Prof. Dr. Erich Loewy (Sacramento)

Ethik, Diskussionskultur und Stammzellen

aus: Aufklärung und Kritik Nr. 2/2001, S. 5 ff.

 

Die Stammzellen-Debatte, die momentan in vielen Ländern stattfindet, ist nicht nur eine, die an und für sich interessant und wichtig ist, sondern ist eine, die auch die verschiedenen Diskussionskulturen darstellt. Indem die Diskussion oft persönlichen Moralbegriff und allgemeine Ethik miteinander verwechselt, führt sie oft zu nichts.

In diesem kurzen Aufsatz möchte ich

1) zwischen persönlicher Moral und allgemeiner Ethik unterscheiden und eine Möglichkeit beschreiben, eine allgemeine Ethik zu schaffen;

2) die Diskussionskultur diskutieren, die für das Schaffen einer Ethik notwendig scheint; und

3) einige Worte über die Stammzellen-Debatte sagen.

1. Persönliche Moral und allgemeine Ethik

Man kann Ethik als etwas ansehen, das wir entdecken (oder das uns von Gott vorgegeben wird), oder als etwas, das wir als Menschen mühsam zusammen schaffen. Ersteres führt zu keiner Möglichkeit mit anderen übereinzustimmen, deren Entdeckung anders ist, – es ist jedenfalls noch nie jemandem gelungen, eine Ethik, die für alle überzeugend ist, zu entdecken. Der zweite Sinn setzt die Zusammenarbeit von Menschen voraus, deren Interesse ist, friedlich miteinander zu leben.

Ich möchte zuerst zwischen den zwei Möglichkeiten unterscheiden, über Ethik zu sprechen. Wenn wir als Historiker uns über den Geburtstag Friedrich des Großen uneinig sind, so werden wir diesen Streit dadurch schlichten, daß wir an eine von beiden akzeptierte Autorität appellieren. Und es wird uns beiden nicht schwer fallen, eine von uns beiden akzeptierbare Autorität ausfindig zu machen. Wenn wir uns allerdings über eine ethische Frage uneinig sein sollten, so müssen wir schließlich und endlich auch an eine von uns beiden akzeptierbare Autorität appellieren, werden aber viel größere Schwierigkeiten haben, so eine Autorität zu finden. Unsere Religion, unsere Kultur, unsere Tradition, unsere eigenen Erfahrungen taugen hier nicht, um unseren Gesprächspartner (dessen Religion, Tradition, Kultur oder Erfahrung ganz anders ist) zu überzeugen. Also müssen wir an allgemein menschliche Fähigkeiten appellieren – an Logik, an allgemeine menschliche Fähigkeiten und Erfahrungen, die wir als Menschen alle teilen. In einer multi-kulturellen Welt (in der friedliches Zusammenleben eine Voraussetzung ist oder sein sollte), kann eine solche Vorgehensweise einen allgemein ethischen Rahmen, aber keine absoluten spezifischen Regeln schaffen.

Wir können unseren persönlichen Moralbegriff sehr wohl von unserer Kultur, unserer Religion, unserer Tradition oder unseren Erfahrungen ableiten. Da wir aber damit andere, die einen anderen Moralbegriff haben und ihn von ihrer eigenen Religion, Kultur, Tradition oder Erfahrung ableiten, außer durch Gewalt nicht überzeugen können, so müssen wir andere Wege suchen, um den Rahmen einer allgemeingültige Ethik zu schaffen. Es ist die Aufgabe von Ethik, gemeinsame Nenner zwischen verschiedenen Moralbegriffen herauszuarbeiten und einen größeren Rahmen zu schaffen, in dem sich persönliche und kulturelle Moralbegriffe dann abspielen. Obwohl die Details einer persönlichen Moral von Mensch zu Mensch, von Religion zu Religion oder Kultur zu Kultur verschieden sein werden (für den Einen ist Euthanasie denkbar, für den Anderen nicht), so muß diese persönliche Moral in den größeren Rahmen einer allgemein gültigen Ethik passen.

Wie kann man eine solche Ethik schaffen? Ist es überhaupt möglich, einen Rahmen zu setzen? Es ist erstaunlich, daß die allgemeinen Regeln aller ethischen "Theorien" (seien sie utilitaristisch, deontologisch oder anders geprägt) und aller Religionen im Grunde nicht so verschieden sind – alle verbieten Mord, Diebstahl oder Lüge und alle befürworten Hilfsbereitschaft. Und doch sind sie oft ganz verschieden erstanden. Wie mag das kommen?(1)

Als Menschen (und persönlich würde ich behaupten, als höhere Lebewesen) haben wir alle, was Rousseau den "Trieb zum Mitleid" ("l’impulse pour le compassion" oder "pietié") nennt wie auch "Selbstachtung" ("amour de soi même") – etwas, das im Selbsterhaltungstrieb Ausdruck findet und nicht mit "Selbstliebe" ("amour propre") verwechselt werden sollte.(2) Unser Mitleidsgefühl bringt uns dazu, uns ethischen Fragen zu stellen – Schopenhauer nennt Mitleid die "Triebfeder der Ethik".(3) Unser Selbsterhaltungstrieb wird unseren ersten Impuls, dem Anderen zu helfen, in Schranken weisen. "Selbstachtung" und "Selbstliebe" sind etwas Verschiedenes – unser Selbsterhaltungstrieb mag uns, falls wir schlecht schwimmen können, davon abhalten, in einen reißenden Fluß zu springen, um jemanden zu retten; unsere Selbstliebe würde uns davon abhalten, unsere Füße naß werden zu lassen.

Aber das führt noch zu keiner Ethik. Als Menschen haben wir gewisse allgemeine Fähigkeiten und notgedrungene Erfahrungen, die wir teilen. Darunter sind: 1) der Trieb zum Sein (wir alle wollen – unter normalen Umständen – existieren und leben); 2) biologische Notwendigkeiten; 3) soziale Notwendigkeiten, die ganz verschieden sein mögen – aber wir alle brauchen den oder die Anderen; 4) der Wunsch, nutzloses Leiden zu vermeiden; 5) eine Fähigkeit, logisch zu denken – jedenfalls ausreichend dafür, um zu wissen, daß man nicht an zwei Stellen gleichzeitig sein kann; und 6) den Trieb, unseren Interessen nachzugehen und unsere Talente zu verwirklichen. Ich habe das die "existentiellen a prioris" der Ethik genannt. Dies sind keine Prinzipien oder Regeln, nicht Naturgesetze – sie sind selbst noch keine Ethik, sondern schlicht und einfach die Bestandteile eines Rahmens, in dem wir zusammen eine Ethik miteinander aushandeln.(4)

Aus einem solchen Rahmen werden keine Regeln über Abtreibung, Euthanasie oder Stammzellen zustande kommen können. Aber damit und im Gespräch mit anderen können wir allgemeine Regeln schaffen. Eine der ersten würde es sein, daß wir (um weiter miteinander sprechen zu können) die Bestandteile des Rahmens der "existentiellen a prioris" unseres Gesprächpartners nicht gefährden und, wenn möglich, schützen müßten: Also könnten wir nicht morden, sondern müßten alles tun, damit die Lebensnotwendigkeiten des Anderen gewährleistet sind, u.s.w. Außerdem müßten wir auch übereinstimmen, daß kulturelle, persönliche und religiöse Unterschiede in verschiedenen Moralbegriffen, die innerhalb eines solchen Rahmens fallen, respektiert werden müßten. Denn falls wir dies nicht tun sollten, steht wiederum ein persönlicher Moralbegriff dem anderen gegenüber. Und solche Unterschiede sind etwas, das man eher feiern als bemängeln sollte – denn es sind Unterschiede, die zu weiterer Diskussion und zu mehr gegenseitigem Verständnis führen können.(5) Das Aufstellen einer Ethik oder von Regeln der Ethik ist nicht etwas, das man meines Erachtens für ewige Zeiten schaffen (oder gar entdecken) kann – es ist etwas, an dem wir als Menschen zusammen und mühsam weiter arbeiten müssen und sollen. Ethik – so wie ich sie ähnlich wie John Dewey eben begreife – ist etwas Dynamisches, etwas Evolutionäres und sich immer in Entwicklung Befindendes. Und indem wir uns diese Fragen stellen und versuchen, bessere Antworten zu finden, werden wir uns auch als denkende und fühlende Lebewesen ändern.(6)

2. Diskussionskultur

Um eine solche Ethik aushandeln zu können, ist eine gute Diskussionskultur unabdingbar. Was heißt daß? Warum diskutieren wir überhaupt? Eine Diskussion ist nur sinnvoll, wenn alle bereit sind, den Anderen respektvoll zuzuhören, und andere als die eigenen Argumente ernst zu nehmen. Selten hat bei einer Uneinigkeit eine Seite vollkommen recht und die andere vollkommen unrecht. Die Voraussetzung einer Diskussion ist, daß man Unrecht haben könnte, daß man bereit ist, von einander zu lernen, und daß man am Ende dieser Diskussion sehr wohl nicht mehr von seiner Ansicht so überzeugt wie vorher sein könnte. Wenn man borniert davon überzeugt ist, daß man vollkommen Recht hat, dem Anderen kaum zuhört, keine Argumente, sondern nur Ansichten liefert und davon überzeugt ist, daß derjenige, der mit einem nicht übereinstimmt, entweder dumm oder bösartig ist, so diskutiert man nicht – man predigt.

Leider ist heute die Diskussionskultur (und dies besonders im deutschen Sprachraum) oft äußerst mangelhaft. Wir sind mehr darauf erpicht, recht zu haben als von einander lernen zu können, haben wenig Geduld mit anderen Ansichten und sind (was in einer Demokratie nicht nur erstaunlich, sondern äußerst gefährlich ist) oft gar nicht einmal bereit, andere Meinungen zu Wort kommen zu lassen. Die Affäre mit Peter Singer – die m.E. beschämend und schändlich ist – ist dafür ein Beispiel. Ohne die Ansichten oder den Argumenten des Anderen Gehör zu geben, wollen gewisse Gruppen diese Ansichten und Argumente einfach "verbieten" und mit Gewalt unterdrücken. Sie wollen jegliche Diskussion von vornherein sprengen. Dies ist für eine Demokratie eine unmögliche Situation und eine, die nicht nur die Demokratie selbst, sondern jegliche Möglichkeit, eine wirksame Ethik zu schaffen, von vornherein zerstört.

Um jegliche Debatte über ethische Probleme (sei es Stammzellen, Euthanasie, das Schaffen eines gerechten Gesundheitswesens oder den Umgang mit Asylanten) aufrechterhalten zu können und um zu einem annehmbaren Resultat kommen zu können, müssen wir danach trachten, eine gute, wirksame, dynamische und rege Debatte anzuregen. Leider scheint die heutige Diskussionskultur weit davon entfernt zu sein. Man würde annehmen, daß die Ebene dieser oft fehlenden Diskussionskultur nicht ein allgemeines Problem ist, sondern daß sie hauptsächlich auf nichtintellektuelle Kreise beschränkt sein würde – mit anderen Worten, daß es eben Radauschläger gibt. Aber leider stimmt dies nicht. Selbst auf Diskussionslisten, bei denen hauptsächlich, aber keineswegs ausschließlich, Akademiker diskutieren, findet man nur wenig gegenseitigen Respekt und oftmals sogar gegenseitige Beschimpfungen. Und was fast unglaublich ist: Es ist sogar vorgekommen, daß einer der Diskutanten den anderen vor Gericht verklagt hat!!! Eine gute, respektvolle und allen Ansichten zugängliche Diskussionskultur – genau wie eine freie Presse und freie Justiz – ist unabdingbar, um eine demokratische Vorgehensweise möglich zu machen.

Die Diskussionskultur in angelsächsischen Ländern ist eine andere. Sie setzt einen respektvolleren Umgang mit Diskussionspartnern voraus, erschöpft sich selten in gegenseitigen Beschimpfungen (oder Klagen!!) und versucht (obwohl es auch nicht immer der Fall ist) Argumente anstatt bloß Ansichten zu liefern. Es scheint mir auch, daß die Diskutanten nicht so erpicht sind, unbedingt recht zu haben, sondern daß es nicht selten vorkommt, daß man "Damit haben Sie recht" sagt und seine Meinung etwas ändert. Das persönliche Ego und die persönliche "Unantastbarkeit" sind den Diskutanten etwas weniger "heilig". Humor ist oftmals ein Teil dieser Diskussion.

Es gibt vieles, was man in den USA bemängeln könnte und sollte – z.B. ein äußerst lückenhaftes soziales Netz. Aber es gibt auch Gutes (insofern man dasjenige als "gut" bezeichnen will, das zu etwas führt und von dem man etwas lernt), und die Diskussionskultur ist, denke ich, eine offenere und daher bessere. Wir könnten voneinander lernen.

3. Die Stammzellen-Debatte

Es ist nicht die Aufgabe eines Ethikers, Antworten zu geben. Ethiker sind keineswegs moralischer als andere. Falls wir Ethikern die Fähigkeit zusprechen, uns zu sagen, wie wir handeln sollten, so hätten wir eine neue säkuläre Priesterschaft geschaffen. Die Aufgabe von Ethikern ist es vor allem, Begriffe klar darzustellen, Vorurteile zu hinterfragen, Unterschiede herauszuarbeiten, beim Durchdenken von Problemen mitzuhelfen und Fragen zu stellen. Vor allem jedoch: Fragen zu stellen. Und so ist es auch ihre Aufgabe, Leute zu ärgern – denn indem man Fragen stellt (Fragen wie "Warum denken – oder handeln – sie eigentlich so?") stört man Gewohnheiten – etwas, das auf den ersten Blick störend wirkt. Die erste Frage der Ethik ist eigentlich nicht "Was sollen wir tun?", sondern eher "Wer hat das Recht zu bestimmen, was getan werden sollte?" Das Recht zu entscheiden, was getan werden sollte, müßte gerechterweise denen zustehen, die von der Entscheidung betroffen werden. Entscheidungen über Probleme wie Stammzellenforschung oder Euthanasie sollten nicht einfach von Ethikern oder Kommissionen oder anderen "Experten" getroffen werden. Ethiker und andere Experten können und sollen eine beratende, aber nicht eine entscheidende Rolle haben.

Gute Ethik fängt mit guten Fakten an. Ohne genaue Fakten – oder Fakten, die so genau als möglich sind – ist jegliche Ethikdiskussion belanglos. Deswegen will ich kurz solche Fakten darstellen und dann einige Begriffe klären.

Stammzellen können omnipotent, pluripotent oder multipotent sein. Omnipotente Stammzellen (von denen hier die Rede sein wird) sind undifferenzierte Zellen, die von einem kleinen Zellknäuel kurz nach der Befruchtung des Eies durch ein Spermium entnommen werden. Diese Zellen können sich noch alle in jede Richtung entwickeln – d.h.: sie können Leber-, Herz-, Nieren-, Knochenmark- oder Hirnzellen werden, oder sie könnten sich zu einem menschlichen Wesen entwickeln. Es kommt darauf an, wie sie "programmiert" werden. Solche Zellen könnten dann für viele kranke Menschen von großem Nutzen sein – etwas, das man zwar vermutet, was aber ohne die notwendigen Versuche nicht herausgefunden werden kann. Diese Zellen können von Embryonen, die durch In-Vitro-Fertilisation erzeugt wurden, oder von natürlich erzeugten Embryonen stammen. Die In-Vitro-Embryos können entweder zu diesem Zweck erzeugt werden oder (was gewöhnlich der Fall ist) sind Embryos, die übrig geblieben sind und nicht mehr verwendet werden.

Es ist nicht im Bereich des Unmöglichen, daß pluri- oder multipotente Stammzellen (die sich nicht in alle, jedoch viele Richtungen entwickeln können) sozusagen zu omnipotenten Stammzellen "zurückprogrammiert" werden – aber dann ist man genau dort, wo man angefangen hat, denn diese rückprogrammierten Zellen sind dann wieder fähig, alles zu werden.

Ich möchte hier den Ausdruck "Leben" etwas näher anschauen – unsere Sprache bestimmt oft, wie und was wir über ein Problem denken und wie wir es handhaben werden. Der Ausdruck "Leben" – der für fast alle Debatten in Bioethik so wichtig ist – umfaßt sowohl in deutscher, englischer und französicher Sprache zwei ganz verschiedene Begirffe: "am Leben sein" und "ein Leben haben".(7) Eine Spinatpflanze, eine Amöbe, ein Hund, eine Stammzelle, ein Embryo und ein lustiger Tischler sind am Leben. Dies kann von Experten festgestellt werden, ebenso wie sie dasjenige, was nicht am Leben ist oder es nie war, davon unterscheiden können. Aber nicht alle dieser Lebewesen haben ein Leben. Ein Leben zu haben heißt, das Subjekt seines Lebens zu sein: Etwas, das ein Leben hat, ist sich seines Lebens bewußt, hat Freuden, Hoffnungen, Schmerzen, Interessen und eine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Man soll dies nicht quantitiv verstehen: Ein schwerst geistig Behinderter, der seiner selbst bewußt ist, hat ein Leben. Der Inhalt dieses Lebens ist dann eine andere Sache. Aber um Inhalt haben zu können, muß man sich dessen bewußt sein. Ein Leben zu haben heißt schlicht und einfach, daß man sich seiner selbst bewußt ist.

Es scheint mir, daß dieser Unterschied erstens offensichtlich und zweitens ethisch äußerst bedeutsam ist. Das bedeutet keinesfalls, daß bloß am Leben zu sein ethisch unbedeutend ist – aber es mag heißen, daß am Leben zu sein und ein Leben zu haben ethisch bedeutsamer und daher folgenreicher sein könnte.

Spinatpflanzen, Amöben, Stammzellen, kleine Embryos vor der Entwicklung des zentralen Nervensystems usw. sind sichtlich am Leben – aber haben entweder kein Leben oder haben es jedenfalls noch nicht. Hunde und lustige Tischler haben es. Dies soll keineswegs bedeuten, daß Hunde und lustige Tischler denselben ethischen Wert haben – sondern nur, daß sie ethisch bedeutsam sind, und daß man argumentieren könnte, daß sie eine größere Bedeutung als Spinatpflanzen oder Amöben haben könnten. Stammzellen und noch nicht entwickelte Embryos sind zwar am Leben, aber (anders als Spinatpflanzen oder Amöben) könnten sie in der Zukunft auch ein Leben haben. Daher sind sich diese verschiedenen Lebewesen nicht gleich. Stammzellen und Embryos – da sie zwar nicht ein Leben haben, aber eines in der Zukunft haben könnten – sind weder wie Spinatpflanzen oder Amöben noch wie aktualisierte Hunde oder Tischler. Sie haben die Potentialität, Menschen zu werden. Aber dies ist nur eine Potentialität – üblicherweise behandeln wir Eicheln anders als Eichbäume(8) und Medizinstudenten (die die Potentialität haben Ärzte zu werden) anders als zugelassene Ärzte: d.h., wir sprechen ihnen andere Rechte zu und erwarten auch anderes von ihnen.

Bei ethischen Problemen gibt es selten "gute" Antworten oder Lösungen. Gewöhnlich haben wir zwischen verschiedenen Optionen, die an und für sich nicht "gut" sind, die Wahl. Fast immer müssen wir zwischen etwas, das an und für sich schlecht, etwas, das schlechter und etwas, das "hundsmiserabel" ist, entscheiden – also sind wir fast immer gezwungen, das kleinere Übel zu wählen. Und nicht wählen – falls man wählen könnte – (genau so wie nicht handeln, falls man handeln könnte) ist ebenfalls eine Wahl (oder ein Handeln), für deren Folgen man dann verantwortlich ist und bleibt.

Was hat das mit Stammzellen zu tun? Erstens denke ich, daß man diese Frage klar stellen muß. Die Frage ist, ob man Versuche mit Stammzellen erlauben sollte, ob man diese Stammzellen von In-Vitro-Fertilisation oder von dafür erzeugten Embryonen verwenden sollte, und ob man, falls diese Versuche sich bewähren sollten, Stammzellen kommerzialisieren darf. Dies sind eigentlich drei ganz verschiedene Fragen. Und natürlich sollte die erste Frage sein, wer und wie so etwas entschieden werden sollte.

In den Vereinigten Staaten wurde zu diesem Zweck eine Kommission am NIH (National Institute of Health) geschaffen. In Deutschland sowie auch in Österreich gibt es seit kurzer Zeit ebenfalls ähnliche Kommissionen. Die Rolle einer sogenannten Ethikkommission sollte eine beratende und nicht eine bestimmende sein. Um wirksam zu sein, sollte eine solche Kommission die Argumente verschiedener möglicher Sichtweisen überprüfen, sie logisch aufarbeiten, Begründungen suchen und versuchen, diese verständlich darzustellen, und damit den Wählern diese verschiedenen Ansichten und Standpunkte klar zu machen. Es ist nicht die Aufgabe einer Kommission, Entscheidungen zu treffen, sondern zu beraten. Sitzungen, Ansichten usw. sollten von der Regierung so abgesondert wie irgend möglich sein – ein Techtel-Mechtel zwischen Regierung und Kommission sollte um jeden Preis vermieden werden. Die Entscheidung sollte und müßte schließlich durch die Wählerschaft demokratisch gefällt werden.

Die Zusammensetzung muß die verschiedenen Gesichtspunkte, "backgrounds" usw. berücksichtigen: religiöse, kulturelle, fachliche, sowie Laien – also Ärzte, Forscher, Philosophen, Ethiker, Vertreter verschiedener Gruppen usw. So weit als möglich sollten die Mitglieder einer solchen Kommission nicht voreingenommen, sondern bereit sein, ihre eigene Ansicht zu ändern. Mitglieder dürfen keinerlei Interessenkonflikt haben – d.h., keinen finanziellen oder wissenschaftlichen Vorteil ziehen, wie immer die Entscheidung ausfallen sollte. Als Vorsitzende sind Nicht-Forscher oder Ärzte und nicht Leute, die eine bereits vorgeschriebene ideologische oder religiöse Richtung haben, vorzuziehen – Philosophen sind u.a. dazu äußerst geeignet; Theologen, Forscher und schon gar Menschen, die finanzielle Interessen an der Sache haben, jedoch nicht. Auch müssen politische Erpressungs- oder Verführungsmöglichkeiten ausgeschlossen werden.

Falls sich die Arbeit einer solchen Kommission in Voten erschöpft, ist sie m.E. zwecklos. Eine Abstimmung, die ein Resultat von 5 zu 4 oder 1800 zu 1798 oder irgend eine andere beliebige Mehrheit ergibt, berechtigt nicht dazu zu bestimmen, was man tun sollte. Man würde hoffen – und erstaunlicher Weise ist dies erfahrungsgemäß bei gut zusammenarbeitenden Kommissionen fast immer der Fall gewesen –, daß ein Konsens möglich sein würde. Der Sinn so einer Kommission besteht weniger darin, Antworten zu finden, sondern vor allem Begründungen für verschiedene Ansichten in den Raum zu stellen und, falls ein Konsens oder jedenfalls weitgehende Übereinstimmung möglich ist, ihre Ansicht (und die Begründung für diese Ansicht) zu veröffentlichen. Solche Kommissionen – obwohl sie in einer Demokratie natürlich in erster Linie die Regierung (bzw. das Parlament usw.) beraten sollten – sind schließlich und endlich dazu angelegt, das breite Publikum in die Diskussion mit einzubeziehen. Um dies zu ermöglichen, sind zwar eine wirksame Presse und andere Medien unabdingbar – aber erst nachdem eine solche Kommission in aller Ruhe und mit genügend Zeit über das Problem diskutiert und nachgedacht hat. Und auch dann ist eine solche Kommission nicht unfehlbar, nicht etwas, dem man unbedingt folgen müßte oder sollte – sie ist etwas, das ernst genommen werden muß und das sehr hilfreich sein kann.

Die Zusammensetzung der Kommission an dem NIH war eine breite – die unterschiedlichen Auffassungen waren unter dem Vorsitz eines bekannten Medizinethikers vertreten und die Diskussion, die meist hinter verschlossenen Türen stattfand, hat lange gedauert. Begründungen wurden vorsichtig und ausgiebig ausgearbeitet und dargestellt, die Ansichten verschiedener Mitglieder wurden respektiert und diskutiert. Der Vorschlag – daß unter gewissen Umständen Forschung mit Stammzellen, die von IVF stammen, stattfinden sollte – wurde öffentlich gemacht, weitergeleitet und schließlich in Wirklichkeit umgesetzt. Es scheint, daß sich das heute – wo das politische Klima unter den Einfluß der sogenannten "religious right" gekommen ist – ändern könnte. Traurig stimmt, daß die meisten Bürger der Sache gleichgültig gegenüber standen und stehen. Wenn man etwas an dieser Kommission bemängeln könnte, so wäre es dies, daß die Diskussion nicht auf eine breitere Ebene ausgerichtet wurde und im Volk eigentlich kaum stattgefunden hat.

Das Argument gegen die Verwendung von Stammzellen stützt sich auf ein ähnliches Argument wie dasjenige gegen Abtreibung junger Embryonen. Das Argument ist, daß Embryos – oder die Zellen von Embryonen – den gleichen Wert wie volle menschliche Wesen haben und daher vollen Schutz verdienen. Es ist ein Argument, das vom Gesichtspunkt der Menschenwürde geprägt gewöhnlich religiöse Wurzeln hat. Würde – so beliebt dieser Ausdruck auch sein mag – ist undefiniert: Die Tatsache, daß "die Würde des Menschen" im Grundrecht "unantastbar" ist, klingt zwar äußerst schön, ist aber ohne weitere Erklärung belanglos. Denn was verstehen wir unter "Würde", was unter "Mensch" und was unter "unantastbar"? Ist eine Stammzelle "ein Mensch"? Hat sie "Würde"? Und wie kann man von unantastbarer Würde sprechen, während Kinder in der ganzen Welt verhungern, Asylanten ausgewiesen werden und andere soziale Zustände, die wir abändern könnten, einfach ignoriert werden?

Das befürwortende Argument andrerseits behauptet, daß aktualisierte Menschen, denen geholfen werden könnte, einen höheren ethischen Stellenwert als nicht aktualisierte Lebewesen haben – daß, mit anderen Worten, ein Leben zu haben mehr als nur am Leben zu sein bedeutet. Es stützt sich auf das Leiden derer, denen möglicherweise geholfen werden könnte. In dieser Hinsicht ist es ähnlich wie das Argument für oder gegen aktive Sterbehilfe – einerseits die "Heiligkeit des Lebens" (im Sinne des bloßen am Leben Seins) und andrerseits den Stellenwert des leidenden Menschen, dem geholfen werden könnte.

Das Argument, das behauptet, daß man zwar Zellknäuel (Embryos) für IVF erzeugen und daß man die, die unbrauchbar sind, wegwerfen darf, aber daß man nicht die Stammzellen von den Embryonen, die man nicht verwendet, für andere Zwecke verwenden darf, ist unlogisch und widerspricht sich selbst. Es wäre nicht widersprüchlich (ich befürworte es nicht, aber es wäre logisch verteidigbar) IVF nicht zuzulassen, so daß man dann nicht das Problem der übriggebliebenen Embryonen haben würde. Falls man In-Vitro-Fertilisation zuläßt, und falls man weiß, daß dadurch Embryos, die nicht verwendet werden können, erzeugt werden, so muß man diese übrig gebliebenen Embryos in Kauf nehmen – es fragt sich dann, was man damit anfangen soll.

Wir stehen also vor dem folgenden Problem: Ist es für uns Menschen vorteilhafter, Versuche mit Stammzellen zuzulassen, die Bedingungen zu kontrollieren und einen Rahmen zu setzen und dadurch möglicher (oder sogar wahrscheinlicher) Weise vielen Menschen, die ein Leben haben, ein lebenswertes Leben verschaffen zu können; oder wäre es besser, so etwas einzustellen und dadurch etwas, das zwar am Leben ist, aber kein Leben hat, zu schützen? Man bedenke – die Stammzellen die verwendet werden, kommen (hauptsächlich, und das wäre kontrollierbar) von übriggebliebenen Embryonen bei In-Vitro-Fertilisation; sie können entweder verwendet werden, um anderen möglicher Weise zu helfen, oder sie können einfach schließlich und endlich vernichtet, weggeworfen oder für ewige Zeiten eingefroren werden. Die Wahl – die nicht Experten oder Kommissionen, sondern letztlich die Bürger treffen sollten – ist eine, die folgenschwer sein könnte, und die wir nicht vermeiden können.

Die Frage, ob man die Entscheidung, ob Stammzellen käuflich sein sollten, und ob Profite aus solchen Versuchen, Menschen zu helfen, zulässig sind, dem Markt überlassen sollte, ist ein ganz anderes Problem. Falls wir als Gesellschaft bereit sind, Krankheit, Gesundheit, Gesundwerden oder Sterben dem Markt zu überlassen, so hieße das, daß wir bereit sind, Leben und Tod vom Zufall unseres Reichtums bestimmen zu lassen. Das ist m.E. nicht zulässig. Aber dies ist eine ganz andere Frage und eine, die durch Gesetzgebung gehandhabt werden kann. Die traurige Tatsache, daß diese Kommerzialisierung bereits angefangen hat, spricht jedenfalls kaum gegen Versuche mit und gegen die mögliche Verwendung von Stammzellen.

FUßNOTEN und LITERATURANGABE

(1) Diese kurze Beschreibung ist ausführlich in Loewy EH: Moral strangers, Moral Acquaintance, Moral Friends: connectedness and its conditions Albany, NY: State University of New York Press, 1997 zu finden.

(2) Rousseau JJ: Du Contrat Social Paris, France: Garnier-Flamarion; 1996 und Discours sur L’Origine et les Fondaments de l’Inequalite parmis les Hommes, Paris, France: Gallimard, 1965.

(3) Persönlich würde ich das Wort "Mitgefühl" vorziehen, denn es ist nicht nur Mitleid mit dem Anderen, sondern auch Freude an dessen Freude, die uns motivieren könnte. Mitleid als Triebfeder: Siehe: Schopenhauer A: Preisschrift über die Grundlagen der Moral in: Arthur Schopenhauer, Kleinere Schriften (Band III, Arthur Schopenhauer Sämtliche Werke – Wolfgang Frhr. Von Löhneisen, Hg.). Frankfurt a/M: Suhrkamp 1989

(4) Siehe: in Loewy EH: Moral strangers, Moral Acquaintance, Moral Friends: connectedness and its conditions, Albany, NY: State University of New York Press, 1997

(5) Habermas J: Einführung zur Diskursethik, Frankfurt a/M: Suhrkamp, 1991

(6) John Dewey in seinen ganzen Werken spricht darüber, daß Ethik (nicht anders als andere Wissenschaften) mit derselben Methode des Nachfragens arbeiten sollte und müßte. Siehe: (u.a.): Dewey J: Logical conditions for the scientific treatment of morality in: J.A. Boydston, D. Rucker (Hg.) John Dewey: the middle works (vol. 3) Carbondale, IL: Southern Illinois University Press, 1977 (Seite 3-39) und Dewey J: Ethics in: J.A. Boydston (Hg.) John Dewey: the later works (vol. 7) Carbondale, IL: Southern Illinois University Press, 1989.

(7) Kushner T: Having a life vs being alive. Journal of Medical Ethics, 1984; 1: 5-8.

(8) Thompson JJ: A defense of abortion. Philosophy and Public Affairs 1971; 1(1): 47-66.

Dr. Erich H. Loewy, Professor and Endowed Alumni Association Chair of Bioethics, Associate Department of Philosophy University of California, Davis, und Co-President Hans Jonas Verein – Wien