Aufklärung und Kritik
Sonderheft Nr. 5 / 2001

Hans Alberts Kritischer Rationalismus

Vorwort des Herausgebers (S. 3 ff.)

Eigentlich bedarf es keines besonderen Anlasses, um sich mit dem Kritischen Rationalismus zu beschäftigen. Denn zumindest nach Auffassung vieler Politiker und Journalisten leben wir ja in einer "Wissensgesellschaft" – also in einer Gesellschaft, die das methodische Lernen aus Erfahrung akzentuiert und die sowohl eine kritische Diskussion als auch einen experimentellen Politikstil pflegt, damit wir Hindernisse auf dem Weg zu individueller Freiheit und allgemeinem Wohlstand leichter identifizieren und beseitigen können. Und eine Gesellschaft, in der die Bedeutung des Wissens als Produktivkraft hoch geschätzt wird, müsste ja eigentlich eine natürliche Affinität zu einer Philosophie aufweisen, die sich wie keine andere um die wissenschaftstheoretische und realwissenschaftliche Analyse unseres Wissens verdient gemacht hat und unsere Bereitschaft motiviert, Alternativen zu allen Routinen unseres Denkens und Handelns zu entwickeln und zu prüfen.

Mit dem 8. Februar 2001 bot sich nun eine Gelegenheit ganz anderer Art, die Philosophie des Kritischen Rationalismus zu würdigen. An diesem Tage wurde Hans Albert 80 Jahre alt. Auf Anregung der Gesellschaft für kritische Philosophie in Nürnberg veranstaltete die Thomas-Dehler-Stiftung aus diesem Anlass ein Wochenendseminar, das vom 11.-13. Mai 2001 in Fürth stattfand. Fünf der in diesem Sonderheft versammelten Beiträge wurden dort als Referate vorgetragen. Die Beiträge von Gerhard Streminger, Armin Engländer und Hans-Joachim Niemann dagegen sind speziell für diesen Band geschrieben worden, ebenso mein eigener Beitrag, der mein Einleitungsreferat zur damaligen Tagung ersetzt.

Diese Entstehung des vorliegenden Sonderheftes erklärt manche seiner Eigenheiten. Zum einen haben manche Autoren in der schriftlichen Fassung ihrer Beiträge den Referatstil beibehalten – was der Lebendigkeit der Darstellung nur nützen kann. Zum zweiten erklären sich so einige thematische Überschneidungen, die insbesondere methodologische Punkte betreffen. Zum dritten schließlich ist es bei den Nürnberger Tagungen nicht unüblich, zwei Referate zu halten – so dass in diesem Band daher von einem Autor zwei Beiträge enthalten sind. Das zwang in diesem Falle sogar zu inhaltlichen Doppelungen (vgl. S. 89-90 mit S. 99-100); denn im Referat konnte man auf "das vorhin Gesagte" verweisen – in den schriftlichen Fassungen dagegen mussten auch für sich lesbare Darstellungen entstehen. Autor und Herausgeber haben sich daher für die jetzt realisierte Lösung dieses Problems entschieden.

Trotz der in diesem Heft vorgelegten Materialien ist es vielleicht nicht überflüssig, gerade dem Neuling an dieser Stelle noch einige weiterführende Literaturhinweise zu geben. Wer sich erstmals für Hans Albert und seine Werke interessiert, sei zunächst auf seine Autobiographische Einleitung verwiesen (in: Hans Albert, Kritische Vernunft und menschliche Praxis. Stuttgart: Reclam 1977, S. 5-33). Von Eric Hilgendorf stammt eine Gesamtdarstellung (Hans Albert zur Einführung. Hamburg: Junius 1997). Im vorliegenden Heft findet der Leser auf S. 89 eine kurze biographische Skizze. Auf der von Hans-Joachim Niemann betreuten Internet-Seite www.hansalbert.de schließlich kann man u.a. eine vollständige Bibliographie einsehen, die auch die fremdsprachigen Ausgaben der Schriften Alberts umfasst.

Leser, die sich über die Reaktionen der Fachwelt informieren wollen, seien besonders auf die von Alfred Bohnen und Alan Musgrave herausgegebene Festschrift zum 70. Geburtstag verwiesen (Wege der Vernunft. Tübingen: Mohr Siebeck 1991) sowie auch auf den Hans Albert gewidmeten Sammelband Evolutionary Epistemology, Theory of Rationality, and the Sociology of Knowledge (hrsg. von Gerard Radnitzky und William Warren Bartley III, La Salle, Illinois: Open Court 1987).

Hans Albert gilt als der Hauptvertreter des Kritischen Rationalismus in Deutschland, "als derjenige, der die Philosophie Karl Poppers in zahlreichen Kontroversen mit Vertretern anderer Geistesströmungen verteidigt hat". So kann man es auf der Geburtstags-Website für Hans Albert (http://www.kritische-sozialwissenschaft.de/webbeitrag2.htm) lesen. Dies ist nun nicht ganz falsch – allerdings auch nicht ganz richtig. Denn mit dem Kritischen Rationalismus Hans Alberts haben wir eine durchaus eigenständige Version des Kritischen Rationalismus vor uns. Das wird beispielsweise bei ihrer Position zum Leib-Seele-Problem deutlich: Während Karl Popper hier eine dualistische Lösung vertreten hat, bevorzugt Hans Albert unter dem Eindruck zahlreicher Argumente insbesondere aus der Neuropsychologie und der Philosophie der Naturwissenschaften eine monistische Lösung. Weitere Unterschiede ergeben sich schon aus der Tatsache, dass beide Philosophen eine verschiedene wissenschaftliche Sozialisation durchliefen: Popper war im Wesentlichen Naturwissenschaftler, Hans Albert dagegen Ökonom und Soziologe. Auch der stark religionskritische Zug des Albertschen Denkens ergibt sich nicht zwangsläufig aus Poppers Philosophie: Popper selbst neigte hier eher zu einem Agnostizismus, also zu der Einstellung, dass wir nicht wissen können, ob Gott existiert, und dass es daher hier auf Erden viele andere Dinge gibt, mit denen man sich mit größerer Aussicht auf Erfolg befassen kann. Hans Albert dagegen hat religions- und kirchenkritischen Überlegungen in seinem Werk einen erheblichen Raum gegeben – was in diesem Sonderheft daher auch durch zwei Beiträge zum Ausdruck kommt. Es wäre also mehr als nur eine grobe Vereinfachung, ihn als Popularisierer der Popperschen Ideen oder gar als "Statthalter des Kritischen Rationalismus in Deutschland" zu sehen.

Von dem breiten Interessenspektrum, das Hans Albert in seinen Schriften erkennen lässt, können die hier vorgelegten Aufsätze schon wegen ihrer geringen Anzahl nur ein recht unvollständiges Bild vermitteln. Außerdem durchlief die Themenauswahl für dieses Heft einen Filter – nämlich den der politischen Relevanz. Dies ist nicht zu beanstanden: Eine Institution wie die Thomas-Dehler-Stiftung zielt nicht auf philosophische, sondern auf politische Aufklärung und auf die Verbreitung des Liberalismus. Naturgemäß stehen daher in diesem Heft diejenigen Themen im Vordergrund, die für die politische Philosophie im weitesten Sinne von Belang sind.

Die religionskritische Seite des Albertschen Denkens wird von den Beiträgen Gerhard Stremingers und Armin Pfahl-Traughbers abgedeckt. Gerhard Streminger geht der Frage nach, ob die Abkehr von der Religion notwendigerweise dehumanisierende Folgen hat. Kann es auch ohne eine Gottesvorstellung so etwas wie einen Sinn des Lebens und eine Moral geben, die gesellschaftlich positive Auswirkungen hat? Streminger folgt hier der Albertschen Praxis, im Wissen um die Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaften radikal weiterzufragen, ohne im Geiste des großen Liberalen John Stuart Mill darauf Rücksicht zu nehmen, wohin einen die Antworten führen werden. In seiner Antwort findet überraschenderweise auch die Kunst ihren Platz – eine Reminiszenz an die Kunstreligion des 19. Jahrhunderts.

Armin Pfahl-Traughber unterscheidet in seinem zweiten Beitrag eine theologiekritische und eine religionskritische Seite in Hans Alberts Denken und vertritt die Auffassung, dass wir Hans Albert zwar eine überzeugende Theologiekritik verdanken, aber keine Religionskritik im Sinne einer kritischen Soziologie (oder Ökonomik) der Religion, die deren Funktionsweise in der Gesellschaft in Hinblick auf ihre positiven und negativen Auswirkungen untersucht.

Die moralphilosophische Seite des Albertschen Denkens wird von Armin Engländer und Hans-Joachim Niemann behandelt. Armin Engländer verteidigt Alberts Non-Kognitivismus gegen den neuesten Versuch zu zeigen, dass moralisches "Wissen" möglich ist – dass wir also wissen könnten, welche Handlungen moralisch geboten und welche moralisch falsch sind. Er vertritt die Auffassung, dass dies nur möglich ist, wenn man eine strikte "Parallelität von moralischer Intuition und Beobachtung" (S. 18) unterstellt. Aber Bewußtseinstatsachen seien keine Tatsachen; und ebenso wenig wie Beobachtungen eine Theorie widerlegen könnten, könnten moralische Intuitionen die Wahrheit und Falschheit bestimmter ethischer Überzeugungen zeigen.

Hans-Joachim Niemann geht von der Beobachtung aus, dass in ethischen Diskussionen häufig Wertgesichtspunkte gegen einander in Stellung gebracht werden. Wie kann man mit solchen Wertkonflikten umgehen? Niemann fasst Ethik als eine Wissenschaft auf, die Moralsysteme auf ihre behauptete Zweckmäßigkeit zur Lösung bestimmter praktischer Probleme prüft. Damit untersucht sie Instrumente, nicht Ziele. Nur dann, wenn wir dem Wissen mehr Raum geben als dem Gewissen, werden wir nach seiner Auffassung in der Ethik dazulernen können (S. 39).

Den Konsequenzen der erkenntnistheoretischen und methodologischen Auffassungen Alberts für die politische Philosophie gehen die Beiträge von Michael Schmidt-Salomon, Hans Schauer, Lothar Fritze und der erste Beitrag von Armin Pfahl-Traughber nach. Michael Schmidt-Salomon akzeptiert die von Albert gegebene Analyse des Begründungsproblems und wirbt für eine "humanistische Basissetzung" (S. 49), die sich für ihn aus der Anwendung des Prinzips der kritischen Prüfung auf die Instrumente ergibt, mit denen wir unsere Wünsche erfüllen wollen: Der Humanismus bleibt übrig, wenn alles andere (notwendig) versagt. Hans Schauer dagegen akzeptiert die von Albert gegebene Analyse des Begründungsproblems nicht und legt dar, welche Folgerungen sich für ihn daraus ergeben.

Lothar Fritze zeigt in seinem Beitrag eine strukturelle Gemeinsamkeit zwischen demokratischer und totalitärer Lernverweigerung auf (S. 84-85). Der politisch entscheidende Unterschied zwischen einer Demokratie und einer Diktatur besteht in dieser Perspektive in der Fähigkeit der Demokratie, dazuzulernen, also einen institutionellen Wandel auf Grund wissenschaftlicher Erkenntnisse zu fördern. Das habe für die Demokratie die unangenehme Konsequenz, dass sie sich in dem Maße einem totalitären Problemlösungsverhalten annähert, wie sie Lernprozesse abblockt. Dem Zusammenhang von Hans Alberts Methodologie und der Demokratie ist auch der erste Beitrag von Armin Pfahl-Traughber gewidmet.

Mein Beitrag schließlich bezieht sich auf diejenigen Arbeiten Hans Alberts, in denen er sich mit den Voraussetzungen und Folgen des europäischen Sonderweges auf dem Gebiet der Wissenschaft befasst. Wenn wir daran interessiert sind, die Produktion und Verwertung unseres Wissens zu verbessern, dann werden wir das nicht ohne eine kritische Überprüfung unserer Institutionen erreichen können, in denen Wissen produziert und vermittelt wird. Diese Überprüfung muss aber, soll sie nicht ziellos und konzeptionell willkürlich sein, von einer ordnungspolitischen Idee geleitet sein.

Von Walter Eucken stammt das Diktum, dass man einen Sachverhalt wissenschaftlich nur gründlich genug analysieren müsse, um sich zur interdisziplinären Arbeit gezwungen zu fühlen. An Hans Alberts Arbeiten lässt sich ablesen, wie weit man auf diesem Wege kommen kann. Zugegeben – mit einem solchen Denken erobert man eher die Oberseminare als die Feuilletons. Aber wenn man die Weltbildfunktion des wissenschaftlichen Denkens Ernst nimmt; wenn man sich einem nüchternen und wissenschaftsnahen, also am theoretischen Verständnis der Wirklichkeit – und nur an diesem – orientierten Denken verpflichtet fühlt; wenn man seine Thesen nicht auf Wirkung anlegt, sondern auf interdisziplinäre Verantwortbarkeit – dann kommt man am Denken Hans Alberts nicht vorbei.

Herrn Professor Albert sei abschließend auch an dieser Stelle noch einmal herzlich für seine Teilnahme an der gesamten Tagung gedankt – auch natürlich für seine nimmermüde Bereitschaft, seine Anschauungen zu erläutern und (nicht selten mit einer erfrischenden Portion Ironie) gegen Kritiker zu verteidigen. Die Tagungsteilnehmer werden sich besonders gern an jenen ebenso humorvollen wie informativen Vortrag erinnern, den er zum Abschluss der Tagung am Sonntag Vormittag hielt. Dieses "Wort zum Sonntag" werden die Teilnehmer wohl in bester Erinnerung behalten.

Hildesheim, im November 2001

Gerhard Engel