Prof. Dr. Franz M. Wuketits (Wien)

Kants Schriften zur Anthropologie:
Wege zu einem modernen Menschenbild

aus: Aufklärung und Kritik 2/2000 (S. 7 ff.)


1. Einleitung

"Von dem Tage an, da der Mensch anfängt durch Ich zu sprechen, bringt er sein geliebtes Selbst, wo er nur darf, zum Vorschein, und der Egoism[us] schreitet unaufhaltsam fort."

Diese Bemerkung ist nicht einer modernen soziobiologischen Abhandlung entnommen, sondern findet sich in Kants Anthropologie aus dem Jahr 1798 (1). Immanuel Kant (1724-1804), der "Königsberger Weltweise", dessen Werk gern und oft als Verkörperung des Deutschen Idealismus gesehen wird, dachte in vieler Hinsicht sehr "modern" und ist für ein umfassendes Menschenbild heute nach wie vor eine interessante und wichtige Quelle. Der "Anthropologe" Kant tritt allerdings weniger in seinen berühmten drei Kritiken, sondern in erster Linie in seinen späteren, "nachkritischen" – zum Teil erst posthum veröffentlichten – Schriften sehr lebendig in Erscheinung (2).

Es mag schon sein: "Kants Stellung zu den Menschen bestimmte sich durch das reine und abstrakte Medium des sittlichen Gesetzes" (3). Aber nicht nur; und es wäre völlig verfehlt, daraus auf eine Weltfremdheit zu schließen, wie man sie einem deutschen Philosophie-Professor aus dem 18. Jahrhundert, der die nächste Umgebung seiner Vaterstadt nie verlassen hatte, auch gar nicht verübeln dürfte. Denn Kants anthropologische Schriften reflektieren eine sehr realistische Einschätzung des Menschen und seines Wesens und zeugen von einem sehr "lebensnahen" Menschenbild.

Vorliegender Beitrag ist keine detaillierte philosophiehistorische Untersuchung, sondern eine Einladung, Kants Spätwerk im Geiste der Aufklärung und des Humanismus zu lesen. Man wird dabei entdecken, daß Kants Vorstellungen vom Menschen einer heute durch naturwissenschaftliche Ergebnisse gestützten Anthropologie wesentlich näher stehen als die vieler seiner Epigonen und all jener Obskuranten, die – nicht selten unter Berufung auf ihn – nach wie vor hartnäckig an einer Verklärung des Menschen festhalten und damit nur verknöcherte, aus dem Geist eines religiösen Fundamentalismus geborene Ideologien weiter am Leben erhalten wollen.

2. Mensch und Umwelt: Evolution?

Es ist ja eigentlich schade, daß Kant noch kein "wirklicher" Vertreter des Evolutionsgedankens war. Denn er hatte sich erstaunlich weit in Richtung dieses Gedankens vorgewagt (4). Aber sei’s drum. Was er über die "Naturgeschichte" des Menschen zu sagen wußte, läßt allein schon aufhorchen. Dabei ist zu bemerken, daß er, seiner fehlenden Reiseerfahrungen zum Trotz, über Länder und Völker Bescheid wußte und sogar ausführliche und gut besuchte geographische Vorlesungen hielt. "Kant, der die Bannmeile Königsbergs niemals verlassen hat, war ... imstande, genau darzustellen, wie anderswo die Welt aussah" (5). So stellte er auch Überlegungen über die Verschiedenheit der Menschen in unterschiedlichen Regionen der Erde an und näherte sich damit evolutionstheoretischen Erklärungen, beispielsweise, wenn er schrieb: "Der Mensch war für alle Klimate und für jede Beschaffenheit des Bodens bestimmt; folglich mussten in ihm mancherlei Keime und natürliche Anlagen bereit liegen, um gelegentlich entweder entwickelt oder zurückgehalten zu werden, damit er seinem Platze in der Welt angemessen würde, und in dem Fortgange der Zeugungen demselben gleichsam angeboren und dafür gemacht zu seyn schiene" (6). Wenn daher z. B. "ein nördliches Volk lange Zeitläufe hindurch genöthigt ist, den Einfluss von der Kälte der Eiszone auszustehen, so müssen sich mit ihm ... grössere Veränderungen zutragen. Alle Entwickelung, wodurch der Körper seine Säfte nur verschwendet, muss in diesem austrocknenden Himmelsstriche nach und nach gehemmt werden" (7).

Der Mensch ist also in seine natürliche Umwelt eingebettet: Was heute trivial klingt, war vor 200 Jahren eine bemerkenswerte Einsicht, denn unter dem alles beherrschenden Einfluß des Glaubens an einen allmächtigen Gott brauchte man sich über die Beziehungen zwischen dem Menschen und seiner Umgebung keine ernsthaften Gedanken zu machen – wozu nachdenken, es hatte ja alles seine (von Gott gewollte) Ordnung! Aber, so Kant, "man muss, so sehr man auch, und zwar mit Recht, der Frechheit der Meinungen feind ist, eine Geschichte der Natur wagen, welche eine abgesonderte Wissenschaft ist, die wohl nach und nach von Meinungen zu Einsichten fortrücken könnte" (8). Daher auch werden wir "gedrungen, anzunehmen, dass es einmal verschiedene Stämme von Menschen gegeben habe, ungefähr in den Wohnsitzen, worin wir sie jetzt antreffen, die, damit sich die Gattung erhielte, von der Natur ihren verschiedenen Weltstrichen genau angemessen, mithin auch verschiedentlich organisirt waren, wovon die vielerlei Hautfarbe das äussere Kennzeichen ist" (9).

Schon diese wenigen Hinweise machen deutlich, daß sich Kant von jenem statischen, in der essentialistischen Philosophie Platons verwurzelten Weltbild – das Ernst Mayr mit Recht als eines der größten Hindernisse des Evolutionsdenkens darstellt (10) – verabschiedet hatte.

Er war auf dem Weg zu einem dynamischen Weltbild, das auch den Menschen umfassen sollte, eben keineswegs als ein "Idealwesen", sondern eine Organismenart, die in ständiger Auseinandersetzung mit ihrer (natürlichen) Umgebung ihren Körperbau und ihr Verhalten ändert. Kant sah sehr deutlich, daß alle existierenden (in heutigen Begriffen) phänotypischen Variationen des Menschen – Rassen wäre zwar einfacher zu sagen, aber heute, im Zeitalter "politischer Korrektheit", darf man diesen Ausdruck nicht mehr verwenden (11) – "auf der weiten Erde zu einer und derselben Naturgattung [gehören], weil sie durchgängig miteinander fruchtbare Kinder zeugen" (12), aber, nicht zuletzt aufgrund jeweils spezifischer klimatischer Bedingungen, in ihrem Erscheinungsbild doch eben voneinander verschieden sein können und sind. Wie gesagt, Kant näherte sich dem Evolutionsgedanken – eigentlich mit großen Schritten, aber den letzten Schritt vollzog er dann doch nicht. Es ist müßig, darüber zu spekulieren, wie er wohl Darwins Werk (oder auch das Werk von Lamarck) aufgenommen hätte (13). Darum soll es in diesem Beitrag im weiteren auch gar nicht gehen. (Ich vermute allerdings, daß für ihn die Evolutionstheorie durchaus einsichtig und plausibel gewesen wäre.) Wie aber sah Kant, der über viele Jahrzehnte (bis in die Gegenwart) entscheidende Maßstäbe in der Moralphilosophie setzte und dessen Werk nach wie vor als ein Kristallisationspunkt der neuzeitlichen Ethik gilt (14), das menschliche Verhalten? Worauf gründete er sein in "aufklärerischer Absicht" konzipiertes Menschenbild?

3. Der Mensch: Gut oder böse?

Daß wir Menschen keine Engel sind, sondern unsere Eigeninteressen leben und verteidigen, ist aus der Sicht der modernen Evolutionsbiologie nicht zu leugnen (15). Von dieser Disziplin, ihren theoretischen Voraussetzungen, ihren Methoden und ihren inzwischen weitreichenden Schlußfolgerungen konnte Kant, trotz seiner Weitsicht in naturgeschichtlichen Fragen, allerdings noch nichts wissen. Um so bemerkenswerter ist beispielsweise folgende seiner Feststellungen: "Die Menschen sind insgesamt, je zivilisierter, desto mehr Schauspieler: sie nehmen den Schein der Zuneigung , der Achtung vor anderen, der Sittsamkeit, der Uneigennützigkeit an, ohne irgend jemand dadurch zu betrügen; weil ein jeder andere, daß es hiemit eben nicht herzlich gemeint sei, dabei einverständigt ist, und es ist auch sehr gut, daß es so in der Welt zugeht" (16). Kant schien also genau gewußt zu haben, daß für jedes Zusammenleben von Menschen einige Regeln gelten, die mit Moral im abstrakten Sinn nichts zu tun haben, sondern sozusagen aus der Automatik des sozialen Lebens folgen. In diesem Sinne sprach er vom erlaubten moralischen Schein und bemerkte treffend: "Die Natur hat den Hang, sich gerne täuschen zu lassen, dem Menschen weislich eingepflanzt, selbst um die Tugend zu retten, oder doch zu ihr hinzuleiten" (17). Nun ist Tugend als solche nicht Bestandteil unseres tierischen Erbes, aber da Verhaltensweisen, die wir als tugendhaft einstufen, das soziale Leben zu fördern vermögen, stehen sie keineswegs im Widerspruch zur evolutionstheoretischen Erwartung betreffend unsere Neigungen (18). Jedoch ist solches Verhalten keineswegs aus dem Guten in einem idealistischen Sinn abzuleiten oder mit diesem identisch.

Wir Menschen sind von Natur aus Egoisten, kooperieren aber auch und sind hilfsbereit – weil wir umgekehrt von anderen ebenfalls Kooperation und Hilfe erwarten (19). Das macht uns eben nicht zu engelhaften Wesen, aber solche waren in der Evolution auch nie vorgesehen.

Der Mensch hat, durch seine Kultur, seine (moralischen) Ideale entwickelt, die mit seiner Natur, seinen stammesgeschichtlich entstandenen Neigungen nichts zu tun haben müssen. Vieles, was wir als kultiviertes Verhalten angenommen haben (gute Sitten, gutes Benehmen usw.), dient uns als Tarnung, und schließlich ist, Kant wußte es, "alles, was man Wohlanständigkeit ... nennt ..., nämlich nichts als schöner Schein" (20). Aber der Schein kann unserem sozialen Leben positive Impulse verleihen. Ein gutes Gespräch mit zustimmenden Bemerkungen an den Gesprächspartner, ein schönes Kompliment oder ein paar Dankesworte für eine noch so geringfügige empfangene Leistung brauchen keinen tieferen moralischen Sinn zu haben (und haben gewöhnlich auch keinen), aber sie stabilisieren Beziehungen und helfen uns, unser Zusammenleben angenehmer zu gestalten.

Kant diskutiert recht ausführlich einige Regeln für ein "geschmackvolles Gastmahl" und gibt gewissermaßen Instruktionen, wie ein solches in sozialer Hinsicht erfolgreich zu organisieren sei. Man müsse beispielsweise den Gesprächsstoff so wählen, daß alle Teilnehmer am Gastmahl mitreden können, man dürfe keine tödliche Stille aufkommen lassen usw. Er wußte aus eigener Erfahrung, wovon er sprach, aß er doch zu Mittag in Gesellschaft einiger ausgewählter Gäste, wobei er sich stets als interessanter und interessierter Gesprächspartner erwies. Er, der nie in die Welt hinaus ging, ließ sich bei dieser Gelegenheit über die Welt berichten. Einige seiner Tischgenossen haben die Mittagsmahlzeiten bei Kant (und verschiedene Eigenarten ihres Gastgebers) detailreich geschildert (21). Und welche allgemeinen Schlußfolgerungen zieht Kant aus den Regeln für ein Gastmahl? "So unbedeutend diese Gesetze der verfeinerten Menschheit auch scheinen mögen", schrieb er, "... so ist doch alles, was Geselligkeit befördert, wenn es auch nur in gefallenden Maximen oder Manieren bestände, ein die Tugend vorteilhaft kleidendes Gewand" (22). Gewiß, unser soziales Leben basiert nicht auf abstrakten (Moral-)Prinzipien, sondern entwickelt seine eigenen Regeln aus unserem Zusammenleben mit anderen Menschen. Der Analytiker Kant vermochte zwar aus einer relativ trivialen Begebenheit wie einem Mittagessen in geselliger Runde – für ihn waren diese Runden allerdings von größter Bedeutung – klare Prinzipien abzuleiten und systematisch zu ordnen, aber das zeigt zugleich, daß er nicht einfach vorgegebenen, abstrakten Vorstellungen über das soziale Leben des Menschen verpflichtet war, sondern das reale (menschliche) Leben kannte und auf diese Erfahrungen seine anthropologischen Schriften stützte.

Nun können Schlußfolgerungen über die menschliche Natur nicht nur auf Beobachtungen einer Tafelrunde beruhen – zumal, wenn man ohnedies sicher sein darf, daß die gemeinsam Speisenden bestimmte Regeln bloß zum Schein befolgen, oder doch deshalb, weil sie dabei nicht unangenehm auffallen wollen (und sich dem Gastgeber verpflichtet fühlen). Das wußte Kant natürlich auch. Wie ist es also um die menschliche Natur darüber hinaus bestellt? Was wäre eine dieser Natur gemäße "Moral"? Aus soziobiologischer Sicht meint Christian Vogel, daß das einer "natürlichen Moral" entsprungene Gebot folgendermaßen lauten würde: "Hilf deinen Verwandten nach Maßgabe ihrer jeweiligen genealogischen Verwandtschaftsnähe zu dir, jedoch im Zweifelsfalle allen weniger als dir selbst (und deinen leiblichen Kindern") (23). Vogel ist natürlich zuzustimmen, daß sich Menschen weltweit und zu jeder Zeit viel mehr an dieses "Gebot" gehalten haben (und halten) als an moralische Imperative, die – wie das christliche Gebot der Nächstenliebe – auf alle Menschen auszudehnen sind: "Von Natur aus sind wir leider keine ‘einzige Familie Menschheit’; wenn wir das werden wollen, müssen wir uns das gegen unsere Natur erst schwer erarbeiten" (24). Aber, so bleibt gerade in soziobiologischer Perspektive zu betonen, von Natur aus sind wir überhaupt nicht dazu geschaffen, einem allgemeinen (abstrakten) Sittengesetz zu gehorchen, sondern wir verfolgen (wie alle Lebewesen) primär unser Fortpflanzungsinteresse und suchen Lust zu gewinnen und Unlust zu vermeiden (25). Ist diese Perspektive nun nicht gerade das Gegenteil von dem, was uns Kant vor allem mit seinem kategorischen Imperativ sagen wollte? Ist ein umfassendes Moralsystem ohne ein allgemeines, mehr oder weniger strenges Sittengesetz überhaupt denkbar? Haben Moralsysteme nicht gerade den Zweck, bestimmte unserer natürlichen Anlagen zu verändern oder ihnen zumindest entgegenzuwirken?

Kant war, liest man seine späten Schriften, nicht so naiv, einfach an das Gute im Menschen zu glauben. Sicher, seine Ausführungen etwa in der Metaphysik der Sitten (26) lassen ihn geradezu als "preußischen Sittenwächter" erscheinen – zu viel ist da von Pflicht die Rede, zu wenig davon, worauf sich menschliches Verhalten und Handeln gründen. (Inzwischen haben wir aus dem Dritten Reich und anderen totalitären Systemen außerdem gelernt, daß es viel besser gewesen wäre, wenn viele Menschen nicht ihre "Pflicht" getan hätten ...) Er gilt daher mit Recht als Vertreter einer idealistischen Ethik. Zu dieser paßt auch, nebenbei gesagt, seine sehr undramatische Biographie. Sein ganzer Tagesablauf war bekanntlich stets sehr genau geregelt, und seine Pedanterie in sämtlichen Alltagsdingen war sprichwörtlich. Auch in seinem persönlichen Leben war er offenbar von dem Wunsch nach Pflichterfüllung beseelt und hat sich daher nie, wie man sagt, gehen lassen. Aber hier stehen seine späten Schriften zur Diskussion. Seine Schrift Zum ewigen Frieden, ein Meisterstück der Aufklärung, läßt deutlich erkennen, daß Kant die menschliche Natur letztlich nicht idealistisch verklärt hat. Seine Vision vom Frieden will nicht verhehlen, daß der Friedenszustand des Menschen "kein Naturzustand (status naturalis") (27) sei und daß sich die "Bösartigkeit der menschlichen Natur ... im freien Verhältnis der Völker unverhohlen blicken läßt" (28). Dabei konnte er die Gemetzel der beiden Weltkriege selbstverständlich noch nicht einmal erahnen! Kant übersah allerdings nicht – und das ist unter dem Gesichtspunkt unseres heutigen (evolutionsbiologisch begründeten) Menschenbildes besonders interessant –, daß Menschen von Natur aus nicht nur einander bekämpfen, sondern sich auch zu Gruppen zusammenschließen und sowohl auf individueller wie auch auf Gruppenebene kooperieren. "Es ist der Handelsgeist", sagte er, "der mit dem Kriege nicht zusammen bestehen kann, und der früher oder später sich jedes Volkes bemächtigt" (29). Mit anderen Worten: Völker treffen einander zu friedlichem Austausch und kooperieren, weil sie daraus Profit schlagen können. Man muß also nicht an das Gute in einem abstrakten Sinn glauben, es stellt sich konkret immer dann ein, wenn die Völker die Sinnlosigkeit von Kriegen und die eigenen Vorteile der Kooperation mit anderen erkennen: "Auf die Art garantiert die Natur, durch den Mechanism[us] in den menschlichen Neigungen selbst, den ewigen Frieden; freilich mit einer Sicherheit, die nicht hinreichend ist, die Zukunft desselben (theoretisch) zu weissagen, aber doch in praktischer Absicht zulangt" (30). Diese "praktische Absicht" ließe sich so deuten: Wie jeder individuelle Mensch will auch jedes Volk Vorteile für sich selbst, die es aber um so eher gewinnen wird, wenn es sich mit anderen (in friedlicher Absicht) zusammenschließt. Daß es dazu keiner tiefen Moralität bedarf, schien "der späte Kant" gewußt zu haben. Er sah mithin, daß der Mensch von Natur aus keineswegs gut ist, wohl aber in seiner Natur auch Anlagen trägt, die ihm helfen, das Gute zu fördern. Ich komme darauf noch kurz zurück. So wie er aber meinte, daß der Ursprung des Bösen nicht empirisch dingfest zu machen sei (31), wollte Kant das Böse nicht durch die Natur entschuldigen. Denn schließlich betrachtete er die menschliche Entscheidungsfreiheit als enorm wichtig: "Der erste Grund der Annehmung unsrer Maximen [muß] selbst immer wiederum in der freien Willkür liegen" (32). Diese freie Willkür aber würde den mündigen Menschen voraussetzen, den Kant im Geiste der Aufklärung forderte – und der heute nach wie vor gefordert werden muß, weil er politischen Institutionen aus Machtgründen unangenehm ist. Regierungen verschiedener Spielarten tun sich selbstverständlich leichter mit einer manipulierten Masse (die man jederzeit auch für Kriege begeistern kann) als mit aufgeklärten, kritischen und skeptischen Individuen. Was waren die Hoffnungen, die Kant in diesem Zusammenhang zum Ausdruck brachte?

4. Moralischer Fortschritt

Daß der Mensch sozusagen verbesserungsfähig sei, war einer der Wahlsprüche der Aufklärung. Hoffnung war also, auch für Kant, sehr wohl angebracht: "Wenn ... gegründete Hoffnung da ist, den Zustand eines öffentlichen Rechts, obgleich nur einer ins Unendliche fortschreitenden Annäherung wirklich zu machen, so ist der ewige Friede, der auf die bisher fälschlich so genannten Friedensschlüsse (eigentlich Waffenstillstände) folgt, keine leere Idee, sondern eine Aufgabe, die nach und nach aufgelöst, ihrem Ziele (weil die Zeiten, in denen gleiche Fortschritte geschehen, hoffentlich immer kürzer werden) beständig näher kommt" (33). Viele Jahrzehnte später kam Darwin zu Schlußfolgerungen, die davon gar nicht so verschieden sind und jedenfalls auch große Hoffnungen zum Ausdruck bringen. "Ein Ausblick auf fernere Geschlechter", so bemerkte er, "braucht uns nicht fürchten zu lassen, daß die sozialen Instinkte schwächer werden; wir können im Gegenteil annehmen, daß die tugendhaften Gewohnheiten stärker und vielleicht durch Vererbung noch befestigt werden. Ist dies der Fall, so wird unser Kampf zwischen den höheren und niederen Impulsen immer mehr von seiner Schwere verlieren, und immer häufiger wird die Tugend triumphieren" (34).

Ohne hier Parallelen zwischen Kant und Darwin überzubetonen, möchte ich doch festhalten, daß beide – vor ganz verschiedenem Hintergrund – von der Hoffnung beseelt waren, daß sich der Mensch seiner Natur zum Trotz gleichsam zu einem (in moralischer Hinsicht) höheren Wesen aufschwingen könne. Kant war zwar, wie gesagt, dem Evolutionsgedanken bereits sehr nahe, hat ihn aber (noch) nicht gedacht (noch nicht wirklich denken können). Darwin hat diesem Gedanken bekanntlich zum entscheidenden Durchbruch verholfen. Beide übersahen nicht, daß der Mensch kein "engelhaftes Wesen" ist, aber beide glaubten, daß Hoffnung angebracht sei. Es gehört zu einem der interessantesten Phänomene der europäischen Geistesgeschichte des späten 18. und des 19. Jahrhunderts, daß einerseits die Natur des Menschen entzaubert wurde, andererseits der Glaube an den Menschen einen enormen Auftrieb erfuhr. Kant und Darwin trugen, jeder auf seine Weise, entscheidend dazu bei. Beide blieben nicht theoretischen Überlegungen über die menschliche Natur verhaftet, sondern machten sich ernsthafte Gedanken über mögliche Veränderungen und Verbesserungen des Menschen und seiner Situation in dieser Welt.

Daß Kant seine Anthropologie in "pragmatischer Hinsicht" konzipierte, verdeutlicht allein schon sein Anliegen. Die "Summe" der pragmatischen Anthropologie formulierte er wie folgt: "Der Mensch ist durch seine Vernunft bestimmt, in einer Gesellschaft mit Menschen zu sein, und in ihr sich durch Kunst und Wissenschaft zu kultivieren, zu zivilisieren und zu moralisieren; wie groß auch sein tierischer Hang sein mag, sich den Anreizen der Gemächlichkeit und des Wohllebens, die er Glückseligkeit nennt, passiv zu überlassen" (35). Demnach müsse der Mensch zum Guten erzogen werden. Dafür sah Kant auch Chancen, denn: "Der erste Charakter der Menschengattung ist: das Vermögen, als vernünftigen Wesens, sich, für seine Person so wohl für die Gesellschaft, worin ihn die Natur versetzt, einen Charakter überhaupt zu verschaffen; welches aber schon eine günstige Naturanlage und einen Hang zum Guten in ihm voraussetzt; weil das Böse (da es Widerstreit mit sich selbst bei sich führt und kein bleibendes Prinzip in sich selbst verstattet) eigentlich ohne Charakter ist" (36). Auch daraus ist ersichtlich, daß Kant nicht an die "Engelhaftigkeit" des Menschen glaubte, zugleich aber davon überzeugt war, daß der Mensch auch die Anlage zum Guten in sich trägt. Der Mensch wäre daher "als eine aus dem Bösen zum Guten in beständigem Fortschreiten unter Hindernissen emporstrebende Gattung vernünftiger Wesen darzustellen" (37). Zu diesem Fortschritt aber ist "ein jeder an seinem Teile, so viel in seinen Kräften steht, beizutragen durch die Natur selbst berufen" (38). Kant forderte – wie gesagt, ganz im Geiste der Aufklärung – den mündigen Menschen und überließ den postulierten (moralischen) Fortschritt nicht jenem vermeintlichen Automatismus der Geschichte, der schon für so viele ideologische Verirrungen sorgen sollte und in dessen Namen Menschen unglücklich gemacht worden sind.

5. Die Entzauberung des Menschen

Es ist nicht zu übersehen, daß die Probleme, mit denen sich Kant insbesondere in seinen späten (anthropologischen) Schriften beschäftigte, nach wie vor von großer Bedeutung sind. Die Debatten darüber, ob der Mensch von Natur aus gut oder böse sei, sind ja immer noch im Gange (manchmal wird dazu freilich nur ideologischer Unsinn beigetragen), und das Ideal des "kosmopolitischen Menschen", die Idee eines Weltbürgerrechts als "notwendige Ergänzung des ungeschriebenen Kodex, sowohl des Staats- als Völkerrechts zum öffentlichen Menschenrechte überhaupt, und so zum ewigen Frieden" (39) ist aktueller als je zuvor.

Nicht zuletzt stand Kant vor einem Problem, das bis heute nicht überwunden ist. Zum einen nämlich steht es jedem Aufklärer gut an, den Menschen nicht als von Gott gewolltes oder bestimmtes Wesen zu sehen, sondern als eine der Natur entsprungene Organismenart, die, wie eben alle anderen Arten auch, in einer ihr nicht gerade freundlich gesinnten Welt zurecht kommen muß (und, wie wir aus evolutionstheoretischer Sicht seit Darwin wissen, in den oft grausamen Wettbewerb ums Dasein verstrickt ist). Zum anderen muß der Aufklärer aber daran glauben, daß sich diese ganz spezielle Organismenart durch ihre eigenen Anstrengungen sozusagen zu einem (jedenfalls in moralischer Hinsicht) besseren Wesen entwickeln kann und wird. Dieses Dilemma ist ernst. Heute, knapp 200 Jahre nach Kants Tod, werden wir seiner besonders gewahr. Vor allem die Erkenntnisse der Biologie haben den Menschen entzaubert. Unsere Gattung ist als große Naturkatastrophe entlarvt (40) – die vom Menschen derzeit verursachten ökologischen Krisen konnte Kant natürlich nicht erahnen. Die große Herausforderung besteht jetzt also darin, einen Humanismus vor dem Hintergrund eines entzauberten Menschenbildes zu begründen und zu vertreten (41). Kant selbst hat zur Entzauberung des Menschen und des Menschenbildes schon wichtige Vorarbeiten geleistet. Bertrand Russell sagte über ihn, daß er Tugenden ganz ernsthaft als Selbstzweck zu fassen versuchte, zugleich aber erkennen ließ, daß er neben der von ihm explizit vertretenen Ethik noch eine andere Moralphilosophie im Sinn hatte (42).

Ich würde einfach sagen: Er wußte über die menschliche Natur ziemlich gut Bescheid. "Der Charakter der Gattung [Mensch]", schrieb er, "so wie er aus der Erfahrung aller Zeiten und unter allen Völkern kundbar wird, ist dieser: Daß sie, kollektiv (als ein Ganzes des Menschengeschlechts) genommen, eine nach- und neben einander existierende Menge von Personen ist, die das friedliche Beisammensein nicht entbehren und dabei dennoch einander beständig widerwärtig zu sein nicht vermeiden können" (43). Die Ambivalenz unserer Gattung hat Kant auch an vielen anderen Stellen in seinem Spätwerk betont. So etwa, wenn er sagt, der Mensch sei einerseits imstande, "andere Menschen zu seinen Absichten geschickt zu brauchen", andererseits aber auch in der Lage, moralisch zu handeln, "nach dem Freiheitsprinzip unter Gesetzen gegen sich und andere" (44). Kant ging also von zwei Anlagen der menschlichen Natur aus, der Anlage des Menschen als Tiergattung und der Anlage als "sittliche Gattung", und sah in diesem Antagonismus auch die Geschichte der Menschheit im Widerspruch zwischen Individuum und Staat. Aus diesem Widerspruch glaubte er aber die (notwendige) Entwicklung von Staaten und Staatsbündnissen – und letztlich eines weltweiten Völkerbundes – erkennen zu dürfen. Seine Skepsis ist jedoch nicht zu übersehen: "Bei allem Fortschrittsoptimismus, den Kant als Philosoph der Aufklärung hegt, ist er sich doch auch des schwärmerischen Charakters seiner Vision bewußt" (45). Denn der Staat fördert die Bequemlichkeit des einzelnen und damit Unmündigkeit. "Sich selbst unmündig zu machen", bemerkte Kant, "so herabwürdigend es auch sein mag, ist doch sehr bequem und natürlicherweise kann es nicht an Häuptern fehlen, die diese Lenksamkeit des großen Haufens (weil er von selbst sich schwerlich vereinigt) zu benutzen, und die Gefahr, sich ohne Leitung eines anderen, seines eigenen Verstandes zu bedienen, als sehr groß, ja als tödlich vorzustellen wissen werden" (46) – um, wie wieder ergänzt werden muß, ihre eigenen Machtgelüste zu befriedigen. Was wir seit Kant über unsere eigene Natur gelernt haben, ist nicht sehr schmeichelhaft. Wir sind, stärker als einem Lebewesen, welches sich als vernunftbegabt begreift, lieb sein kann, von stammesgeschichtlich alten Verhaltensantrieben beeinflußt und tragen unser altes "tierisches Erbe" ständig mit uns herum. Daher war allen Versuchen, durch Moralsysteme unsere Natur zu verbessern, ein nur sehr mäßiger Erfolg beschieden (47).

Fundamentale, um nicht zu sagen revolutionierende naturwissenschaftliche Erkenntnisse der letzten Jahrhunderte haben auch wenig zu den Illusionen beigetragen, die sich der Mensch seit alters über seine eigene Natur zu machen pflegt. Sie haben den Menschen gedemütigt und verärgert. Seit zu Beginn der Neuzeit die Erde aus dem Mittelpunkt der Welt verschwand, mußte er mehrere Kränkungen hinnehmen. Nicht mehr auf einem Planeten im Zentrum des Universums zu leben, ist für ein Lebewesen, das sich Gott ähnlich sieht, kränkend genug. Aber dann auch noch affenartige Tiere als Vorfahren zu haben (die spätestens seit Darwin nicht geleugnet werden können), ist schon wirklich schlimm. Inzwischen sind die Kränkungen, welche die Naturwissenschaften dem Menschen, ihrem eigenen Urheber, zugefügt haben, immer mehr geworden (48). Zu den jüngsten zählen die ökologische und die neurobiologische Kränkung. Aus ökologischer Sicht ist Homo sapiens, wie bereits gesagt, eine Katastrophe. Und die Ergebnisse der modernen Hirnforschung bzw. Neurobiologie weisen in eine Richtung, die dem "Geistwesen" Mensch auch nicht sehr angenehm sein kann: Der "Geist" entpuppt sich mehr und mehr als eine bloße Eigenschaft einer materiellen Struktur, eben des Gehirns, und hat keine eigene Daseinsberechtigung mehr. Über diese Entwicklungen konnte Kant selbstverständlich nichts wissen. Ich will daher auch nicht darüber spekulieren, was er dazu sagen würde. Tatsache ist, daß er über die Naturwissenschaften seiner Zeit gut unterrichtet und – im Gegensatz zu vielen heutigen Philosophen! – naturwissenschaftlichen Erkenntnissen gegenüber im allgemeinen sehr aufgeschlossen war. Seine anthropologischen Schriften bezeugen nicht nur "seinen von eindringender Welt- und Menschenkenntnis erfüllten Gedanken" (49), sondern legen nahe, daß er naturwissenschaftliche bzw. naturwissenschaftlich fundierte Aussagen über den Menschen und sein Wesen ernst nahm, ernster jedenfalls, als viele heutige Philosophen und Soziologen, die die Entwicklung der Biologie (Evolutionsbiologie, Verhaltensforschung usw.) in den letzten Jahrzehnten offenbar verschlafen haben (oder davon einfach nichts wissen wollen und auf bereits ermüdende Art ständig auf den "Biologismus-Vorwurf" rekurrieren).

6. Zurück zu Kant?

Kann uns Kant aber heute wirklich eine Hilfe sein? Seine allgemeinen Überlegungen über die Natur des Menschen und auch seine konkreteren Vorstellungen beispielsweise über den Einfluß klimatischer Faktoren auf den Menschen, über die Entstehung der Menschenrassen usw. sind zwar vor dem Hintergrund seines Zeithorizonts bemerkenswert und interessant, und es gebührt ihm darob sein Platz in der Geschichte der Anthropologie (50), doch ist diese Wissenschaft mit ihren vielen Verzweigungen insbesondere im naturwissenschaftlichen Bereich inzwischen sehr viel weitergekommen. Von der Entschlüsselung des menschlichen Genoms, die in den letzten Jahren mit atemberaubendem Tempo vorangetrieben worden ist, konnte Kant noch nicht einmal träumen (weil er von Genen nichts wußte), und über die Fülle der Fossilien, die inzwischen die Geschichte des Menschengeschlechts dokumentieren, hätte er sich nur wundern können (zu seiner Zeit war die wahre Bedeutung von Fossilien im wesentlichen unbekannt und den evolutiven Wandel der Organismen hatte er noch nicht begriffen). Ähnlich liegen die Dinge im Hinblick auf die Verhaltensforschung, die Neurobiologie usw. Wie eng wir Menschen mit Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans wirklich verwandt sind, haben erst neuere und neueste Untersuchungen deutlich gemacht. Daß aber Kriege etwas Schreckliches sind und wir uns um den Frieden in der Welt bemühen sollen, ist uns – mit oder ohne Kant – sowieso bewußt. Umgekehrt hat Kant mit seiner Idee vom "ewigen Frieden" Kriege ja nicht zu verhindern vermocht. Wozu brauchen wir ihn also für ein modernes Menschenbild? Daß seine anthropologischen Schriften immer noch genügend Material für philosophische und wissenschaftshistorische Dissertationen bieten, ist natürlich unbestritten – aber das kann’s doch nicht sein!

Gewiß, man kann die Werke eines Denkers aus der Geschichte um ihrer selbst willen studieren. Man kann sie auch zur Gegenwart in Beziehung bringen, um den heutigen Kenntnisstand mit dem damaligen zu vergleichen. Man kann sich freilich auch bemühen, alles ernst zu nehmen, was ein Philosoph der Vergangenheit gesagt hat. Da er aber – aus heutiger Sicht! – in der Regel auch eine Menge Unsinn gesagt und geschrieben haben wird, müßte man sich für ihn schämen. Es stimmt schon: Ein guter Philosophielehrer ist der, der uns – wie Umberto Eco bemerkt (51) – jeden Denker der Vergangenheit als Kind seiner Zeit zu entdecken erlaubt. Auf diese Weise lernen wir schließlich auch eine Menge über die betreffende Zeit. Nun würde ich gerade im Falle von Kant doch noch einen Schritt weiter gehen. Dabei geht es mir nicht so sehr um den Nachweis, daß viele seiner Gedanken nach wie vor ihre Gültigkeit haben – vor allem seine Ideen über den Weltfrieden haben tatsächlich nichts von ihrer Aktualität eingebüßt –, sondern um die schlichte Tatsache, daß er vorführte, wie wir unser eigenes Selbstverständnis fördern können.

Kant forderte "Menschenkenntnis", ein systematisches Beobachten von Menschen, da ansonsten "der Weltbürger in Ansehung seiner Anthropologie immer sehr eingeschränkt [bleibt]" (52). Wie wahr! Er akzeptierte als Quellen oder zumindest Hilfsmittel zur Anthropologie darüber hinaus nicht nur Biographien, sondern auch Romane und Theaterstücke, "weil sie zwar im Grade übertrieben, der Qualität nach aber doch mit der menschlichen Natur übereinstimmend sein müssen" (53). Kurzum, er forderte dazu auf, ein umfassendes Menschenbild zu zeichnen, auf der Basis allgemeiner (philosophischer) Reflexionen und empirischer Studien. Eine solche Forderung bedürfte heute eigentlich keiner besonderen Erwähnung mehr, hätten nicht manche Philosophen nach wie vor sozusagen ihren eigenen – von den Ergebnissen der Naturwissenschaften "unverbauten" – Zugang zum Verständnis des Menschen, den sie nur mit Hinweisen auf Philosophen aus der Vergangenheit pflastern. Auf naturwissenschaftliche Lösungen oder Lösungsansätze zu altehrwürdigen philosophischen Problemen – etwa zum Bewußtseinsproblem (Leib-Seele-Problem), zu Problemen der Erkenntnistheorie oder Ethik – reagieren nicht wenige Philosophen (insbesondere im deutschen Sprachraum) nach wie vor immer wieder stereotyp mit folgenden Bemerkungen: "Der Philosoph X oder Y hat deutlich gesagt ..." und "Wie kann man dieses oder jenes behaupten, wo doch schon der Philosoph X oder Y vor 100 oder vor 1000 Jahren dazu gesagt hat, daß ...". Dabei entlarven sie sich nicht nur als Dogmatiker, sondern übersehen auch, daß die meisten ihrer Vorbilder in der Geschichte eben nicht solchen Stereotypen gefolgt sind, weil sie daran interessiert waren, so viel wie möglich an Problemen zu lösen und nicht bloß vermeintliche Lösungen zu übernehmen. Auf Kant jedenfalls trifft das zu. In den Naturwissenschaften war er, wie bereits gesagt, wohl bewandert, und er war ausgezeichnet in der Lage, über den Tellerrand der Philosophie seiner Vorgänger zu blicken; anders wäre sein Einfluß auf die weitere Entwicklung der Philosophie auch kaum zu erklären. Im Gegensatz zu den Obskuranten seiner Zeit (und der Gegenwart!) war er aber auch bestrebt, seine Anthropologie "populär (durch Beziehung auf Beispiele, die sich dazu von jedem Leser auffinden lassen)" (54) darzulegen. Ein derartiges Zugeständnis an den Leser, ein Versuch, diesen überhaupt zu gewinnen, ist vielen der Apostel und Epigonen Kants fremd. Ihnen ist es aber zu verdanken, daß Kant meist bloß als Moralist und Pietist gesehen wird. Diese Optik wird dem Königsberger nicht gerecht. Daher also die Einladung, seine anthropologischen Schriften zu lesen. Die lassen (wenn man von der etwas umständlichen und an manchen Stellen unterwürfig klingenden Sprache seiner Zeit absieht) nicht viel Pietismus erkennen. Moralist war er zwar durchaus – natürlich war er Kind seiner Zeit und konnte seinen preußischen Hintergrund nicht einfach abstreifen –, aber viel mehr noch war er ein großer Aufklärer, und was er über den Menschen und seine Natur schrieb, bleibt nicht an den Geist seiner Zeit gebunden. Als Aufklärer verdient er heute immer noch unsere Aufmerksamkeit. Er macht darüber hinaus auch dem Philosophen heute (der immer häufiger unter Rechtfertigungszwang steht) klar, wie relevant seine Disziplin sein kann, wenn sie nur mit den konkreten Problemen des Lebens in Verbindung gebracht und nicht zum Selbstzweck betrieben wird. Jungen Autoren, die sich in der Philosophie versuchen wollen, führt der späte Kant schließlich noch heute vor, daß philosophischer Tiefsinn nicht mit unverständlichem Gewäsch über Probleme, die niemanden interessieren, verwechselt werden darf.

Zurück zu Kant? Sicher, wer sich über den gegenwärtigen Erkenntnisstand betreffend die menschliche Natur informieren möchte, wird nicht gerade auf Kant zurückgreifen. Einzelne Beiträge z. B. in der Zeitschrift Spektrum der Wissenschaft sind dazu als Lektüre wesentlich besser geeignet. Wer aber daran interessiert ist zu erfahren, wie unser heutiges Menschenbild Schritt für Schritt geformt wurde, welche (philosophischen) Vorurteile dabei zu überwinden waren und mit welchen Vorurteilen dieses Menschenbild immer noch konfrontiert ist, der wird Kants anthropologische Schriften interessant und erfrischend finden. Kant hat in der Tat ein modernes Menschenbild vorbereitet, aber leider berufen sich viele seiner Anhänger offenbar nicht gern darauf (und wenn, dann doch meist vor dem Hintergrund seiner früheren Schriften, nämlich der drei Kritiken). Man kann die Schriften eines großen Denkers der Vergangenheit natürlich auch so lesen, wie man sie gerade braucht oder will, und man kann dabei auch viele seiner Aussagen unterschlagen oder so interpretieren, daß von ihnen kaum was übrigbleibt; und man kann sie auch so aufplustern, daß sie als der Weisheit letzter Schluß erscheinen, der dann Rückfragen nicht mehr erlaubt.

Sein Menschenbild und sein damit verbundenes Anliegen hat Kant meines Erachtens in den folgenden Zeilen besonders deutlich zum Ausdruck gebracht: "Es sind Menschen, d. i. zwar bösgeartete, aber doch mit erfindungsreicher, dabei auch zugleich mit einer moralischen Anlage begabte vernünftige Wesen; welche die Übel, die sich unter einander selbstsüchtig antun, bei Zunahme der Kultur nur immer desto stärker fühlen und, indem sie kein anderes Mittel dagegen vor sich sehen, als den Privatsinn (einzelner) dem Gemeinsinn (aller vereinigt), obzwar ungern, einer Disziplin (des bürgerlichen Zwanges) zu unterwerfen, der sie sich aber nur nach und nach von ihnen selbst gegebenen Gesetzen unterwerfen, durch dies Bewußtsein sich veredelt fühlen, nämlich zu einer Gattung zu gehören, die der Bestimmung des Menschen, so wie die Vernunft sie ihm im Ideal vorstellt, angemessen ist" (55). Für meine Begriffe vebirgt sich hinter diesen Zeilen zwar etwas zu viel Idealismus, aber zugleich sind diese Zeilen Ausdruck eines spannungsgeladenen Denkens, das ein heute besonders virulent gewordenes Problem bereits auf den Punkt bringt: Wie kann ein mit Vernunft begabtes Tier seine Vorstellungen über sich selbst und seine Ideale mit seiner animalischen Natur in Einklang bringen? (Oder folgen auch diese Vorstellungen und Ideale bloß seiner animalischen Natur?) Man mag auch mir vorwerfen, daß ich Kant so lese und verstehe, wie ich es will. Aber eben auch deshalb: Lesen Sie seine Schriften selbst!

7. Schlußbemerkung

Die Suche nach einem Menschenbild geht auf die Anfänge der Wissenschaften und der Philosophie zurück. Praktisch alle großen Philosophen aus der Vergangenheit haben sich an dieser Suche beteiligt, ihre "Suchbewegungen" sind reichlich dokumentiert. Kants Anthropologie ist eines dieser Dokumente, allerdings ein, wie ich meine, besonders wertvolles. Es ist eine sehr kritische Anthropologie, die dem Menschen einen Spiegel vor das Gesicht hält, der nicht nur "edle Züge" erkennen läßt. Wie auch? Seine "erste physische Bestimmung ... besteht in dem Antriebe des Menschen zur Erhaltung seiner Gattung als Tiergattung. – Aber hier wollen nun schon die Naturepochen seiner Entwickelung mit den bürgerlichen nicht zusammentreffen" (56). Darin besteht auch der Konflikt, mit dem die moderne Soziobiologie konfrontiert ist. Ich bin weit davon entfernt, Kant für diese Disziplin zu vereinnahmen (was schon aus prinzipiellen Gründen ein Unding wäre). Aber den Konflikt hat er gesehen: den Konflikt zwischen einer (bürgerlichen) Zivilgesellschaft und den Verhaltensantrieben eines Tieres, das in eben diese Gesellschaft eintreten will. Wie Kant wußte, bewegt sich der Mensch zwischen der von ihm angestrebten Eintracht und der Zwietracht seiner Natur. Vielleicht hat er gerade aus dieser Einsicht heraus das Abenteuer der Aufklärung unternommen, welches aber so schwierig ist, daß wir es bis heute nicht bestanden haben.

In diesem Beitrag habe ich einige markante Stellen aus Kants späten Schriften in Erinnerung gerufen. Weitere Stellen hätten sich angeboten, um Kants Versuche, den Weg zu einem umfassenden Menschenbild zu beschreiten, entsprechend zu belegen und zu dokumentieren. Aber ich wollte in erster Linie dazu anregen, sich mit einem Aufklärer zu beschäftigen, von dem seit langer Zeit ein etwas schiefes Bild gezeigt wird, der uns jedoch bei näherer Betrachtung viele interessante und grundsätzliche Hinweise auf realistische Möglichkeiten gibt, uns selbst zu verstehen.

Jedes Zeitalter hat seine spezifischen Probleme, und es wäre vollkommen verfehlt, die Probleme unserer Zeit allein mit Hilfe der Entwürfe eines vor knapp 200 Jahren verstorbenen Denkers lösen zu wollen (der noch nichts beispielsweise von der ökologischen Krise und vom Problem der Überbevölkerung wissen konnte). Es wäre aber ebenso verfehlt, Erfahrungen und Denkmodelle aus der Geschichte zu ignorieren, weil Probleme tiefe Wurzeln haben und weil eben diese Geschichte nicht abgeschlossen ist, nicht abgeschlossen werden kann, solang uns unsere eigene Entwicklung noch irgendetwas bedeutet. Kant war an dieser Entwicklung nicht nur einfach interessiert, sondern darüber hinaus auch ernsthaft bestrebt, sie durch seine Überlegungen positiv zu beeinflussen. Den Menschen verbessern konnte er freilich nicht (er wäre andernfalls damit der erste, letzte und einzige Mensch gewesen!), aber er hat immerhin eine Richtung aufzuzeigen versucht, in die sich der Mensch positiv entwickeln könnte. Kant, der als einer der hervorragendsten Vertreter einer Prinzipienethik gilt, hat in seinen späten Schriften auch die Schwierigkeiten einer solchen Ethik einigermaßen deutlich durchblicken lassen. Ich möchte behaupten, daß er sich letztlich, seiner Kenntnisse über die menschliche Natur eingedenk, der Unmöglichkeit einer solchen Ethik bewußt sein mußte.

Anmerkungen:

(1) I. Kant: Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (1798). Werke (Hrsg. W. Weischedel). Band 10. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1968, S. 408.

(2) Zu Kants Werksgeschichte und ihrer "Architektur" siehe u. a. W. H. Werkmeister: Kant. The Architectonic and Development of His Philosophy. Open Court, La Salle 1980. Eine knappe Übersicht gibt beispielsweise U. Schultz: Immanuel Kant in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlt, Reinbek 1973, vor allem S. 70-161. Eine ausführliche ältere Darstellung ist z. B. F. Paulsen: Immanuel Kant. Sein Leben und seine Lehre. Frommann, Stuttgart 1904 (4. Aufl.). Einen kurzen, gut lesbaren Überblick bietet auch H. J. Störig: Kleine Weltgeschichte der Philosophie. Fischer, Frankfurt/M. 1992, S. 387-435.

(3) E. Cassirer: Kants Leben und Lehre (1918). Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1975, S. 442.

(4) Siehe hierzu etwa: B. Glass, O. Temkin, W. L. Straus (Hrsg.): Forerunners of Darwin 1745-1859. The Johns Hopkins Press, Baltimore 1959; E. Mayr: Die Entwicklung der biologischen Gedankenwelt. Vielfalt, Evolution und Vererbung. Springer, Berlin-Heidelberg-New York-Tokyo 1984; W. Zimmermann: Evolution. Geschichte ihrer Probleme und Erkenntnisse. Alber, Freiburg-München 1953.

(5) U. Schultz: Anm. (2), S. 30.

(6) I. Kant: Schriften zur Physischen Geographie (Hrsg. F. W. Schubert). Voss, Leipzig 1839, S. 323.

(7) Ebd., S. 324.

(8) Ebd., S. 332 (meine Hervorhebung).

(9) Ebd., S. 344.

(10) Vgl. E. Mayr: Anm. (4).

(11) So gibt es also keine (Menschen-)Rassen mehr – meinen paradoxerweise viele, die hinter verschiedenen menschlichen (verbalen oder nonverbalen) Ausdrucksformen rassistische Motive entdecken. Wie es aber "Rassismus" ohne "Rassen" geben kann, ist freilich eine andere Frage und wäre ein eigenes Thema.

(12) I. Kant: Anm. (6), S. 315.

(13) J. B. Lamarcks methodologisches Hauptwerk, mit dem die erste Evolutionstheorie im engeren Sinn begründet wurde, erschien unter dem Titel Philosophie zoologique im Jahr 1809. Genau 50 Jahre später gab Ch. Darwin seinem Werk, das alle späteren Überlegungen zur Evolution (bis heute) maßgeblich beeinflussen sollte, den Titel On the Origin of Species by Means of Natural Selection.

(14) Vor allem seine Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (1785) und seine Kritik der praktischen Vernunft (1788). Vgl. I. Kant: Werke. Band 6. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1968. Zur Position dieser Schriften in der neuzeitlichen Ethik siehe z. B. J.-C. Wolf: Grundpositionen der neuzeitlichen Ethik. In: H. Hastedt, E. Martens (Hrsg.): Ethik. Ein Grundkurs. Rowohlt, Reinbek 1994 (S. 82-113).

(15) Vgl. F. M. Wuketits: Warum uns das Böse fasziniert. Die Natur des Bösen und die Illusionen der Moral. Hirzel, Stuttgart-Leipzig 1999.

(16) I. Kant: Anm. (1), S. 442.

(17) Ebd., S. 443 f.

(18) Vgl. M. Ridley: The Origins of Virtue. Penguin Books, Harmondsworth 1997.

(19) Siehe z. B. auch F. M. Wuketits: Von der Hilfsbereitschaft des Egoisten. Plädoyer für eine illusionslose Ethik. In: Aufklärung und Kritik 1 (2), 1994, S. 30-38.

(20) I. Kant: Anm. (1), S. 444.

(21) Vgl. F. Groß (Hrsg.): Immanuel Kant. Sein Leben in Darstellungen von Zeitgenossen. Deutsche Bibliothek, Berlin 1912 (ein köstlich zu lesendes Buch!).

(22) I. Kant: Anm. (1), S. 622.

(23) Ch. Vogel: Anthropologische Spuren. Zur Natur des Menschen. Hirzel, Stuttgart-Leipzig 2000, S. 143.

(24) Ebd., S. 174.

(25) Siehe auch F. M. Wuketits: Soziobiologie. Die Macht der Gene und die Evolution sozialen Verhaltens. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg-Berlin-Oxford 1997. Diese Tatsache brachte bereits Moritz Schlick (1882-1936) in seine Sozialethik ein. Vgl. W. Leinfellner: Eine Rekonstruktion der Schlickschen Sozialethik. In: B. McGuiness (Hrsg.): Zurück zu Schlick. Eine Neubewertung von Werk und Wirkung. Hölder-Pichler-Tempsky, Wien 1985 (S. 57-84).

(26) Vgl. Anm. (14).

(27) I. Kant: Zum ewigen Frieden (1795). Werke. Band 9. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1968, S. 203.

(28) Ebd., S. 210.

(29) Ebd., S. 226.

(30) Ebd., S. 226 f.

(31) Vgl. A. Pieper: Gut und Böse. Beck, München 1997.

(32) I. Kant: Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft (1793). Werke. Band 7. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1968, S. 668. (Diese Schrift brachte Kant einen Konflikt mit der preußischen Regierung ein.)

(33) I. Kant: Anm. (27), S. 251.

(34) Ch. Darwin: Die Abstammung des Menschen (1871). Kröner, Stuttgart 1966, S. 159 f.

(35) I. Kant: Anm. (1), S. 678.

(36) Ebd., S. 683 f.

(37) Ebd., S. 690. Bemerkenswerterweise sinniert Kant in diesem Zusammenhang darüber, wie sich vernünftige Wesen auf anderen Planeten verhalten würden.

(38) I. Kant: Mutmaßlicher Anfang der Menschengeschichte (1786). Werke. Band 9. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1968, S. 102.

(39) I. Kant: Anm. (27), S. 216 f.

(40) Vgl. F. M. Wuketits: Naturkatastrophe Mensch. Evolution ohne Fortschritt. Patmos, Düsseldorf 1998.

(41) Vgl. M. Schmidt-Salomon: Die Entzauberung des Menschen. Anmerkungen zum Verhältnis von Humanismus und Anthropologie. In: Aufklärung und Kritik 7 (1), 2000, S. 23-42.

(42) B. Russell: Human Society in Ethics and Politics (1954). Routledge, London 1992.

(43) I. Kant: Anm. (1), S. 687.

(44) Ebd., S. 674.

(45) H. Hofer und G. Altner: Die Sonderstellung des Menschen. Naturwissenschaftliche und geisteswissenschaftliche Aspekte. Fischer, Stuttgart 1972, S. 172.

(46) I. Kant: Anm. (1), S. 522 f.

(47) F. M. Wuketits: Anm. (15).

(48) Vgl. G. Vollmer: Die vierte bis siebte Kränkung des Menschen – Gehirn, Evolution und Menschenbild. In: Aufklärung und Kritik 1 (1), 1994, S. 81-92; K. Weis: Nehmen die Kränkungen des modernen Menschen zu? In: N. Knoepffler (Hrsg.): Am Ursprung des Lebens. Utz, München 1998 (S. 131-157).

(49) K. Vorländer: Immanuel Kant und sein Einfluß auf das deutsche Denken. Velhagen & Klasing, Bielefeld-Leipzig 1925 (3. Aufl.), S. 85.

(50) Vgl. W. E. Mühlmann: Geschichte der Anthropologie. Athenäum Verlag, Frankfurt/M.-Bonn 1968 (2. Aufl.), S. 55 ff.

(51) Vgl. U. Eco: Streichholzbriefe. Hanser, München-Wien 1990, S. 32.

(52) I. Kant: Anm. (1), S. 400.

(53) Ebd., S. 401 f.

(54) Ebd., S. 402.

(55) Ebd., S. 684 f.

(56) Ebd., S. 679.

Prof. Dr. Franz M. Wuketits, geb. 1955, promovierte 1978 und erhielt seine Lehrbefugnis 1980 an der Universität Wien. Er lehrt seither ebendort und (seit 1987) auch an der Universität Graz Wissenschaftstheorie und Philosophie der Biologie. Seit 1999 ist er darüber hinaus Gastprofessor an der Technischen Universität Wien. Zu seinen 23 Büchern gehören "Verdammt zur Unmoral?" (1993), "Soziobiologie. Die Macht der Gene und die Evolution sozialen Verhaltens" (1997), "Naturkatastrophe Mensch" (1998), "Eine kurze Kulturgeschichte der Biologie" (1998) und "Warum uns das Böse fasziniert" (1999). Er ist Verfasser zahlreicher Aufsätze in Zeitschriften und wissenschaftlichen Sammelwerken und Träger des Österreichischen Staatspreises für Wissenschaftliche Publizistik (1982).

Anschrift: Universität Wien, Institut für Wissenschaftstheorie, Sensengasse 8, A-1090 Wien