Norbert Rodenbach, M.A. (Dinslaken)

Apologetik oder Redlichkeit wissenschaftlichen Forschens?

Leitfaden zur Orientierung nicht nur für den Philosophen am Beispiel der Leben-Jesu-Forschung

aus: Aufklärung und Kritik 1/2000 (S. 71 ff.)


"Ein andres Abzeichen des Theologen ist sein Unvermögen zur Philologie. Unter Philologie soll hier, in einem sehr allgemeinen Sinne, die Kunst, gut zu lesen, verstanden werden – Tatsachen ablesen können, ohne sie durch Interpretationen zu fälschen, ohne im Verlangen nach Verständnis die Vorsicht, die Geduld, die Feinheit zu verlieren. Philologie als Ephexis [d.h. Anhalten] in der Interpretation: handle es sich nun um Bücher, um Zeitungsneuigkeiten, um Schicksale oder Wetter-Tatsachen, – nicht zu reden vom »Heil der Seele«... Die Art, wie ein Theolog, gleichgültig ob in Berlin oder in Rom, ein »Schriftwort« auslegt oder ein Erlebnis, einen Sieg des vaterländischen Heers zum Beispiel unter der höheren Beleuchtung der Psalmen Davids, ist immer dergestalt kühn, dass ein Philolog dabei an allen Wänden emporläuft."

Friedrich Nietzsche: Der Antichrist, § 52

Seit der Altphilologe und Philosoph Friedrich Nietzsche solches schrieb, sind über 100 Jahre vergangen. Vom »Sieg des vaterländischen Heers« träumen nur noch wenige Ewig-Gestrige. Ein alter Hut also? Kann man den Theologen heute nicht mehr vorwerfen, sie würden systematisch biblische Schriften missverstehen, nur um Glaubenssätze zu verteidigen? Ist nicht Apologetik längst wissenschaftlicher Redlichkeit(1) gewichen, denn "der religiöse Standpunkt hat durch eine lange und reiche Tradition ein hohes Reflexionsniveau erreicht und wird durch eine eigene wissenschaftliche Disziplin vertreten"(2)? Warum also stelle ich meinem Text ein anscheinend obsoletes Nietzsche-Zitat voran? Und selbst wenn es so wäre, dass Nietzsches Verdikt heute noch nicht ganz überholt ist, ist nicht der wissenschaftlich geschulte moderne Leser in der Lage, solche apologetischen Restbestände in theologischen Werken zu erkennen und entsprechend zu würdigen? Letzteres bleibt zu hoffen, aber wie ist es mit den noch nicht wissenschaftlich gebildeten, den Schülerinnen und Schülern von 15-17 Jahren, an die ich als Lehrer zu denken habe bei der Suche nach für die Schule geeigneten Texten zu religiösen Fragestellungen im Rahmen des Faches Praktische Philosophie?

Hierbei stellte ich fest, dass es in der Fülle der Jesusliteratur nichts gab, was lesbar für Jugendliche war und wissenschaftlichen Ansprüchen genügte. Gewiss habe ich viel gelernt bei der Lektüre der theologischer Experten zum Verständnis der biblischen Schriften: aber verblüffend einfache Tatbestände werden immer noch offensichtlich falsch, schief oder tendenziös dargestellt, was mich auf die Idee brachte, nicht nur ein Buch als dialogische Einführung in die Jesusforschung – insbesondere für Jugendliche – zu schreiben(3), sondern auch diesen Aufsatz zu verfassen, in welchem ich auf die im historischen Erkennen bei den Theologen immer noch vorhandenen Schranken hinweisen möchte.

Es gibt Ergebnisse der historisch-kritischen Forschung, die offenkundig sind, die aber in der theologischen Forschung zu Jesus, wie sie sich in den gängigen erschwinglichen Standardwerken präsentiert, aus durchsichtigen Interessen geleugnet oder verschleiert werden. Ich meine nicht die oberflächliche Trendliteratur à la Franz Alt, der, dem Zeitgeist nacheilend, mal auf Zuruf der Pop-Sängerin Ina Deters "Neue Männer braucht das Land" flugs mit dem Buch "Jesus, der erste neue Mann"(4) antwortete – bis hin zu dem im Jahre 1999 herbeigezauberten "ökologischen Jesus"(5). Nein, ich meine die für ein breiteres Publikum verfasste, gängige theologische Standardliteratur zum "historischen Jesus".

Auf die zitierte Warnung Nietzsches vor theologisch-exegetischen Interpretationen stieß ich im übrigen in einer biblischen Methodenlehre: Der Theologieprofessor Werner Stenger nimmt Nietzsches Philippika als Ansporn für die bei ihm Studierenden, indem er warnend den Finger hebt, Nietzsche habe aufgedeckt, dass "Theologen in der Gefahr stehen, für ihre Auslegung der Bibel solche Privilegien zu beanspruchen"(6) und er meint mit Privilegien den Fehler, den mancher Theologe macht, wenn er "als Glaubender den Büchern der Bibel eine größere Autorität über sich einräumt als anderen Büchern" und dann versucht ist, "die biblischen Texte bei der Auslegung methodisch grundsätzlich anders zu behandeln als andere schriftlichen Dokumente aus Vergangenheit und Gegenwart."(7)

Zur Verdeutlichung des hier angesprochenen Methodenproblems möchte ich mit einer einfach erscheinenden Frage beginnen: Wer erschlug den Goliath aus Gath?

a) das war Boas, Sohn des Elimelech, aus Bethlehem

b) das war David, Sohn des Isai, aus Bethlehem

c) das war Elhanan, Sohn des Jaïr, aus Bethlehem

Die übliche Antwort, die ich auch bei einer Buchvorstellung in einem Seminar von evangelischen und katholischen Referendaren erhielt, lautet: na, das war natürlich David!

Doch dies hält einer kritischen Überprüfung nicht stand: in Anbetracht der Quellenlage war es wohl eher Elhanan, Sohn des Jaïr, aus Betlehem (2 Samuel 21,19). Dies wurde später König David, Sohn des Isai, aus Betlehem (1 Samuel 16,1-17,51) zugeschrieben – die klassische Legendenbildung beim Schreiben von "Biographien" der Großen dieser Welt. Ein späterer königstreuer Chronist hat versucht, diese widersprüchlichen Angaben zur Person des Bezwingers von Goliath aus der Welt zu schaffen und entschied: Elhanan, der Sohn des Jaïr, erschlug Lachmi, den Bruder Goliaths (1 Chronik 20,5), eine klassische apologetische Vermutung, die König David seinen Ruhm belässt und die Notiz zu Elhanan im 2. Buch Samuel 21,19 als kleine Verwechslung darstellen möchte. Nun behaupte ich nicht, dass die Notiz über Elhanan historisch zuverlässig ist, sondern es geht mir um die Frage: wie geht der Chronist mit den ihm vorliegenden Quellendilemma um? Und da ist die Antwort eindeutig: eben apologetisch. Was verstehe ich also unter diesem Begriff, bezogen auf das Chronikbuch-Beispiel?

(1) Zunächst einmal, dass sich die Erläuterung, Vermutung, Hypothese wie eine Tatsachenbehauptung, eine gut recherchierte Information, ein historisches Faktum liest und so gelesen werden soll – worin schon ein wenig frommer Betrug (pia fraus) liegt.

(2) Des weiteren ist solch eine Pseudotatsache stets eine irgendwie mögliche Erklärung, selten aber eine wahrscheinliche, so gut wie nie die wahrscheinlichste. Dies kann, wie im gegebenen Beispiel, stets plausibel dargelegt werden.

(3) Mit solch einer Pseudotatsache ist immer eine ideologische Absicht verbunden, die als solche nicht benannt oder thematisiert wird. Die literarische Tendenz des Chronist genannten Kompilators der Chronik-Bücher, das Bild Davids als eines bei all seinen Schwächen und charakterlichen Fehlern großen Königs nicht anzuzweifeln, ist offensichtlich.

Im Folgenden möchte ich die hier angesprochene Problematik an aktuellen theologischen Werken zur Leben-Jesu-Forschung verdeutlichen. Die Problemstellung soll zunächst ausgehend von einer These präzisiert werden, an die sich sodann zwei Beispiele erläuternd anschließen:

These: Auch wenn Theologen vorgeben, über den historischen Jesus zu schreiben, befindet sich in ihren Werken stets – in apologetischer Form und Tendenz – ein Glaubenssatz, eine Botschaft, ein Bekenntnis.

Wie das passiert, kann plump und falsch sein wie bei Peter Stuhlmacher, der schlankweg gegen jede Zurkenntisnahme des Forschungsstandes die "Kontinuität des Jüngerkreises von der vorösterlichen zur nachösterlichen Zeit"(8) als Beweis für ein gesichertes Wissen über Jesus hypostasiert. Oder es geschieht schlicht und ergreifend wie in dem Buch des Heidelberger Neutestamentlers Gerd Theißen, der seinem Buch über den historischen Jesus einen bekenntnishaften Rückblick anhängt: "Ein Leben Jesu in Kurzfassung"(9).

Es gibt jedoch auch subtilere Formen der Apologie. Schauen wir einmal, was der oben zitierte kalifornische Bibelwissenschaftler John Dominic Crossan über den historischen Jesus schreibt: "Er sieht aus wie ein Bettler, doch vermisst man bei ihm den unterwürfig niedergeschlagenen Blick, die winselnde Stimme und den schlurfenden Gang des Bettlers."(10) Schon an dieser Stelle wundert man sich über die historische Detailkenntnis und fragt sich nach den Quellen für diese vermutlich phantasievolle Ausschmückung der Redewendung beim Evangelisten Markus, Jesus habe mit Macht (Markus 1,22 und öfter) gelehrt. Nach ein paar einleitenden Bemerkungen zu Jesus geht es auf Seite 300 seines Jesusbuches weiter: "...dieses Buch soll von Jesus von Nazareth handeln, einem Bauern, der um das Jahr 30 starb, und doch habe ich mich lange bei den Ereignissen aufgehalten, die sich zwischen 66 und 73, also lange nach seinem Tode zutrugen." Einem Bauern?, wundert man sich. Ja, Jesus mutiert bei Crossan zu einer Mischung aus einem revoltierend-revolutionären Bauern und einem "Vertreter jener bäuerlichen, volkstümlichen, mündlichen philosophischen Praxis, die man als jüdischen Kynismus [...] bezeichnen könnte. [...] Diese Kyniker waren sozusagen Hippies in einer Welt augusteischer Yuppies"(11). Crossan will es so und versichert uns in einem seiner späteren Werke: "Ich hatte nie die Absicht, einen Jesus zu finden, der mir gefiele oder nicht gefiele, einen Jesus, dem ich zustimmen oder widersprechen könnte."(12) Der Leser hat Schwierigkeiten, diese Beteuerung dem Verfasser abzunehmen.

Bei den Evangelisten Matthäus und Lukas hatte er noch darüber nachgedacht, wie die beiden "sich des entnommenen Materials mit erstaunlicher Freiheit" bedienten, "um endlich das Übernommene dem eigenen Bericht anzuverwandeln, der die jeweils eigene theologische Deutung Jesu ausspricht"(13). Crossan selbst lässt seinen Jesus mit der gleichen Unbekümmertheit programmatisch reden und denken wie ein neomarxistischer Imperialismus-Kritiker – denn, so Crossan, Jesus "spricht in einer Situation systemimmanenter Ungerechtigkeit und struktureller Gewalt, in der Imperien von Kolonien leben, Aristokraten von Bauern, und zwar unter Bedingungen, unter denen eine ganze Klasse der Bevölkerung notwendig in die Bettelarmut versinkt"(14):

Nur die Mittellosen sind unschuldig(15)

Nur wer kein Brot hat ist ohne Fehl(16)

Nur die Elenden sind schuldlos(17)

Nur die Verachteten sind untadelig(18)

Crossan überträgt daher ebenfalls den Menschensohn-Spruch in die sozialkritische Sprache der 70er Jahre(19):

Jeder Fuchs hat eine Höhle

Jeder Vogel hat ein Nest

Nur Menschen sind obdachlos(20)

Ebenfalls wird Jesu Zerwürfnis mit seiner Familie in die neomarxistische Interpretation gezwängt: "Die Verwandtschaftsbeziehungen und Familienstrukturen des Mittelmeerraumes waren durchgehend hierarchisch organisiert und patriarchalisch beherrscht. Jesus hat wiederholt darauf hingewiesen, dass solche Familienbande in dem radikal egalitären Reich Gottes nicht am Platze seien."(21) Denn es "entzieht das Königreich den bisher bestehenden Herrschaftsverhältnissen in den Familien den Boden, entzieht der Herrschaft der älteren Generation über die jüngere die Legitimation."(22) Und warum muss Jesus für Crossan vom Bauhandwerker (Markus 6,3: Luther übersetzte "Zimmermann") zum bäuerlichen Revoluzzer werden? Crossan erklärt es in Form einer Frage, wenn er unter dem Stichwort "Autobiographische Voraussetzungen" schreibt:

"Aber projiziere ich nicht mit der Schilderung Jesu als eines bäuerlichen Revolutionärs nur meinen eigenen irischen Hintergrund auf das Leben Jesu? Bin ich nicht dazu erzogen worden, den englischen Imperialismus zu verabscheuen, und projiziere ich also nun nicht diesen Abscheu auf den Imperialismus der Römer?"(23)

Insgesamt betrachtet ist es eher belanglos, wenn sich immer wieder nachweisen lässt, wie die Theologen – auch solche, die sich undogmatisch und kirchlich unabhängig verstehen wie Crossan – sich ihr unterschiedliches persönliches Jesusbild z.B. als das eines idealen Menschen stricken(24) – es gibt andere Fragen, da geht es um die Substanz des Glaubens.

Dies wird deutlich anhand der These des Theologen Otto Betz: "Die Christusbotschaft der Gemeinde braucht den Halt in der Historie [...], wenn anders sie nicht als bloßes Selbstgespräch entlarvt werden soll"(25) und der beschwichtigenden Behauptung: "Die Kirche Jesu hat keinen Grund, das Fragen nach dem historischen Jesus zu fürchten."(26)

Aber da wird es eben eng für den Theologen(27), der die Ergebnisse der Forschung betrachtet und diese mit dem Glauben der Gemeinde in Übereinstimmung zu bringen sich genötigt sieht. Zwar versucht auch Thomas Söding, Professor für Biblische Theologie an der Universität Wuppertal, bei seiner Kritik der Neuauflage von Rudolf Augsteins Klassiker "Jesus Menschensohn" Zuversicht zu verbreiten: "Gefragt sind deshalb nicht Pauschalurteile, sondern gründliche, unbestechliche, historisch-kritische Antworten auf die Rückfrage nach Jesus. Dass sie gegeben werden können, haben ausgezeichnete wissenschaftliche Jesusbücher der letzten Jahre gezeigt (Joachim Gnilka, Jürgen Becker, Gerd Theißen/Annette Merz). Wer sich kompetent informieren will, muss zu ihnen greifen."(28) Rainer Riesner, Professor für Neues Testament an der Universität Dortmund, jedoch weiß um das Dilemma des Forschers: "Die Frage, was wir von Jesus wissen, ist für die Glaubwürdigkeit des Christentums unverzichtbar [...]. Die glaubende Gemeinde sollte alles in ihrer Kraft Stehende tun, eine Bibelwissenschaft zu fördern, die nicht bloß frömmer, sondern vor allem besser argumentiert als die Skeptiker."(29) Am Vertrauen der glaubenden Gemeinde in die Exegese und am besseren Argumentieren(30) aber mangelt es den Theologen und das liegt an dem nicht zu bewältigenden Spagat zwischen den dogmatischen Vorgaben und dem historischen Befund, wie ich an zwei Beispielen demonstrieren möchte.

1. Beispiel:

Jesu Voraussage, die Königsherrschaft Gottes werde noch zu seinen Lebzeiten bzw. in nächster Zeit anbrechen.

Die bekanntesten Evangelien-Zitate zu dieser These sind die folgenden:

Wahrlich, ich sage euch: Nicht mehr werde ich trinken von der Frucht des Weinstocks bis zu jenem Tage, da ich neu davon trinke im Reiche Gottes. (Markus 14,25)

Wahrlich, ich sage euch: es sind einige unter den hier Stehenden, die den Tod nicht kosten werden, bis sie die Gottesherrschaft in Macht gekommen sehen. (Markus 9,1; vgl. Matthäus 16,28 und Lukas 9,27)

Wahrlich, ich sage euch: Nicht wird vergehen dieses Geschlecht, bis dies alles geschieht! (Markus 13,30 vgl. Matthäus 24,34 = Lukas 21,32)

"Wer die synoptischen Evangelien unbefangen und ohne Vorurteile liest, kommt an dem folgenden Tatbestand nicht vorbei: Jesus hat die unmittelbare zeitliche Nähe der Gottesherrschaft verkündet, und zwar in dem Sinn, dass sich die Gottesherrschaft schon jetzt kundtut und noch in der gegenwärtigen Generation endgültig anbricht. Mit anderen Worten: Jesus erwartete das Kommen Gottes, das Gericht und das Ende der Welt noch zu Lebzeiten seiner Zuhörer", schreibt Gerhard Lohfink(31) und dann heißt es weiter: "Jeder, der sich in der konkreten Situation unserer Gemeinden auch nur ein wenig auskennt, weiß, dass der normale Gläubige von diesem Tatbestand der Naherwartung Jesu keine Ahnung hat."(32)

Die Worte Jesu vom baldigen Hereinbrechen des Reiches Jahwes haben ein Höchstmaß an historischer Authentizität gerade dadurch, dass die angekündigte Wende nicht eingetreten ist: Gott hat nicht in den Lauf der Ereignisse eingegriffen. Schon Arthur Schopenhauer erkannte die Peinlichkeit dieser Prophezeiungspleite und schlussfolgerte daher vor etwa 150 Jahren, es habe den Evangelisten vorliegende schriftliche Quellen gegeben: "Dass überhaupt unsern Evangelien irgendein Original oder wenigstens Fragment aus der Zeit und Umgebung Jesu selbst zum Grunde liege, möchte ich schließen gerade aus der so anstößigen Prophezeiung des Weltendes und der glorreichen Wiederkehr des Herrn in den Wolken, welche statthaben soll noch zu Lebzeiten einiger, die bei der Verheißung gegenwärtig waren. Dass nämlich diese Verheißung unerfüllt geblieben, ist ein überaus verdrießlicher Umstand, der nicht nur in späteren Zeiten Anstoß gegeben, sondern schon dem Paulus und Petrus Verlegenheiten bereitet hat...".(33) Jesu Worte wurden konsequent und systematisch angepasst an die von Jahrzehnt zu Jahrzehnt offenkundiger werdende Tatsache, dass Jesus sich geirrt hatte, obwohl man offensichtlich lange an der Hoffnung festhielt, die Zeitenwende habe sich nur verzögert:

"Wisset vor allem aber dies: in den letzten Tagen werden Spötter auftreten, die voll Hohn ihren eigenen Lüsten nachgehen und sagen: Wo ist die Verheißung seiner Wiederkunft? Seitdem die Väter entschliefen, bleibt ja alles so wie seit Anfang der Schöpfung!" (2. Petrusbrief 3, 3-4)

"Die Geschichte dieser Anpassungen in bezug auf die Vorstellung, dass Gott noch zu Lebzeiten der Zeitgenossen Jesu etwas Dramatisches vollbringen werde, lässt sich unschwer rekonstruieren"(34), schreibt der englische Theologe Sanders – aber viele Theologen haben eben ihre Probleme damit, verständlicherweise. So ist es nicht verblüffend, dass die ersten christlichen Theologen mit ähnlichen Problemen kämpften wie die modernen heutigen und es auf ähnliche Weise bewältigen: durch Apologetik.

Bei Gerhard Lohfink beginnt diese Unredlichkeit wissenschaftlichen Denkens mit dem Satz: "Eine rein historisch orientierte Exegese stößt hier hart und schmerzlich an ihre Grenzen"(35), und frei nach dem Motto, dass nicht sein kann, was nicht sein darf, wird die Exegese mit Glaubensverkündigung befrachtet, obwohl die Erklärung, Jesus habe sich geirrt, einleuchtender und naheliegender ist. Exegese ist immer historisch orientiert und der Versuch, sie durch das einschränkende Wörtchen "rein" als beschränkt zu diskreditieren, erweist sich als apologetische Finte, da Gerhard Lohfink nicht möchte, dass man Jesus nachsagen kann, er habe sich geirrt, denn irren gilt nun einmal als sehr menschlich – und da sei Gott vor.

Es gibt gewiss auch ärgerlichere Beispiele der Apologetik, die nicht unerwähnt bleiben sollen. Ärgerlich, weil nicht nur dem Dogma Genüge getan werden soll, sondern der Autor auch wie ein Ertappter reagiert. So finde ich ein an Antijudaismus grenzendes Zitat in dem Buch von Otto Betz "Was wissen [!] wir von Jesus"(36), in welchem der Verfasser verkündet: "Dieser war der Christus; ihm gegenüber gibt es nur die Alternative: Gottessohn oder falscher Prophet, Messias Israels oder Verführer Israels."(37)37

Warum erregt sich der Herr Betz so? Denkt er an die Worte im 5. Buch Mose – und verschweigt sie dem Leser(38)? Worte, die man gegen Jesus wenden kann, dessen prophetisches Wort vom baldigen Beginn der Gottesherrschaft nicht in Erfüllung ging? Offensichtlich: denn er schreibt darüber, wie man seiner Meinung nach den jüdisch-christlichen Dialog falsch angehen kann.

Und wie lauten die Worte der Thora?

"Einen Propheten gleich dir will ich ihnen aus der Mitte ihrer Stammesbrüder erstehen lassen, meine Worte will ich in seinen Mund legen, und er soll ihnen alles sagen, was ich ihm auftrage. Und wer nicht auf meine Worte hört, die er in meinem Namen spricht, den will ich selber zur Verantwortung ziehen. Jedoch der Prophet, der in meinem Namen ein vermessenes Wort verkündet, das ich ihm nicht aufgetragen habe, oder der im Namen eines fremden Gottes spricht, muss sterben. Denkst du aber in deinem Herzen: Wie sollen wir erkennen, was nicht vom Herrn stammt?, so wisse: was der Prophet im Namen des Herrn ankündigt, ohne dass das Wort sich erfüllt und eintrifft, das ist ein Wort, das der Herr nicht gesprochen hat." (Deuteronomium 18,18-22)

2. Beispiel:

Jesus wollte das baldige Einbrechen des Reiches Gottes nur den Juden verkündigen (lassen) – die Nichtjuden waren für ihn "Hunde".

Die bekanntesten Evangelien-Zitate hierzu sind die folgenden:

Jesus über sich: Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt. (Matthäus 15,24)

Jesu Auftrag an seine Jünger: Geht nicht zu den Heiden und betretet keine Stadt der Samariter. (Matthäus 10,5).

Es ist nicht recht, das Brot der Kinder zu nehmen und es den Hunden vorzuwerfen. (Markus 7,27; Matthäus 15,27)

Gebt das Heilige nicht den Hunden und werft eure Perlen nicht den Schweinen vor. (Matthäus 7,6)

Der Jude Jesus verkündete demnach keine universelle Botschaft, wie viele Theologen es gerne hätten, sondern eine für die Juden. Interessant ist in diesem Zusammenhang, mit welchen exegetischen Tricks Theologen, die dies durchschauen, dennoch darzulegen versuchen, dass "Jesu Sendung zu Israel nicht exklusiven Sinn besitzt, sondern innerhalb des mit Jesus beginnenden Endgeschehens offenbar eine erste Etappe darstellt, die durch Gottes eigne Sammlung der Völker ergänzt werden wird."(39) Um dieses exegetische Resultat gegen jede historische Logik zu erzwingen, entwickelt Jürgen Becker den – ich möchte diese apologetische Turnübung einmal so nennen – theologischen Dreisprung:

1. der Absprung

"Unbestreitbar ist: Jesus redet, weil er sich zu ganz Israel gesandt weiß, nur seine israelitischen Zeitgenossen an und wirkt allein auf Israels Territorium [...]. Insofern sind die Völker kein selbständiges Thema seiner Verkündigung. Eine Proselytenwerbung oder Mission der Völker kommt ihm schon gar nicht in den Sinn."(40)

Der Leser bemerkt schon die interpretatorische Distanz in dem "insofern", mit der Jürgen Becker nach der historischen korrekten Feststellung den ihm notwendig erscheinenden nächsten kühnen Sprung vorbereitet:

2. der kurze Sprung

"Wer mit der Reinheitstora so umging wie Jesus [...], relativiert zumindest indirekt ein identitätsstiftendes Abgrenzungsmerkmal Israels gegenüber den Völkern."(41)

Diese Art zu "argumentieren" riecht nach Apologetik und ist so offensichtlich schief, dass ich dem Leser bitte mir zu verzeihen, wenn ich darauf aufmerksam mache, dass mit allem, was der historische Jesus an kritischen Äußerungen gesagt haben mag, er stets im Rahmen innerjüdischer Kritik blieb.

Jürgen Becker bereitet aber so den nächsten und letzten Sprung vor: "Das Frühjudentum hatte im Ansatz – etwas vereinfacht – vier Möglichkeiten ausgestaltet, wie die Völker an dem von Israel erwarteten Endheil teilnehmen könnten: Die härteste Linie verneint eine Teilnahme kategorisch"(42). Dies hält Jürgen Becker nicht davon ab, diese erste Möglichkeit unter Teilnahme am Endheil zu subsumieren, so sehr beflügelt ihn die ideologische Absicht, zielgerichtet auf die mit den meisten Zitatangaben versehenen 4. Möglichkeit der Teilnahme am Endheil zu sprechen zu kommen: es gebe nämlich "Aussagen, die mit vielfältigen Möglichkeiten tendenziell eine Gleichrangigkeit der Völker bei der Eingliederung ins letzte Heil andeuten oder sogar weiter ausführen."(43) Und somit erfolgt

3. der Weitsprung

"Als eine Variation dieser letzten Auffassung wird man nun auch die Verkündigung Jesu ansehen müssen."(44)

Schlimmer kann die Apologie sich nicht selbst entlarven als durch diese Formulierung, die jedem sauberen Argumentieren Hohn spricht: "...man wird müssen". Eine ebensolche "petitio principii", eine "Erschleichung des gewünschten Resultats"(45) werfen die Professoren für Neues Testament Betz und Riesner zwar zu Recht Robert Eisenman vor, wenden aber diesen Trick selbst ohne jede Hemmung an, wenn es um ihr Jesusbild geht – manchmal tut’s einfach ein Klammerzusatz zu Lukas 2,34: "Siehe, dieser ist gesetzt zum Fall und Aufstehen vieler [nicht nur] in Israel und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird."(46) Die gläubige Lesererwartung rechtfertigt solche Kunstgriffe und solche Interpolation genannten Verfälschungen(47) der "Heiligen Schriften" haben ja durchaus Tradition. So erklärt Jürgen Becker, er habe sich "durchweg bemüht, die engen Grenzen akademischer Lehre zu überschreiten, also Brücken zu denen zu schlagen, die mit wissenschaftlicher Theologie bisher vielleicht keinen Kontakt hatten, gleichwohl Interesse hegen, einem Jesusbild zu begegnen, das sich dem historischen Wahrheitsbewusstsein der Neuzeit nicht verschließt, und dennoch zugleich den Christus des traditionellen kirchlichen Glaubens nicht einfach für überholt hält."(48) Treffender lässt sich Theologie als Legitimationswissenschaft nicht beschreiben!

Was tun? Die Flucht nach vorn antreten?

Zugeben: wir haben uns getäuscht; der historische Jesus war nach Lage der Quellen wohl anders, als wir ihn uns erträumten?

Das wäre einfach und ehrlich. Aber es widerspricht dem Glauben der Gemeinde bzw. dem eigenen Glauben – da ist das Dilemma für den forschenden Theologen.

Und so erliegt der Theologe der Gefahr, dass er bei seinen exegetischen Bemühungen "als Glaubender den Büchern der Bibel eine größere Autorität über sich einräumt als anderen Büchern", und er begeht den Fehler, "die biblischen Texte bei der Auslegung methodisch grundsätzlich anders zu behandeln als andere schriftlichen Dokumente aus Vergangenheit und Gegenwart."(49)

Nietzsches Warnung ist noch immer aktuell.

Anmerkungen:

(1) "Der Kontext des Rechenschaftgebens ist für den Glauben nicht die Situation des Missionierens, sondern des Reflektierens", beteuert der Theologe Matthias Petzoldt in seinem Artikel "Apologetische Theologie heute" in: Beiträge zu einer christlichen Apologetik, EZW-Texte, Heft Nr. 148/99, S. 4

(2) So die Meinung des Philosophen Jürgen Hengelbrock in: Kurs Religion. Sigmund Freud, Heft 15 der unter dem Titel "Philosophie" im Hirschgraben-Verlag 1985 erschienenen "Anregungen für die Unterrichtspraxis", S. 9

(3) Norbert Rodenbach: Nur zornig ist er echt? Eine dialogische Einführung in die Jesusforschung, Dinslaken Februar 1999, Selbstverlag, 142 Seiten (Bestellung unter meiner Adresse: Südstr. 195, 46535 Dinslaken oder unter Fax 02064-733763 zum Preis von 16,80 DM zzgl. 2,- DM Versandkosten)

(4) Franz Alt: Jesus – der erste neue Mann, Berlin 1990

(5) Franz Alt (mit Brigitte Alt): Der ökologische Jesus, Vertrauen in die Schöpfung, [Gütersloh] 1999

(6) Werner Stenger: Biblische Methodenlehre, Düsseldorf 1987, S. 12. Dort befindet sich auch das Nietzsche-Zitat aus dem "Antichrist", das ich nach der Ausgabe von Karl Schlechta, erschienen im Carl Hanser Verlag, Werke in 3 Bänden, München 1966, zitiere: Friedrich Nietzsche: Der Antichrist, Fluch auf das Christentum, Kapitel 52, Band II, S. 1218

(7) a.a.O. S. 11

(8) Peter Stuhlmacher: Jesus von Nazareth – Christus des Glaubens, Stuttgart 1988, S. 19

(9) Gerd Theißen, Annette Merz: Der historische Jesus, Ein Lehrbuch, Göttingen, 2. Aufl. 1997, S. 493-496 – Apologetisches findet sich u.a. auch in § 4 des Lehrbuchs (S. 96-122).

(10) John Dominic Crossan: Der historische Jesus, München 1994, S. 9 – und weil der Satz so schön ist, steht er auch in John Dominic Crossan: Jesus, Ein revolutionäres Leben, München 1996, S. 245

(11) John Dominic Crossan: Der historische Jesus, a.a.O. S. 553

(12) John Dominic Crossan: Jesus, Ein revolutionäres Leben, a.a.O. S. 18

(13) John Dominic Crossan: Jesus, Ein revolutionäres Leben, a.a.O. S. 16

(14) John Dominic Crossan: Was Jesus wirklich lehrte, Die authentischen Worte des historischen Jesus, München 1997, S. 177. Im Original heißt es ebenfalls "What Jesus Really Taught" und dazu eine Anmerkung: immer wenn in einem Buchtitel über den historischen Jesus das Wörtchen "wirklich" auftaucht, suggeriert der Autor, er könne sagen, was Jesus wirklich gesagt, getan und gelehrt habe – und immer wieder ist es nachweislich Bekennen, Verkünden, oder eine persönliche Botschaft des Verfassers, wie ich in meinem Buch (12. Lektion nebst Anmerkungen) dargelegt habe. Aktuelles Beispiel in einer französischen Zeitschrift vom 2. Oktober 1999: "Jesus – was wir wirklich über ihn wissen" (Christiane Rancé, Stéphane Barsacq: Jésus – ce que nous savons vraiment sur lui, le Figaro, 2.10.99, Seite 65-75): immer noch beharren die Autoren in apologetischer Absicht darauf, Jesu Brüder und Schwestern (Markus 6,3) seien entfernte Verwandte gewesen. Grund für diese seltsame Behauptung ist das katholische Dogma, Maria habe vor und während der Geburt Jesu, ja, bis an ihr Lebensende [!] ein intaktes Jungfernhäutchen gehabt.

(15) a.a.O. S. 76 – vergleiche Lukas 6,20b: "Glückselig die Armen..."

(16) a.a.O. S. 81 – vergleiche Lukas 6,21: "Glückselig die Hungrigen..."

(17) a.a.O. S. 108 – vergleiche Matthäus 5,4 : "Glückselig die Trauernden..." und Lukas 6,21b: "Glückselig, die ihr jetzt weint..."

(18) a.a.O. S. 141 – vergleiche Matthäus 5,10-12 "Glückselig die Verfolgten..."

(19) John Dominic Crossan: "meine Übersetzung ist [...] zugleich Deutung" a.a.O. S. 39

(20) a.a.O. S. 41 und 112

(21) a.a.O. S. 189

(22) a.a.O. S. 180

(23) John Dominic Crossan: Wer tötete Jesus? Die Ursprünge des christlichen Antisemitismus in den Evangelien, München 1999, S. 256 f.- ein lesenswertes Buch, welches in Auseinandersetzung mit einer Publikation des amerikanischen Theologen Raymond E. Brown interessante Hypothesen zur Entstehung der Passionsgeschichten formuliert.

(24) In meinem Buch: Nur zornig ist er echt? gehe ich auf den Seiten 104-109 und S. 123ff (Kapitel "Kitsch, Kunst und Schwärmerei oder Jesusbilder heute") ausführlich darauf ein.

(25) Otto Betz: Was wissen wir von Jesus, Der Messias im Licht von Qumran, Wuppertal, 3. Auflage 1999, S. 19

(26) a.a.O. S. 125

(27) Ich möchte die Theologen nicht unerwähnt lassen, die erkannt haben, wie sehr man sich aufs Glatteis begibt, wenn man den historischen Jesus in das Zentrum der Botschaft zu stellen versucht und ich erwähne beispielhaft Walter Schmithals: "Mag die Frage nachdem historischen Jesus auch historisch möglich und erlaubt sein, so ist sie theologisch doch, folgt man dem Neuen Testament, nicht möglich." (Das Evangelium nach Markus, Würzburg 2. Auflage 1986, S. 70) und, aktuell, Andreas Lindemann: "Die Wahrheit des christlichen Glaubens hängt nicht vom Selbstverständnis Jesu ab." (Spiegel-Interview Heft Nr. 50/99, S. 136).

(28) Thomas Söding: Der Menschensohn, Zu Rudolf Augsteins neuem Jesusbuch, in: Christ in der Gegenwart, Heft 47/99, S. 390

(29) Rainer Riesner: Veraltet, lückenhaft und tendenziös, Rheinischer Merkur vom 4.6.99, Replik auf den Artikel von Rudolf Augstein: Was bleibt von Jesus Christus? (Der Spiegel 21/99 vom 24.5.99)

(30) So erlaubt uns Klaus Berger, ohne jede Begründung, nur dort, wo sich die Theologie auf sicherem Terrain wähnt, in der Frage nämlich, "ob Jesus überhaupt existiert hat", den "Maßstab historischer Wahrscheinlichkeit" anzulegen (Klaus Berger: Wer war Jesus wirklich?, 3. Auflage Stuttgart 1996, S. 21). Die Einschränkung ist verständlich: ich hatte nicht erwartet, auf die Frage "Hat Jesus sich im Termin geirrt?" (a.a.O. S. 75-77) ein "Ja" zu lesen. Klaus Berger stellt nämlich "als leidenschaftlicher Anwalt der Bibel" schon auf den ersten Seiten klar, dass er "die Stimme der Schrift", "die Stimme der biblischen Verfasser" (S.18) über die historisch-kritische Forschung stellt.

(31) Gisbert Greshake, Gerhard Lohfink: Naherwartung – Auferstehung – Unsterblichkeit, Freiburg, 5. Auflage 1986, S. 38

(32) ebenda. Gerhard Lohfink hat sich, glaubt man Joachim Gnilka (Jesus von Nazaret, Botschaft und Geschichte, Freiburg im Breisgau 1993), umsonst um die gläubige Gemeinde gesorgt. Jesus als endzeitlichen Propheten zu verstehen und darzustellen sei nicht etwa nur eine der Möglichkeiten, den historischen Jesus zu interpretieren, sondern "völlig überholt" (S. 154): im erstem Spruch (Markus 14,25) ist "die unmittelbare Erwähnung der Basileia sekundär" (S. 145), beim zweiten Spruch (Markus 9,1) ist es "die berechenbare Angabe der Nähe, die ganz apokalyptischem Denken entspricht und mit Jesu Basileia-Predigt nicht konform geht", was "nahezu [!] zwingend nahelegt, die Entstehung dieses umstrittenen Spruches in der nachösterlichen judenchristlich-palästinischen Gemeinde zu suchen" (S. 155) und der dritte Spruch (Markus 13,30) kann ebenfalls "nicht auf Jesus zurückgeführt werden" (S. 154). Was das apologetische Interesse des Verfassers Joachim Gnilka betrifft, bleibt festzuhalten, dass er offensichtlich nicht "die Karten offenlegen" (S. 18) will, was er bei anderen Autoren so schätzt. Der Satz: "Es gilt, die Kontinuität der Verkündigung der nachösterlichen Kirche mit der Jesu neu zu entdecken, eine Kontinuität in der Diskontinuität" (S. 8 vgl. S. 21) ist wenig klar – da spricht Jürgen Becker schon eine lobenswert deutlichere Sprache (siehe Fußnote 48).

(33) Arthur Schopenhauer: Über Religion, in: Parerga und Paralipomena II, Sämtliche Werke, Band V, Frankfurt am Main 1986, Seite 454

(34) E. P. Sanders: Sohn Gottes, Eine historische Biographie Jesu, Stuttgart 1996, S. 269

(35) a.a.O. S. 39

(36) Otto Betz: Was wissen wir von Jesus, Der Messias im Licht von Qumran, Wuppertal, 3. Auflage 1999, S. 19

(37) a.a.O. S. 125

(38) Man stößt auf Apologie auch an Stellen, wo man sie nicht vermutet. Ich erwähnte bereits Schopenhauer, der, wie die Mehrheit der heutigen Exegeten, davon ausging, es habe den Schreibern der Evangelien schriftliches Material vorgelegen, das sie bearbeitet haben. Nein, meint Otto Betz, alles wurde in den ersten Jahren und Jahrzehnten nur mündlich wiedergegeben: die Logienquelle Q, die offensichtlich von Matthäus und Lukas benutzt wurde, lag nicht schriftlich vor, sondern "die Art, wie beide das außermarkinische Gut verwenden, lässt eher vermuten, dass sie aus einem Reservoir mündlicher Überlieferung schöpfen konnten." (a.a.O. S. 24) Wo liegt das Apologetische dieser von einigen wenigen Theologen vertretenen Meinung? Kann es nicht sein, dass die Leute eben früher ein besseres Gedächtnis hatten als wir heute, die wir dauernd mit dem gedruckten Wort umzugehen gewohnt sind und unsere Gedächtnisleistung nicht mehr so gefragt ist? Nein – diese Theologen behaupten solche frappierenden Memorierleistungen nicht als Ergebnis geduldigen Forschens, sondern als Resultat der folgenden dogmatischen Behauptung, die längst widerlegt ist, nämlich es gebe keine Kluft zwischen dem historischen und dem von den Evangelien verkündeten Jesus, denn die "Kontinuität des Jüngerkreises von der vorösterlichen zur nachösterlichen Zeit sichert die Kontinuität der Jüngerüberlieferung ab." (Peter Stuhlmacher a.a.O. S. 19; vgl. Fußnote 8)

(39) Jürgen Becker: Jesus von Nazaret, Berlin 1995, S. 397

(40) a.a.O. S.395

(41) a.a.O. S. 396

(42) a.a.O. S. 396

(43) a.a.O. S. 396

(44) a.a.O. S. 397

(45) Prof. Otto Betz & Prof. Rainer Riesner: Verschwörung um Qumran? Jesus, die Schriftrollen und der Vatikan, Rastatt 1999, S. 99

(46) a.a.O. S. 199

(47) "Betrug" ist es für den Theologen Lüdemann, dass die Evangelisten ihrem "Jesus – fromm aber skrupellos – eigene Meinungen in den Mund" legten (Gerd Lüdemann: Der große Betrug, Und was Jesus wirklich sagte und tat, Lüneburg 1998, S. 8). Und damit komme ich zur christlicher Apologetik im engeren Sinne, der Verteidigung der in den Evangelien ständig anzutreffenden Fälschungen und Verfälschungen, die von den Apologeten selbst zuvor brillant analysiert wurden. Ob das "Große" des Betrugs der Evangelisten eine biographische Notiz von Herrn Lüdemann ist oder eine historische Würdigung sein soll, wird in seinem Buch nicht geklärt: jedoch ist sein Fälschungsvorwurf historisch angemessener als der Entschuldigungsparcours für die "pia fraus" in E.P. Sanders’ ansonsten lesenswertem Jesusbuch (The Historical Figure of Jesus, 1993) mit dem im Deutschen fehlübersetzten Titel "Sohn Gottes, Eine historische Biographie Jesu" (Stuttgart 1996). Die Art und Weise, wie "die frühen Christen" mit dem ihnen vorliegenden Material umgingen, wird von Sanders im folgenden Zitat treffend charakterisiert: sie "fabrizierten [...] neues Material; sie erfanden Tatsachen. Das klingt wie ein Fälschungs- und Betrugsvorwurf; aber in Wahrheit ist es nur ein schroffe Formulierung für ein Verfahren, das für sie eine völlig andere Bedeutung hatte" (S. 104f). Und schon wandelt sich der Verfasser, nach "Neigung" und "Bildungsgang" ein "Akademiker, ein professioneller Philologe und Historiker" (S. 124) zum Apologeten, wenn er den Leser verpflichtet zu "akzeptieren, dass einiges von dem Material neu geschaffen wurde – das heißt, dass es den Christen im Gebet mitgeteilt wurde." (S. 106)

(48) Jürgen Becker: Jesus von Nazaret, a.a.O. Vorwort Seite V

(49) Werner Stenger: Biblische Methodenlehre, a.a.O. S. 11f

Der Autor, Jahrgang 1948, geboren in Honnef, jetzt Bad Honnef. Studium der Romanistik, Philosophie und Pädagogik in Bonn und in Trier. Zwei Semester katholische Theologie in Bonn. 1973 Magisterexamen in Trier. Seit 26 Jahren Lehrer am Bertha-von-Suttner-Gymnasium in Oberhausen (Rheinland). Verheiratet, 5 Kinder.