Prof. Dr. Vallabhbhai Patel (Neuburg a.d. Donau)

Eine wissenschaftliche Ethik für politische Programme

aus: Aufklärung und Kritik 1/2002 S. 41-51



Die Bundestagswahlen stehen vor der Tür. Es werden wieder populistisch-polemische und emotionale Reden geschwungen. Es werden wieder Bierzelt- und Stammtisch-Reden gehalten. Es wird wieder der Eindruck verstärkt, daß die Politik im Wesentlichen ein Spielfeld der machthungrigen Politkarrieristen geworden ist. Begründete ethische Konzepte werden bei den politischen Rednern kaum zu erkennen sein. Alle werden häufig das Wort "Gemeinwohl" benutzen, nur um an die Macht zu kommen. Können wir uns den Luxus erlauben, uns damit abzufinden?

Es dürfte eigentlich offensichtlich sein, daß ohne Klarheit über ethische Konzepte das Gemeinwohl schwer zu realisieren ist. Die meisten ethischen Lehren sind im Grunde genommen eudämonistisch. Der Hauptunterschied liegt in der Ansicht, ob die Glückseligkeit diesseits oder jenseits des Todes liegt. Während die erste Gruppe den heteronomen Charakter zeigt, beherbergt die zweite Gruppe hauptsächlich den autonomen.

Die Schwierigkeiten der heteronomen Ethik in einer schrumpfenden Welt, wo mehrere Weltanschauungen in zunehmender Weise aufeinander treffen, verlangen Aufmerksamkeit. Der essentielle Charakter der religiösen Moral ist deren heteronomer Ursprung. Wenn aber fünf verschiedene Religionen fünf unterschiedliche Auffassungen zeigen, kann aus logischen Gründen höchstens nur eine Recht haben. Dann entsteht die Frage: Wer hat Recht und warum? Solange die Antwort darauf nicht bewiesen werden kann, bleiben diese Thesen nur Hypothesen. Ist es aber vernünftig, das Handeln, einschließlich des politischen, nach Hypothesen zu richten, die weder bewiesen noch beweisbar sind? Aus dem Urmenschen ist der moderne Mensch deswegen geworden, weil er sein Handeln auf wissenschaftliche Errungenschaften gegründet hat. Zähmung und Produzieren des Feuers mittels Feuersteine und Holzklötze war eine der großen Pionierleistungen. Wenn wir an der damaligen Einstellung, daß das Feuer durch den Feuergott verursacht wurde, hängen geblieben wären, säßen wir noch in denselben naß-klammen Höhlen anstatt in komfortablen Wohnungen.

Der moderne Mensch richtet sein Handeln nach wissenschaftlich bewiesenen Tatsachen praktisch bei jedem Handgriff, den er tut, wenn er sich dessen auch nicht bewußt sein sollte. Wenn er einen Fernsehapparat einschaltet und Bild und Ton erwartet, so hat er damit seine bejahende Haltung kundgetan zu einem Heer von Wissenschaftlern, die auf Grund von beweisbaren Tatsachen das Fernsehen erst ermöglicht haben. Ich zitiere Freud: "Es ist eine starke Zumutung an den Menschen, der gelernt hat, seine gewöhnlichen Geschäfte nach den Regeln der Erfahrung und unter Rücksicht auf die Realität zu führen, daß er die Besorgung gerade seiner intimsten Interessen einer Instanz übertragen sollte, die die Befreiung von den Vorschriften des rationalen Denkens als ihr Vorrecht in Anspruch nimmt."

Aus dem oben Gesagten geht hervor, daß es unvernünftig ist, seine Handlungen auf unbeweisbare und unbewiesene Hypothesen zu stützen, und daß es vernünftiger wäre, das Handeln auf beweisbare und bewiesene Tatsachen zu gründen. Daraus resultiert das Verlangen nach einer wissenschaftlichen Ethik, auf die der Mensch seine Handlungen, einschließlich im politischen Bereich richten sollte.

Wenn die Ethik wissenschaftlich postuliert werden kann, müßte es möglich sein, ethische Grundwerte zu postulieren, die für alle, auch für alle politischen Parteien, Gültigkeit haben.

Es gibt gewisse Schwierigkeiten hinsichtlich der Akzeptanz einer wissenschaftlichen Ethik. Zunächst einmal ist die Wissenschaft, verglichen mit der Geschichte der Menschheit ein sehr junger Zweig, die Sozialwissenschaften erst recht. Und zweitens wird im allgemeinen die Ethik als wissenschaftlich gar nicht angehbar betrachtet. In einer Gesellschaft, in der die Moral durch Religionen und dem damit verbundenen Gottesglauben in Anspruch genommen wird, ist die Befürchtung groß, daß eine wissenschaftliche Ethik zum Atheismus und Atheismus unweigerlich zu Unmoral führen wird. Moral ist aber eine menschliche und soziale Errungenschaft, die nicht mit einer übernatürlichen Quelle zusammenhängen muß.

In diesem Geist möchte ich eine wissenschaftliche Ethik präsentieren, auf deren Grundlagen sämtliche Handlungen, einschließlich der politischen, basieren könnten. Eine wissenschaftliche Ethik läßt sich, so überraschend dies auch klingen mag, am besten als eudämonistische Ethik entwickeln. Elementare biologische und psychologische Erkenntnisse einerseits sowie ein einziges, wenig problematisches, nicht-moralisches normatives Prinzip andererseits genügen zu ihrer Grundlegung.

Nun, was sind das für Fragen, die ich mir stellte und auf deren Antworten meine These basiert?

1. Was ist das Leitmotiv des menschlichen Handeln, oder: Warum tut ein Mensch, was er tut?

2. Frage: Was ist der ethische Imperativ und vor, allem warum? Anders ausgedrückt, warum muß man sich ethisch verhalten, oder noch einfacher, warum muß man "gut" sein?

Die Antwort auf die erste Frage liefert uns den Grundstein der empirischen Erkenntnis, auf der das neue ethische Gebäude, unter Zuhilfenahme der Antwort auf die zweite Frage aufgebaut wird.

Nun die Antworten auf die beiden gestellten Fragen:

I. Das Leitmotiv allen menschlichen Tuns ist der Wunsch glücklich zu sein.

II. Um glücklich zu sein, muß man "gut" sein.

Beweisführung für den II. Punkt:

1. Glücklich sein ist nur in einer gut funktionierenden Gesellschaft möglich.

2a. Man muß "gut" sein, damit die Gesellschaft funktioniert, erhalten bleibt, gedeiht.

2b. Alle Taten, die der Erhaltung bzw. dem Gedeihen der Gesellschaft dienen, werden als gut bezeichnet.

3. Also muß man, um glücklich zu sein, "gut" sein Wir wollen jetzt die einzelnen Punkte etwas ausführlicher behandeln.

Punkt I

Das Leitmotiv allen menschlichen Tuns ist der Wunsch, glücklich zu sein.

Niemand würde etwas tun wollen, was ihn unglücklich machen würde. Genauer gesagt, niemand würde etwas tun, von dem er glaubt, daß es ihn unglücklich machen würde. Man kann genauso gut sagen, man würde etwas tun, was einem nach seiner eigenen Ansicht glücklich machen würde. Es kann sein, daß die Erwartung dann nicht erfüllt wird und daß man durch eine bestimmte Handlung, anstatt glücklich zu sein, gerade Unglück heraufbeschwört. Das ändert aber nichts an der Tatsache, daß er glaubte, als er sich entschloß, die Handlung durchzuführen, daß diese ihm zu mehr Glück verhelfen würde. Es besteht keine absolute Grenze zwischen Glücklichsein und Unglücklichsein. Vielmehr verhält es sich so, wie nachfolgend skizziert:

Die Handlung eines Menschen wird von dem Wunsch geleitet, sich von links nach rechts zu bewegen. Also wird er, wenn er sehr unglücklich ist, wünschen weniger unglücklich zu sein. Es besteht demnach der Wunsch, glücklicher zu werden. Man kann diese These auch treffender ausdrücken: Das Leitmotiv allen menschlichen Tuns ist der Wunsch, glücklicher zu sein. Dabei sind Begriffe wie "glücklich sein", "sich wohl befinden" und "angenehmer Zustand" auf einer Ebene zu sehen.

Diese Erkenntnis kann man auch mit jeder beliebigen Handlung eines Menschen belegen. Es könnte der Eindruck entstehen, daß – wenn diese These stimmt und alle Menschen so egoistisch sind, daß sie im Grunde genommen nur für das eigene Glück arbeiten – die Welt zusammenbrechen müßte. Daß dies nicht so ist, sondern gerade das Gegenteil zutrifft, daß gerade durch diese Erkenntnis manche Schwierigkeiten in der Welt beseitigt werden können, hoffe ich mit dem zweiten Punkt zu beweisen.

Punkt II

Um glücklich zu sein muß man "gut" sein.

Alle Taten, die der Erhaltung bzw. dem Gedeihen der Gesellschaft dienen, werden als "gut" bezeichnet, alle Taten, die sich negativ auf das Gedeihen, das Funktionieren und die Erhaltung der Gesellschaft auswirken, als schlecht. Eine Gesellschaft, die nicht gut funktioniert, in der z.B. Mord und Diebstahl Routine ist, wo die Leute also nicht "gut" sind, kann kein Glück bescheren. Nur in der Gesellschaft, in der die Menschen auch "gut" sind, in der man die Nachbarskinder nicht verspeist, ist das glückliche Leben möglich. Man muß also "gut" sein, damit man glücklich sein kann. Diese These hat in jeder Gesellschaftsform ihre Gültigkeit, sei es eine einfache, sei es eine komplizierte Form der Gesellschaft.

Wenn eine Gesellschaft gut funktioniert, heißt dies noch lange nicht, daß der Mensch glücklich sein muß. Aber für das glückliche Leben ist eine gut funktionierende Gesellschaft eine Voraussetzung. Um dies näher zu erörtern, müßen wir auf die Ursachen des Glücklichseins und des Unglücks eingehen.

1. Ursachen des Unglückes:

Es gibt zwei Hauptgruppen: abwendbare und unabwendbare. Welche sind die abwendbaren Ursachen? Z. B. Hunger, Durst, Krankheiten, Krieg, Mord, Armut – um nur einige zu nennen. Wenden wir uns zunächst den abwendbaren Ursachen des Unglücks zu. Die Welt ist im technologischen Zeitalter kleiner geworden und wird sicherlich noch kleiner. Solange die verschiedenen Gesellschaften voneinander isoliert waren, bedeutete die Katastrophe einer Gesellschaft für eine andere, die ja womöglich von der Existenz der anderen gar nicht wußte, überhaupt nichts. So kann es z.B. in uralten Zeiten gewesen sein, daß in einer Bevölkerungsschicht die Schwindsucht wütete, während eine andere Gesellschaft, die, sagen wir einmal, etwa 100 oder 200 Kilometer oder vielleicht sogar im nächsten Tal wohnte, von dieser Krankheit gar nichts merkte. Aber die Integration verschiedener Gesellschaften schritt fort und schon heute ist etwas, was in weiter Entfernung geschieht, immer von Bedeutung für die anderen Leute, wo die sich auch befinden mögen (siehe Vietnam, Afghanistan, Aids usw.).

Es gibt aber unabwendbare Unglücksursachen, z. B. Tod eines Freundes oder Aussicht auf den eigenen Tod. Solche Unglücksursachen kommen auch in einer sehr gut funktionierenden Gesellschaft vor und sind nur damit zu bekämpfen, daß das betreffende Individuum eine entsprechende Einstellung entwickelt. Dies ist aber ein gänzlich anderes Thema und es würde zu weit führen, an dieser Stelle darauf ausführlich einzugehen. Uns geht es an dieser Stelle nur darum, die abwendbaren Unglücksursachen als Fehlfunktion der Gesellschaft zu deuten, deren Korrektur den Menschen von den betreffenden Unglücksursachen befreien, also zum Glück führen würde.

2. Beziehungen zwischen dem Individuum und der Gemeinschaft

Als ersten Punkt der These haben wir gesagt: Das Leitmotiv allen menschlichen Tuns ist der Wunsch, glücklich zu sein. Das ist das auf das Individuum selbst bezogene egoistisches Motiv. Damit ist ein Ansatzpunkt für die Konflikte zwischen einem Individuum und der Gemeinschaft gegeben. Drei Hauptfragen tauchen auf, die einer Antwort bedürfen.

– Wie ist das Glücksstreben des Einzelnen mit dem gemeinschaftlichen Interesse vereinbar?

– Inwieweit ist die individuelle Freiheit für die Gemeinschaft schädlich?

– Wie weit muß der Einzelne sein Glücksstreben im Interesse der Gemeinschaft zurückstellen?

Zunächst zur ersten Frage, inwieweit das Glücksstreben des Einzelnen mit dem Handeln im Interesse der Gemeinschaft vereinbar ist.

Der eine sieht sein Glück darin, das er anderen Menschen hilft. Der andere ist glücklich, wenn er nach Feierabend im Garten arbeiten kann. Ein General ist glücklich, wenn er eine Schlacht gewinnt, auch wenn dabei 1.000 oder 10.000 Menschen umkommen. Ein Masochist fühlt sich glücklich, wenn ihm Schmerzen zugefügt werden; ein Sadist, wenn er sie anderen bereitet. Ein Märtyrer ist glücklich, wenn er am Kreuz, Galgen oder während eines Selbstmord-Attentats stirbt. So kann die Liste, worin der Einzelne sein Glück sieht, praktisch unendlich fortgesetzt werden. Es gibt im Prinzip drei Hauptgruppen des Glücksstrebens. Ein Glücksstreben, das gegen das Interesse der Gemeinschaft ist; ein Glücksstreben, das praktisch irrelevant für das Interesse für die Gemeinschaft ist und zu guter letzt ein Glücksstreben, das auch dem Interesse der Gemeinschaft dienlich ist.

Damit ist die Antwort auf die Frage nach der Vereinbarkeit von individuellen und gemeinschaftlichem Glücksstreben praktisch schon gegeben. Die Art von Glücksstreben, die sich gegen das Interesse der Gemeinschaft richtet, ist ethisch nicht vertretbar. Die Gemeinschaft sollte im Interesse der restlichen Individuen dagegen ankämpfen. Das Glücksstreben des Einzelnen, das im Interesse der Gemeinschaft ist, muß gefördert werden. Gegen das Glücksstreben des Einzelnen, das gesellschaftspolitisch wertneutral ist, ist nichts einzuwenden. Von der quantitativen Basis her ist die Frage ähnlich zu beantworten. Je schädlicher das Verhalten einer einzelnen Person bzw. einer kleinen Personengruppe für die Gemeinschaft ist, desto stärker und energischer muß es bekämpft werden.

Diese Gedankengänge, utilitaristisch übersetzt, bedeuten: Das erstrebenswerte Ziel in einer Gemeinschaftspolitik ist, das höchstmögliche Glück für eine größtmögliche Zahl zu erreichen. Es wird immer einige unverbesserliche Individuen geben, die Glücksstreben zu verwirklichen versuchen, auch wenn dies der Gemeinschaft schadet. Diese Art des Glücksstrebens darf natürlich nicht erlaubt werden. Wie aber läßt sich das realisieren?

Der beste Weg ist natürlich die Prophylaxe. Es wäre besser, wenn diese Art von Mentalität – ein Glücksstreben gegen das Interesse der Gemeinschaft – überhaupt erst nicht entsteht, oder zumindest auf das Mindestmaß beschränkt bleibt. Dies ist die Aufgabe der Erziehung. Von Kindheit an muß dem Individuum die Sozialisation beigebracht werden. Eine wertfreie Erziehung gibt es nicht, und wenn sie schon nicht wertfrei sein kann, soll das Ziel sein, ein wertvolles Mitglied der Gemeinschaft entstehen zu lassen. Wenn die Erziehung etwas zu wünschen übrig gelassen hat, geraten nichtsozialisierte Individuen – wenn ich so nennen darf – durch ihre antisozialen Handlungen zwangsläufig in Konflikt mit den Gesetzen. Und zwar sowohl mit den vom Staat erlassenen Gesetzen als auch mit den in der Gesellschaft vorherrschenden moralischen Gesetzen, die dem Individuum sühne-ähnliche Sanktionen aufzwingen können. Die vom Staat erlassenen ebenso wie die ungeschriebenen moralischen Gesetze sollten auf sozialwissenschaftlichen Erkenntnissen basieren und nicht auf traditionellen Tabus oder überlieferten, aber veralteten, religiösen Dogmen, um flexibel zu sein und sich den verändernden Gesellschaftsformen anzupassen.

Nehmen wir jetzt den zweiten Punkt vor: Inwieweit kann die individuelle Freiheit für die Gesellschaft schädlich werden?

Wir haben in der Beweisführung für den zweiten Punkt der Grundthese folgendes gesagt: Man muß gut sein – d.h. stets so handeln, daß es dem Interesse der Gemeinschaft dient. Das soll nicht so verstanden werden, daß alle Handlungen nur auf das Gemeingut zielen müssen. Menschen bringen unterschiedliche Temperamente mit. Einer hat Freude daran, nach der Arbeit notleidenden Menschen zu helfen. Ein anderer hat Freude daran in der Freizeit sich sportlich zu betätigen. Obwohl die erste Art von Tätigkeit altruistischer ist, wäre es falsch, durch gesellschaftliche Sanktionen zu versuchen, die zweite Art von Tätigkeit zu unterbinden. Wir gehen ja davon aus, daß jeder Mensch so weit wie möglich glücklich sei soll.

Damit kommen wir zu der Frage: Wie weit muß das Individuum sein Glücksstreben im Interesse der Gemeinschaft zurückstellen?

Vom gemeinschaftlichen Standpunkt würde die Frage lauten: Wie weit darf und muß die Gemeinschaft das individuelle Verlangen nach Glück im eigenen Interesse einschränken, sei es durch Gesetze, sei es durch moralische Richtlinien oder durch politisches Handeln?

Ideal ist natürlich die Gesellschaft, in der die Individualinteressen mit den gesellschaftlichen Interessen hundertprozentig identisch sind. Dann braucht sich die Gemeinschaft nicht den Kopf zu zerbrechen, wie, wann und wie weit dem Individuum Einschränkungen aufzuerlegen sind. Aber dieser utopische Idealzustand ist wohl kaum möglich, und aus verschiedenen Gründen auch nicht erstrebenswert. Da das "Absolute" nicht möglich ist, kann man das Erstrebenswerte wissenschaftlich nur so formulieren: Eine Gesellschaftsform ist erstrebenswert, in der größtmögliche Zahl von Individualinteressen mit den größtmöglichen Zahl von gesellschaftlichen Interessen identisch sind. Da aber alle Interessen der Gemeinschaft mit allen Interessen des Individuums nicht gleich sind und nicht sein werden, wird die Gemeinschaft genötigt sein, im Falle von Interessenkonflikten das individuelle Interesse im gemeinschaftlichen Interesse einzuschränken.

Dies ist der alte Konflikt zwischen Verlangen nach eigenem Glück und Pflicht, wobei die Pflicht als Wahrnehmung der gemeinschaftlichen Interessen verstanden wird. Es entsteht eben dann die Frage: wie weit ist es ethisch vertretbar, daß die Gemeinschaft ein Individuum für altruistische Zwecke veranlaßt, seine unmittelbar persönlichen Interessen zu vernachlässigen!

Ohne auf weitere Beispiele einzugehen, möchte ich nur eine Schlußfolgerung erwähnen, zu der ich gekommen bin. Gewisses altruistisches Denken ist in einer Gesellschaft notwendig. Dies soll aber nicht solche Formen annehmen, daß das Glück einer ganzen Generation für eine zukünftige Generation geopfert wird.

Die Gemeinschaft darf das individuelle Verlangen nach Glück soweit einschränken, daß die negativen sowie die positiven Auswirkungen der Einschränkungen auf die Mitglieder der Gemeinschaft möglichst gleichermaßen verteilt sind. Diese wäre eine ausgeglichene und gerechte Politik.

Wir haben anfangs erwähnt, daß das Leitmotiv allen menschlichen Handelns der Wunsch ist, glücklich zu sein. Die Menschen handeln danach. Der Unterschied liegt darin, worin man sein Glück sieht. Es gibt Leute, die ihr Glück in der Anhäufung der Macht sehen. Durch Anhäufung von Macht kann eine Person oder eine kleine Gruppe von Personen auf das Schicksal der restlichen Mitglieder der Gemeinschaft nach ihrem Gutdünken einen bestimmenden Einfluß ausüben. Die Macht kann verschiedene Formen haben: politische, militärische, wirtschaftliche, publizistische oder eine beliebige Kombinationen davon. Wie eine einzige Person, z.B. ein Diktator, alle diese Formen der Macht nach seinem Gutdünken einsetzen kann, wissen wir zur Genüge. In den letzten Jahren kommen auch mehr und mehr die versteckten Zusammenhänge der teuflischen Methoden der Machtausübung zu Tage. Die Rolle der amerikanischen multinationalen Konzerne in der Politik der sogenannten Bananenrepubliken in Mittelamerika dürfte ausreichend bekannt sein. So konnte die United Fruit Company jahrzehntelang in manchen mittelamerikanischen Ländern Diktatoren nach Belieben auswechseln, die Hauptsache dabei war, daß ihr Grundbesitz in diesen Ländern mit maximalen Profit bewirtschaftet werden konnte. Es war sogar in ihrem Interesse, daß der Landarbeiter wie ein Leibeigener gehalten wurde, mit dem Existenzminimum als Lohn, unter menschenunwürdigen Daseinsbedingungen. Da ist ein gekaufter Diktator sehr nützlich.

Im Prinzip handeln alle großen Firmen, die sich in den Händen einer kleinen privaten Interessengruppe befinden, nach dem gleichen Prinzip: Der maximal mögliche Profit ist die Motivation, nicht das Gemeinwohl. Und alle nutzen das bestehende politische System im jeweiligen Land in entsprechender Weise aus. Ein Scheich oder ein Diktator läßt sich dafür genauso einsetzen, wie die Machtapparatur einer parlamentarischen Demokratie.

Wir haben gesehen, daß einige wenige Individuen durch die Ansammlung von großer wirtschaftliche Macht einen ungemein großen Einfluß auf die Politik einer Regierung nehmen können, die darauf ausgerichtet ist, die eigenen Interessen und nicht die der Gemeinschaft wahrzunehmen. Wie weit das Privatinteresse gegen das Interesse der Gemeinschaft gerichtet sein kann, ist abhängig von der Art der Industrie und von der wirtschaftlichen Ausdehnung der Industrie. In diesem Fall kann z.B. eine Energieindustrie eine Regierung ungleich stärker unter Druck setzen als eine Konsumgüterindustrie oder eine Handelsorganisation. Deswegen wäre es im Interesse der Gemeinschaft, über die für die Nation vitalen Industrien selbst die Kontrolle auszuüben, als dies solchen Individuen zu überlassen, auch wenn dadurch weniger Profite zu erzielen sein sollten. Denn weniger Profit ist besser als eine gegen das Interesse der Gemeinschaft gerichtete Handlung. Zu den bedeutungsschweren Industrien gehören nach meiner Ansicht zumindest die Rüstungs-, Energie- und die Schwerindustrie sowie das Bankwesen. In welcher Art der Übergang zum Gemeinschaftseigentum stattfinden sollte, möchte ich zur Diskussion stellen. Eine Art des Gemeinschaftseigentums ist z.B. eine direkte Kontrolle durch den Staat in welcher Form auch immer. Diese kann auch in Form einer Verstaatlichung geschehen. Eine hundertprozentige Verstaatlichung sämtlicher Betriebe würde eine weitgehende Unterbindung persönlicher Initiativen mit sich bringen. Dies steht aber nicht, wie wir früher festgestellt haben, in Einklang mit der Förderung des persönlichen Glückes und auch nicht im Interesse der Gemeinschaft. Die Verstaatlichung kann bis zu der Grenze gehen, an der die Nachteile die Vorteile zu überwiegen beginnen. Herauszufinden, wo diese Grenze liegt, ist die Aufgabe der Wirtschaftspsychologie, der Volkswirtschaftslehre und der Sozialwissenschaften. Ich persönlich bin der Meinung, daß zumindest alle Wirtschaftszweige, die für die Nation von vitalem Interesse sind, in die öffentliche Hand gehören. Die Kontrolle durch die Öffentlichkeit muß dabei unbedingt in Form einer Verstaatlichung erfolgen.

Wie diese praktische Frage des politischen Verhaltens bei der Kontrolle der wirtschaftlichen Macht innerhalb einer Gemeinschaft lassen sich sämtliche anderen Fragen des politischen Verhaltens anhand meiner These erörtern und daraus ergeben sich Handlungsrichtlinien, nach denen sich die eine oder andere Partei richten kann.

Grundwerte in den parteipolitischen Programmen

Wenn es auch unglaublich klingt, so haben doch alle großen politischen Parteien in der BRD die gleichen Grundwerte nämlich die Bewahrung der Würde des Menschen, Freiheit, Solidarität, Gerechtigkeit und sogar Gleichheit in leichten Variationen in ihrem Parteiprogramm. Wie kommt es, daß, obwohl die Grundwerte praktisch gleich sind, die Parteien in der Deutung dieser Grundwerte zu unterschiedlichsten Schlußfolgerungen kommen?

Nehmen wir uns die erwähnten Begriffe kurz vor:

Würde des Menschen: Eine emanzipierte Frau sieht ihre Würde darin, daß sie im Beruf und in der Familie ihren Mann steht. Ein orthodoxer Muslim sieht sich in seiner Würde verletzt, wenn ein Fremder seiner Frau auch nur einen platonischen Kuß geben würde. So wird dieser Begriff von verschieden Menschen unterschiedlich aufgefaßt.

Gleichheit: Ist Gleichheit erstrebenswert? Wenn ja, wie weit? Sollen alle Menschen gleich sein? Sind alle Menschen gleich? Oder bedeutet das Wort Gleichheit im politischen Programm nur gleiche Chancen für alle?

Solidarität: Ebenfalls ein viel strapazierter Begriff. Im Namen der Solidarität können Arbeitnehmerinteressen gemeinsam wahrgenommen werden. Aber im Namen der Solidarität für die Parteispitze kann die Basis kompromittiert werden, die Mitglieder können angehalten werden, den Mund zu halten, damit nach außen der Eindruck von Einheit erweckt wird.

Freiheit: Auch dies ein vager Begriff. Sobald der Mensch in einer Gemeinschaft lebt, ist er nie ganz frei. Er kann einfach nicht alles tun was er möchte. Die Frage ist nicht, Freiheit oder "nicht Freiheit", sondern: Wie weit frei darf ein Mitglied der Gesellschaft sein, oder wieviel Freiheiten darf es sich erlauben? Gefährlich wird der Begriff Freiheit, wenn es heißt Freiheit in Frieden. Damit kann sogar die Aufrüstung bejaht werden, weil man ja die Freiheit nur im Schutz vor dem vermeintlichen Gegner genießen kann.

Gerechtigkeit: Jede politische Partei hat Gerechtigkeit auf ihren Banner "groß" geschrieben. Wichtig ist die Frage, nicht ob Gerechtigkeit oder ob nicht, sondern worin man die Gerechtigkeit sieht. Wessen Interpretation ist richtig und warum? Ist das jeweilige Konzept von Gerechtigkeit begründbar oder ist es nur eine Kundgebung der Überzeugung und sonst nichts.

Wenn wir den Begriff Gerechtigkeit verwenden, sind die Begriffe wie Freiheit und Gleichheit als gleichrangige Begriffe notwendig? Bedeutet Unfreiheit nicht Ungerechtigkeit? Bedeuten ungleiche Chancen für alle nicht auch Ungerechtigkeit? Ist Gerechtigkeit vielleicht doch nicht der Oberbegriff? Dann wäre es wichtig, einen begründbaren Maßstab zu entwickeln, woran die Gerechtigkeit gemessen werden kann. Es ist offensichtlich, daß man ein konstruktives und exaktes Parteiprogramm nicht mit vagen, vielseitig deutbaren Begriffen gestalten kann. Man muß vielmehr einen völlig anderen Weg einschlagen.

Ethische Konzepte auf deren Basis ja die politischen Grundwerte entwickelt werden, wenn sie Allgemeingültigkeit erlangen sollen, müssen wissenschaftlich begründet sein, damit nicht jeder sie nach seinem Gutdünken interpretieren kann.

Zusammenfassung:

Ich habe eine These vorgestellt, auf deren Basis sich die ethischen Zielsetzungen in praktischer Politik entwickeln lassen.

Als Ausgangspunkt der These wurde gesagt, daß das Leitmotiv des menschlichen Handelns der Wunsch ist, glücklicher zu sein. Dabei möchte ich betonen, daß das Verlangen nach Glück kein ethischer Imperativ ist sondern eine empirische Erkenntnis. Als zweiter Punkt wurde gesagt, daß, um glücklich zu sein, muß man gut sein. Die daraus resultierenden Schlußfolgerungen, die in jeglichen menschlichen Handeln, auch im politischen Handeln ihren Ausdruck finden, wurden bereits im Rahmen der Ausführungen erwähnt. Als eine Art Zusammenfassung möchte ich einige wichtige Punkte erwähnen.

Wir hatten festgestellt, daß die Realisierung des Utopiezustandes eines hundertprozentigen Glücks für alle Mitglieder der Gesellschaft aus verschiedenen Gründen als nicht möglich erscheint. Deswegen kann man nur meinen, daß man höchstens das maximal mögliche Glück für die größtmögliche Anzahl von Menschen anstreben kann, an dessen oberster Skala das hundertprozentige Glück für alle Mitglieder der Gesellschaft steht. Ob dieses Ziel durch sozialistische Methoden, kapitalistische Methoden oder eine Mischung der beiden Methoden in unterschiedlicher Prozentzahl zu erreichen ist, ist abhängig von der jeweiligen Gesellschaftsform. So können in Brasilien z.B. 90 % sozialistische und 10 % kapitalistische Methoden und in Italien 70 % sozialistische und 30% kapitalistische Methoden zum Ziel führen. Diese sind völlig willkürliche Zahlen und nach 20 Jahren können die Verhältnisse in ein und demselben Land völlig anders sein.

Diese Ausführungen wollen Anlaß zum Nachdenken geben, ob Kapitalismus oder Kommunismus der richtige Weg sei, nicht die richtige Fragestellung darstellen.

Die richtige Fragestellung wäre eher, wie erreicht man das maximal mögliche Glück für die größtmögliche Zahl der Mitglieder der Gesellschaft. Das freie Spiel der Privatinitiative und die Vergesellschaftung kann dann in geographisch, zeitlich und sozialpolitisch von einander entfernten Gemeinschaftsformen in unterschiedlichen Maßen eingesetzt werden, je nach dem, was für die jeweiligen Gemeinschaft gut ist.

Anhand eines Beispieles hatte ich in meinen Ausführungen erwähnt, daß die These nicht nur reine Theorie ist, sondern daraus Anleitungen zum Handeln in der Politik ableitbar sind. Lassen Sie mich bitte in diesem Zusammenhang nur eine weitergehende Schlußfolgerung wiederholen: Eine winzig kleine Gruppe kann im reinen Eigeninteresse, nicht am Gemeinwohl motiviert, durch Ansammlung von wirtschaftlicher Macht einen ungemein großen politischen Einfluß ausüben. Deswegen gehören Schlüsselindustrien, wie z.B. Rüstungs- und Energieindustrien sowie wirtschaftlich mächtige Imperien, einschließlich des Bankwesens in öffentliche Hand, wenn wie bisher eine effektive Kontrolle derselben durch die Öffentlichkeit nicht möglich ist.

Wie für die Wirtschaft lassen sich in anderen Bereichen des praktischen politischen Handelns Richtlinien aus der hier vorgestellten These entwickeln. Im Interesse des Gemeinwohls muß das politische Handeln, sowie jedes andere Handeln, auf bewiesenen und beweisbaren ethischen Konzepten basieren und nicht auf heteronomen ethischen Imperativen oder Hypothesen womöglich übernatürlichen Ursprungs.

Literatur:

V. J. Patel: Das Glück liegt diesseits des Todes

David Ross: The right and the good

C. D. Broad: Five types of ethical theory

Ernest Albee: A history of english utilitarianism

Brand Blanshard: Reason and Belief

Brand Blanshard: Reason and analysis

Bertrand Russell: Scientific outlook

John Rawls: A theory of justice

Prof. Dr. med. Dipl. rer. nat. Vallabhbhai J. Patel, geb. 1934 in Indien, Abitur 1948, Studium der Zoologie, Dozent an der Baroda Unviersität, 1954-1959 Studium der Medizin in Bonn, Promotion 1960, bis 1999 Leitender Oberarzt und Stellvertretender Chefarzt in Ingolstadt; seither Urologische Privatpraxis in Neuburg. Seit 26 Jahren kostenlose Operationstätigkeit in Indien, 1996 Silber-Distel-Auszeichnung der Augsburger Allgemeinen.

Diverse Publikationen sowie Vorträge auf nationalen und internationalen Kongressen; "Das Glück liegt diesseits des Todes" zur wissenschaftlichen Ethik erschienen im ein-FACH-verlag Aachen 1998; seit 1996 Stadtrat für die SPD in Neuburg a. d. Donau.