Dr. Klaus Hofmann (Kulmbach)

Der Naturforscher, Philosoph und Aufklärer
Ernst Haeckel

Eine Kämpferherz für Fortschritt und Bildung

aus: Aufklärung und Kritik 2/2000 (S. 36 ff.)


1. Warum uns Haeckel noch heute interessiert

Es gab eine Zeit, in der Hegel und Haeckel verwechselt wurden. Heute passiert das kaum noch. Man kennt beide nicht mehr!

Und doch ist Haeckel (1834 - 1919) ein Mann, der wie kaum ein zweiter dazu beigetragen hat, unser Weltbild zu verändern. Zusammen mit Darwin hat er die Abstammung des Menschen ergründet und insgesamt das Menschenbild – ob es uns gefällt oder nicht – auf eine wissenschaftliche Grundlage gestellt. Haeckel ist der "deutsche Darwin". Er hat die Evolutionstheorie um wichtige Beiträge bereichert und zu ihrer weltweiten Verbreitung und Anerkennung beigetragen; gegen den Widerstand von Berufsphilosophen und Theologen, die seine Aufklärungsbemühungen auf das heftigste bekämpften (ein Schicksal, das Haeckel mit Ludwig Feuerbach teilte).

Für Haeckel bedeutet Philosophie keine "fruchtlose Spekulation", sondern unter anderem die Aufgabe, die erworbenen Natur- und Vernunfterkenntnisse den "denkenden, ehrlich die Wahrheit suchenden Gebildeten aller Stände" nahezubringen (eine weitere Analogie zu Feuerbach!). Der Grund für diese Intention: "Den gewaltigen Fortschritten der empirischen Kenntnisse in unserem Jahrhundert der Naturwissenschaft entspricht keineswegs eine gleiche Klärung ihres theoretischen Verständnisses und jene höhere Erkenntnis des kausalen Zusammenhanges aller einzelnen Erscheinungen, die wir mit einem Wort Philosophie nennen"1.

Als Verfechter der empirisch-induktiven Forschung stand Haeckel in Deutschland zugleich im Brennpunkt der Auseinandersetzungen zwischen traditioneller und neuzeitlicher Philosophie, zwischen dualistischem Idealismus und monistischem Materialismus. Er forderte die Einheit von Naturwissenschaft und Philosophie – ein Ziel, das man bis heute nicht erreicht hat! Haeckels Kampf um den Entwicklungsgedanken ist ein Stück Kulturgeschichte, die auch für uns noch lehrreich ist.

Viele Ideen und Begriffe haben wir Haeckel zu verdanken, die heute Allgemeingut sind, wie z. B. "Ökologie". Bereits als Zwanzigjähriger hat er Gedanken über die globale Waldvernichtung und ihre weitreichenden Folgen geäußert. In einem Brief an seine Eltern führt er aus, "dass die mit der Kultur Hand in Hand gehende Ausrottung der Wälder den allerverderblichsten Einfluss ausübt und nicht bloß die Existenz der die Wälder vernichtenden Völker selbst bedroht, sondern auch das davon betroffene Land ein für allemal unbewohnbar macht."2 Als besonders betroffene Länder führt er Indien, Syrien, Palästina, Ägypten und Griechenland an. Sie "waren im Altertum die reichsten und gesegnetsten Länder. Vergeblich sind aber alle Versuche, diese jetzt ganz verödeten und verwüsteten Landmassen wieder fruchtbar und kulturfähig zu machen, da die Ausrottung der Wälder ein total anderes Klima nach sich gezogen hat." Und er folgert, "dass es mit unserem westlichen Europa über kurz oder lang auch so gehen wird" und "dass so mit der Zeit Hungersnöte und infolgedessen kolossale Auswanderungen in neue Länder ... eintreten werden."2 Dies uns und unseren Politikern ins Gästebuch!

Haeckel forscht mit heißem Herzen und aller Liebe zur Natur. Selbst beim Mikroskopieren schwärmt er von "jener unermesslichen und wunderbaren Welt des Kleinen".3 Forschung, wie er sie betreibt, begeistert, hat mit unserem gesamten Leben und mit Philosophie zu tun. Ist es nicht das, wonach auch unsere akademische Jugend heute verlangt in einer Zeit, die oft als unerträglich nüchtern und "kopflastig" empfunden wird? Und schließlich Haeckels ständiges Ringen gegen die eigenen (angeborenen und anerzogenen) Schwächen, die er niederzwingt. Sein Geheimrezept: Tätigkeit! Sein kompromissloses Ringen um Erkenntnis und Wahrheit, seine Redlichkeit in der Auseinandersetzung mit den Gegnern – all das könnte auch heute noch jungen Menschen Vorbild und Orientierung sein! Haeckels Leben ist also nicht nur wissenschaftlich, sondern auch menschlich und erzieherisch aufschlussreich. Wir wollen daher vor allem auf seine innere Entwicklung eingehen, die seinen Weg als Forscher und Philosoph geprägt hat. Mögen diese biographischen Notizen auch ein wenig in dem Sinne wirken, wie Hermann Kesten von Biographien allgemein erhofft hat: um "uns selber besser kennen zu lernen" und "mehr von unserer Welt zu erfahren".4

2. Bekanntschaft mit dem Materialismus

Es sei vorausgeschickt, dass Haeckel einer christlichen Familie entstammte und eine streng religiös Erziehung genoss; sein Vater war Jurist (das gleiche traf bei Feuerbach zu).

Durch seinen Lehrer Rudolf Virchow, einen berühmten Zellpathologen, wird Haeckel erstmals mit der materialistischen Forschungs- und Denkweise bekannt. Seinem Vater berichtet er: "Virchow ist ... durch und durch Verstandesmensch, Rationalist und Materialist; das Leben betrachtet er als die Summe der Funktionen der einzelnen, materiellen, chemischen und anatomisch verschiedenen Organe. ... Das Leben ist also das Resultat der einzelnen Zellkräfte und der mit ihnen verbündeten Molekülenkräfte ... . Du findest übrigens diese durchaus materialistischen Anschauungen jetzt ziemlich allgemein unter den ersten Naturforschern Deutschlands verbreitet. ... Nach seiner [Virchows] Betrachtungsweise des Lebens und des Todes kann man freilich mit der Seele bis jetzt nicht viel anfangen. Den Tod definiert er nämlich als das Zurückkehren der chemischen Elemente, welche sich bei der Konstitution des Organismus zu den kompliziertesten ... und höchsten Atomkomplexen vereinigt haben, zu den höchst einfachen, binären Verbindungen (Wasser, Kohlensäure, Ammoniak usw.) der anorganischen Natur".5

Durch den zwei Jahre älteren Studienfreund Otto Beckmann, mit dem er "trefflich harmoniert", lernt Haeckel die materialistische Naturanschauung noch eingehender kennen. Er schildert den Eltern, dass danach "die Seelentätigkeit lediglich als Funktion der Nervensubstanz im Gehirn und Rückenmark angesehen wird, dass mithin eine selbständige, unsichtbare Seele ebensowenig existiert als ein Gott. ... Die Naturforscher sind allein berufen, die Wahrheit für sich zu entschleiern". Die auf Experiment und Beobachtung gestützte induktive Methode bedeute diesen Forschern alles. Es sei "das Prinzip und erste Aufgabe aller Forschung, ... die Tatsachen der wunderbaren irdischen Natur auf bestimmte, unabänderliche, chemische und physikalische Gesetze zurückzuführen".6

Haeckel beteuert, mit einer solchen Anschauung niemals leben zu können. Wenige Jahre später wird er einer ihrer leidenschaftlichsten und konsequentesten Verfechter sein! Vom Christentum sagt er sich endgültig los, als er anlässlich einer Romreise des ungeheuren Prunks und Pomps im Vatikan und des Elends der Armen auf den Straßen ansichtig wird und dieser Widerspruch seinen Gerechtigkeitssinn zutiefst verletzt und empört.

3. Studium der Medizin und Reifejahre

Auf Wunsch des Vaters studiert Haeckel Medizin in Würzburg. Er hat dort berühmte Lehrer: Gegenbauer, Kölliker, Leydig, Virchow. Doch das Medizinstudium stößt ihn ab, viel lieber hätte er Naturwissenschaften studiert, bereits als Schüler befasste er sich ausgiebig mit Botanik und Zoologie. Dennoch führt er das Studium den Eltern zuliebe zuende.

Seine Neigungen sind unstet, ungestüm. So berichtet er z. B. als das Wetter zu tauen beginnt: "Ich habe gesessen und geochst und geochst, dass ich selbst kaum begriff, wie ich’s aushielt", und nun ist "aller Schnee zu Wasser geworden, zugleich aber auch alle Geduld, alles Sitzfleisch, alle Arbeit und wie diese löblichen Tugenden alle weiter heißen. Das alte Quecksilber jagt einmal wieder durch alle Adern".7 Stimmungshochs und -Tiefs wechseln ab. Briefauszüge geben uns einen Begriff von seinen Neigungen, inneren Konflikten und Kämpfen. Gleichzeitig lassen sie die Stärke seiner ursprünglichen religiösen Bindung erkennen.

Am 1. Juni 1853 an die Eltern: "Erst heute komme ich dazu, Euch einmal wieder zu schreiben, da die wundervollen Polypen, Quallen, Korallen usw. mich die ganze vorige und jetzige Woche von früh 5 bis abends 10 beschäftigt und mir das größte Vergnügen gemacht haben. Meine zoologische Passion, die mich schon als kleinen Jungen die Naturgeschichte der Tiere ... mit ganz besonderem Interesse treiben ließ und meine Lieblingsbeschäftigung war, ist jetzt wieder recht lebhaft erwacht und bereitet mir nun natürlich einen weit höheren Genuss, da mir die Kenntnis der Anatomie nun auch den Weg zur Erfahrung des wundervollen inneren Baus der Tiere geöffnet hat. Man wird wirklich ganz unwillkürlich bei jedem Schritt von Erstaunen und Bewunderung der göttlichen Allmacht und Güte hingerissen und ich kann nicht begreifen, wie gerade Leute, die sich mit diesen herrlichen Wundern beschäftigen und ihren Einzelheiten nachgehen, die schaffende weisheitsvolle Gotteskraft bezweifeln und ganz wegleugnen können."8

Ein halbes Jahr später: "Ja, über die Zellentheorie geht mir nichts! Ich weiß nicht, was für eine sonderbare Anziehungskraft diese sonderbare Tatsache, dass die Zelle Ursprung ... aller organischer Körper ist, für mich speziell hat; aber es ist faktisch, ich betrachte dies wirklich als das größte Schöpfungswunder, über das ich mich gar nicht satt wundern und freuen kann. ... Wie unbegreiflich stumpf und gleichgültig verhalten sich die meisten Menschen gegen diese wunderbare Tatsache, das Wunder aller Wunder. ... dem Studium und der Erforschung der Zellen möchte ich alle meine Kräfte widmen".9 So kam es auch später tatsächlich!

Dann wieder Selbstvorwürfe und zermürbende Zweifel beim Vergleich mit seinen hervorragenden Lehrern: "Betrachte ich nur deren Leistungen, so sehe ich wohl bei ruhiger Überlegung ein, dass ich nie einen Platz neben ihnen werde gewinnen können; denn was wird so ein unselbständiger, charakterloser und unbedeutender Schwächling, wie ich leider bin, der heute himmelhoch jauchzt, morgen zum Tode betrübt ist ... neben jener Anzahl ausgezeichneter sorgfältiger Forscher zuwege bringen!"10 Jahre später gesteht Haeckel: "Virchow lächelt nicht mit Unrecht, wenn er mich den enthusiastischen statt den nüchternen Beobachter nennt".11 In der Tat entspricht Haeckels Temperament eher einem Künstler als dem eines Wissenschaftlers.

Um seine "hypochondrischen Neigungen", wie er sie selbst nennt, zu überwinden, richtet er an seinem 20. Geburtstag an sich selbst eine Bußpredigt12: "Lieber Ernst Haeckel! ... es ist deine Pflicht, an diesem hochwichtigen Tag einen Blick auf dein vergangenes Dasein und deine zukünftigen Tage zu werfen, auf ersteres, um Gott für die unendlichen Wohltaten zu danken, die er dir hat zuteil werden lassen, und mit Reue zu empfinden, wie wenig du dich deren wert gezeigt hast, auf letztere aber, um hinfort andere Vorsätze für ein besseres, neues Leben zu fassen ... Dein erster Gedanke am heutigen Tage muss inniger, aufrichtiger Dank gegen Gott sein, ... er hat dir einen unendlich starken und süßen Trieb zur herrlichsten aller Wissenschaften, zur Erkenntnis seiner zahllosen Wunderwerke in der Natur, in deren wunderbarem Bau und Leben, im kleinsten wie im größten ... eingeflößt. Er hat dir die Kräfte, Mittel und Fähigkeiten verliehen, diesem tiefen Triebe folgend, dein ganzes Leben der herrlichen Naturwissenschaft zu weihen! Und wie hast du dich bis jetzt ... gezeigt? Undankbar, unerkenntlich, kleinmütig, verzweifelt, egoistisch! Du hast deine Eltern ... durch dein zweifelvolles, schwankendes Wesen öfters betrübt als erfreut ... Das muss von jetzt an durchaus anders werden!".

Andererseits ist Haeckel sich auch bewusst, dass er "dem gewiss einseitigen extremen Enthusiasmus" auch die Intensität verdankt, mit der er Sachen, die ihn wirklich interessieren, aufnimmt und verfolgt.11 Wilhelm Wundt, bedeutender Psychologe und Zeitgenosse Haeckels, kommentiert: " ...wer den Enthusiasmus nicht kennt, wird zwar in der Regel vor großen Fehlern, aber meistens auch vor großen Leistungen bewahrt".13

Eindrucksvoll schildert Haeckel Inhalt und Stil von Virchows Vorlesung14: "Das Kolleg behandelt größtenteils Sachen, ... die von Virchow selbst erst neu entdeckt sind. Aus diesem Grunde ist auch der Andrang dazu ein ganz ungeheurer." Der Vortrag ist "schwer, aber außerordentlich schön; ich habe noch nie solche prägnante Kürze, gedrungene Kraft, straffe Konsequenz, scharfe Logik und ... anziehende Belebung des Vortrags gesehen". Das Verständnis werde jedoch erschwert "durch eine Masse dunkler, hochtrabender Ausdrücke gelehrter Anspielungen" und den "allzu häufigen Gebrauch von Fremdworten, die oft sehr überflüssig sind".

Haeckels Leidenschaft gilt der Arbeit am Mikroskop, das Hauptinstrument seiner gesamten späteren Forschungslaufbahn sein wird. Sein Können im Zeichnen und Malen, seine Liebe zur Natur und zum Wandern, seine Neigungen zum Reisen und Bergsteigen, all das kommt seinem Lebensplan als Forscher zugute. Die erste Alpenreise bereitet ihm nicht nur "unaussprechliche Genüsse und Naturanschauungen", er ist sich auch "der unschätzbaren Vorteile bewusst", die sie "für die Bildung" seines "Geistes und Charakters gehabt hat".15 Am Medizinstudium lobt Haeckel rückblickend dessen erzieherischen Wert, denn für ihn war "die praktische Medizin und insbesondere die Poliklinik, wo man die erbärmliche Unvollkommenheit und die elende Mangelhaftigkeit unseres körperlichen und geistigen Lebens so recht aus dem Grunde kennenlernt, eine ganz vortreffliche, wenn auch bittere und harte Lehrschule".16

Maßlos ist der Respekt vor dem Vater. Von einer Italienreise nach bereits beendetem Studium berichtet er: "Jetzt, da ich sehe, dass ich gut mit den Finanzen auskomme ... , kann ich Dir auch eine größere Ausgabe gestehen, die ich Dir bisher immer verschwiegen hatte, weil ich glaubte, dass Du sie für überflüssig halten und bös darüber werden würdest. ... Ich habe mir nämlich auf der Durchreise in Florenz ein Mikroskop ... gekauft".17 Dabei handelte es sich um ein neuartiges, leistungsstarkes "Eintauchmikroskop", das Haeckel die größten Dienste leisten sollte: Auf Grund der damit durchgeführten Untersuchungen verfasste er einige Jahre später (1862) eine bedeutende Monographie über Radiolarien (Strahlentierchen), die ihn international bekannt machte.

4. Haeckel als Naturforscher

Haeckels Arbeitsleistung wird an einem einzigen Beispiel deutlich: An der Auswertung des Untersuchungsmaterials der berühmten Challenger-Tiefsee-Expedition (1872-76), an der er maßgeblich beteiligt wurde und die 600 Kisten mit Millionen von Einzelexemplaren umfasste, arbeitete er 12 Jahre. "Nicht weniger als 3510 (!) neue Arten – ein einmaliger Vorgang innerhalb der Wissenschaft der Biologie – konnte Haeckel in einem Bericht über die Challenger-Radiolarien aufführen. Drei Bände mit 2750 Druckseiten und 140 Tafeln sind das Ergebnis seiner gigantischen Arbeit, die im Falle eines anderen Menschenlebens genügt hätte, es als erfüllt zu betrachten." (Hemleben13, S. 105). Dabei ließ Haeckel seine übrigen Tätigkeiten nicht ruhen. In diese Zeit fallen noch 16 ausgedehnte Reisen (u. a. in die Tropen und den vorderen Orient), zweimal das Amt des Prorektors, die Errichtung eines neuen Instituts und der Bau seines Hauses!

Auf Haeckels Arbeiten kann im folgenden nur insoweit eingegangen werden, als sie für das Verständnis seiner Philosophie und der sich daraus ergebenden Konsequenzen von Bedeutung sind. Vieles muss dabei unerwähnt bleiben.

Haeckels umfassendstes Werk, die "Generelle Morphologie der Organismen" (1886), ist vom tragischen Tod seiner Frau (Anna Sethe) überschattet. Mit ungeheuerer Energie – das Leid in fast pausenloser Arbeit ertränkend und sich täglich kaum vier Stunden Schlaf gönnend – stampft er dieses zweibändige Werk mit über 1200 Seiten in weniger als einem Jahr aus dem Boden! Es bietet eine völlig neue Betrachtungsweise der Biologie, wird aber nur von wenigen Fachkollegen gelesen und von noch wenigeren verstanden. Für Heinrich Schmidt ist es das "Grundbuch der modernen Naturphilosophie".18 Um den Inhalt einem größeren Leserkreis zugänglich zu machen, ist daraus zwei Jahre danach die "Natürliche Schöpfungsgeschichte" hervorgegangen, die Haeckels Namen "um die Erde getragen hat endlos weit über alle Zoologie hinaus"19. Ihre Wirkung auf die damalige Zeit, auf Forschung, Lehre, Bildung, Religion und Politik, war gewaltig. Die "Generelle Morphologie" bildete das Reservoir für noch weitere Einzeldarstellungen, wie die "Anthropogenie", die "Systematische Phylogenie", die "Welträtsel" und die "Lebenswunder".

Eine Grundpfeiler von Haeckels Lehrgebäude ist sein "Biogenetisches Grundgesetz", das kurz erläutert sei: Die Embryonen der verschiedenen Spezies, z. B. von Huhn, Hund, Affe, Mensch, sind in ihrer Gestalt anfänglich kaum voneinander zu unterscheiden. Erst im Laufe der weiteren Entwicklung differenzieren sie sich immer stärker. Diese Tatsache bringt Haeckel in Beziehung zu der von Darwin rekonstruierten Stammesentwicklung der Arten, der Evolution. Das "Biogenetische Grundgesetz" lautet nun: "Die Ontogenesis ist eine kurze und schnelle Rekapitulation der Phylogenesis".20 Zu deutsch: die Embryonalentwicklung ist eine kurze Wiederholung der Stammesentwicklung. Mit dieser genialen Erkenntnis bringt Haeckel Embryonal- und Stammesentwicklung in einen kausalen Zusammenhang. Der Darwinismus wird so um den "Haeckelismus" erweitert. Die stützenden Fakten lieferte Haeckel in der "Generellen Morphologie".

Philosophisch interessant ist dabei die Anwendung zweier unterschiedlicher Schlussweisen: Das Erkennen der ontogenetischen Analogien basiert auf Induktion, der Rückschluss auf die über Jahrmillionen sich erstreckende Stammesentwicklung auf Deduktion. Für Haeckel gehören somit beide, Induktion und Deduktion, zusammen (den Philosophen-Streit darüber, welche von beiden den Vorzug verdient, hielt er für überflüssig!). Auch wenn das Biogenetische Grundgesetz heute nicht mehr als strenges Gesetz, sondern als eine Regel betrachtet wird, hat es – auch für die Forschung der Gegenwart – seine grundlegende Bedeutung behalten.

Eine zweite Säule, auf die sich Haeckels Gedankengebäude stützt, ist die überaus bedeutsame Gasträa-Theorie. Das Prinzip: Alle höheren Tiere haben ihren Ursprung in einer einzigen Zelle (befruchteten Eizelle) und entwickeln sich daraus durch fortwährende Teilung. Zunächst entsteht eine Hohlkugel, die Blastula, die durch Einstülpung in die Gastrula (einem eingedellten Ball vergleichbar) übergeht. Damit sind Außenhaut, Innenhaut, Urdarm und Urmund vorgebildet. Durch weiteres Wachstum und Formungen bilden sich allmählich die Organe, Körperteile usw., bis zum geburtsreifen Embryo. Nach diesem Bauplan entsteht auch der Mensch, jeder einzelne von uns!

Haeckel bemüht sich unter Einbeziehung aller zur Verfügung stehenden Kenntnisse um eine Rekonstruktion der Stammesentwicklung, entwirft Stammbäume, modifiziert und ergänzt sie, immer wieder aufs neue. Doch das Nachzeichnen einer sich über viele Jahrmillionen hinziehenden Entwicklung ist eine unendlich schwierige, wenn nicht gar unlösbare Aufgabe. Seine Gegner stürzen sich auf unstimmige Details (etwa bei der Embryonendarstellung) und glauben damit, das Ganze widerlegen zu können – eine im wissenschaftlichen Streit oft angewandte Methode! Die Tatsache, dass eine Entwicklung stattgefunden hat, ist jedoch unwiderlegbar, nur wie sie im einzelnen und durchgängig verlaufen ist, entzieht sich (bis heute!) unserer Kenntnis.

5. Darwins Bedeutung für Haeckel

Bereits als Schüler entdeckt Haeckel Pflanzen, die von den bekannten Arten abweichen und sich diesen partout nicht exakt zuordnen lassen wollen. Hier bereits beginnt er zu ahnen, dass die von Linné postulierte "Konstanz der Arten" wohl nicht ganz schlüssig sein könne. Das Erscheinen von Charles Darwins Werk über den Ursprung der Arten ("On the origin of species by means of natural selection", 1859), das Schranken durchbricht und mit Linnés Artenkonstanz aufräumt, stößt daher bei Haeckel sofort auf enthusiastische Zustimmung.

Bereits in seiner Monographie über die "Radiolarien" bekannte er sich zu Darwins umwälzender Theorie, und in seinen Vorlesungen, auf Tagungen und in öffentlichen Vorträgen setzt er sich vehement für sie ein. Seine "Natürliche Schöpfungsgeschichte"(1868) steuert weiteres Material und Gedankengut zur Festigung der Entwicklungslehre bei. Haeckel bezieht konsequent den Menschen in die Evolution ein, wovor Darwin anfangs noch zurückschreckte.

Das höchste Lob erfährt Haeckel durch Darwin selbst: "Wäre die Natürliche Schöpfungsgeschichte erschienen, bevor meine Arbeit niedergeschrieben war, dann würde ich sie wahrscheinlich nie zu Ende geführt haben. Fast alle Schlüsse, zu denen ich gekommen bin, finde ich durch diesen Naturforscher bestätigt, dessen Kenntnisse in vielen Punkten viel vollkommener sind als die meinen".13

Auf der 38. Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte in Stettin (1863) fasst Haeckel die Evolutionstheorie Darwins gleich zu Anfang in wenigen Worten zusammen21:

"Alle verschiedenen Tiere und Pflanzen, die heute noch leben, sowie alle Organismen, die überhaupt jemals auf der Erde gelebt haben, sind nicht ... jeder für sich selbständig erschaffen worden, sondern haben sich ... im Laufe vieler Millionen Jahre ... aus einem höchst einfachen Urorganismus allmählich entwickelt." Haben die meisten Zuhörer schon daran zu schlucken, geht Haeckel am Ende des Vortages noch über Darwin hinaus: "Was uns Menschen selbst betrifft, so hätten wir also konsequenterweise, als die höchsten organisierten Wirbeltiere, unsere uralten gemeinsamen Vorfahren in affenähnlichen Säugetieren ... zu suchen".

Haeckel und Darwin lernen sich persönlich 1866 kennen, danach treffen sie sich noch zweimal, 1876 und 1879. Sie schätzen einander und bleiben zeitlebens Freunde. Eindrucksvoll schildert Haeckel die erste Begegnung: "Als der Wagen vor dem ... Landhause Darwins hielt, trat mir aus der schattigen, von Schlingpflanzen umrankten Vorhalle der große Forscher selbst entgegen: eine hohe ehrwürdige Gestalt ...; eine Jupiterstirn, wie bei Goethe, hoch und breit gewölbt, vom Pfluge der Gedankenarbeit tief durchfurcht; die freundlichen sanften Augen ... , der einnehmende herzliche Ausdruck des ganzen Gesichts, die leise und sanfte Stimme, die langsame und bedächtige Aussprache, der natürliche und naive Ideengang seiner Unterhaltung nahmen ... mein ganzes Herz gefangen".22

Trotz aller Bewunderung ist Haeckel gegenüber Darwins Werk nicht unkritisch. So bemängelt er, dass es keinen Anhaltspunkt für die Entstehung des "Urorganismus" enthält und "Darwin für die erste Spezies noch einen besonderen Schöpfungsakt annimmt."23

6. Der Bruch mit Virchow

Virchow sieht die Aufgabe der Forschung darin, Tatsachen zu sammeln, ohne nach Philosophie und Religion zu fragen. Haeckel dagegen hält Philosophie für unentbehrlich, um die Tatsachen zu verbinden und Konsequenzen zu ziehen, auch wenn religiöse oder sonstige Tabus entgegenstehen. Virchow zieht sich auf das Argument der "Exaktheit" zurück, meint aber in Wahrheit "den Kompromiss, der zwischen Naturwissenschaft und der herrschenden Kirche geschlossen werden kann".24 "Diese Richtung", sagt Bölsche25, "hat unsagbaren Schaden angerichtet, schlimmer als alle noch so waghalsige ... Philosophie. Der Naturforscher gab sich selbst darin den Rang eines geduldigen Vasallen ... in jenem Denken, das die Kirchen ... mit Beschlag belegt hatten. Wehe dem, der etwa an das Bewusstsein heranging!"

Bei der 50. Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte in München (1877) kommt es zwischen Virchow und Haeckel zum offenen Bruch. Virchow widerspricht Haeckels Ausführungen in einer Gegenrede und unterstellt der Evolutionstheorie "staatsgefährdende Tendenzen". Auch als aktiver Politiker wendet er sich gegen ihn, und im Preußischen Parlament ruft er aus: "Ich will hoffen, dass die Deszendenztheorie für uns nicht alle die Schrecken bringen möge, die ähnliche Theorien wirklich im Nachbarlande26 angerichtet haben. Immerhin hat auch diese Theorie, wenn sie konsequent durchgeführt wird, eine ungemein bedenkliche Seite, und dass der Sozialismus mit ihr Fühlung aufgenommen hat, wird Ihnen hoffentlich nicht entgangen sein."27 Darwin schreibt an Haeckel, nachdem er Virchows Rede gelesen hat: "Virchows Benehmen ist schändlich, und ich hoffe, er wird eines Tages Scham darüber empfinden."28.

Virchow erwirkt ein Verbot der Lehren Darwins und Haeckels an den Schulen, und 1879 wird der Biologieunterricht sogar gänzlich abgeschafft29. Wiederholt äußert Virchow28: "Es ist ganz gewiss, dass der Mensch nicht vom Affen oder von irgend einem anderen Tiere abstammt". Zwar soll er "in Privatgesprächen die Berechtigung der Deszendenztheorie voll anerkannt haben", doch die Tatsache bleibt, "dass seitdem alle Gegner der Abstammungslehre, vor allen Reaktionäre und Klerikale, sich auf Virchows hohe Autorität beriefen".28

Haeckel fordert eine Bildungsreform sowie die Trennung von Kirche und Staat. Der Schulunterricht habe mit der Entwicklung des Kulturlebens im 19. Jahrhundert in keiner Weise Schritt gehalten. In der neuen Schule müsse die Natur das Hauptobjekt werden und der Mensch müsse von der Welt, in der er lebt, eine richtige Vorstellung gewinnen. Auch Anthropologie, Ökologie und Kosmologie müssten in den Lehrplan aufgenommen werden. Vergebliche Forderungen – bis heute!

Doch die heutige Situation ist eher noch misslicher: Traditionelle naturwissenschaftliche Fächer werden vernachlässigt und Schüler dürfen sie abwählen. Dafür kopiert man US-amerikanische Verhältnisse, wo in einigen Bundesstaaten Darwins Lehren noch immer verboten sind!

7. Der Kulturkampf eskaliert

Haeckel wagt es, den Menschen als ein Produkt der Evolution und die Affen als seine nächsten Verwandten darzustellen. Die Formulierung, "der Mensch stammt vom Affen ab", die so nicht richtig ist (Mensch und Affe haben gemeinsame Vorfahren!) bringt Haeckel – seit 1865 Zoologieprofessor an der Universität Jena – in der Bevölkerung den Titel "Affenprofessor" ein. Haeckel erklärt zudem: "Die Seele des Menschen ist kein besonderes übernatürliches Wesen, sondern die Summe seiner Gehirnfunktionen"30. Ungeheuerlich! Umwälzender noch als die Erkenntnisse von Galilei und Newton, die lediglich das physikalische Weltbild verändert haben. Haeckel demontiert das religiöse Menschenbild, und nun negiert er auch noch die Unsterblichkeit der Seele. Ein seit Jahrtausenden überlieferter Glaube soll nicht mehr gültig sein. Ein wissenschaftlicher, religiöser und philosophischer Skandal!

Gar nicht gern sieht man, dass Haeckel im Volkshaus in Jena vor einem breiten Publikum allgemeinverständliche Vorträge hält (selbiges hatte auch Feuerbach in Heidelberg getan). Anhand großer Schautafeln auf der Bühne mit selbst entworfenen Stammbäumen erklärt Haeckel die Abstammungslehre. Der akademische Streit wird ins Volk getragen und erfasst weiteste Kreise!

Das alte Vorrecht der Theologen und Philosophen, über die Herkunft des Menschen und seinen Geist zu befinden, ist ernsthaft in Gefahr! Der Erzketzer soll die Universität verlassen. Der wortführende Theologe wird beim Landesfürsten vorstellig. Dieser fragt ihn: "Glauben Sie, was Sie selber predigen?" Und auf das selbstverständliche "Ja" antwortet er: "Sehen Sie, genau das tut Haeckel auch!". Und Haeckel darf bleiben.

Doch die Auseinandersetzungen halten an. Die Gegner Haeckels und der Abstammungslehre ziehen alle Register der Verleumdung und drohen ihn zu vernichten, trachten nach seiner Stellung und sogar nach seinem Leben. Er verbündet sich mit Gleichgesinnten und gründet den "Monistenbund", dem viele gewichtige Persönlichkeiten beitreten, unter ihnen der spätere Chemie-Nobelpreisträger Wilhelm Ostwald.

Aus dem Gründungsaufruf des Deutschen Monistenbundes: "Die ständig wachsende Gefahr, mit der Ultramontanismus und Orthodoxie unser gesamtes wissenschaftliches, kulturelles und politisches Leben bedrohen, kann nur abgewendet werden, wenn den Mächten der Vergangenheit eine überlegene geistige Macht in Gestalt einer einheitlichen, neuzeitlichen Weltanschauung entgegengestellt wird ... Diese Weltanschauung der Zukunft kann nur eine monistische sein, ... die einzig und allein die Herrschaft der reinen Vernunft anerkennt, dagegen den Glauben an die veralteten, traditionellen Dogmen und Offenbarungen verwirft".31

Nun setzt ein Kesseltreiben gegen Haeckel ein. Er ist "von Gegnern umringt, die ihn nicht nur zu widerlegen, sondern mit allen Mitteln zu diffamieren suchen"; Vertreter des konfessionellen Keplerbundes werfen ihm sogar "Fälschung vor, die er in der Wiedergabe seines embryologischen Beweismaterials vorgenommen haben soll"32. In einem Rundschreiben an die deutschen Embryologen und Anatomen versuchen sie, ein fachliches Verdammungsurteil gegen Haeckel zu erwirken. Doch hier wendet sich das Blatt zu Gunsten Haeckels: 46 Professoren von Rang verfassen eine Ehrenerklärung, in der sie die Angriffe und Unterstellungen gegen ihn scharf verurteilen.

Noch einmal naht Gefahr, als der Botaniker Johannes Reinke, inzwischen wie Virchow preußischer Abgeordneter, den Monistenbund zu verleumden sucht. So wie die Sozialdemokratie die Wirtschaft erobern wolle, so zersetze der Monistenbund die Lehren von Kirche und Schule. Da kommen Liberale, den Polizeistaat witternd, Haeckel zu Hilfe, und der Versuch des Preußischen Kultusministers Studt, Haeckel von der Universität zu weisen, scheitert. Ein Spottvers33 im "Kladderadatsch" nennt den Grund:

"Leider sitzt der Kerl in Jene [Jena],
Welches nicht in Preußen liegt".

Allmählich versiegt der Streit. Vorerst.

8. Die "Welträtsel"

Eine Darstellung seiner wissenschaftlich-philosophischen Weltsicht gibt Haeckel in den "Welträtseln"1 (1899). Ihre Volksausgabe wird zum "Bestseller". Sie wird in viele Sprachen übersetzt, bringt ihm unzählige Anhänger – und seine Gegner zur Weißglut!

In leichtverständlicher Form behandelt Haeckel darin die sonst so schwierig erscheinenden wissenschaftlichen, philosophischen, theologischen, psychologischen und kulturellen Fragen und beleuchtet ihre gesellschaftliche Bedeutung.

Einleitend weist er auf die glänzenden Fortschritte hin, die zum Nutzen der Menschen die verbreitetste Anwendung gefunden und dem "Kulturleben ein völlig neues Gepräge gegeben" haben. "Auf der anderen Seite haben wir auf wichtigen Gebieten des geistigen Lebens und der Gesellschafts-Beziehungen wenige oder gar keine Fortschritte gegen frühere Jahrhunderte aufzuweisen, oft sogar leider bedenkliche Rückschritte. Aus diesem offenkundigen Konflikt entspringt nicht nur ein unbehagliches Gefühl innerer Zerrissenheit und Unwahrheit, sondern auch die Gefahr schwerer Katastrophen auf politischem und sozialem Gebiete."34 Und es sei das Recht und die Pflicht des Forschers, zur Lösung jenes Konflikts durch Aufklärung beizutragen.

Schonungslos räumt Haeckel mit dem schädlichen Wunder- und Aberglauben auf, weist auf den unversöhnlichen Gegensatz zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und christlicher Offenbarung hin. Er kritisiert Kants inkonsequenten Dualismus in seiner "Kritik der praktischen Vernunft", womit er selber seiner monistischen "Kritik der reinen Vernunft" in den Rücken falle. Haeckel rügt die Rolle der Päpste, die Rückständigkeit des Staates und der Schulen und legt sich so buchstäblich mit "Gott und der Welt" an. Die "Welträtsel" sind heute noch aufschlussreich, ein Lesegenuss und eine thematische Fundgrube!

9. Haeckels Philosophie

Haeckel war überzeugt, dass nicht nur die gesamte anorganischen Natur, sondern auch die Entwicklungsgeschichte des Lebens von der "strengen Notwendigkeit der Naturgesetze" bestimmt ist. Die meisten Biologen seiner Zeit halten jedoch die "organische Schöpfungsfrage für ... unlösbar und transzendent."35 Haeckels Kritik: "Die eigentliche Philosophie bekümmert sich um dieses Dilemma so gut wie gar nicht. Fast ausschließlich mit metaphysischen und dialektischen Spekulationen beschäftigt, sah sie auf die gewaltigen Fortschritte, die inzwischen die empirischen Naturwissenschaften machten, mit souveräner Verachtung oder gar doch Gleichgültigkeit herab. Als reine Geisteswissenschaft glaubte sie die Welt aus ihrem Kopfe konstruieren zu können."36 "Aus Mangel an biologischen Kenntnissen ... hat sie sich daher auch meistens der modernen Entwicklungslehre gegenüber teils gleichgültig, teils ablehnend verhalten."37 Welche zeitlos wahren Sätze!

Haeckels Philosophie ist materialistisch, atheistisch, pantheistisch und monistisch zugleich. Sie wendet sich gegen Mystik und Transzendenz. Haeckel ist von der grundsätzlichen Erkennbarkeit der Welt und der Lösbarkeit ihrer "Rätsel" durchdrungen.

Auf Kants Behauptung "dass wir die umgebende Außenwelt nur in derjenigen Erscheinung erkennen können, welche uns durch unsere menschlichen Erkenntnis-Organe zugänglich ist", entgegnet Haeckel: "Wenn wir ... nur eine unvollkommene und beschränkte Erkenntnis von der Körperwelt erlangen können, so dürfen wir daraus nicht das Recht entnehmen, ihre Existenz zu leugnen".38 Das aber hatte Kant getan39.

Eine Herausforderung für seine Zeit ist Haeckels Überzeugung, dass Philosophie und Naturwissenschaft zusammengehören (statt sich zu bekämpfen!): "Alle Naturwissenschaft ist Philosophie, und alle wahre Philosophie ist Naturwissenschaft".40 Grundsätzlich wendet sich Haeckel gegen jene, die nur die "reinen Tatsachen" gelten lassen wollen (wie z. B. Virchow und Kirchhoff): "Keine Wissenschaft, welcher Art sie auch sei, besteht aus der bloßen Beschreibung beobachtbarer Tatsachen."41 Kirchhoff selber liefere das beste Beispiel dafür, denn die Bedeutung seiner Spektralanalyse beruhe nicht etwa auf der vollständigen Beschreibung der einzelnen Spektren, sondern auf den daraus gezogenen weitreichenden philosophischen Schlüssen, die der Chemie und Astrophysik ganz neue Bahnen der Forschung eröffneten!

Haeckel ist der Überzeugung, dass die Hirntätigkeit und das menschliche Bewusstsein auf physikalischen und chemischen Prozessen beruhen und plädiert für eine Zusammenarbeit von Psychologen und Physiologen auf diesem Gebiet42 – eine Forderung, die bis heute kaum erfüllt ist! Wir können Haeckels Philosophie inhaltlich wohl am ehesten gerecht werden, wenn wir sie in drei Bereiche unterteilen:

  • Haeckels wissenschaftliche Philosophie: Sie besteht in der Anwendung der empirischen Naturerkenntnisse auf das Leben des Menschen, seine Herkunft und Geschichte, seine Kultur und Sozialisation, seinen Körper und Geist, auf seine Moral und Seelentätigkeit. Dabei spielen die fundamentalen biologischen Erkenntnisse, wie die Abstammungslehre und das biogenetischen Grundgesetz, eine tragende Rolle.
  • Haeckels monistische Philosophie: Sie ist weitgehend identisch mit dem Pantheismus Goethes (vgl. "Prometheus"), der nach Schopenhauer, wie Haeckel selber anführt, nur ein "höflicher Atheismus" ist43. Für den Monismus sind Materie und Geist, Welt und Gott eins (im Dualismus sind diese getrennt und unabhängig voneinander). Allerdings ist Haeckels Gottesbegriff nicht konsequent anti-dualistisch, denn er spricht vom "Willen Gottes" und damit von einer Person: "Der Wille Gottes ist im fallenden Regentropfen und im wachsenden Kristall ebenso gesetzmäßig wirksam, wie im Dufte der Rose und im Geiste der Menschen."44
  • Haeckels Überzeugung von der Beseeltheit der Natur. Danach sind nicht nur alle höheren Lebewesen beseelt, sondern auch Einzeller und jede einzelne Zelle ("Zellseelen"). Selbst Kristalle ("Kristallseelen"), Moleküle und Atome seien beseelt. Haeckel verlässt hier zweifellos den Boden der Wissenschaft. Die Annahme einer Zellseele entbehrt allerdings nicht einer gewissen spekulativen Konsequenz: Wenn die phylogenetisch ältesten Vorfahren des Menschen einzellige Urtiere waren und jeder Mensch sich ontogenetisch aus einer einzelnen befruchteten Zelle entwickelt, dann muss die Seele, wenn sie dem Menschen nicht irgendwann von außen (als "Odem") eingegeben wird, bereits in den besagten Zellen vorhanden oder zumindest angelegt gewesen sein!

Die Tatsache, dass Haeckel sich nicht zum (reinen) Atheismus bekennt, sondern nach seiner Loslösung vom Christentum – sozusagen auf halbem Wege – beim Pantheismus stehen bleibt, ist möglicherweise eine Folge seiner streng religiösen Erziehung: Die rationale Distanzierung vom Glauben hat eine innere Leere hinterlassen, die nun von der pantheistischen Liebe zur Natur ausgefüllt wird. Gibt es für Haeckel auch keinen "Gottvater" mehr, so doch einen die Natur durchdringenden, allgegenwärtigen Gott. Haeckel ist gläubig, nicht "gottlos"!

Philosophisch pikant ist die Tatsache, dass er in Goethe, den er vergöttert, nicht nur den größten deutschen Dichter, sondern auch einen "wegbereitenden Naturforscher" sieht. Offenbar hatte er keine Kenntnis von Goethes Irrtümern in der "Farbenlehre" und von seiner Ablehnung der empirisch-induktiven Methode der Naturerkenntnis45, auf die Haeckel doch baute: "Alle wahre Wissenschaft beruht auf Empirie, nicht auf Transzendenz".46 Dem hätte der hochverehrte Dichterfürst gewiss widersprochen!

10. Über Ethik und Willensfreiheit

In seinen monistischen Studien weist Haeckel die Vernunft- und Naturwidrigkeit mancher Grundsätze der christlichen Religion nach, ihren oft hemmenden Einfluss in der Geschichte der Wissenschaften und der gesamten Gesellschaft.

Er plädiert für eine "Religion der Vernunft", in deren Zentrum nicht Gott, sondern der Mensch steht (à la Feuerbach!). Das Fundament der Ethik bilde nicht die christliche Religion, die ethische Prinzipien fälschlicherweise als ihr eigenes Verdienst ausgibt, sondern die viel ältere Goldene Regel. "In der Praxis des Lebens aber wurde dieses natürliche Sittengesetz ebenso oft von Atheisten und Nichtchristen sorgsam befolgt als von frommen, gläubigen Christen außer Acht gelassen"47.

Haeckel weist auf die lebenserhaltende Rolle des Egoismus hin, der jedem Individuum innewohne, also nicht, wie nach christlicher Auffassung, generell verwerflich sei. "Die christliche Tugendlehre beging daher einen großen Fehler, indem sie einseitig den Altruismus zum Gebote erhob, den Egoismus dagegen verwarf". Die monistische Ethik hingegen legt "beiden gleichen Wert bei und findet die vollkommene Tugend in dem richtigen Gleichgewicht von Nächstenliebe und Eigenliebe".47

Auch Kants Sittengesetz, den kategorischen Imperativ, hält Haeckel für unrealistisch, "da das Pflichtgefühl des Menschen" nicht auf diesem beruhe, "sondern auf dem realen Boden der sozialen Instinkte, die wir bei allen ... höheren Tieren finden".48 Dies weist in die gleiche Richtung wie die Auffassung von Konrad Lorenz: "Der Mensch besitzt ... eine ungeheuer große Zahl unabhängiger Quellen des Antriebes, von denen sich viele auf phylogenetisch entstandene Verhaltens-Programme, auf Instinkte, zurückführen lassen", so dass der Mensch "nicht über weniger, sondern über mehr echte instinktive Antriebe verfügt als irgendein Tier".49

Über die zu allen Zeiten viel diskutierte "Willensfreiheit" führt Haeckel50 aus: "Der gewaltige Kampf zwischen den Derterministen und Indeterministen ... ist heute , nach mehr als zwei Jahrtausenden, endgültig zu Gunsten der ersteren entschieden. Der menschliche Wille ist ebenso wenig frei als derjenige der höheren Tiere, von welchem er sich nur dem Grade, nicht der Art nach unterscheidet. ... Wir wissen jetzt, dass jeder Willens-Akt ebenso durch die Organisation des wollenden Individuums bestimmt und ebenso von den jeweiligen Bedingungen der umgebenden Außenwelt abhängig ist wie jede andere Seelentätigkeit. ... Die Ontogenie lehrt uns die individuelle Entwicklung des Willens beim Kinde verstehen, die Phylogenie aber die historische Ausbildung des Willens innerhalb der Vertebraten-Ahnen"50

11. Philosophen-Urteile über Haeckel

Haeckels Einmischung in die Weltanschauungen empört die Philosophen. Das vernichtendste Urteil fällt Prof. Friedrich Paulsen, der ihn "als Philosoph für eine Null"51 erklärt. Haeckel erwidert: "Eine verblüffende Dreistigkeit ist es, wenn Paulsen fortwährend behauptet, dass ich die Philosophie überhaupt verwerfe, während ich doch mehr Gewicht auf sie lege, als die meisten anderen Naturforscher; was ich bekämpfe, ist die herrschende falsche Metaphysik" (das könnte auch Feuerbach geschrieben haben!).

Paulsen52 mokiert sich besonders über die "Welträtsel: "Dass ein solches Buch möglich war, dass es geschrieben, gedruckt, gekauft, gelesen, bewundert, geglaubt werden konnte bei einem Volk, das einen Kant, einen Goethe, einen Schopenhauer besitzt, das ist schmerzlich!" Dazu Haeckel: "Dieses maßlose Verdammungsurteil von Paulsen gehört zu den härtesten und heftigsten, die mir in den langen vierzig Jahren meiner literarischen Kämpfe entgegengeschleudert worden sind."52 Haeckel hatte Paulsen nie Anlass für eine Anfeindung geboten, sondern dessen Bücher sogar seinen Studenten zum Studium empfohlen. Er resümiert daher: "Die einzig mögliche Erklärung ... liegt in dem maßlosen ... Ärger über den literarischen Erfolg meiner Welträtsel und darüber, dass überhaupt ein Naturforscher sich untersteht, Studien über Philosophie zu veröffentlichen. Denn dieses Recht steht nach ihrer Ansicht nur den privilegierten Fachmännern zu; sie halten eben für wahre Philosophie nur die transzendentale, auf Erkenntnis a priori gegründete Metaphysik; hingegen bin ich mit den meisten anderen Naturphilosophen der Überzeugung, dass die ersten Grundlagen aller wahren Philosophie auf der Naturerkenntnis beruhen".53

In einem Beitrag über Karl Deubler, einen glühenden Verehrer Feuerbachs und Haeckels, bemängelt Joachim Kahl54, Haeckel habe nur "die Einheit in der Natur, nicht auch ihre Verschiedenheit" gesehen. Eine Behauptung, die man nicht stehen lassen kann. Haeckel besaß schon als Schüler (s. Kapitel 5) aus eigener Anschauung die umfangreichsten Naturkenntnisse und die Fähigkeit der Differenzierung (das ist doch wohl Kahls "Verschiedenheit der Natur"). Als Forscher erweiterte er den Kenntnisstand der Biologie um mehrere Tausend Tier- und Pflanzenarten, die er selber neu entdeckte und in "ihrer Verschiedenheit" beschrieb, zeichnete, zuordnete, klassifizierte und mit Namen versah. Sowohl das Sehen der Unterschiede wie der Gemeinsamkeiten der Organismen beherrschte er wie kaum ein zweiter und war zudem Voraussetzung für seine Erkenntnisse und Theorien (Kapitel 4).

12. Haeckel und Feuerbach

Haeckels klare Sprache und Gedankenführung, seine Fähigkeit, auch schwierige Fragen verständlich darzustellen, haben zur Verbreitung seiner Ideen und Schriften entschieden beigetragen. Ihn kennzeichnen Offenheit und Redlichkeit (die manche "Naivität" nennen). Trotz aller Deutlichkeit und Schärfe im Streit bleibt er fair und verfällt nicht – wie die meisten seiner Gegner – in die Unart, den Kontrahenten persönlich herabzusetzen. Doch Haeckel wirkt bisweilen, ohne es zu wollen, boshaft. Der sanftere Darwin bezeichnet ihn daher einmal als "naughty" (unartig). Haeckel erinnert auch darin an Feuerbach. Joachim Goetz55 äußert hierzu: "Ich habe den Eindruck, dass sich die beiden auch in der teilweise schroffen Art der Auseinandersetzung mit ihren Widersachern in etwa gleichen. Vielleicht hätte etwas mehr Geschmeidigkeit und Einfühlungsvermögen in die Geistesverfassung ihrer Gegner ihrer Sache mehr genützt und ihnen persönlich (hier denke ich vor allem an Feuerbach) weniger geschadet".

Auch die große Bestimmtheit und Ausschließlichkeit der Darlegungen ist es, die mitunter stört, weil sie keinen Platz für andere Gedanken lässt und an Doktrinen erinnert (vgl. z. B. den "Gründungsaufruf des Monistenbundes", Kapitel 7).

Haeckel und Feuerbach hatten sich gegen sehr ähnliche Gegner und Tendenzen zu wehren. Das Streben nach wahrer Erkenntnis und Aufklärung war ihnen gemeinsam. Haeckel tendierte als Naturforscher zur Philosophie, Feuerbach als Philosoph zur Naturwissenschaft. Beide begegneten einander jedoch nie!

Sozialisten und Kommunisten hoffen, Feuerbach wie Haeckel für ihre Ideologie zu gewinnen. Vergeblich! Dafür bekommen beide deren Kritik zu spüren. So behauptet Friedrich Engels56, alle "epochemachenden Fortschritte der Naturwissenschaften" gingen "an Feuerbach vorüber" und "er wird den Idealisten nie ganz los". Noch härter trifft es Haeckel, dessen Induktions- und Deduktionsschlüsse Engels schlicht "Unsinn" nennt57. Im Register von "Dialektik der Natur" wird Haeckel gar als "einer der Ideologen der reaktionären Lehre vom Sozialdarwinismus" 58 apostrophiert.

Auch in ihrem Privatleben teilen Haeckel und Feuerbach ein ähnliches Schicksal: Im Alter erfahren beide noch einmal das erhebende und verjüngende Glück der Liebe, dem jedoch beide in Verantwortung gegenüber ihren langjährigen Lebensgefährten schließlich entsagen (Näheres bezüglich Haeckel s. Kapitel 13).

Die Analogien zwischen Haeckel und Feuerbach sind unübersehbar, doch in einem Punkt unterscheiden sie sich völlig: Feuerbach lebte vorwiegend an einem einzigen Ort, dem kleinen Bruckberg (nahe Nürnberg), während Haeckel unzählige Reisen unternommen hat. Auch ließ dem unermüdlichen Forscher sein gewaltiges Arbeitsprogramm nur wenig Zeit für die Vertiefung in philosophische Studien, die Feuerbachs Hauptbeschäftigung waren.

13. Haeckel privat

Forscherdasein und Privatleben sind für Haeckel nahezu identisch. Seine zweite Frau Agnes mit ihren drei Kindern leidet unter seiner häufigen Abwesenheit während der langen und nicht immer ungefährlichen Reisen. Sie kränkelt und wird im Alter pflegebedürftig. Zusätzlich belastend ist die unheilbare Nervenschwäche einer Tochter.

Mit 64 Jahren begegnet Haeckel der um 30 Jahre jüngeren Frida von Uslar-Gleichen. Als gläubige Christin lebt sie abgeschieden bei ihrer Mutter in einem kleinen Ort bei Göttingen. Zufällig bekommt sie ein Buch von Haeckel in die Hand. Eine neue Welt schließt sich ihr auf! Sie schreibt ihm, und er schickte ihr weitere Bücher. Es entwickelte sich eine rege Korrespondenz.

Dann ihr Besuch bei Haeckel in Jena: Zwei verwandte Seelen begegnen sich! Einige Tage danach schreibt er ihr: "Lassen Sie uns den seltsamen unwiderstehlichen und unerklärbaren Zauber, der uns zueinander zieht, festhalten für unser ganzes Leben!"59 Es entwickelt sich eine verzehrende Liebe mit all ihren Höhen und Tiefen, gelegentlichen Treffen, gemeinsamen Reisen und vielen innigen, wundervollen Briefen, über drei Jahre. Eine Liebe, die gewiss glücklich verlaufen wäre, wenn Haeckel nicht in Verantwortung seiner leidenden Gattin gegenüber dieser Liebe und dieser Frau, die ihm seelisch und geistig so nahe stand wie sonst niemand, durch eigenen harten Entschluss entsagt hätte. Haeckel war bereit, alles für diese Liebe zu opfern, seine Familie, sein Heim, seine Professur, sein Ansehen, seine Freunde. Alles. Sie schrieb ihm: "Wir haben unseren Freundschaftsweg so zu gehen, dass wir uns nie den Vorwurf zu machen haben, einen anderen dafür darben zu lassen". Frida hat die Trennung mit ihrem Leben bezahlt. Sie stirbt, während Haeckel auf Reisen ist.

Frida war nicht nur seine Verehrerin, sie war die verständnisvolle Kritikerin und Korrektorin mehrerer seiner Werke. In den "Welträtseln" hat sie zuweilen auf die allzu harte Tonart mildernd eingewirkt. Damit überzeugst du niemanden, schrieb sie einmal, damit schaffst du dir nur Feinde.

14. Haeckel in den Augen seiner Schüler und Kollegen

Abschließend soll Haeckels Persönlichkeit auch durch einige Zeitzeugen beleuchtet werden. Greifen wir dazu einige Sätze aus Beiträgen heraus, in denen 44 Schüler und Kollegen Haeckel als aufrechten Bekenner, Lehrer, Künstler (Zeichner, Maler, Schriftsteller), Natur- und Menschenfreund gewürdigt haben.

So schreibt Ludwig Gurlitt60: "Wie auf mich, so hat Haeckel auf Unzählige gewirkt. ... Haeckel hat in einer feigen Zeit, in der selbst die Universitäten ihr geistiges Führeramt preisgaben, den Kampf mit einer Welt von Vorurteilen aufgenommen und ohne Wanken durch sein ganzes Leben durchgehalten. Er war sich auch nicht zu gut und zu vornehm, um zum Volk hinabzusteigen ... Dadurch wurde er fast der einzige populäre Universitätsprofessor im modernen Deutschland. ... Wer sich auch nur oberflächlich auf Physiognomik versteht, dem sagt Haeckels Bild alles: ein forschender Geist von unerbittlichem Wahrheitsdrang, vereint mit einer fast kindlich frohen und harmlosen Seele. Das Gegenteil eines blindwütigen Fanatikers. So lebt er uns den wahren Freidenker vor ... Der Mensch steht immer noch höher als sein Werk. Was Haeckel vorlebt, das ist höchste menschliche Kultur. An seinem Anblick stärkt sich die neue Generation".

Wilhelm Ostwald61, der Haeckel "gemäß der üblichen Darstellung seiner Gegner ein reichliches Quantum Eigensinn und Dogmatik zuschrieb", traf in ihm "einen Mann von einer geradezu rührenden Bescheidenheit und Bereitwilligkeit, sich beeinflussen zu lassen". Seine Art sich über seine Gegner zu äußern "entsprach so sehr dem von dem Stifter des Christentums aufgestellten Ideal der persönlichen Milde", wie er sie bei "Geistlichen, theologischen Professoren, Priestern usw. niemals vorher ... angetroffen hatte". Ostwald bewundert Haeckels "ungeheure Schöpferkraft", die er auf die "Erforschung neuer Tatsachen" und auf ihre Zusammenfassung "zu großen übersichtlichen und eigenen Gedanken" richtete. "Unzählige Auffassungen und grundlegende Ideen, welche seinerzeit Haeckel als erster verkündigte und gegen eine Welt des Widerspruchs durchgesetzt hatte", sind inzwischen "so in Fleisch und Blut der Biologie übergegangen, dass sie oft die Autorschaft jenes Forscher gänzlich vergessen haben." Haeckel als "Bahnbrecher der ganzen Kulturmenschheit" wirke auf ihn "dauernd als ein kraftvoller positiver Katalysator" ein.

Einige, die Haeckel förderte, wie sein Nachfolger Ludwig Plate, fielen ihm in den Rücken. Doch seine Objektivität verlieh ihm die Größe, auch danach für Plate (wie auch für Reinke, vgl. Kapitel 7) noch Worte des fachlichen Lobes zu finden!

15. Bilanz und Ausblick

Haeckel hat als Forscher und Philosoph für die Anerkennung der Entwicklungs- und Abstammungslehre bahnbrechend gewirkt. Wenn man der von ihm befestigten Tatsache, dass der Mensch dem Tierreich angehört, sich aus ihm entwickelt hat und die Affen seine nächsten stammesgeschichtlichen Verwandten sind, mitunter noch heute mit Skepsis begegnet, so hat das andere als rationale Gründe. Man kann sie respektieren, aber nicht gutheißen. Haeckels konsequentes Denken ließ Zugeständnisse dieser Art nicht zu.

Auch der Philosophie hat Haeckel wichtige Impulse gegeben. Er hat deutlich gemacht, dass Naturforschung und Philosophie im Grunde zusammengehören. Er forderte die Einheit der Wissenschaft und praktizierte sie! Er lehnte die spekulative Erkenntnisphilosophie ab, deren Renaissance wir heute wieder erleben: Unter Berufung auf die Unschärfen in der Quantenphysik wird die mangelnde Kausalität auf die Erfahrungswelt übertragen in der Hoffnung, erneut Raum für eine idealistisch-dualistische Glaubensüberzeugung zu schaffen.

Wenn auch manche der wissenschaftlichen Feststellungen Haeckels infolge der Fortschritte heute nicht mehr aufrecht zu erhalten sind: die wesentlichen Grundzüge seiner Erkenntnisse haben sich als fundamental und für die nachfolgende Forschung als fruchtbar erwiesen. Haeckel war durchdrungen von Goethes Ideal des Wahren, Guten und Schönen, als Forscher, als Mensch und als Künstler. Seine "Kunstformen der Natur", die in einmaliger Weise Kunst und Wissenschaft verbinden, sind ein beredtes Zeugnis dafür.

Wehmütig gedenkt man einer reichen und lebendigen Epoche ähnlich jenen "literarischen Bewegungen", von denen Hermann Kesten62 gesagt hat: Sie "rauschen ... wie Stürme vorüber, das Morsche fällt, es gibt Verwundete und Tote, Lärm, Bewegung, Unruhe, Schrecken, Triumph, und zuletzt ist alles und wenig verändert".

Haeckel verstand Philosophie nicht als Gedanken- und Sprach-Akrobatik, sondern als das Bemühen, die erfahrbare Welt und die Erscheinungen des Lebens forschend und frei von Mystik zu durchdringen, ihre Regeln und innewohnenden Gesetzmäßigkeiten zu erfassen und sie den Menschen nahezubringen. Das hat Haeckel in hohem Maße geleistet, was zwar weniger die Philosophen, wohl aber unzählige Bildungswillige in aller Welt mit Dankbarkeit erfüllt hat.

Literatur und Anmerkungen:

1 Ernst Haeckel: Die Welträtsel. Gemeinverständliche Studien über Monistische Philosophie (Volksausgabe). Stuttgart 1903, S. 3

2 Ernst Haeckel: Entwicklungsgeschichte einer Jugend. Briefe an die Eltern 1852/1856 (Hrsg.: Heinrich Schmidt). Leipzig 1921, S. 93

3 Vgl. Anm. 2, S. 90

4 Hermann Kesten (Hrsg.); In: Die schönsten deutschen Erzählungen des 20. Jahrhunderts. Köln (ohne Jahresz.), S. 7

5 Vgl. Anm. 2, S. 81

6 Vgl. Anm 2, S. 144

7 Vgl. Anm. 2, S. 45

8 Vgl. Anm 2, S. 56

9 Vgl. Anm 2, S. 88f

10 Vgl. Anm 2, S. 89

11 Vgl. Anm 2, S. 208

12 Vgl. Anm 2, S. 95

13 Johannes Hemleben: Ernst Haeckel. (Rowolt-Monographie) Hamburg 1964, S. 148

14 Vgl. Anm 2, S. 80

15 Vgl. Anm 2, S. 173

16 Vgl. Anm 2, S. 166

17 Georg Uschmann: Ernst Haeckel. Biographie in Briefen. Leipzig 1983, S. 54

18 Heinrich Schmidt (Hrsg.): Was wir Ernst Haeckel verdanken. Ein Buch der Verehrung und Dankbarkeit. Band 1. Leipzig 1914, S. 86

19 Wilhelm Bölsche: Ernst Haeckel - Ein Lebensbild. Berlin, Leipzig 1900, S. 138

20 Vgl. Anm 1, S. 36

21 Vgl. Anm 13, S. 69

22 Vgl. Anm 19, S. 179

23 Vgl. Anm 18, S. 83

24 Vgl. Anm 19, S. 124

25 Vgl. Anm 19, S. 119

26 Mit "Nachbarland" hat Virchow offensichtlich Russland und mit "ähnliche Theorien" den Materialismus (auch im moralisch abwertenden Sinne) gemeint.

27 Erika Krauße: Ernst Haeckel. Biographien hervorragender Naturwissenschaftler, Techniker und Mediziner. Band 70. Leipzig 1984, S. 93

28 Ernst Haeckel: Der Kampf um den Entwicklungs-Gedanken. Berlin 1905, S. 50

29 Vgl. Anm. 18, S. 148

30 Ernst Haeckel: Das Weltbild von Darwin und Lamarck. Festrede zur hundertjährigen Geburtstagsfeier von Charles Darwin am 12. Februar 1909, gehalten im Volkshaus zu Jena. Leipzig 1923, S. 34

31 Das Zitat ist dem abgedruckten Faksimile des Gründungsaufrufs entnommen. Vergl. Anm. 13, S. 130

32 Vgl. Anm. 13, S. 129,131

33 Vgl. Anm. 13, S. 135. Aus einem Gedicht von Alfred Kerr. In einem weiteren Gedicht ("Anti-Haeckel") äußert er über Reinkes Rede: "Wie einst Päpste Ketzer brieten,/Möcht’ er ihn komplett verbieten".

34 Vgl. Anm. 1, S. 7

35 Vgl. Anm. 28, S. 25

36 Vgl. Anm. 28, S. 26

37 Vgl. Anm. 28, S. 102f.

38 Vgl. Anm. 1, S. 92

39 Unsere "Erkenntnisorgane" sind forschungsbedingt durch unzählige Instrumente (optische, akustische, elektrische usw.) erweitert und bereichert worden. Diese liefern uns objektive, nachprüfbare und daher zuverlässige Informationen, die weit über das Maß hinausgehen, das unseren angeborenen Sinnen zur Verfügung steht. Kants Argument, wonach die "organbedingte" Erkenntnisfähigkeit des Menschen einschränkt sei, ist somit nicht länger haltbar.

40 Ernst Haeckel: Gemeinverständliche Werke. Band IV. Die Lebenswunder. Leipzig, Berlin 1924, S. 9

41 Vgl. Anm. 40, S. 13

42 Vgl. Anm. 40, S. 318ff.

43 Vgl. Anm. 1, S. 117

44 Vgl. Anm. 28, S. 92

45 Klaus Hofmann: Goethes Farbenlehre – Weltanschauung kontra Wissenschaft. In: Aufklärung und Kritik 1/2000, S. 146

46 Vgl. Anm. 1, S. 154

47 Vgl. Anm. 1, S. 136. Nach der Goldenen Regel (G.R.), die auf Konfuzius (um 500 v. Chr.) zurückgeht, sollen wir anderer Menschen das tun, was auch wir wollen, das uns getan wird. Bekannter ist ihre sprichwörtliche Negativform: Was du nicht willst, das man dir tu, das füge keinem andern zu. Die G.R. in Reimform: Was du willst, das man dir tu, das gesteh auch andern zu. (K. Hofmann)

48 Vgl. Anm. 1, S. 140. Haeckel verweist in diesem Zusammenhang auf den englischen Philosophen Herbert Spencer, der die "monistische Ethik" durch die Entwicklungslehre begründete. Die hier dargelegten Ansichten Haeckels können bereits als Vorläufer der Verhaltensforschung betrachtet werden

49 Konrad Lorenz: Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit. München 1973, S. 14f

50 Vgl. Anm. 1, S. 55

51 Vgl. Anm. 1, S. 164

52 Vgl. Anm. 1, S. 163

53 Vgl. Anm. 1, S. 163f

54 Joachim Kahl: Der Kreis um Konrad Deubler, Vortrag beim 1. Konrad-Deubler Syposium 1997 in Bad Goisern/Österreich. Kahl verwendet darin den Terminus "Wissenschaftsglaube". Eine Wissenschaft, die Wissen "schafft" und auf Tatsachen beruht, hat jedoch keinen Glauben nötig! Deubler hat im übrigen die Wissenschaft nicht "zur Heilsbringerin verklärt" (so Kahl), sondern sich für sie begeistert, was der Erkenntnis keineswegs abträglich ist (wofür Haeckel das lebendigste Beispiel darstellt!).

55 Privatmitteilung von J. Goetz (Nürnberg)

56 Friedrich Engels: Dialektik der Natur. Berlin 1971, S. 193f. Auch Darwin, der angeblich "wildfremde Sachen durcheinander wirft" (S. 300) und der als "Induktionsesel" bezeichnete Newton (S. 198) bleiben von Engels anmaßender Kritik in diesem Buch nicht verschont.

57 Friedrich Engels a.a.O., S. 219.

58 Friedrich Engels a.a.O., S. 386

59 Johannes Werner: Franziska von Altenhausen. Leipzig 1927, S. 59. Dem Buch – der Titel ist ein Pseudonym – liegt der vollständige Briefwechsel zugrunde. "Die Eigenart und der Reiz dieses Buches liegen darin, dass sein Inhalt Roman und Wirklichkeit zugleich ist." Es ist "ein Seitenstück zu Goethe und Charlotte von Stein" (Aus dem Vorwort).

60 Vgl. Anm. 18, S. 239

61 Wilhelm Ostwald: Was ich Ernst Haeckel verdanke. Vgl. Anm. 18, S. 198f

62 Vgl. Anm. 4, S. 9