bekämpft, sondern geradezu gefördert werden.

Was von der christlichen Kultur als "bestialische Schändung unserer Natur in Sodoms Sünde" angeprangert wird, galt den Hellenen, so Hössli, als "Ideal vergöttlichten Menschentums". Warum, so fragt er, schließen wir uns den erhabenen Denkern der Antike und den Schöpfern unsterblicher Kunstwerke nicht einfach an? Wann hören wir endlich auf, den griechischen Eros als "Ausartung" zu betrachten, und begreifen, dass nur er allein den Gipfel der Kultur ermöglicht? Hössli, der Schwärmer, glaubt an Wunder und redet mit Engelszungen. Wie sein Nachfahre Zarathustra aber wird er von der Masse auf dem Markt verhöhnt, seine Botschaft totgeschwiegen.

Selbst wenn der moderne Mensch mit seinem Vorurteil Recht hätte, dass "die platonische Liebe Ausartung sei", so predigt der Schweizer, selbst dann wären die alten Griechen uns immer noch weit überlegen, denn sie haben an diesen Liebenden "göttlich gehandelt und wir teuflisch". Diese Sublimation der Sexualität zur kulturellen Blüte war denn auch "die größte Völkertat, die je geschah, die größte, welche die Sonne je auf diesem Erdball beleuchtete". Die Liebe zum heldenhaften Manne, die wie Entartung scheinen mochte, wurde von ihnen zum höchsten Heiligtum ihrer Kultur erhoben. Es war der Gedanke, den Nietzsche fünfzig Jahre später, leicht verschlüsselt, in immer neuen Variationen präsentieren sollte.

Darauf folgt in Hösslis Plädoyer nicht nur jenes Wort, das Nietzsche am Wege auflas, sondern mit ihm der Kerngedanke seines ganzen "Zarathustra"-Evangeliums: Aus den scheinbar Entarteten, so behauptet der Schweizer, schufen die Hellenen ihre unsterblichen Heldenpaare – "aus unseren Nichtmenschen bildeten sie Übermenschen."

Es war das entscheidende Wort, das Hössli im heiligen Feuer seiner Rede prägte, und das der "irrende Flüchtling", wie Nietzsche sich selbst nannte, am Wege aufgelesen haben könnte. Denn auch er fordert eine solche Kulturtat, wie Hössli sie den Griechen nachrühmt, eine welthistorische Entscheidung, die aus der entarteten Menschheit den Übermenschen hervorgehen lässt. Den Griechen, so Hössli, sei es gelungen, die gleichgeschlechtlich Liebenden mit ihrer "grausenvollen inneren Entzweiung und Nichtswürdigkeit, ihrer ewigen Heimatlosigkeit, mit ihrem Unwert, mit ihren Lastern, dem Fluch ihres Daseins" in etwas Höheres zu verwandeln. Sie hätten aufgehört, "bloß Menschen zu sein" und stünden "hoch über Gott selbst" – eben dort, wo Nietzsche seinen Übermenschen ansiedeln sollte.

Setzt man an die Stelle der entarteten, weil mit sich selbst entzweiten Homosexuellen die entartete, untergangsgeweihte Menschheit, so verwandelt sich Hösslis These in Zarathustras Lehre. Das Ziel bleibt in beiden Fällen identisch: der männerliebende Übermensch, der keinen Gott mehr kennt als seinesgleichen. Kein anderer Denker vor Nietzsche hat dergleichen zu schreiben gewagt – und Nietzsche selbst sich gehütet, einen anderen Anreger zu nennen als die mysteriösen "übermächtigen Gewalten" seiner Inspiration.

Befremdliche Vorstellung: Der Philosoph des Willens zur Macht, dessen Zarathustra-Wort "Gelobt sei, was hart macht" als offizielles Glaubensbekenntnis der SS Verwendung fand, hätte sich von einem wanderlustigen Damenschneider namens Hössli zu seinem Übermenschen inspirieren lassen? Unter der Verkleidung dieses Zukunftsmythos hätte sich das Traumbild vom befreiten, zu kultureller Blüte emporwachsenden Homosexuellen verborgen? Nietzsches "blonde Bestie", vom nationalsozialistischen Rassenwahn zum Kultobjekt erhoben, wäre in Wahrheit der natürliche Spross des Hössli’schen Hellenen?

Der Basler Professor Franz Overbeck, dem man als Verdienst anrechnet, den wahnsinnigen Nietzsche 1889 von Turin ins Basler Irrenhaus überführt zu haben, stellte sich einmal die Frage, "in wie weit Nietzsche ‚homosexual’ gewesen" sei. Im "eigentlichen Sinn durchaus nicht", schrieb der Theologe – alles andere hätte auch, zur Blütezeit des Nietzsche-Kults, einen unvorstellbaren Skandal heraufbeschworen –, "aber beschäftigt hat ihn die Sache schon sehr früh und viel, und sie ist auch unter uns in unseren einstigen Basler Gesprächen oft behandelt worden". Wer seine Schriften "ordentlich" liest, so Overbecks Empfehlung, werde "schon aus diesen genug darüber erfahren, wie es mit Nietzsches Homosexualität und seinem Interesse für die Sache stand".

Zu den Büchern, die ebenfalls Nietzsches Interesse geweckt haben dürften, ohne dass dies der Wissenschaft je aufgefallen wäre, zählen die Werke Karl Heinrich Ulrichs’. In bewusster Nachfolge des Schweizers Hössli wurde er zum bedeutendsten Vorkämpfer der Homosexuellen-Emanzipation. Ulrichs veröffentlichte seine Kampfschriften unter dem Pseudonym Numa Numantius von 1864 bis 1870 in Leipzig, wo Nietzsche damals Altphilologie studierte. Ulrichs gab ihnen allesamt, aus Tarnungsgründen, altsprachliche Titel – für den Studenten Nietzsche wohl ein weiterer Grund, sich mit der mysteriösen Reihe zu beschäftigen. Aber da weder in seiner Bibliothek noch seinen Notizen diese Namen auftauchen, hat die Forschung Ulrichs nicht zu Kenntnis genommen.

Allerdings spricht einiges dafür, dass Nietzsche selbst sie zur Kenntnis genommen hat. Mehr noch: Ohne Ulrichs These über die Entstehung der Homosexualität wäre ein bestimmter Aspekt Zarathustras kaum verständlich. Doch nicht nur dessen originelle, von Hössli inspirierte Sexualtheorie sollte ihren Niederschlag in Nietzsches Edelmenschen-Evangelium finden, sondern auch Ulrichs’ Metaphern für jenen verheimlichten Bereich, den Zarathustra auf die "glückseligen Inseln" verlegte.

Der Anwalt Karl Heinrich Ulrichs, 1825 in Ostfriesland geboren, setzte sich 1867 auf einem Juristentag als erster für die Gleichberechtigung der Homosexuellen ein. Wegen der deutschen Gesetzgebung, die ihn mit Haft bedrohte, verließ er 1880 seine Heimat, ein Jahr, nachdem Nietzsche die Brücken hinter sich abgebrochen hatte. Ulrichs lebte drei Jahre in Neapel und zog dann nach Aquila, wo er, ähnlich wie Gloeden in Taormina, intellektuelle Besucher aus dem Norden anzog.

Ulrichs Gedanken finden sich nicht nur in "Also sprach Zarathustra", sondern auch in anderen Nietzsche-Schriften wieder, teils wörtlich zitiert, teils poetisch überhöht. Vor allem der leidenschaftlich aggressive Ton, in dem Ulrichs gegen die Spießermoral ankämpft und für die Anerkennung der Männerliebe wirbt, erinnert an das meist hohle Pathos Zarathustras – hohl, weil es das, was es eigentlich sagen möchte, hinter pseudobiblischer Kunstsprache verschlüsseln muss.

Beiden geht es im Prinzip um dasselbe: Die endgültige Abrechnung mit der leib- und sexualfeindlichen Gegenwart und das Zerbrechen der Ketten, in denen der männliche Körper und seine Triebe, von Nietzsche im "Willen zur Macht" zusammengefasst, schmachten. Wie Zarathustra, den die "Guten und Gerechten hassen" und aus der Stadt vertreiben, sieht auch Ulrichs sich verfolgt; wie jener findet er Sicherheit nur auf den "glückseligen Inseln" seiner italienischen Wahlheimat.

Auch in einem entscheidenden Punkt folgt der weltverbessernde Auftritt von Nietzsches Zarathustra der Sexualtheorie des rebellischen Juristen. Bis heute blieb rätselhaft, wie Zarathustra einerseits behaupten kann, es gebe keine Seele – der Mensch ist "Leib ganz und gar, und nichts außerdem" –, während er andrerseits selbst über eine verfügt. Zarathustra, der Todfeind alles Jenseitsglaubens, besitzt eine Seele, und der Leser des Buches kann ihn oft dabei belauschen, wie er sich heimlich mit ihr unterhält. Tatsächlich spielt diese seltsame Seele in "Also sprach Zarathustra" eine entscheidende Rolle, da sie das verborgene Wesen des Propheten verkörpert. Als ein altes Weib ihm, in der vielleicht berühmtesten Szene, den Rat erteilt, sich vor Frauenbesuchen mit einem gewissen Züchtigungsinstrument zu versehen, verrät sie diese tiefe Weisheit nicht dem Mann Zarathustra, sondern eben seiner Seele.

Auch im Mittelpunkt des ergreifendsten seiner Gesänge, des "Nachtlieds", in dem er, zum Rauschen der springenden Brunnen, über seine unstillbare Sehnsucht nach einem Partner klagt, steht nicht sein gequälter Asketenleib, sondern seine Seele. "Nacht ist es: nun erst erwachen alle Lieder der Liebenden. Und auch meine Seele ist das Lied eines Liebenden." Nur zögernd offenbart der Autor deren Geheimnis, das er niemals offen auszusprechen, sondern allenfalls, in seiner barocken Bildsprache, anzudeuten wagt. So lässt er dieses innerste Wesen seines Helden "vor göttlichen Begierden schaudern", Begierden, die sich nicht nur göttlich anfühlen, sondern auch geradewegs nach dem Gotte schmachten. "Dies nämlich ist das Geheimnis der Seele", verrät er, indem er es zugleich verschlüsselt: "Erst, wenn sie der Held verlassen hat, naht ihr, im Traume – der Über-Held."

Man errät, dass Nietzsche hier auf den Mythos von Ariadne anspielt, die sich, vom geliebten Helden Theseus auf einer einsamen Insel zurückgelassen, nach dem Tode sehnt, statt dessen aber erlöst wird vom göttlichen Bräutigam Dionysos. Zwangsläufig errät man auch, dass Zarathustras Seele offenbar zum weiblichen Geschlecht gehört und sich, wie die verzweifelte Prinzessin, in Sehnsucht nach dem fernen Geliebten verzehrt, sei dies nun Dionysos, der "Über-Held" oder der Übermensch.

Dass das Geheimnis des so überaus männlichen Nietzsche in seiner weiblichen Seele besteht, hat er selbst seit Internatstagen geahnt. Schwarz auf Weiß konnte er es erst bei Ulrichs nachlesen. Dessen These, die seit den sechziger Jahren in Umlauf war, lautet: Die Gesellschaft, die über die Homosexualität den Stab bricht, hat keine Ahnung von deren wahrem Wesen; so wenig sie den Homosexuellen kennt, den sie ausgrenzt und strafrechtlich verfolgt. Die Vorstellung vom Mann, dessen Geschlechtstrieb fehlgeleitet sei, stimmt nämlich mit der Wirklichkeit nicht überein.

Streng genommen ist er gar kein Mann, sondern gehört, neben dem männlichen und weiblichen, einem "dritten Geschlecht" an. Der Homosexuelle, so Ulrichs, verkörpert eine Mischung aus beiden: In einem männlichen Körper, dies seine revolutionäre These, trägt er eine weibliche Seele. Da die Sexualität aber aus der Seele entspringt, ist es für ihn völlig natürlich, wenn er sich von Männern angezogen fühlt. Homosexualität ist also keine perverse Abart der normalen Sexualität, sondern die angeborene Triebregung des dritten Geschlechts, weshalb auch kein Grund mehr besteht, sie unter Strafe zu stellen.

Welch suggestives Bild für Nietzsche, dessen weibliches Wesen keinem seiner Freunde verborgen blieb. "Anima muliebris in corpore virili inclusa", hieß das lateinische Zauberwort, das Ulrichs seiner Aufklärungskampagne voranstellte: "Die Seele einer Frau, eingeschlossen in einem männlichen Körper", wo sie, wie Nietzsches Ariadne, mit sehnsüchtigen Frauenaugen nach dem Erlöser Ausschau hält. Auch Ulrichs fühlte sich an diesen Mythos erinnert, wenn er sagte, dass seine Entdeckung über "das weibliche Geschlecht der Seele" der einzige Faden sei, der aus dem – für die Homosexuellen tödlichen – "Labyrinth der Homosexualität" herausführe.

Für Nietzsche liegen dort die "Glückseligen Inseln". "Jenseits des Nordens, des Eises, des Todes", schrieb er im Triumphgefühl seiner Befreiung, finden sich "unser Leben, unser Glück. Wir haben das Glück entdeckt, wir wissen den Weg, wir fanden den Ausgang aus ganzen Jahrtausenden des Labyrinths".

Literatur:

Joachim Köhler, Zarathustras Geheimnis, Rowohlt 1992

Joachim Köhler, Friedrich Nietzsche und Cosima Wagner, Rowohlt 1996

Joachim Köhler, Nietzsches letzter Traum, Blessing 2000

Joachim Köhler, Nietzsche, Claassen Verlag 2001

Joachim Köhler, 1952 bei Würzburg geboren, hat 1977 über Nietzsches "Fröhliche Wissenschaft" promoviert und lebt heute als freier Schriftsteller in Hamburg. Seine vier Bücher über Nietzsche wurden in elf Sprachen übersetzt.