Dr. Wolf Pohl (Konstanz)

Antonio R. Damasio: "Ich fühle, also bin ich.
Die Entschlüsselung des Bewusstseins"
Eine Rezension

aus: Aufklärung und Kritik 1/2001 (S. 168 ff.)


Antonio R. Damasio: "Ich fühle, also bin ich. Die Entschlüsselung des Bewusstseins", 2000, List Verlag (amerikanische Originalausgabe: "The Feeling of What Happens. Body and Emotion in the Making of Consciousness", 1999, New York, Harcourt Brace)


Weitere Rezensionen und Stellungnahmen sowie Auszüge eines Interviews mit Damasio finden sie auf der Homepage von Helmut Walther.


Wie sind geistig-seelische Phänomene zu erklären?

Für ein Verständnis geistig-seelischer Phänomene besteht ein Problem darin, dass man glaubt, sich auf Introspektion verlassen zu können. Aber so wenig, wie unsere sinnlichen Wahrnehmungen von Phänomenen der äußeren Realität uns erkennen lassen, wie diese Phänomene auf den tieferliegenden, den biologischen, chemischen und physikalischen Schichten der Realität zu verstehen sind, so wenig lassen die Wahrnehmungen, die wir subjektiv durch Introspektion in unserem Inneren machen, erkennen, wie diese aus den dahinter wie hinter der Bedienoberfläche eines Computers verborgenen neuralen und neuronalen Strukturen und Prozessen unserer Gehirne zu erklären sind. Unsere subjektiven Wahrnehmungen und Vorstellungen sind zum Teil durch die biologische Evolution bedingt, teils aber auch kulturell-sprachlich vermittelt. Die Begriffe "Geist" und "Seele" sind, wenn wir mit diesen die Vorstellung eines Substrats bzw. einer Entität verbinden, vermutlich reine Konstrukte ohne wirklichen Erklärungswert. Die Introspektion erlaubt uns nicht zu erkennen, was wir selbst wirklich sind. Was sind wir selbst nun aber in Wirklichkeit?

Zu den noch bisher weniger erforschten geistig-seelischen Phänomenen gehören Emotionen, Gefühle, und ein Phänomen, dessen Verständnis man für ein besonders dringliches aber bisher auch für besonders schwieriges, wenn überhaupt lösbares Problem hielt, ist Bewußtsein. Ein Problem, das mit dem Problem des Bewusstseins eng verknüpft ist, ist die Frage der Entstehung eines "Selbst". Die Lösung des Problems des Bewusstseins und des "Selbst" bedeutet wohl die Beantwortung der Frage, "was Geist ist und was die Seele wirklich ist", d.h. der wohl philosophisch wichtigsten Frage, was wir selbst wirklich sind.

Bereits 1994 erschien von Antonio R. Damasio das Buch "Descartes Error" (deutsch "Descartes’ Irrtum", 1995), in dem Damasio eine Theorie der Emotionen vorstellte. 1999 erschien nun ein neues Buch von Damasio mit dem Titel "The Feeling of What Happens; Body and Emotion in the Making of Consciousness", zu deutsch also etwa "Das Gefühl für das, was sich ereignet. Wie Körper und Emotionen Bewußtsein hervorbringen". Die deutsche Ausgabe erschien im September 2000 unter dem Titel "Ich fühle, also bin ich. Die Entschlüsselung des Bewusstseins". In seinem neuen Buch legt Damasio eine überzeugende Theorie des Bewußtseins und eine detailliertere Theorie des "Selbst" vor. Man kann das zweite Buch betrachten als "Descartes’ Irrtum", Band 2. Und Descartes’ Irrtum ist der Dualismus, dessen endgültige Überwindung mit Damasios Einsichten vermutlich gelungen ist.

Antonio R. Damasio ist klinischer Neurologe, Direktor des Department of Neurology der University of Iowa in Iowa City und Adjunct Professor am Salk Institute for Biological Studies in La Jolla in Kalifornien. Zusammen mit seiner Frau Hanna hat Damasio das weltgrößte Archiv für Störungen im Denken, Fühlen und Handeln aufgebaut, um daraus Einsichten in die Arbeitsweise des menschlichen Geistes zu gewinnen. Das Archiv enthält inzwischen von 2525 Patienten die Krankengeschichten und die Bilder ihrer Gehirne.

Damasio beschreibt Emotionen, Gefühle, Bewußtsein und die Entstehung eines Selbst auf der phänomenalen Ebene des subjektiven Erlebens und des beobachtbaren Verhaltens zusammen mit den neurobiologischen, neuroanatomischen und neurophysiologischen Korrelaten. Er stützt sich dabei vor allem auf seine enorme klinische Erfahrung mit neurologischen Patienten, wobei er die beobachteten psychischen Ausfälle mit den festgestellten Hirnschäden (Läsionen) korrelliert, die insbesondere mit dreidimensionalen bildgebenden Verfahren wie Kernspintomographie diagnostiziert werden. Neurologische Erkrankungen stellen beobachtbare tragische Experimente der Natur dar, die gegenüber ethisch kaum vertretbaren Tierversuchen auch noch den Vorteil haben, daß mit Menschen eine sprachliche Kommunikation möglich ist (soweit neurologisch noch möglich), menschliches Verhalten leichter interpretierbar ist und dabei auch spezifisch menschliche geistig-seelische Phänomene untersucht werden können.

Damasios Bücher sind Bücher über Neurobiologie, wobei für Damasio evolutionsbiologische Betrachtungen eine wichtige Rolle spielen. Die Bücher sind aber mehr. Indem Damasio versucht, Emotionen, Bewußtsein und das Selbst auf der neurobiologischen Ebene zu verstehen – wie es aussieht, erfolgreich – , und dabei offenbar allen metaphysischen Ballast abgeworfen und alle Vorurteile unseres Alltagsverständnisses überwunden hat, kommt er auch auf der phänomenalen Ebene zu einem überraschend neuen Verständnis.

Emotionen, Gefühle

Wie die Titel der Originalausgabe und der deutsche Ausgabe schon verraten, entwickelt Damasio seine Theorie des Bewusstsein und des Selbst auf der Grundlage seiner Theorie der Emotionen. Zur Geschichte der Erforschung der Emotionen bemerkt Damasio, dass sich am Ende des 19. Jahrhunderts Charles Darwin, William James und Sigmund Freud ausführlich mit verschiedenen Aspekten der Emotionen beschäftigt haben, man danach aber Darwins Werk über Emotionen aus den Augen verlor, die Vorstellungen von James unfair angegriffen und rundweg abgelehnt wurden und Freuds Einfluss in eine andere Richtung ging. Während des größten Teils des 20. Jahrhunderts erschienen Emotionen zu subjektiv und vage und der als vornehmste menschliche Eigenschaft erachteten Vernunft so entgegengesetzt, dass ihre Erforschung vernachlässigt wurde. Was nach Damasio von der Gehirn-Geist-Forschung im allgemeinen großenteils auch vernachlässigt wurde, ist eine evolutionäre Perspektive.

Damasio zitiert den amerikanischen Psychologen und Philosophen William James: "Wenn wir uns eine starke Emotion vorstellen und dann versuchen, in unserem Bewußtsein jegliches Gefühl für seine Körpersymptome zu eliminieren, stellen wir fest, daß wir nichts zurückbehalten, keinen ‘Seelenstoff’, aus dem sich die Emotion zusammensetzen ließe, und daß ein kalter und neutraler Zustand intellektueller Wahrnehmung alles ist, was übrigbleibt."

Damasio schreibt, dass William James mit dieser vor etwa einem Jahrhundert vorgelegten wahrhaft verblüffenden Hypothese über das Wesen von Emotionen und Gefühlen seiner und unserer Zeit weit voraus war und den Mechanismus erfaßt hat, der entscheidend für das Verständnis von Emotionen und Gefühlen ist. Allerdings, so meint Damasio, wurde James mit dem Rest seiner Hypothese der Vielfalt und Vielschichtigkeit des angesprochenen Phänomens nicht gerecht.

Nach Damasio sind Emotionen (emotions) komplizierte Kombinationen von chemischen und neuralen Reaktionen des Gehirns, die eine regulatorische Rolle spielen mit dem ursprünglichen biologischen Zweck, günstige Umstände für das Überleben des Organismus zu schaffen. Emotionen benutzen den Körper (Eingeweide, Muskel-Sklett-System) als ihr Theater, haben aber auch einen Einfluss auf diverse Gehirnfunktionen. Emotionen beruhen auf angeborenen Gehirnfunktionen, die einer langen evolutionären Entwicklung entstammen. Individuelle Lernprozesse und kulturelle Einflüsse verändern jedoch die Emotionen hinsichtlich ihrer Auslöser und ihres Ausdrucks.

Von diesen emotionalen Veränderungen des Körpers und der Gehirnfunktionen entstehen im Gehirn wiederum Repräsentationen, die im Bewusstsein wahrgenommen werden können. Für diese Repräsentationen der emotionalen Veränderungen reserviert Damasio den Begriff Gefühle (feelings).

Bewußtsein und Selbst

Nach Damasio zeigen die neurologischen Befunde, dass Bewusstsein separiert werden kann in eine einfache und eine komplexe Art.

Die einfachste Art, die er Kernbewusstsein nennt, stattet den Organismus aus mit einer Empfindung von einem Selbst für einen Augenblick – jetzt – und einen Ort – hier. Kernbewusstsein erhellt nicht die Zukunft, und die einzige Vergangenheit, auf die es uns einen verschwommenen Blick erlaubt, ist das, was sich im gerade vorangegangenen Augenblick ereignete. Kern-Bewusstsein wird in Schüben (pulses) für jeden einzelnen Bewusstseinsinhalt erzeugt. Es ist jeweils das Wissen, das entsteht, wenn man mit einem Objekt konfrontiert ist, ein neuronales Muster dafür erzeugt. Die dabei entstehende Vorstellung von dem Objekt wird in der eigenen Perspektive erzeugt, für die der eigene Organismus das Bezugssystem liefert.

Die komplexe Art von Bewusstsein hingegen, die Damasio erweitertes Bewusstsein nennt, stattet den Organismus mit einer detaillierten Empfindung von einem Selbst aus – einer Identität und einer Person – und gibt der Person einen Platz an einem Punkt in ihrer individuellen Geschichte, bewußt der gelebten Vergangenheit, der vorausgesehenen Zukunft und der Welt um sie herum.

Kernbewusstsein ist ein biologisches Phänomen, das sich nicht ausschließlich beim Menschen findet. Es hängt nicht ab von Gedächtnis, Denken oder Sprache. Andererseits ist erweitertes Bewusstsein ein biologisches und beim Menschen auch kulturelles Phänomen. Es entwickelt sich im Laufe der Lebenszeit des Organismus. Erweitertes Bewusstsein ist auf Gedächtnis angewiesen. Beim Menschen werden durch Sprache neue Möglichkeiten erschlossen."

Den beiden Arten von Bewußtsein entsprechen zwei Arten von Selbst. Das Selbst, das im Kernbewußtsein auftaucht und das Damasio Kernselbst nennt, wird unentwegt neu geschaffen mit jedem Objekt, mit dem der Organismus in Wechselwirkung tritt. Unser traditioneller Begriff von Selbst verbindet sich aber mit der Vorstellung von Identität und entspricht der beständigen Ansammlung von einzigartigen Tatsachen und Seinsweisen, die eine Person charakterisieren. Damasios Bezeichnung dafür ist autobiographisches Selbst. Das autobiographische Selbst hängt ab von systematisierten Erinnerungen an Situationen und die am wenigsten veränderlichen charakteristischen Daten des eigenen Lebens.

Nach Damasio ist die Repräsentation des Körpers in seinem eigenen Gehirn geeignet, der biologische Vorgänger des Selbst zu sein. Die tiefen Wurzeln des Selbst sind in den Gehirnstrukturen zu finden, die kontinuierlich und unbewußt dafür sorgen, daß der Zustand des Organismus stabil und in den engen, für ein Überleben einzuhaltenden Grenzen bleibt. Damasio nennt die Aktivität in der Gesamtheit dieser Strukturen das Protoselbst.

Damasio schreibt: "Die bahnbrechende Neuerung, die sich im Verlauf der Evolution mit der Entstehung von Bewusstsein ergab, ist die Möglichkeit, das System zur Regulierung der Lebensprozesse, das in Hirnregionen wie dem Hirnstamm und dem Hypothalamus angesiedelt ist, in Verbindung zu bringen mit der Verarbeitung der Repräsentationen der Dinge und Ereignisse, die innerhalb und außerhalb des Organismus existieren. Warum war dies wirklich ein Vorteil? Weil es für das Überleben in einer komplexen Umgebung , d.h. für die effiziente Steuerung der Lebensprozesse darauf ankommt, daß man die richtigen Handlungen unternimmt, und dafür zweckgerichtete Vorausschau und optimale Planung anhand von Vorstellungen von entscheidender Wichtigkeit sind. Bewusstsein erlaubt es, eine Beziehung herzustellen zwischen der inneren Steuerung der Lebensprozesse und dem Erzeugen von Vorstellungen. ... Wenn Bewussstsein in der Evolution auftaucht, kündigt sich darin das Einsetzen der individuellen Vorsorge an."

Was die "Seele" wirklich ist

Was ist nun die "Seele"? Es liegt nahe, den Begriff der "Seele" mit den Vorstellungen zu identifizieren, die Damasio für Bewusstsein und Selbst entwickelt. Allerdings hat diese "Seele" nur eine sehr virtuelle Existenz und schon gar keine Unsterblichkeit. Damasio sagt in einem Interview in der Süddeutschen Zeitung (9. Oktober 2000): "Offensichtlich geht alles, was wir erleben, auf die Tätigkeit von Neuronen im Gehirn zurück. Und wir haben keine Anhaltspunkte dafür, dass es darüber hinaus noch eine Substanz gibt, die eine immaterielle Seele erzeugt. Deswegen sollten wir zuerst erst nach einer physikalisch-biologischen Begründung für das Phänomen Geist suchen." (SZ)

Wenn sich Damasios Theorie der Entstehung von Bewusstsein und eines Selbst als richtig erweist, dann ist das alte Sokratische Projekt des "Erkenne dich selbst" nach fast zweieinhalbtausend Jahren endlich verwirklicht – in zwei entscheidenden Schritten: durch Darwin und Damasio. Damasio liefert dann auch den bisher fehlenden Schlussstein eines naturwissenschaftlichen Weltbildes und einer naturalistischen Philosophie.

Damasios Bücher zeichnen sich durch ein hohes literarisches Niveau aus und enthalten bewegende Passagen. In Damasios Büchern findet man das, wofür die amerikanische Philosophin Patricia S. Churchland den Begriff "Neurophilosophie" geprägt hat.

Damasio schreibt: "Für einige Leser ... bilden Geist, Bewusstsein, Gewissen und Seele einen rätselhaften Bereich, der dem Menschen eine Sonderstellung verschafft, der das Geheimnisvolle vom Erklärbaren und das Göttliche vom Weltlichen trennt. So kann es nicht überraschen, dass es jeden empfindsamen Menschen interessiert, wie dieser erhabene Komplex menschlicher Eigenschaften wissenschaftlicher Forschung zugänglich gemacht wird, und dass es Anstoß erregt, wenn er in scheinbar abwertenden Formulierungen dargestellt wird. Jeder, der schon einmal mit dem Tod konfrontiert gewesen ist, wird genau wissen, wovon ich rede, denn die Endgültigkeit des Todes schärft unseren Blick für die Großartigkeit des menschlichen geistigen Lebens. Allerdings sollte es nicht des Todes bedürfen, um uns für diese Fragen zu sensibilisieren. Das Leben müsste genügen, um uns als Wissenschaftler zu veranlassen, dem menschlichen Geist mit der gebührenden Achtung für seine Würde und Größe zu begegnen und zugleich, so parodox es klingen mag, das menschliche Mitgefühl zu empfinden, das seine Zerbrechlichkeit verlangt."

Und er schreibt weiter: "Bewusstsein ist ein unverzichtbarer Bestandteil des schöpferischen menschlichen Geistes, umfasst aber nicht den ganzen menschlichen Geist und ist, nach meiner Ansicht, auch nicht der Gipfelpunkt geistiger Komplexität. Die biologischen Tricks, die Bewusstsein hervorrufen, haben weitreichende Folgen, doch ich halte Bewusstsein für eine Zwischenstufe und nicht für das Glanzstück der biologischen Entwicklung. Ethik und Recht, Wissenschaft und Technik, künstlerische Werke und menschliche Güte, das sind in meinen Augen die Gipfel biologischer Entwicklung."