Dr. Gerhard Engel (Mainz)

Wissen, soziale Ordnung und Ordnungspolitik

Aufklärung und Kritik Sonderheft 5 / 2001 S. 111 ff.


"Eines der interessantesten Probleme des modernen philosophischen Denkens geht auf die Einsicht zurück, daß die menschliche Erkenntnis eine soziale Dimension hat."

Hans Albert(1)

1. Das Wissen und seine Voraussetzungen

Wenn wir "die Welt erkennen" wollen, dann scheint das auf den ersten Blick ganz einfach zu sein: Wir müssen offenbar nur "hinsehen", um so etwas wie "Wissen" zu erlangen. Auf diese Weise lösen wir schließlich viele unserer Alltagsprobleme, etwa wenn wir "wissen" wollen, ob der Bus kommt, ob es draußen regnet oder wie eine bestimmte Fußballmannschaft gestern gespielt hat.

Die Antworten auf solche alltagsbezogenen Fragen bilden einen wesentlichen Bestandteil dessen, was man Alltagswissen nennen könnte.(2) Die Leichtigkeit, mit der wir es als erwachsener Mensch erwerben, täuscht allerdings darüber hinweg, dass unsere kognitiven Leistungen nur auf Grund erheblicher Investitionen zu Stande kommen, nämlich durch mühsame und langwährende Lernprozesse, die besonders im frühkindlichen Alter weniger durch "Hinsehen" als durch Handeln geprägt sind. In einem Wechselspiel aus genetisch präformierten Erwartungen und Verhaltensschemata einerseits und der Umwelt andererseits erwerben wir in diesem Lebensalter die Grundlagen für eine erfolgreiche Auseinandersetzung mit der Alltagswelt.(3)

Das Alltagswissen beschränkt sich nun nicht auf eine Sammlung kontingenter Fakten, also auf Tatsachen, die so, aber ohne weiteres auch anders sein könnten. In ihm sind auch rudimentäre Theorien enthalten – beispielsweise Vermutungen über die Entwicklung des Wetters in den nächsten Wochen und Monaten, wie sie in den empirisch durchaus nicht völlig gehaltlosen Bauernregeln zum Ausdruck kommen; oder auch Vermutungen über die Existenz von Dingen, die man nicht sieht; oder über die Konstanz von Masse und Volumen bei Dingen, deren Form sich ändert. Kurz: Auch der Alltagsverstand theoretisiert.(4)

Unser Alltagswissen ist also nur zu einem gewissen Teil ein Ergebnis von einfachen Beobachtungen. Dies gilt erst recht für das wissenschaftliche Wissen, das unsere vorwissenschaftlichen Versuche, die Vorgänge um uns herum zu erklären, systematisch und kritisch rekonstruiert. Auch die Wissenschaft ist eben nicht einfach das Ergebnis von Beobachtungen; wäre es so, müsste beispielsweise erklärt werden, warum die Menschen nicht schon viel früher alles das gewusst haben, was wir heute wissen. Der Hauptgrund dafür ist, dass wir nicht nur und vielleicht noch nicht einmal in erster Linie genauer hinsehen, sondern vor allem umdenken müssen, wenn wir einen kognitiven Fortschritt erzielen wollen. In der Sprache der (onto-)genetischen Erkenntnistheorie Jean Piagets ausgedrückt: Kognitiver Fortschritt besteht gerade nicht in der bloßen Assimilation (Aufnahme) von Umweltinformationen, sondern in der Akkomodation, also in der Veränderung der Art und Weise, wie wir solche Informationen verarbeiten.(5)

Die Faszination der Entdeckung, dass wir unser Wissen nicht nur durch Beobachtung, sondern auch und vielleicht sogar in erster Linie durch das theoretische Denken voranbringen können, ist besonders in der frühgriechischen Philosophie spürbar. Mit Karl Popper können wir die naturphilosophischen Spekulationen der Vorsokratiker als eine geordnete Reihe von Versuchen deuten, kosmologische Weltbilder durch theoretische Phantasie und rationale Kritik zu verbessern.(6) Diese Methode von "Konstruktion und Kritik"(7) ist nun nicht nur auf theoretischem Gebiet fruchtbar, sondern gerade auch auf dem der empirischen Beobachtung. Denn in der Wissenschaft kritisieren wir auch Beobachtungen und die ihnen zugrunde liegenden Theorien; und wir versuchen, immer bessere und genauere Beobachtungsinstrumente zu konstruieren. Die Wissenschaft prüft ihre Theorien also nicht einfach an Hand von Alltagsbeobachtungen, sondern durch methodisch kontrollierte Beobachtungen. Sie kann daher das Alltagswissen nicht selten oft schon bei der Beschreibung dessen korrigieren, was der Fall ist, und nicht erst bei der Erklärung, warum etwas der Fall ist. Durch die Entwicklung von natur- und sozialwissenschaftlichen Messmethoden sind die Wissenschaften dem Alltagsverstand und der Alltagsbeobachtung also inzwischen auch schon auf dem Gebiet der Beschreibung überlegen. Damit hat die Wissenschaft gezeigt, dass unser so selbstgewisses Alltagswissen falsch sein kann – und in vielen Fällen auch falsch ist. Und sie hat akzeptieren müssen, dass auch ihre eigenen Antworten von dieser prinzipiellen Fehlbarkeit nicht ausgenommen sind: Auch in der Wissenschaft irren wir uns (empor).(8) Mit Karl Popper und Hans Albert können wir daher das Wechselspiel von Vermutungen und Widerlegungen bzw. von Konstruktion und Kritik als charakteristisch für jede Art von menschlichen Lernprozessen ansehen.(9)

Die Tatsache, dass wir uns irren können, lässt die Frage nach den Voraussetzungen unseres Erkennens entstehen; denn Instrumente, die fehlerhaft sind oder zumindest nicht immer erwartungsgemäß funktionieren, sollte man vielleicht doch einmal genauer prüfen. Seit der Entstehung der modernen Humanwissenschaften im 19. Jahrhundert sind nun zahlreiche dieser Voraussetzungen ausführlich untersucht worden. So besteht beispielsweise eine psycho(bio-)logische Voraussetzung unseres Wissens darin, dass wir Lebewesen sind und damit über Sinnesorgane verfügen, die sich in der Evolution entwickelt und bewährt haben. Das bedeutet: Unsere Sinnesorgane liefern keine perfekten oder vollständigen, sondern lediglich überlebensrelevante Informationen über die Welt; und unter bestimmten Bedingungen, wie sie etwa bei optischen Täuschungen vorliegen, können sie uns sogar in die Irre führen. Unser Wahrnehmungsapparat bildet also nicht einfach "die Welt" ab; vielmehr gehorcht er evolutionär erklärbaren Eigengesetzlichkeiten, die begründete Zweifel an der Auffassung nahe legen, dass wir mit unseren Sinnesorganen ein stets verlässliches Instrument der Welterfassung besitzen.(10)

Aber nicht nur die Ebene der Sinnesorgane und der Beobachtung wurde seit dem 19. Jahrhundert genauer untersucht. Auch die Logik und die wissenschaftliche Methode selbst wurden als Instrumente des theoretischen Denkens, als "Denkzeuge",(11) einer eingehenderen Betrachtung unterzogen. Seit Gottlob Frege im späten 19. Jahrhundert die Grundlagen der aristotelischen Logik verwarf und an ihre Stelle eine Logik setzte, die wir als eine formale Theorie der Wahrheitsübertragung innerhalb von Aussagezusammenhängen auffassen können,(12) werden die methodologischen Voraussetzungen der Wissenschaft von den Disziplinen der Logik, der Wissenschaftstheorie und der Methodologie untersucht. Die Wissenschaftstheorie ist dabei die systematische Untersuchung unseres wissenschaftlichen Wissens: Sie untersucht nicht die Welt, sondern unser Wissen von der Welt. Sie stellt und beantwortet Fragen, die für alle Disziplinen von Bedeutung sind, etwa: Was ist eine Erklärung? Welche Formen von Definitionen gibt es? Was verstehen wir unter einem Naturgesetz? Was ist das Ziel der Wissenschaft – oder gibt es sogar mehrere solcher Ziele? In der Methodologie dagegen geht es um die Untersuchung der Methoden einer bestimmten Wissenschaft:(13) Wie gehen Wissenschaftler einer wissenschaftlichen Einzeldisziplin wie etwa der Biologie vor? Von welchen Voraussetzungen gehen sie aus? Und sind diese Voraussetzungen haltbar?

Um Wissenschaft treiben zu können, benötigen wir jedoch nicht nur Sinnesorgane, Theorien und Methoden. Wir benötigen auch ein soziales Umfeld, das die kritische Untersuchung unserer Auffassungen ermöglicht und fördert. Und damit gibt es auch soziale Voraussetzungen der Wissenschaft.

Zunächst einmal ist die Wissenschaft selbst eine soziale Veranstaltung. Wir erörtern die Auffassungen anderer Menschen; wir tragen unsere eigenen Auffassungen anderen Menschen vor; und wir hoffen, dass wir andere Menschen davon überzeugen können, ihre Meinung zugunsten unserer eigenen Meinung aufzugeben. Und dies ist nicht leicht: "Ein Wissenschaftler mag seine Theorie mit der vollen Überzeugung ihrer Unangreifbarkeit vorbringen. Dies wird seine wissenschaftlichen Kollegen nicht unbedingt beeindrucken; es fordert sie vielmehr heraus."(14) In diesem Diskussionsprozess schält sich allmählich diejenige Auffassung heraus, die der Kritik am besten widerstehen kann.

Aber wenn die Wissenschaft eine soziale Veranstaltung ist, dann müssen wir auch bei ihr mit sozialtypischen Risiken rechnen. Denn man kann sich gegen Kritik ja nicht nur mit Argumenten, sondern auch mit Ignoranz, gesellschaftlichem Druck(15) und letztlich auch mit der Schusswaffe zur Wehr setzen. Und in der gleichen Weise, wie gelegentlich an europäischen Grenzen von aufgebrachten Bauern ganze Lastwagenladungen von Rindfleisch oder Tomaten ausländischer Herkunft vernichtet werden, um die heimischen Arbeitsplätze (also die Bedingungen, unter denen man die Konsumenten zu versorgen bereit ist) zu "schützen", gibt es auch einen "kognitiven Protektionismus",(16) der darauf abzielt, überkommene Wissensinhalte gegen Konkurrenz und Kritik abzuschirmen. Der Schutz des Produzenten geht aber immer auf Kosten des Konsumenten – bei der Agrarproduktion nicht anders als in der Wissenschaft: Im einen Fall stellt man ihn ökonomisch schlechter, was moralisch fragwürdig ist; im anderen Fall stellt man ihn informationell schlechter, was wissenschaftsethisch fragwürdig ist.

Angesichts vielfältiger protektionistischer Tendenzen stellt sich die Frage, wie es überhaupt zur Durchsetzung eines gesellschaftlichen Systems kommen konnte, in dem sowohl im wirtschaftlichen als auch im intellektuellen Bereich Konkurrenz nicht nur möglich, sondern auch systematisch erwünscht ist und sogar staatlich geschützt wird. Mit anderen Worten: Wir haben hier das Rätsel des europäischen Sonderweges vor uns,(17) das wir vielleicht so formulieren können: Warum kam es zuerst in Nordwesteuropa zur Ausprägung einer erfolgreichen Wirtschaftsentwicklung, und warum sind Länder wie Indien und China trotz beeindruckender Anfangserfolge ökonomisch so überaus rückständig geblieben? Warum gibt es im nordatlantischen Raum so große Unterschiede in Zeitpunkt und Schnelligkeit der ökonomischen Entwicklung? Und warum hat der Okzident rationalisierte Formen von Wissenschaft und Wirtschaft, Recht, Kunst und Musik entwickelt, die zu seiner jetzigen Führungsrolle entscheidend beigetragen haben?(18) Wie bereits Max Weber erkannte, ist dies insofern bemerkenswert, als diese Entwicklungen ausgerechnet in einer geografisch zerfaserten Region am Rande der asiatischen Landmasse stattfand, nämlich in Europa, das damit zum Ursprung und Motor einer Entwicklung werden konnte, die unsere Welt in vielen Bereichen stark verändert hat: "Es ist der Weg, der auch zur Entstehung und Entwicklung der modernen Wissenschaften und zur Entstehung der modernen Kultur geführt hat, die in kognitiver Hinsicht durch diese Wissenschaften geprägt ist und die sich in den letzten hundert Jahren über die ganze Welt ausgebreitet hat."(19) Dieser europäische Sonderweg umfasst vor allem die Entwicklung

– zu einem demokratischen Rechts- und Verfassungsstaat;

– zu einer modernen Natur- und Sozialwissenschaft;

– zu einer Kunstmusik mit einem besonderen Grad an Rationalität und Dynamik;(20)

– zu einem säkularen Staat, in dem Religion und Staat bereits in wesentlichen Bereichen getrennt sind und daher die Gefahr religiöser Konflikte verringert wurde; und

– zu einer Wirtschaftsform, in der eine geregelte Marktkonkurrenz etabliert wurde, die Ressourcen rational, d.h. sparsam und effizient nutzen kann und Konsumentenwünsche optimal befriedigt.

Wir haben mit dem "europäischen Wunder", wie Eric Jones es mit Recht nannte,(21) demnach eine Entwicklung vor (und hinter) uns, die die Welt zweifellos grundlegend verändert hat und weiter verändern wird. Gehen wir daher zunächst einigen Faktoren nach, die für diese Entwicklung in der Vergangenheit verantwortlich waren.

2. Der europäische Sonderweg und das Wissen

"Die Frage der Voraussetzungen der Wissenschaft lässt sich in ihrer schärfsten Form stellen, indem man fragt, warum sich die Wissenschaft in Europa des 17. Jahrhunderts entwickelte und in keiner der großen antiken Kulturen." Peter Hodgson(22)

Es ist eine folgenreiche Einsicht der modernen Ordnungstheorie, dass die gesellschaftlichen Teilordnungen wie etwa die Wirtschaftsordnung und die Rechtsordnung nicht in einem hierarchischen Verhältnis stehen, sondern einander gleichgeordnet sind und sich daher auch gegenseitig beeinflussen. Bereits diese These von der Interdependenz der gesellschaftlichen Teilordnungen(23) zwingt bei ihrer Anwendung auf historische Prozesse zu einer interdisziplinären Betrachtungsweise. Keine Disziplin, kein isolierter Gesichtspunkt kann hier für sich allein genügen, um eine so komplexe Frage wie die Max Webers nach den Ursachen des europäischen Sonderweges befriedigend zu behandeln. Kulturgeschichte, Rechtssystem, Wirtschaftsordnung, Militärpolitik, Bodenbeschaffenheit und Klima, ja sogar die Geografie sowie Flora und Fauna eines geographisch abgrenzbaren Gebietes müssen vergleichend untersucht werden, wenn man diese Frage angemessen beantworten will.(24) Welche Forschungsergebnisse sind nun für unsere Leitfrage nach den Voraussetzungen des Wissens von Bedeutung?

Beginnen wir mit einer ideellen Voraussetzung der westlichen Wissenschaft. Wenn Max Weber und Samuel Huntington damit Recht haben, dass Kulturen am besten über die in ihnen vorherrschenden Religionen definiert werden können,(25) dann ist die Frage nach der Entstehung der neuzeitlichen Wissenschaft zumindest auch eine Frage nach der produktiven Differenz, die das Christentum von anderen Religionen unterscheidet. Dazu zählt zum einen das Abrücken vom "zyklischen Determinismus",(26) wie ihn die Antike kannte: In einer Kosmologie, in der der Himmel als göttlich galt und die in ihm zu beobachtenden Kreisbewegungen als ideale Bewegungsform galten, hatte das Trägheitsprinzip keinen Platz. Denn die Annahme, dass ein einmal angestoßenes Teilchen ohne ablenkende Kräfte sich in einen unendlichen Raum hinein weiterbewegen wird, konnte weder mit einer zyklischen Weltauffassung noch mit der Vorstellung von der Endlichkeit der Welt in Übereinstimmung gebracht werden. Zum zweiten förderte die theologische Vorstellung, dass der Schöpfer der Welt seine Vernunft und Allmacht im Akt des Schaffens einmalig gezeigt habe, die Unterscheidung zwischen Strukturprinzipien der Welt und kontingenten Fakten (modern gesprochen: zwischen Naturgesetzen und Randbedingungen). Nun musste man nicht mehr hinter jedem unerwarteten Ereignis das Walten göttlicher Mächte (oder Allahs) befürchten, sondern konnte sie als Test dafür ansehen, ob man schon in genügender Weise die Strukturprinzipien verstanden hatte, in denen allein sich Gott offenbarte. Diese anti-animistische Einstellung förderte eine nüchterne Naturbeobachtung mit dem Ziel, auf diese Weise dem Plan des Schöpfers auf die Spur zu kommen. Damit wurden die theoretische Neugier, aber auch die Bereitschaft zur Mitteilung der gewonnenen Ergebnisse, also eine Diskussionskultur, entscheidend gefördert – schließlich verbindet das Wissen um Gottes Großen Plan alle Christen. In dieser Hinsicht "... ist die abendländische Kultur ohne Zweifel in entscheidender Weise durch das Christentum geprägt worden."(27) Das Christentum seinerseits hat jedoch jüdische Wurzeln; daher konnte im westlichen Kulturkreis die tatkräftige Gestaltung des Diesseits einen höheren moralischen Rang einnehmen als das gottergebene Warten auf das jenseitige Paradies – mit allen Folgen für die Arbeitsmotivation und die Ansprüche an die Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens im Diesseits.

Jedoch: "So wichtig auch der religiöse Glaube schon wegen seiner praktischen Wirkungen für die Entwicklung Europas gewesen ist, der folgenreichste Bestandteil des europäischen Erbes scheint doch die dem griechischen Denken entstammende autonome Wissenschaft zu sein, die in ihrem Erkenntnisstreben auf unvoreingenommene Wahrheitssuche eingestellt ist und gerade dadurch vorher ungeahnte Möglichkeiten technischer Konstruktion erschlossen hat. Sie ist die dominante und typische Wissensform der modernen Industriegesellschaft, die sich von den Wissensformen aller anderen Kulturen in charakteristischer Weise unterscheidet, und ist daher für den europäischen Sonderweg von besonderer Bedeutung."(28) Nach Vorarbeiten im Hochmittelalter gelang es in der Renaissance, diese Tradition in den christlichen Kulturkreis produktiv einzubinden; und in der Aufklärung wiederum gelang es, sich von religiösen Auffassungsformen von Natur und Gesellschaft zu befreien, die mit einer naturalistischen Betrachtungsweise nicht vereinbar waren. Daher ist das theoretische und wahrheitsorientierte Denken, wie wir es von den Griechen übernehmen konnten, eine weitere, sogar entscheidende Voraussetzung des heutigen Wissens: Sachgerechtes Wissen kommt nicht dadurch zu Stande, dass wir uns einander warmherzig recht geben (wie manche Theoretiker einer kommunikativen Vernunft glauben zu können meinen),(29) sondern indem wir uns ohne Rücksicht auf Mode und Meinung über die Strukturen der Welt klar zu werden versuchen, wie sie sind – und nicht darüber, wie wir sie uns wünschen.

Aber um Wissenschaft treiben zu können, braucht man nicht nur Ideen, sondern (leider) auch Geld. Ökonomisch gesehen setzte der Aufschwung der westlichen Wissenschaft demnach voraus, dass es gelang, eine hinreichend große Anzahl von Menschen von der Subsistenzwirtschaft freizusetzen – einer Wirtschaft, in der man etwa genau so viel produziert, wie man selbst verbraucht. Erst als die Produktivität der Landwirtschaft so gesteigert werden konnte, dass eine nennenswerte Anzahl von Menschen von der Landwirtschaft leben konnte, ohne in ihr zu arbeiten, war der Weg zur Wissenschaft offen. In diesem Punkt unterscheiden sich die Hochkulturen erheblich: In China beispielsweise war noch im Jahre 1880 ein Bevölkerungsanteil von nur 2,5% unabhängig von der Subsistenzwirtschaft; in Europa dagegen konnten 15% der Bevölkerung von der Bauernschaft ernährt werden – und zwar schon im Jahre 1400.

Dabei genügte es nicht, nur die künftigen Wissenschaftler selbst von der Arbeit in der Landwirtschaft freizustellen. Zu einer florierenden Wissenschaftskultur gehörten neben den Kopfarbeitern auch Handwerker und Feinmechaniker, die bestimmte, für naturwissenschaftliche Experimente notwendige Geräte herstellen konnten; Buchdrucker und Druckmaschinen-Hersteller, um das seit dem 15. Jahrhundert durch Johannes Gutenberg möglich gewordene Kommunikationsmittel "Buch" herstellen und nutzen zu können; und ein florierendes Transportwesen, um Menschen und Material transportieren zu können und damit einen intensiveren Austausch von Ideen zu ermöglichen. Steigende Produktivität ist aber an den Aufbau eines Kapitalstocks gebunden – und damit an gesellschaftliche Voraussetzungen, die auf Seiten der Bürger Konsumverzicht und auf Seiten des Staates den Entschluss bedeuteten, Besteuerungsgrenzen zu beachten, um der produktiven Bevölkerung nicht die Leistungsanreize zu nehmen. Aber was kann einen Herrscher überhaupt dazu motivieren, den Beherrschten solche Eigentumsrechte zuzugestehen?

Wie Eric Jones gezeigt hat, war die politische Fragmentierung Europas eine zum "europäischen Wunder" entscheidend beitragende Bedingung. Sie wurde durch die geografische Zersplitterung gefördert: In Europa setzten bestimmte geografische Hindernisse dem Expansionsdrang von Staaten natürliche Grenzen.(30) Die relative Kleinflächigkeit europäischer Staaten legte den Herrschern weitere Beschränkungen bei der Ausbeutung ihrer Untertanen auf. Verweigerten sie ihnen nämlich bestimmte Rechte wie zum Beispiel das Recht, ohne konfiskatorische Besteuerung Handel zu treiben, riskierten sie, dass gerade die aktivsten und produktivsten Teile der Bevölkerung abwanderten und damit die relative Position der jeweiligen Herrscher im Staatensystem schwächten. Gerade die europäischen Herrscher hatten demnach einen Anreiz, Rechtsverhältnisse zu schaffen, die Bevölkerung und Wirtschaft wachsen ließen; schließlich musste man für die militärischen Auseinandersetzungen mit konkurrierenden Kleinstaaten möglichst gut gerüstet sein.(31)

Der sich beschleunigende Fortschritt der Naturwissenschaften verstärkte die europäische Entwicklungsdynamik auf politischem Gebiet sogar noch: Weil die Naturwissenschaften eine Schlüsselrolle für die militärische Technologie spielten (und immer noch spielen), waren nur diejenigen Gesellschaften dauerhaft konkurrenzfähig, die den Fortschritt der Wissenschaften (komparativ) förderten.(32) Größere Rechte für die Bürger waren also kein Geschenk, sondern ein erzwungenes Zugeständnis an die Beherrschten. Dies gilt auch heute noch: Die Konkurrenz um Kapital (und damit um qualifizierte Arbeitsplätze) im Zuge der Globalisierung zwingt Regierungen zur Änderung von Rechtsnormen, um im internationalen Wettbewerb nicht zurückzufallen. Die Veränderung des Rechtssystems zu größerer Liberalität, zu Menschenrechten und politischen Grundrechten konnte sich, historisch gesehen, also nur unter besonderen und einmaligen Bedingungen gegen das dominierende Eigeninteresse der Individuen durchsetzen.

Aber es genügt nicht, Wissenschaftler nur zu bezahlen. Soll das gewonnene Wissen seine Produktivität entfalten können, benötigen sie einen Freiraum, ihre Theorien zu entwickeln und zu verbreiten. Der so entstehende Einfluss des Wissens auf die Gesellschaft muss mindestens toleriert, wenn nicht gar gefördert werden. Das aber führte (und führt) zu Interessenkonflikten zwischen Macht und Geist. Daher bildete es eine entscheidende Voraussetzung der Entstehung der europäischen Wissenschaft, "... daß es im europäischen Sozialgefüge eine ganze Reihe institutionell gegen kirchliche Einwirkungsmöglichkeiten mehr oder minder geschützte Nischen gab, in denen freie Forschung möglich war."(33) Zwar sollte man m.E. nicht übersehen, dass die mittelalterlichen Klöster gerade jene Nischen gewesen sind, in denen sich allmählich ein wissenschaftskompatibles theologisches Denken (und nicht selten auch ein echtes wissenschaftliches Denken) herausbildete. Aber spätestens mit der Aufklärung kam es dann tatsächlich zu Konflikten zwischen Kirche und Wissenschaft, die oft genug nur durch Abwanderung entschärft werden konnten.(34) Die Wissenschaft musste sich dabei gleich gegen zwei gesellschaftliche Kräfte zur Wehr setzen: zum einen gegen die Kirche, deren theologisch begründetes Weltbild mit den Naturwissenschaften immer stärker kollidierte, und zum anderen gegen den Staat, der entweder eng mit der Kirche verbunden war und schon deshalb kein Interesse hatte, ketzerischen Ideen zu viel Raum zu geben, oder dessen legitimatorische Grundlagen auf Argumenten beruhten, die von den Natur- und Sozialwissenschaften in Frage gestellt wurden. Auch die Wissenschaft konnte daher nur in dem Maße prosperieren, als die Herrschaft beider Institutionen begrenzt wurde: "Beides, die Zähmung des Staates und der Religion – anders ausgedrückt, die der politischen und der religiösen Herrschaft – gehört zusammen. Beides geschieht mit Hilfe rechtlicher Regelungen, die für Spielräume autonomen Handelns, ungehinderten Denkens und freie Kommunikation sorgten, für Möglichkeiten der Initiative, der schöpferischen Gestaltung und der Kritik."(35)

So weit also die Vergangenheit. Wie steht es um die Zukunft? Werden auch in Zukunft die Voraussetzungen ungehinderten Denkens gegeben sein? Oder müssen wir befürchten, dass die von den Wissenschaften gestaltete Weltzivilisation "auf eine Katastrophe" zusteuert(36) und wir schon deshalb erleben müssen, dass das ungehinderte Denken verboten wird? Wir können diese Frage nach den künftigen Voraussetzungen des Wissens in doppeltem Sinne stellen. Zum einen kann man fragen, ob der weitverbreitete ökologische Pessimismus gerechtfertigt ist, mit dem viele Menschen immer noch die Zukunft unserer wissenschaftlichen Zivilisation sehen. Dieser Frage gehe ich im restlichen Teil dieses Abschnitts nach. Im nächsten Abschnitt werde ich erörtern, warum die Produktion und Distribution von Wissen in einen ordnungspolitischen Gesamtentwurf einer Gesellschaft eingegliedert werden muss, die den Anspruch erhebt, nicht nur eine offene Gesellschaft, sondern auch eine zukunftsfähige Wissensgesellschaft zu sein.

An verschiedenen Stellen seines Werkes weist Hans Albert auf existierende ökologische Befürchtungen hin.(37) Sie betreffen u.a. die drohende Rohstoffknappheit und die Verschmutzung und (klimatische) Veränderung der natürlichen Umwelt, von der manche glauben, dass sie auf lange Sicht die existenziellen Grundlagen der Menschheit schmälern könnten. Albert macht sich diese Befürchtungen nicht zu eigen, sondern weist auf mögliche Strategien hin, mit denen man die entsprechenden Probleme entschärfen könnte, falls sich die Befürchtungen als berechtigt herausstellen sollten. Zum einen werden Knappheiten immer noch am besten durch eine eigentumsrechtliche Regelung bewältigt, die Marktpreise und mit ihnen einen Indikator zulässt, der überhaupt erst eine zureichende Information über Knappheiten liefert und so einen effizienten Umgang mit Knappheiten ermöglicht. Die Hoffnungen, dass Knappheiten ein Hebel sein werden, mit denen man den Kapitalismus einst überwinden kann, werden sich also wohl nicht erfüllen.(38) Zum anderen schafft die Wissenschaft selbst die Mittel, um mit den befürchteten Entwicklungen fertig werden zu können – etwa alternative Energien, mit denen man ähnlich wie die Pflanzen das Sonnenlicht indirekt oder direkt nutzen kann.

Aber wie steht es mit den ökologischen Bedrohungen im engeren Sinne, also etwa mit der "Klimakatastrophe" oder mit den "Giften" in unserer Umwelt, die ja "immer mehr" werden und schließlich doch für die tatsächlich beobachtete Zunahme der Allergien verantwortlich sind? Erzwingen nicht wenigstens sie eine grundlegende Änderung unseres Lebensstils?

Nein.(39) Die "Klimafakten",(40) wie sie die klimatologisch relevanten Bezugswissenschaften bis heute zusammengetragen haben, legen eine weitaus differenziertere Sicht der Dinge nahe. Es ist nicht nur umstritten, ob das CO2 unser Klima "aufheizt" oder ob nicht umgekehrt der steigende Kohlendioxid-Gehalt der Luft eine Folge der Erwärmung durch die langfristig schwankende Sonnenaktivität darstellt, die seit 1880 wieder einem Maximum zustrebt. Im Gegenteil: Es gibt sogar starke empirische und theoretische Anhaltspunkte dafür, dass der Eintrag von CO2 keinen nennenswerten Einfluss auf das Klima hat.(41) Die Tatsache, dass Amerika sich aus einer Klimapolitik zurückgezogen hat, deren Grundsätze durch das Kyoto-Protokoll definiert werden, spricht also nicht unbedingt für die Uneinsichtigkeit der amerikanischen Administration, sondern eher für eine besser funktionierende Politikberatung, in der wissenschaftliche Bedenken nicht zugunsten fiskalischer Überlegungen oder ideologisch fixierter Positionen unterdrückt werden.

Auch die tatsächlich beobachtete Zunahme der Allergien sind nur für diejenigen ein Alarmzeichen, die ohnehin immer gleich wissen, dass "die Industriegesellschaft" an allen Widrigkeiten des Lebens schuld ist. Wie u.a. ausführliche epidemiologische Untersuchungen im Zuge der deutschen Wiedervereinigung gezeigt haben,(42) führen die (zu) stark verbesserten hygienischen Bedingungen in den fortgeschrittenen Gesellschaften dazu, dass das menschliche Immunsystem sich im Kindesalter auf die Bekämpfung anderer Fremdkörper einstellt: Wenn Bakterien und Viren fehlen, werden vom Körper eben Pflanzenteile oder andere Allergene bekämpft. Das zeigen die Erfahrungen mit Maßnahmen der Luftreinhaltung, des Umweltschutzes und der "Domestos"-Hygiene in den Haushalten auf dem Gebiet der ehemaligen DDR: Dort nahm die Zahl der allergischen Erkrankungen seit der Wiedervereinigung deutlich zu – und nicht ab, wie es ökologisch korrekt erwartet wurde.

Die künftige Entwicklung unseres Wissens wird also nicht nur Bedrohungen sichtbar machen, von denen wir ohne die Entwicklung der Wissenschaft wohl viel zu spät erfahren hätten.(43) Sie wird vielmehr auch durch nüchterne Risiko-Analysen und die Korrektur von falschen Theorien für das Verschwinden so manchen "Umweltproblems" sorgen. Mit anderen Worten: Wissenschaft sorgt nicht nur für die Lösung, sondern auch für die Auflösung von Umweltproblemen.

3. Das Wissen unter ordnungspolitischer Perspektive

"Auch die Steuerung des Erkenntnisgeschehens in der modernen Wissenschaft ist natürlich ein ordnungspolitisches Problem, auch dann, wenn man für eine Verfassung der Freiheit eintritt."

Hans Albert(44)

Platon gilt seit Karl Poppers bahnbrechendem Werk "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde" als ein Feind der Demokratie. Trotz aller in einzelnen Punkten berechtigten Kritik haben sich Poppers Auffassungen als erstaunlich nachhaltig erwiesen. Aber wir sollten dennoch nicht zu fragen vergessen, warum denn Platon ein Feind der Demokratie war. Und in der Antwort auf diese Frage liegt das Problem dieses letzten Abschnitts.

Nach Platons Auffassung versagt die Demokratie darin, Vernunft in die gesellschaftlichen Steuerungsmechanismen zu implementieren. Dieses Versagen hat Folgen, die Platon in einer berühmten Passage seines Buches über den Staat folgendermaßen formulierte: "Wenn nicht entweder die Philosophen Könige werden in den Städten oder die, die man heute Könige und Machthaber nennt, echte und gründliche Philosophen werden, und wenn dies nicht in eins zusammenfällt: die Macht in der Stadt und die Philosophie, ... so wird es mit dem Elend kein Ende haben, nicht für die Städte und auch nicht, meine ich, für das menschliche Geschlecht."(45) Platon glaubte allerdings, dieses Problem durch die Konstruktion eines gründlichen Erziehungsganges für (von wem eigentlich?) ausgewählte Personen lösen zu können, an dessen Ende ein allwissender Herrscher stehen sollte – der Einfachheit halber natürlich Platon selbst.

In den entwickelten Demokratien von heute bringen wir weder für solche Klagen noch für entsprechende Lösungsstrategien Verständnis auf. In der Tat hat es mit dem (politischen und wirtschaftlichen) Elend ja durchaus in gewisser Weise "ein Ende gegeben", und zwar in ganz anderer Weise, als Platon es für richtig hielt. Die Bildungspolitik eröffnet jedem den Zugang zum Wissen; ein differenziertes wissenschaftliches Beratungswesen sowie ein Fachbeamtentum speisen wissenschaftliches Wissen in den Prozess der politischen Entscheidungsfindung ein; und die Institution des Marktes sorgt, wie Friedrich August von Hayek betont hat, schon durch ihre bloße Existenz für eine optimale Ausnutzung des vorhandenen Wissens.(46)

Auch die von Platon stillschweigend für wahr gehaltene Annahme, dass es einen Menschen geben könne, der in sich all das Wissen vereinigt, das man für das erfolgreiche Regieren eines Staates braucht, ist kühn: Die wissenschaftliche Vernunft hat, wie oben gezeigt, wesentlich sozialen Charakter; und es könnte sogar sein, dass die für die Bewältigung drängender politischer Gegenwartsprobleme notwendige Wissen bisher bei niemandem existiert. Dann bestünde das Problem nicht in der mangelnden Identifikation des Allwissenden, auch nicht in der mangelnden Distribution des Wissens (es ist schon da, aber keiner will oder kann es hören), sondern in seiner mangelnden Produktion.

Aber auch wenn wir Platons Lösungsvorschlag verwerfen – sein Problem, denke ich, ist auch heute noch aktuell (und wird wohl immer aktuell sein). Es lautet: Wie können wir erreichen, dass Wissen problemangemessen produziert und sozial wirksam verteilt wird? Denn auch wenn wir uns in einer komfortableren Situation als Platon wähnen: Fehlentscheidungen durch falsches Wissen können in einer komplexen Industriegesellschaft und in einer (nicht überbevölkerten, sondern) unterkapitalisierten Welt weitaus gravierendere Auswirkungen haben als im Agrarstaat Athen. Und wenn Wissen die zentrale Ressource ist, dann ist das Nachdenken über die institutionelle Organisation des wissensproduzierenden und -verteilenden Systems für eine Wissensgesellschaft die zentrale Aufgabe.

Auch wenn, weltweit gesehen, die ordnungspolitische Gesamtentscheidung zwischen Sozialismus und Marktwirtschaft nach 1989 zugunsten der letzteren gefallen ist, stehen wir vor dem überraschenden Phänomen, dass das Bildungswesen in ganz überwiegendem Ausmaß immer noch planwirtschaftlichen Vorgaben folgt. Wir haben zwar die Konsumentensouveränität (jeder darf also das kaufen, was er möchte, und nicht das, was der Staat möchte), aber wir haben nicht in gleichem Maße eine Investorensouveränität:(47) Die Entscheidungen, wo, was und wann gelernt wird, trifft nicht das Individuum in Abstimmung mit seinem gesetzlichen Vertreter, sondern immer noch in erheblichem Ausmaß der Staat – heute wie vor 100 Jahren. Warum ist das so?

Mit Recht gilt das Bildungswesen als zentral für eine Gesellschaft, erst recht für eine moderne Industriegesellschaft. Aber daraus folgt natürlich nicht, dass wir die Produktion und Vermittlung von Wissen staatlich veranstalten sollten. Schließlich ist auch die Ernährung von grundlegender Bedeutung für unsere Existenz. Daraus folgt aber nicht, dass diesem Umstand nur mit einer planwirtschaftlichen Organisation der Landwirtschaft Rechnung getragen werden kann. Aber eine entsprechende Kritik des sonst oft gern bemühten Theoretikers der offenen Gesellschaft am europäischen Bildungswesen ist seit 50 Jahren folgenlos geblieben: "Der Ausspruch, daß Platon die Mittelschulen [Gymnasien] und die Universitäten erfunden habe, ist leider nur zu wahr. Ich kenne kein besseres Argument zugunsten einer optimistischen Ansicht von der Menschheit, keinen besseren Beweis ihrer unzerstörbaren Liebe für die Wahrheit und die Anständigkeit, ihrer Originalität, ihrer Hartnäckigkeit und ihrer Gesundheit als die Tatsache, daß dieses verheerende Erziehungssystem sie nicht völlig zugrunde gerichtet hat."(48) Denn weiterhin werden Schulen und Universitäten fast ausnahmslos staatlich betrieben und mit unkündbaren und oft ohne Rücksicht auf ihre didaktischen Leistungen besoldeten Lehrkräften ausgestattet; weiterhin haben die Bildungsinstitutionen meist keine oder nur eine sehr begrenzte Haushaltsautonomie und können neue Ideen gegen die Bildungsverwaltung nicht oder nur schwer durchsetzen; weiterhin haben Eltern einen nur geringen Einfluss auf die Wahl der Schule und der Lehrer; Abwanderungsoptionen, nach denen es sowohl Lehrern als auch Schülern möglich sein müsste, ein Lernverhältnis zu beenden,(49) sind nur in Ansätzen vorhanden; weiterhin wird der natürlichen Ungleichheit der Menschen nur höchst unzureichend Rechnung getragen und weder auf ihre verschiedenen Interessen noch auf ihr verschiedenes Lern- und Entwicklungstempo Rücksicht genommen; weiterhin wird ausgerechnet im Bildungswesen viel zu wenig auf eine klar strukturierte und kumulative Lehrbuchtradition geachtet, so dass Klarheit, Folgerichtigkeit und Verständlichkeit, kurz: Kundenorientierung, im Bildungswesen Mangelware sind; und weiterhin wird nicht zwischen Bildung und Ausbildung getrennt, so dass die Wissensaneignung vielen Menschen ausschließlich unter Karriere- oder Examensgesichtspunkten sinnvoll erscheint.(50) Von einem humanistischen Standpunkt aus gesehen, sollte man sie dafür nicht kritisieren; schließlich sind sie unter den obwaltenden Umständen rationalerweise inhuman, also uninteressiert an dem, was den Menschen vom Tier unterscheidet: dem Wissen um seiner selbst willen.

Daher muss nicht nur die Ordnung der Wirtschaft, sondern auch die Ordnung des Wissens unter einer ordnungspolitischen Perspektive betrachtet werden. Dann wird sichtbar, dass die individuellen Bildungsentscheidungen nicht so individuell sind, wie sie erscheinen, sondern dass sie den institutionellen und außerinstitutionellen Anreizen folgen, die entweder gesetzt wurden oder (als unbeabsichtigtes Ergebnis anderer Handlungen) entstanden sind. Damit ist systematisch der Ausweg verlegt, intellektuelle Fehlleistungen der mangelnden Qualität des Individuums zuzuschreiben; vielmehr wird deutlich, dass auch das Gut "Wissen" in den Bahnen produziert und verteilt wird, die ordnungspolitisch angelegt sind. Oder anders gesagt: Die Gesellschaft trägt die Verantwortung für die Dummheit, die sie strukturell produziert.

Aber wäre eine ordnungspolitische Gesamtentscheidung für mehr Markt im Bildungswesen nicht den intellektuellen Standards abträglich? Würde Wahrheit dann nicht käuflich werden? Aber eine solche Auffassung ginge davon aus, dass Produkte mit wünschenswerten Eigenschaften gerade durch ein Konkurrenzsystem nicht produziert werden könnten. Das ist schon deshalb unplausibel, weil wir auch die Qualität von Automobilen nicht der staatlichen Ausschaltung, sondern der Förderung von Konkurrenz verdanken. Das gilt für Autos wie für Theorien: Auch deren Qualitäten, etwa ihre Objektivität, verdanken wir ebenso wenig dem Objektivitäts-Wollen der einzelnen Wissenschaftler, wie wir überzeugende Automobile dem Wohlwollen der Produzenten verdanken.(51) Vielmehr ergeben sich die besonderen Qualitäten, die wir als Konsumenten schätzen, gerade erst durch eine regelgeleitete (!)(52) Konkurrenz zwischen den Produzenten – und zwar auch in der Wissenschaft: "Zusammenfassend kann man sagen, daß das, was wir die ‚wissenschaftliche Objektivität’ nennen, nicht ein Ergebnis der Unparteilichkeit des einzelnen Wissenschaftlers ist, sondern ein Ergebnis des sozialen und öffentlichen Charakters der wissenschaftlichen Methode; und die Unparteilichkeit des individuellen Wissenschaftlers ist, soweit sie existiert, nicht die Quelle, sondern vielmehr das Ergebnis dieser sozialen oder institutionell organisierten Objektivität der Wissenschaft."(53)

Wenn wir die oben erörterte These von der Interdependenz der Ordnungen ernstnehmen, dann ist, wie Hans Albert mit Recht betont, die Ordnung des Wissens also eine eminent wichtige Aufgabe: "... unter dem Gesichtspunkt des Erkenntnisfortschrittes ist eine der wichtigsten Fragen die, wie die institutionellen Bedingungen einer ... rationalen Erkenntnispraxis erhalten und verbessert werden können, Bedingungen also, die nicht die bloße Konformität, sondern die Entwicklung konstruktiver und kritischer Phantasie fördern, die Entdeckung neuer Probleme und die Suche nach besseren Lösungen unterstützen und die Verbreitung solcher Lösungen ermöglichen."(54) Zwar ist in vieler Hinsicht diese Aufgabe schon gelöst – etwa durch Verfassungsartikel, die die Freiheit von Forschung und Lehre garantieren, durch Hochschulrahmengesetze und Schulgesetze, die das heutige Bildungswesen regulieren und wenigstens einen gewissen Freiraum für Produzenten und Konsumenten definieren, sowie durch erste Reformen der Unterrichtspraxis im Grundschulbereich, die auf eine Öffnung des Unterrichts in Richtung auf eine größere Investorensouveränität zielen. Aber in vieler Hinsicht ist diese Aufgabe auch heute noch völlig ungelöst – von der immer noch erdrückenden Rolle des Staates im Bildungswesen angefangen bis hin zur mangelnden Bereitschaft, eine wirklich offene Diskussion über alle Sachfragen, die die Zukunft der Zivilisation betreffen, zuzulassen und gegen den gesellschaftlichen Druck der political correctness zu schützen – etwa die simple Frage, wie eine Gesellschaft und Kultur zukunftsfähig sein kann, deren Reproduktionsrate deutlich unter der für ihren Bestand notwendigen Höhe liegt; oder humangenetische Fragen der Fortpflanzung; oder die Frage, wie wir die kulturellen Standards der Aufklärung, auf denen unsere Zivilisation beruht, Menschen vermitteln können, deren kultureller und religiöser Hintergrund mit diesen Standards (noch?) nicht kompatibel ist; oder die Frage, wie wir nicht nur Bildungsprozesse, sondern auch Erziehungsvorgänge in einer Weise gestalten können, dass alle Bürger mit den Ergebnissen einverstanden sein können.(55)

Von Hans Albert können wir jedenfalls lernen, wie man solche komplexen Fragen in interdisziplinärem Zusammenhang diskutiert. Er hat die Ordnung des Wissens als ein ordnungspolitisches Problem identifiziert und gezeigt, dass und wie solche Probleme in einem interdisziplinären Zusammenhang angemessen behandelt werden können – genauer: dass solche Probleme nur in einem interdisziplinären Zusammenhang angemessen behandelt werden können. Sollten sie theoretisch und praktisch gelöst werden, wird dadurch die Lernfähigkeit offener, demokratisch organisierter Gesellschaften verbessert. Und darauf kommt es an, denn: "Der Wert der Demokratie zeigt sich in ihren dynamischen, nicht in ihren statischen Aspekten."(56)

Anmerkungen:

(1) Hans Albert, Kritischer Rationalismus. Vier Kapitel zur Kritik des illusionären Denkens, Tübingen 2000, S. 24.

(2) Vgl. dazu Hans Albert, Kritischer Rationalismus (s. Anm. 1), S. 34.

(3) Vgl. dazu etwa Gene C. Anderson, Der Ursprung der Intelligenz und die sensomotorische Entwicklung des Kindes, in: Gerhard Steiner (Hg.), Entwicklungspsychologie, Band 1. Weinheim und Basel 1984, S. 94-120. Zur überragenden Bedeutung des Handelns für die kognitive Entwicklung vgl. Jean Piaget, Einführung in die genetische Erkenntnistheorie, Frankfurt am Main 1973, 3. Vorlesung. Dieses Buch behandelt eigentlich die ontogenetische Erkenntnistheorie, also die Frage, wie wir in frühen Lebensstadien zu unserem grundlegenden Wissen über die Alltagswelt gelangen.

(4) Dies gilt, wie Hans Albert (Kritischer Rationalismus [s. Anm. 1], S. 33) mit Recht betont, für Angehörige aller Kulturen: "In allen Kulturen enthalten die primären Theorien das überlebenswichtige elementare Kausalwissen, das ... unter anderem eine Zug-Stoß-Konzeption der Kausalität involviert."

(5) Vgl. dazu Piaget, Einführung in die genetische Erkenntnistheorie (s. Anm. 3), S. 96 und 97. Nach Thomas Kuhn (Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, Frankfurt am Main: 2. Auflage 1976) können wir auch in der Entwicklung der Naturwissenschaften solche Akkomodationsprozesse beobachten, also grundlegende "Paradigmenwechsel", die eine grundlegende Veränderung der Art und Weise bedeuten, wie man die Welt sieht. Aber schon von Piaget kann man lernen, dass eine solche Interpretation der Wissenschaftsgeschichte weder relativistische noch antirealistische Konsequenzen haben muss. Zur Kritik solcher Folgerungen, die man aus dem Ansatz Kuhns ziehen zu können meinte, vgl. Gunnar Andersson, Kritik und Wissenschaftsgeschichte, Tübingen 1988; Hans Albert, Kritik der reinen Erkenntnislehre, Tübingen 1987, S. 111-119.

(6) Vgl. dazu Karl Popper, Vermutungen und Widerlegungen. Das Wachstum der wissenschaftlichen Erkenntnis (1963), Tübingen 1994, Kap. 5.

(7) Vgl. dazu Hans Albert, Konstruktion und Kritik. Aufsätze zur Philosophie des Kritischen Rationalismus, Hamburg 1972, 2. Aufl. 1976. Dieses Buch zielte auf den damals dominierenden Neomarxismus und brachte die auf Lernfortschritte angelegte Methode von "Konstruktion und Kritik" gegen eine Auffassung zur Geltung, "in der sich eine obsolet gewordene Geschichtsmetaphysik nur mühsam verbergen lässt" (ebd., S. 11).

(8) Zu diesem Ausdruck vgl. Gerhard Vollmer, Zum Tode des Philosophen Karl R. Popper, in: Skeptiker 8 (1995), Heft 1, S. 4-6.

(9) Dies gilt etwa auch für künstlerische Lernprozesse. Vgl. dazu etwa Ernst Gombrich, Kunst und Illusion. Stuttgart und Zürich 1978, sowie mein Buch Musik und Wissenschaft, Frankfurt am Main 1980.

(10) Zum Passungscharakter unserer Wahrnehmung vgl. Gerhard Vollmer, Evolutionäre Erkenntnistheorie. Angeborene Erkenntnisstrukturen im Kontext von Biologie, Psychologie, Linguistik, Philosophie und Wissenschaftstheorie, Stuttgart, 3. Aufl. 1981, S. 97.

(11) Zu diesem Ausdruck vgl. Gerhard Vollmer, Auf der Suche nach der Ordnung. Beiträge zu einem naturalistischen Welt- und Menschenbild, Stuttgart 1995, S. 142.

(12) Vgl. dazu Gottlob Frege, Begriffsschrift. Eine der arithmetischen Formelsprache nachgebildete Formelsprache des reinen Denkens, Halle 1879.

(13) Vgl. zu dieser Unterscheidung zwischen Wissenschaftstheorie und Methodologie Gerard Radnitzky, Art. "Wissenschaftstheorie, Methodologie", in: Helmut Seiffert und Gerard Radnitzky (Hg.), Handlexikon zur Wissenschaftstheorie. München 1989, S. 463-471.

(14) Karl Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde (1958), Band II. Falsche Propheten: Hegel, Marx und die Folgen, Tübingen, 7. Auflage 1992, S. 254.

(15) So ist es beispielsweise nur unter großen Schwierigkeiten oder auch gar nicht möglich, in Deutschland Seminare zu Peter Singers Ethik abzuhalten. (Entsprechende Fälle kamen u.a. an den Universitäten Braunschweig, Duisburg und Mainz vor.) Interessenverbände versuchen in solchen Fällen, das Auditorium nicht etwa mit Hilfe von Argumenten, sondern mit Hilfe von Trillerpfeifen, Zugangsblockaden oder Störungen von der Qualität der eigenen Auffassungen zu überzeugen. Es ist ein aufschlussreiches Indiz für die ordnungspolitischen Verwahrlosungstendenzen nicht nur des wissenschaftlichen Raums, dass der Staat sich hier nicht entschlossen zeigt, den Austausch von Argumenten zu schützen. Denn wer glaubt, sich gegen andere Auffassungen nicht mit Hilfe des Arguments oder (falls möglicherweise Beleidigungstatbestände vorliegen) mit Hilfe des Rechtsstaats durchsetzen zu müssen, sondern zur Gewalt greifen zu dürfen, hat nicht nur einen ersten Schritt hin (oder zurück) zum Bürgerkrieg getan, sondern steht auch auf keiner anderen moralischen Stufe als der islamische Fundamentalist, der jede abweichende Meinung als "Beleidigung" des Islam auffasst und daraus seine Gewaltlegitimation bezieht. Vgl. dazu Richard Pipes, "How Dare You Defame Islam". In: Commentary, Vol. 108 (1999), Nr. 4, S. 41-45.

(16) Hans Albert, Kritik (s. Anm. 5), S. 154.

(17) Die Bezeichnung "europäischer Sonderweg" stammt von dem holländischen Historiker Jan Romein, das Problem hat m.E. zuerst Max Weber aufgeworfen. Ich habe daher vorgeschlagen, es das Webersche Problem zu nennen. Vgl. dazu Gerhard Engel, Zur Logik der Musiksoziologie, Tübingen 1990, S. 171.

(18) Vgl. dazu Gerhard Engel, Soziobiologie und der europäische Sonderweg, in: Stephan A. Jansen und Stephan Schleissing (Hg.), Konkurrenz und Kooperation. Interdisziplinäre Zugänge zur Theorie der Co-opetition, Marburg 2000, S. 175–195.

(19) Hans Albert, Kritik (s. Anm. 5), S. 155.

(20) Vgl. dazu mein in Anm. 17 genanntes Buch. Die westliche Kunstmusik ist in ähnlicher Weise wie die Wissenschaft maßstabsetzend geworden. Das wird etwa in China deutlich, das inzwischen nicht nur Universitäten nach westlichen Standards aufbaut, sondern auch Musikhochschulen und Opernhäuser, um eine eigenständige Interpretationstradition der voraussetzungsreichsten (und leider auch teuersten) Form der westlichen Kunstmusik zu begründen – der Oper.

(21) Eric L. Jones, Das Wunder Europa. Umwelt, Wirtschaft und Geopolitik in der Geschichte Europas und Asiens, Tübingen 1991. Nach meiner Auffassung lässt sich ohne die eingehende Analyse dieser Entwicklung weder der Begriff der Humanevolution zureichend bestimmen noch die Kantische Frage "Was ist der Mensch?" befriedigend beantworten.

(22) Peter Hodgson, Voraussetzungen und Grenzen der Wissenschaft, in: Gerard Radnitzky und Gunnar Andersson (Hg.), Voraussetzungen und Grenzen der Wissenschaft, Tübingen 1981, S. 155-172, hier: S. 159.

(23) Vgl. dazu etwa Walter Eucken, Grundsätze der Wirtschaftspolitik (1952), Tübingen 1990, S. 14. Eucken spricht sogar nicht nur von gesellschaftlichen Teilordnungen, sondern von Lebensordnungen; darunter fallen die religiösen und moralischen Wertorientierungen sowie das wissenschaftliche Wissen.

(24) Zu besonders interessanten Lösungsvorschlägen für das Webersche Problem vgl. neben dem in Anm. 19 genannten Buch von Eric Jones vor allem Paul Kennedy, Aufstieg und Fall der großen Mächte. Ökonomischer Wandel und militärischer Konflikt von 1500 bis 2000, Frankfurt am Main 1989. Jared Diamond, Arm und Reich. Die Schicksale menschlicher Gesellschaften, Frankfurt am Main 1998. David Landes, Wohlstand und Armut der Nationen. Warum die einen reich und die anderen arm sind, Berlin 1999. Vgl. auch Hans Albert, Europa und die Zähmung der Herrschaft. Der europäische Sonderweg zu einer offenen Gesellschaft, in seinem Buch Freiheit und Ordnung, Tübingen 1986, S. 9-59.

(25) Vgl. dazu etwa Samuel Huntington, Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, München und Wien 1996, S. 52.

(26) Hodgson, Voraussetzungen (vgl. Anm. 22), S 160.

(27) Hans Albert, Europa (s. Anm. 24), S. 21f.

(28) Hans Albert, Europa (s. Anm. 24), S. 27.

(29) Zur Kritik an Jürgen Habermas und an seiner letztlich auf Peirce (und damit auf eine vor-relativistische Physik!) zurückgehenden Annahme, dass Wahrheit in einem unendlichen Kommunikationsprozess gefunden (oder wenigstens gedacht) werden könne, vgl. Gerhard Engel, Die Grenzen der politischen Öffentlichkeit. Jürgen Habermas im Lichte der konstitutionellen Gesellschaftstheorie, in: James Buchanans konstitutionelle Ökonomik. Hg. von Ingo Pies und Martin Leschke, Tübingen 1996, S. 19-55.

(30) Man denke etwa an die Pyrenäen, die Alpen, den Ärmelkanal oder die Wasserstraßen, die Skandinavien vom europäischen Kernland abschirmen. Selbst Hitler gelang es 1940 nicht, den Ärmelkanal zu überwinden.

(31) Auch wenn der Krieg nicht der Vater aller Dinge sein sollte, so scheint die militärische Konkurrenz doch die Mutter der Menschenrechte zu sein.

(32) Francis Fukuyama, Das Ende der Geschichte. Wo stehen wir? München 1992, Kap. 10. Islamische Gesellschaften haben daher keine Chance, mit dem Westen gleichzuziehen, solange sie sich in diesem Punkt nicht grundlegend wandeln – und dann wohl keine islamischen Gesellschaften mehr wären.

(33) Vgl. Hans Albert, Europa (s. Anm. 24), S. 29.

(34) Hier spielte Holland einige Zeit lang eine führende Rolle als Refugium für Wissenschaftler und Philosophen, die andernorts verfolgt wurden. Vgl. Hans Albert, Europa (s. Anm. 24), S. 29f. sowie Albert O. Hirschman, Abwanderung und Widerspruch. Reaktionen auf Leistungsabfall bei Unternehmungen, Organisationen und Staaten, Tübingen 1974.

(35) Hans Albert, Europa (s. Anm. 24), S. 31.

(36) Hans Albert, Europa (s. Anm. 24), S. 9. Vgl. auch Hans Albert, Kritik (s. Anm. 5), S. 135f.

(37) Vgl. neben den in Anm. 36 zitierten Stellen auch Hans Albert, Traktat über rationale Praxis, Tübingen 1978, S. 135f.

(38) Zu dieser Perspektive vgl. Elmar Altvater, Der Preis des Wohlstands. Oder: Umweltplünderung und neue Welt(un)ordnung, Göttingen 1992, sowie ders., Kapitalismus. Zur Bestimmung, Abgrenzung und Dynamik einer geschichtlichen Formation, in: Ethik und Sozialwissenschaften 13 (2002), Heft 3 [im Druck]. Zur Kritik vgl. Gerhard Engel, Marxismus – zur mangelnden Dynamik einer intellektuellen Position. In: Ethik und Sozialwissenschaften 13 (2002), Heft 3 [im Druck].

(39) Eine ausführlichere Begründung für meine kritische Beurteilung ökologischer Untergangsszenarien findet sich in Gerhard Engel: Zukunftsfähig? Kritische Anmerkungen zur politischen Ökologie. In: Andreas Renner und Friedrich Hinterberger (Hg.): Zukunftsfähigkeit und Neoliberalismus. Zur Vereinbarkeit von Umweltschutz und Wettbewerbswirtschaft. Baden-Baden: Nomos 1998, S. 131–155.

(40) Ulrich Berner und Hansjörg Streif (Hg.): Klimafakten. Der Rückblick – ein Schlüssel für die Zukunft. Stuttgart 2000.

(41) Entsprechende Forschungsergebnisse werden referiert in Gerhard Engel, Zukunftsfähig? (s. Anm. 39), S. 137-139; Ingo Pies und Guido Schröder: Treibhaus-Effekt und Öko-Steuer – Wie rational ist unsere Klimapolitik? Münster 2000. Vgl. auch die vorige Anmerkung.

(42) Leicht verständliche Überblicke über den Forschungsstand liefern Hans Schuh: Leiden am Lifestyle. In: DIE ZEIT 19 (1995), 5.5., S. 45. Kirsten Brodde: Allergie gegen Wohlstand. In: Die Woche Nr. 23 (1998), 5.6., S. 21.

(43) Die Astronomie informiert etwa über Risiken, von Asteroiden, Kometen oder Meteoriten getroffen zu werden. Danach hängt die Wahrscheinlichkeit eines Einschlags auf der Erde von der Größe des Objektes ab: Je größer es ist, desto seltener ist es zu erwarten. Mit einem Einschlag, der das gesamte Leben auf der Erde gefährdet, ist demnach erst in 14 Millionen Jahren zu rechen. Vgl. Niles Eldredge: Wendezeiten des Lebens. Katastrophen in Erdgeschichte und Evolution. Frankfurt am Main und Leipzig 1997, S. 180. Katastrophale Ereignisse, die eine hohe Zahl von Opfern zur Folge haben dürften, sind aber schon weit vorher zu erwarten. Das gleiche gilt glücklicherweise allerdings auch für die Technologien, sich solcher Geschosse zu erwehren. Vgl. John S. Lewis, Bomben aus dem All. Die kosmische Bedrohung. Basel 1997, Kap. 15. Im Prinzip gilt jedoch: Die Risiken, die mit falschen politischen Entscheidungen verbunden sind, übertreffen alle natürlichen Risiken bei weitem. Es ist daher m.E. weitaus weniger Sorge um die Umwelt als deutlich mehr Sorge um die Mitwelt vonnöten – also um die Regeln, nach denen wir miteinander leben.

(44) Hans Albert, Europa (s. Anm. 24), S. 52.

(45) Platon, Staat, 473c-d.

(46) Friedrich August von Hayek, Der Wettbewerb als Entdeckungsverfahren. In: Ders., Freiburger Studien. Gesammelte Aufsätze. Tübingen 1968, S. 249-265.

(47) Vgl. Ingo Pies: Bildungsreform aus ökonomischer Sicht – Wider die Politikblockaden der Wissensgesellschaft. In: List Forum für Wirtschafts- und Finanzpolitik 26 (2000), Heft 3, S. 207-227.

(48) Karl Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Band I: Der Zauber Platons. Tübingen: 7. Auflage 1992, S. 162.

(49) Dies ist eine Forderung von Karl Popper für ein humanes Bildungswesen. Vgl. Popper, Die offene Gesellschaft II (s. Anm. 14), S. 324.

(50) Vgl. dazu auch Gerhard Engel, Kritischer Rationalismus und offene Gesellschaft. Zur Theorie einer demokratischen Wissensgesellschaft, in: Ingo Pies und Martin Leschke (Hg.), Karl Poppers kritischer Rationalismus. Tübingen 1999, S. 39–70, hier S. 65.

(51) Zu diesem berühmten Ausspruch vgl. Adam Smith, Der Wohlstand der Nationen. Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen. (1776) Hg. von Horst Claus Recktenwald, München 1978. 3. Aufl. 1983, S. 17.

(52) Auch in einem Konkurrenzssystem bleiben dem Staat Aufgaben, etwa die Überwachung von Standards im technischen oder hygienischen Bereich sowie die Sicherstellung der Konkurrenz, der man sich ja als Produzent nicht ungern entzieht. Die oft zitierte Alternative Staat oder Markt? ist daher irreführend. Vgl. dazu Ingo Pies und Gerhard Engel, Freiheit, Zwang und gesellschaftliche Dilemmastrukturen. Zur liberalen Theorie des Staates. In: Aufklärung und Kritik, Sonderheft 2 (1998), Schwerpunkt "Liberalismus", S. 41–51.

(53) Popper, Die offene Gesellschaft II (vgl. Anm. 14), S. 257.

(54) Hans Albert, Traktat (s. Anm. 37), S. 57.

(55) Nach Norina Lauer (Zentral-auditive Verarbeitungsstörungen im Kindesalter, Stuttgart 2001) werden im Eingangsbereich des Bildungswesens immer mehr zentral gestörte Kinder angetroffen, die also (vereinfacht gesagt) nicht mehr zuhören können – ein unbeabsichtigtes Ergebnis der zunehmenden Mechanisierung von Erziehungsleistungen bzw. des Rückgangs von persönlichen Kontakten im Zuge der Tendenz zur Ein-Kind-Familie mit berufstätigen Eltern oder Elternteilen. Auch hier zeigt sich, dass wir Probleme nur dann konzeptionell befriedigend formulieren können, wenn wir uns der Interdependenz der Ordnungen bewusst sind.

(56) Friedrich August von Hayek, Die Verfassung der Freiheit. Tübingen, 2. Aufl. 1983, S. 133.