Hans-Georg Gadamer:
"Suchende sind wir im Grunde alle"

Farkas-Zoltán Hajdú’s Gespräch mit dem Heidelberger Philosophen

Veröffentlicht in Aufklärung & Kritik 2/2002, S. 141-149


Herr Professor Gadamer, Sie verstehen unter Hermeneutik die Fähigkeit, einem anderen zuzuhören, in der Meinung, er könnte Recht haben. Was geschieht aber mit unserer eigenen Position bei so einer Haltung? Macht uns diese Art von Bescheidenheit nicht verletzlich?

Ich kann darin keine Bescheidenheit sehen. Es ist doch keine Bescheidenheit, wenn ein anderer vielleicht Recht hat. Es ist der notwendige Zweifel, den jeder hat, der sich nicht täuschen will. Man muß doch glauben, den anderen überzeugen zu können. Und wenn Sie also die Formulierung mit dem "Recht haben" so bringen, dann ist das natürlich eine zugespitzte Formulierung. Aber als zugespitzte Formulierung sehr ernst. Ich will damit sagen: Man hat immer seine eigenen Vorurteile verkannt und kennt sie nie. Das ist der erste Satz. Haben Sie dagegen Bedenken?

Nein.

Dann ist eigentlich schon alles gesagt. Der andere hilft mir, meine eigenen Vorurteile vielleicht sogar zu modifizieren. Ich sehe darin keine Bescheidenheit. Man reitet doch nicht auf Prinzipien. Das klingt mir so, als ob ich irgend etwas aufgeben sollte; stellen Sie sich bitte nur die Tatsache vor, daß die Seele des sprachlichen Lebens das Fragen ist. Und Fragen heißt: eine ANTWORT erwarten. Etwas, was einem entgegenkommt.

Sie schreiben in einem Brief an Heidegger (1971): "...Ich weiß auch recht gut, daß gerade meine Neigung zur Moderation, fast bis zum (hermeneutischen) Prinzip erhobene Unentschiedenheit mich eingängig und zulässig macht..." – Was bedeutet die Unentschiedenheit in diesen Zusammenhang?

Das heißt, daß man Fragen hat. Wer nicht verschiedene Antworten auf eine Frage damit erwartet, hat nicht wirklich gefragt. Das Haben von Fragen, das Sehen von Fragen ist hier maßgebend.

Im Gespräch versuchen wir uns für unseren Partner zu öffnen, das heißt die gemeinsame Sache festzuhalten, in der wir zusammenstehen. Diese "gemeinsame Sache" würde mich näher interessieren. Hat dies etwa einen anthropologischen Charakter und ist in jedem auffindbar?

Nein, aber in jedem Gespräch versucht man doch so zu reden, daß der andere einen versteht. Das tun Sie jetzt auch.

Sie sprechen doch über "die gemeinsame Angelegenheit der Welt, die die sittliche und soziale Solidarität erst möglich macht" – hat die Welt eine gemeinsame Angelegenheit?

Ja, wir haben auch gemeinsame Angelegenheiten. Wir leben doch miteinander. Wir bringen uns doch nicht einfach um, sondern wir versuchen einander zu überzeugen. Immer dort, wo wir selber etwas nicht wissen und gern sehen möchten, warum der andere anders denkt.

Gibt es eine Technik des Fragestellens, wodurch wir unsere Fragen so formulieren können, daß diese sich auf die gemeinsame Sache beziehen, und der andere in unseren Fragen sich wiederfindet?

Nein, das ist nicht eine Technik, sondern das ist der Wunsch, auf unsere Fragen eine wirkliche Antwort zu bekommen. Jetzt, zum Beispiel höre ich Ihnen mit Interesse zu, weil ich noch gar nicht ahne, wo das alles hinführt. Aber ich versuche doch so zu antworten, daß Sie auch meine Sache spüren. Noch sind wir aber am Anfang, fahren wir mal fort.

Welche Voraussetzungen müssen wir mitbringen, um so ein Gespräch zu führen? Hängt das auch von unserer Bildung, unserem lexikalischen Wissen ab?

Nein, das ist nur bei rein wissenschaftlichen Fragen so. Wichtig ist, ob man einem zustimmt oder nicht. Und wenn Sie nicht zustimmen, dann fangen wir auf die Dauer an, uns zu fragen, ob wir vielleicht unrecht haben. Das gehört zum Wesen des Nichtwissens und des Fragens, des Wissenwollens. Ich weiß über diese Voraussetzungen auch nichts, aber das merkt man. Sie kommen zu mir als ein Fremder. Sie haben natürlich auch gewisse Voraussetzungen, unter anderem auch die natürlich, daß ich weiß, was Siebenbürgen ist und auch was die Ungarn sind und was sich da nun doch im Laufe dieser sich bildenden globalen Welt darin an Aufgaben stellt. Ich bin bei Gott kein Anhänger der Weltsprache, sondern der Verteidiger der Muttersprache. Und insofern habe ich natürlich ein Interesse an einem Gespräch dieser Art, wie wir es jetzt hier führen. Und bin gespannt, worauf das hinauswill. Aber ich wollte etwas dazu sagen, ob man miteinander ins Gespräch kommt... Es gibt Menschen mit denen kommt man nicht ins Gespräch. Das können sogar ganz große Denker sein. Zum Beispiel war Heidegger so einer. Mit dem konnte man kein Gespräch führen. Er versuchte nämlich einen auszufragen, ohne sich selber zu zeigen. Ja, das gibt es natürlich auch. Also, ob ein Gespräch gelingt... Heidegger war der typische Monologist. Er war natürlich viel zu klug, nicht zu wissen, daß das ein Mangel und eine Einseitigkeit ist. Aber so war sie nun einmal, diese in ihm arbeitende Denkkraft. Die hat es mir immer sehr schwer gemacht, mit ihm Gespräche zu führen. Wir haben in der letzten Zeit auch gute Gespräche geführt. Vor allem seit dem ich das Celan-Buch veröffentlicht hatte, da war er ganz begeistert, und dann schrieb er mir: "Das ist der zweite Band von Wahrheit und Methode."

Herr Professor Gadamer, den Ungarn war das Bild, das der Westen von ihnen hatte, immer sehr wichtig, was sich vielleicht aus dem Minderwertigkeitsgefühl der kleinen europäischen Völker entwickelte. Die Zugehörigkeit zur abendländischer Kultur hatte immer eine bedeutende Rolle in unserer Kultur gespielt. Wie ist Ihr Bild über die Ungarn?

Die Ungarn sind immens begabt für fremde Sprachen. Ich bin öfter in Ungarn gewesen, ich stand in Verbindung mit dem ungarischen Akademiewesen, sogar als es noch kommunistisch war. Das hat damals großes Staunen erregt. Aber das kam eben, weil ich vor allem mit der griechischen Philosophie zu tun habe, und die Akademien sind natürlich auch weiter interessiert als nur über ihren eigenen Sprachraum...

Sind wir Gefangene unserer Muttersprache? Der amerikanische Anthropologe Hall behauptet, daß wir Menschen alle in unserer kulturellen Dimension fest eingebunden sind. Wie steif ist aber unsere kulturelle Dimension? Können wir aus dieser herauskommen?

Ja, durch das Lernen anderen Sprachen.

Ist es nur die fremde Sprache, die wir lernen müssen?

Ich glaube nicht, daß es nur die Sprache ist. Wir würden nicht lernen, wenn es nur die Sprache wäre. Wir wollen etwas mit der Sprache erreichen. Wir wollen nämlich den anderen verstehen. Und die Vorurteile der anderen, und meine eigenen an deren Vorurteilen. Das nie zu vergessen!

Könnten Sie mir bitte näher erläutern, was Sie unter Vorurteilen verstehen?

Dieses nie Gewußte, was man doch an einem anderen merkt. Zum Beispiel Herr Grondin, der eine Biographie über mich geschrieben hat, der in der Sammlung aller Tatsachen, die ich ihm da so erzählte, im Grunde gesucht hat, irgendwie eine Antwort zu finden auf seine Annahmen zum Beispiel über das, was das Verhältnis der Deutschen zum Soldatentum oder zum Beamtentum ist. Er wollte, weil er das hier immer so sonderbar findet. Also wollte er sich belehren lassen. Er lernt dadurch – das war meine Hoffnung, das hat natürlich nicht immer funktioniert, aber ich hoffte es erkenntlich zu machen – warum wir in gewissen Dingen so anders sind als die Franzosen. Was hat uns so geprägt, was ist dazu gekommen? Also ich rechne zum Beispiel den Grad von Gehorsamsschulung, die wir durch die militärische Vergangenheit unseres Staatswesen haben, vor allem das Deutsche. Aber nicht nur das Deutsche, das Napoleonische war auch nicht viel anders...

In ihrer Kindheit in Breslau waren die Deutschen preußischer als die Preußen. Muß eine Minderheit ihren nationalen Charakter, ihre eigenen Vorurteile – wie Sie es nennen – mehr pflegen als die Mehrheit?

Das weiß ich im Falle Breslau nicht, aber wenn ich mir Siebenbürgen vorstelle, muß ich sagen, es ist ganz gewiß so. Sie verteidigen ihre eigene Geschichte, und das gehört sich auch so.

Was passiert aber, wenn die Geschichte der Siebenbürger Ungarn und der Rumänen in einer sehr wichtigen Frage auseinander driftet? Es geht ja nämlich um diese verdammte Frage: Wer war zuerst da? Würde ein hermeneutisches Gespräch uns da weiter helfen?

Die Hermeneutik hilft überhaupt nicht, sondern sie ist die Theorie, die sagt, was man tun muß. Und was man tun muß, muß jeder von beiden tun, wenn zwei sich verständigen sollen, und es ist nur eine Aussicht dazu, wenn man schon so weit hermeneutisch ist, daß man sagt, der andere könnte auch recht haben. Dann haben wir mir noch keineswegs Unrecht gegeben. Sondern dann fangen wir an, vielleicht die Dinge in ähnlicher Weise zu sehen und einander zu verstehen. Die Hermeneutik ist aber keine Kunst, das Verstehen ist eine Kunst. Und die Hermeneutik ist das Nachdenken eines Philosophen über die Bedingungen, aber die braucht nicht jeder zu kennen, der gut verstehen will. Das ist wieder unsere Reflexionsbegabung als Philosophen – eine Technik ist das nicht.

Das hat doch auch eine moralische Dimension?

Das glaube ich. Die stärkste Macht im menschlichen Reagieren ist doch zunächst die Selbstdurchsetzung. Und die einzuschränken ist eine Aufgabe, denn sonst ist man unerträglich.

Diese Aufgabe sollten aber nicht nur die Philosophen ernst nehmen.

Bei Gott nicht! Philosophie ist doch überhaupt nicht nur für Philosophen.

Wie könnte man aber heute, in der Welt der einseitigen Kommunikation, der Informatik, wo die Leute so wenig lesen, die Menschen dazu bewegen, daß sie mehr Philosophie lesen?

Nun, das ist eine sehr ernste Frage. Die Informatik ist selbstverständlich das Gegenteil von wirklichem Denken. Man sagt doch auch: "Ich habe mich informiert" – und das heißt: Ich weiß es jetzt, ich will gar nicht zuhören. Die Informatik ist ein sehr deutliches Symptom der Gleichmacherei unserer Zukunft. Dabei dürfen wir nicht vergessen, daß wir dadurch, daß wir sehr verschiedene Sprachen sprechen, einen großen Gewinn, eine große Chance haben, einander besser zu verstehen. Und Kompromisse zu schließen, Rücksicht zu nehmen. Ich bin leider ein sehr schlechtes Beispiel für die konkrete Durchführung eines vielsprachigen Gesprächs, denn ich gehöre zu den Kriegsgefangenen eines "dreißigjährigen Krieges", der von 1914 bis nach 1950 uns isoliert hat. Jeder Student kennt mehr von der Welt als ich. Ich habe überhaupt erst mit siebzig Jahren angefangen, Weltreisen zu machen. Erstens, weil ich viel eingeladen wurde und zweitens auch, weil ich meine Amtspflichten schon beendet hatte, schon emeritiert war. Aber damals, als ich Student war, waren wir überhaupt isoliert, wir konnten nirgends hingehen. Wir hatten doch kein Geld. Ich kann gut Französisch, weil ich das jung gelernt habe, aber ich habe nie Gelegenheit gehabt – oder doch kaum –, es in Frankreich zu vervollkommnen. Später, 1970 hatte ich die Hoffnung, nun könnte ich vielleicht nach Frankreich kommen. Aber die Franzosen wollten einen ja gar nicht. Also bin ich nach Amerika gegangen. Und ich bin dann in anderen Ländern gewesen. Aber Frankreich gehört noch immer – leider – zu den Ländern, deren Sprache ich bei weitem am besten kann...

In Amerika hatten Sie vor allem an kirchlichen Universitäten unterrichtet...

Ja, das aber nur, weil nur die katholischen Universitäten sich überhaupt für das Griechische interessierten. Griechisch braucht man nicht. Und jetzt die Vertreter der analytischen Philosophie, die heute die Katheder beherrschen, die sagen ohnehin: Das ist doch alles noch ohne Logik...

Grondin schreibt, daß die Tatsache, daß Heidegger katholisch und Sie evangelisch waren, auch Ihre unterschiedlichen Ansichten geprägt hat. Können verschiedene Religionen die Menschen in verschiedener Weise prägen?

Nun, zunächst prägt nichts einen so, daß man nicht auch über die Prägungen hinweg lernen kann. Also so arg ist es nun wirklich nicht. Heidegger hat das sein Leben lang vorgemacht. Er ist katholisch erzogen, ist dann über die protestantische Theologie von Marburg und hat schließlich aus Hölderlin seine neue Bibel gemacht. Sein Leben lang war er auf der Suche. Und das sind wir im Grunde alle. Denn was sind denn die Religionen anderes als versuchte Antworten auf dieses Suchen? Mir schwebt vor, daß die Aufgabe der Zukunft sein wird, mehr zu wissen, weniger der Missionsgedanke als die Gemeinsamkeit. Ein rationaler, antireligiöser Stolz wie etwa der Marxismus, das ist mir das Fernste. Das Fremdeste. Alles andere verdient in meinen Augen zunächst einmal die höchste Hochachtung. Auch dort habe ich natürlich das Gefühl, bitte sehr, wie ist das gekommen, warum hat ein Marx gerade das aus Hegel herausgeholt? Das sind für mich alles wichtige Fragen gewesen, immer wieder. Ich hatte ja nun indirekt mit dem Marxismus auch zu tun, als ich in Leipzig als Rektor tätig wurde, nachdem die Nazis weg waren.

Waren die Herrschaftstechniken der Marxisten anders als die der Nazis?

Nun, zunächst mal hatten die eine Philosophie, die sie einpaukten. Ich würde sagen, der Nazismus hat die Bildungsschicht nicht erreicht. Also kein Mensch hat etwa wirklich die Rassenlehre ernst genommen. Ich meine, so schrecklich das für die Betroffenen war, so ist doch davon keine Rede gewesen. Dies Eigentümliche – das ist natürlich auch eine Folge dieses wirklich etwas blinden französischen Verhaltens beim Versailler Friedensvertrag. Daraus konnte nur Böses werden. Das war doch irrsinnig, daß Königsberg getrennt war von Berlin. Das war ja der Grund, weshalb der zweite Weltkrieg entstanden ist. Es war Hitlers falsche Einschätzung, oder die seiner Ratgeber ... ja sie waren natürlich ganz fest der Meinung, daß das doch jeder einsehen müßte, daß man nicht nach diesem amerikanischen Verfahren am grünen Tisch einfach die Länder zerschneiden kann. Natürlich ist auch die Verstümmelung Ungarns ein vollkommener Wahnsinn gewesen. Aber bei Gott, auch unser deutscher Osten. Daß im übrigen Polen sehr vordringlich war, das kenne ich als Schlesier noch.

Nach Habermas hat die Gadamersche Hermeneutik die Heideggersche Provinz urbanisiert. Mich würde die Urbanisierung in weitesten Sinn interessieren. Und zwar deswegen, weil ich aus einer Region Europas komme, in der sehr lange Zeit die Dörfer die geographische und soziale Landschaft prägten. Die dörflichen Gemeinschaften bestehen teils auch noch heute aus einer Form, die im Westen schon längst der Geschichte angehört. In Siebenbürgen ist der Urbanisierungsprozess der Dörfer noch längst nicht abgeschlossen, und viele Dorfgemeinschaften pflegen noch Sitten und Bräuche aus dem Mittelalter. Sie haben sich in mehreren Ihrer Werke mit dem Ritualcharakter des Lebens beschäftigt, und Sie sagen: "Der Rahmen des Rituals in unserem Leben ist weit wichtiger als das, was sich wissenschaftlich, aber auch sprachlich objektivieren läßt."

Die Städte haben auch ihre Riten. Natürlich andere. Die Bedeutung der Stadtbildung in der griechischen Welt und dann in der römischen Welt, aber auch natürlich in Indien und Vorderasien ... aber das, was in unserer eigenen Haut sozusagen noch mitgearbeitet haben, das waren doch das Griechische, das Lateinische. Eigentlich ist das die in den Städten geformte Sprache. Und das gilt natürlich – Sie sehen das jetzt an Frankreich etwa – wie man in Paris heute redet. Wenn ich da in Paris jetzt rede, falle ich durch das gute Französisch auf. Weil ich nicht aus Algier komme. Das ist selbstverständlich richtig, was Sie sagen, nur ich weiß auch da nicht, worauf Sie zielen?

Es geht um die Fremdheit. In diesen dörflichen Gemeinschaften bestand die Welt aus dem Heimischen, aus dem "Wir" und aus den Fremden, die ab und zu mal auftauchten. Im 18. Jahrhundert, als die städtische Kultur immer stärker wurde, verschwand aber seltsamerweise diese Fremdheit, weil in den Städten plötzlich alle Leute sich als Fremde gegenüberstanden.

Diese Fremdheit ist völlig richtig beschrieben, ich kann Ihnen nur sagen, ich bin ein Schlesier, und ich bin hier ein Ausländer. Wenn die Dörfler hier von mir reden würden, so daß ich es hören könnte, bin ich sicher, sie würden sagen: Ja, ja, das sind die Ausländer. Das heißt, sie bilden – schon ganz richtig, wie Sie schildern – ihre dörfliche Tradition so selbstverständlich und diese so anders. Nun wohl, es gibt also eine Stadtkultur, es gibt eine Dorfkultur. Die Kirchen spielen eine sehr große Rolle, um das auszugleichen. Darin ist also gar kein Zweifel.

Die urbane Kultur ermöglicht dann verschiedenen Menschen verschiedener Abstammung ins Gespräch zu kommen?

Gewiß. Das ist nun die positivste Seite der Sache. Aber natürlich gibt es auch ein sehr großes Abschleifen von schönen und wertvollen Sitten. Das wäre alles nicht möglich gewesen in meiner Jugend, daß da ein Professor anruft, weil ich gestern einen Vortrag gehalten habe. Ausgeschlossen. Hätt’s nicht gegeben. Früher hatte man mehr Respekt. Man hatte doch vor einem Professor ganz anderen Respekt als heute. Ganz generell haben sich diese Respektchancen abgeschliffen. Stellen Sie sich mal vor, daß ich als Student gewagt hätte, einen alten Herren – der seit Jahrzehnten emeritiert ist – anzurufen und zu fragen: Wie soll ich dieses Buch verstehen oder was wollen Sie damit in diesem Buch sagen?

Das heißt, hier ist ein sehr wichtiger Ritus ausgestorben.

Freilich. Und bei Heidegger ist natürlich auch ein sehr starkes Bewußtsein der Scholle, wie man so sagt, also seiner Heimat, und auch seiner religiösen Heimat. Trotz aller Gottsuche hat er die Kirche nicht verlassen. Er hat nur die Theologie für unmöglich gehalten.

Herr Professor Gadamer, was ist für Sie Heimat?

Ja, ich bin ein heimatloser Nomade. Ich bin in Marburg geboren, in Breslau aufgewachsen, habe fast zwanzig Jahre in Marburg studiert, war in München oder Freiburg, dann ist Breslau verlorengegangen, ich war da in Leipzig, das hat mich natürlich in vielem an Breslau erinnert... aber Heimat? Ja, die haben wir nicht. Ich würde wohl am ehesten noch Marburg nennen, aber Marburg ist für mich heute ganz fern gerückt. Und jetzt lebe ich seit fünfzig Jahren in Heidelberg.

Ist die Heimat überhaupt ein geographischer Ort?

Nein. Es ist die Kindheit, die einen bis zum höchsten Alter begleitet. Und ich muß insofern eigentlich noch eher als Marburg Breslau nennen, denn dort bin ich aufgewachsen. Und meine Jugenderinnerungen werden immer lebhafter, je älter ich werde. Das ist auch sehr merkwürdig.

Wird ein Mensch in seiner Kindheit eigentlich für sein ganzes Leben geprägt?

Er hat seine lange Lebensgeschichte, natürlich, deswegen ist es eben keine Dauerprägung, sondern in unserer bewegten, unheimlich akademischen Welt ist es natürlich so, daß wir alle sehr beweglich sind, beweglich sein müssen. (Aber ich würde sagen, es ist auch die Hoffnung – Sie sehen es jajetzt auf dem Balkan, was für eine Tragödie sich da abspielt, es ist ja schauerlich, und ob von Washington die richtige Methode gewählt worden ist? Da kann man nur noch starr sein. Daß es wirklich möglich gewesen ist, nicht zu sehen, mit welcher Blindheit die Bekämpfung von Hitler mit Hilfe von Bomben durchgeführt worden ist, das hat jede Chance, sich von Hitler zu befreien, endgültig zu Ende gebracht. Die Zerbombung der Städte war die letzte Möglichkeit. Wissen Sie, es gibt nichts Dümmeres, als einen wilden und absolut unerschütterlichen Nationalismus mit Bomben zu bekämpfen. Der wird dadurch populär, dieser Milosevic.)

Trotz dieser Beweglichkeit gehören wir doch auch einer Nation an? Die Ungarn sagen: Nationalismus beraubt Rechte, Patriotismus dagegen verteidigt sie.

Es ist sehr schwer zu sagen, in wie weit wir Nationalisten oder Patrioten sein sollen. Die Riten gehören zum Leben. Und das ist sicherlich eine der großen Schwächen der jetzigen amerikanischen Flut, die über Europa und über die Welt wegspült, diese Form des Nominalismus, die Riten leider verachtet. Dabei haben sie selber mehr Riten, als sie zerstören.

Können wir überhaupt trennen, bis wann wir einer Nation angehören, und ab wann können wir uns als Europäer oder Weltbürger betrachten?

Dieses Dilemma kann ich sehr gut verstehen. Ich war doch in Verlegenheit zu sagen, was für mich Heimat ist. Das gibt es eigentlich nur in Schlesien, das ohnehin verloren ist. Wenn es um so ein klassisches Land wie Siebenbürgen geht, wo so viele Nationen sozusagen stehen, da kann ich diese Frage sehr verstehen. Ich würde nur sagen, nun ja, trotzdem bedeutet doch die intellektuelle Steigerung, unsere Bildung, die Möglichkeit fremde Sprachen zu lernen, die Möglichkeit natürlich auch Übersetzungen etwa der Romanliteratur... ohne den russischen Roman kann ich mir auch schwer vorstellen, daß ich hier säße. Das ist eben auch etwas, was man einfach akzeptieren muß. Ihr Dilemma, das Sie da beschreiben, nennt man Bildung. Daß man darauf verzichtet, so sehr geprägt zu sein.

Das heißt, das wir uns durch Bildung auch von diesen heimatlichen Riten entfernen?

Es gibt eine berühmte Formulierung von Hegel, die sagt, Bildung besteht darin, auch die Meinung des anderen verstehen zu wollen. Und das ist auch sehr genau, was wir empfinden, wenn wir etwa in einem Gasthaus einfache Leute reden hören, mit welcher Sicherheit sie da – so zu sagen aus Mangel an Bildung – sich alle prägen. Das ist Bildung. Ich glaube an eine Zukunft, wenn es gut geht – was hier gar nicht sicher ist, vielleicht wird es ein sehr schnelles Ende mit dem Leben auf der Erde geben, wenn die Atomenergie einmal in einem Kriege eingesetzt wird, ist es aus. Oder auch eine entsprechende Vergiftung in Form einer Waffe. Dann ist es aus. Es muß uns klar sein, daß die große Veränderung dieses Jahrhunderts darin besteht, daß die Menschen jetzt Waffen besitzen, mit denen sie nicht nur sich umbringen können, sondern die ganze Erde.

Heißt es, daß wir durch Bildung unsere Vorurteile und Riten besser verstehen können?

Im Sinne des Respekts vor dem anderen: ja. Natürlich. Wir alle versuchen, den anderen in seinen Möglichkeiten – auch wenn Sie jetzt hier vor mir sitzen, versuche ich noch ein bißchen mehr dahinterzukommen – und langsam merke ich, was Sie hierher führt. Was Sie von mir wissen wollen, weiß ich freilich nicht, aber ich kann bei diesen Dingen nur zustimmen, ich sehe das genau so. Wenn Sie da Habermas zitierten, das ist so ein bißchen, na ja, eine etwas billige Formulierung, die mein Freund Habermas manchmal hat. Ich bin ihm natürlich sehr freundschaftlich gesinnt. Er hat sich furchtbar nett, menschlich bewährt in meinen Augen. Ich habe ihm geholfen bei seiner Karriere, und er hat auch von mir gelernt – ich natürlich auch von ihm. Ich gehe aber noch einen Schritt weiter als er, in dem ich nicht so sehr an die Wissenschaft und ihre Rolle glaube – die Sozialwissenschaften sind mir sehr verdächtig. Ich glaube aber, daß das richtig ist, was Sie sagen, daß wir alle im Zusammenleben Formen des Miteinander ausbilden. Und das ist in vieler Hinsicht ein Gewinn für alles, also moralisch für jede Ehe, für jede Familie. Auch dieses müssen Sie Heidegger zu gute halten, daß er das richtig empfunden hat, wie diese neue Welt das alles zerstört. Die Informatik von heute – der Kasten in den man guckt, beim Fernsehen, wenn die Kinder ruhig sein sollen – das sind Dinge, in denen die Kraft echter Riten kaputtgeht. Und ja, in dem Sinne hat Habermas recht, wenn er von mir sagt, daß ich sehr viel verbindlicher bin, viel mehr den anderen zu verstehen suche als Heidegger, der einen sozusagen ganz in seiner Gottsuche und in seiner Denkkraft immer herausfordert. Ich versuchte immer zu sehen, so gut ich konnte, von meinen Bildungsmöglichkeiten aus, den Weg zu diesen linearen Denkern offen zu halten. Das ist mir natürlich nur in Grenzen gelungen, ich bin ja schließlich auch kein solcher Meister, aber immerhin würde ich doch sagen, das sieht Habermas schon ganz richtig, wenn er sagt, ich habe für viele den Zugang zur Heideggerschen Philosophie ermöglicht, weil ich nicht einfach davon geprägt war, sondern immer wieder langsam und mühsam den Weg zu ihm suche, wie ich es zur Dichtung tue – zum russischer Roman, oder so etwas.

Bringt die Bildung gewissermaßen auch eine Portion Unsicherheit mit?

Weil Sie dadurch Ihre Riten hinter sich glauben? Also, ich glaube das nicht so ganz, jeder bildet Riten. Es gibt natürlich Riten, die man vergißt, die sich verwischen. Aber es wäre zu schwer ohne die Riten. Die Riten, die Sie hinter sich gelassen haben, können sie jetzt als vollzogen ansehen, wie sie sagten. Also, ich finde es auch komisch, wenn ich etwas sehr Altmodischem begegne und bin selber ein gutes Beispiel natürlich, denn ich habe nicht einmal eine Schreibmaschine zu bedienen gelernt. Mein Buch habe ich noch mit der Hand geschrieben.

Bildung ist aber auch eine Sache der Erziehung?

Aber sehr! Nur was ist Erziehung? Erziehung ist Erzogenwerden. Diejenigen, die sich einbilden zu erziehen, irren sich. Die Erziehung ist etwas, was man wird. Nicht, was ein anderer macht.

Also Selbsterziehung?

Nicht Selbsterziehung, das ist auch schon viel zu hochnäsig. Nein, nein, das sind die Riten...

Intellektuelle Riten?

Ja, natürlich. Wir leben damit. Ihr Gespräch ist mir interessant, weil ich mir sehr genau denke, daß das in diesen kleinräumigen Konflikten fast ständig zum Ritus gehört.

Wie soll sich dann eine Minderheit verhalten? Soll sie ihre Riten streng aufbewahren, oder sollen wir uns öffnen, um nach der "gemeinsamen Sache" zu suchen?

Wir werden doch alle durch das Leben dazu genötigt. Ich denke, wir müssen immer so viel wie möglich von dem schützen, was uns alleine charakterisiert. Also, ich sehe daran nicht einen Gewinn, daß ich auf die Frage Heimat keine Antwort geben konnte. Aber das ist zum Beispiel bei den akademischen Berufen einfach drin. Trotzdem ist natürlich die industrielle Revolution noch viel stärker, mit ihren Folgen für die Familie.

Herr Professor Gadamer, noch eine letzte Frage: Sollen wir angesichts der heutigen Situation der Welt und unserer Zukunftsaussichten Pessimisten sein?

Pessimismus ist immer etwas Unredliches. Wir belügen uns. Wir versuchen, uns zu belügen, wenn wir Pessimisten sind. Weil wir in Wirklichkeit hoffen.

Herr Professor Gadamer, vielen Dank für dieses Gespräch.

Farkas-Zoltán Hajdú, geb. 1959 im siebenbürgischen Szeklerburg, studierte nach dem Gymnasium Philologie an der Universität Klausenburg, wo er auch promovierte. Neben der Publikation von Essays ist er in der Redaktion der Zeitschrift "Korunk", Klausenburg tätig. Sein Augenmerk gilt besonders Themen aus dem Bereich der Ethnologie, auch machte er sich als Übersetzer aus dem Deutschen und Rumänischen ins Ungarische einen Namen. Seit 1987 wohnhaft in Heidelberg.

 

Heidelberg, den 10. Mai 1999