Tadeusz Zatorski (Krakau)

"Weder leugnen noch glauben"

Der abergläubische Aufklärer Georg Christoph Lichtenberg

aus: Aufklärung und Kritik 2/1999 (S. 124 ff.)


Das Wissen wächst, die Unruh wächst mit ihm.
Goethe

In seinem 1783 veröffentlichten Aufsatz "Vermischte Gedanken über die aërostatischen Maschinen zieht Georg Christoph Lichtenberg eine stolze Bilanz der wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften des siécle des lumiéres. "Unser achtzehntes Jahrhundert wird sich sicherlich nicht zu schämen haben, wenn es dereinst sein Inventarium von neu erworbnen Kenntnissen und angeschafften Sachen an das neunzehnte übergeben wird..."(1) Es habe "die Gestalt der Erde bestimmt", "dem Donner Trotz bieten gelehrt", "den Blitz wie Champagner auf Bouteillen gezogen", "Luft in feste Körper und feste Körper in Luft verwandelt", "eine neue Art vortrefflicher Fernröhre angegeben, die selbst Newton für unmöglich hielt", "Eier ohne Henne und ohne Brutwärme ausgebrütet". Es habe "einer mächtigen und gefährlichen Ordenshydra" – dem Jesuitenorden – "den Kopf zertreten" und mit der Kraft, "die einst den ersten Preßbengel langsam anzog", der Buchdruckerkunst, den Vatikan beben gemacht. Endlich habe es auch jene atemberaubende Erfindung der "aërostatischen Maschinen", der Ballons gemacht, die einst nicht nur "ungeheuere Lasten auf eine große Höhe" heben, "Armeen (...) rekognoszieren" und "zu den majestätischen Feuerwerken und Illuminationen" dienen könnten, sondern vielleicht auch dazu beitragen würden, "die Wunder aus der Bibel" – wie etwa die Himmelfahrt des Elias – "weg zu erklären". Ein großes Jahrhundert!

Dieser Lobpreis des Jahrhunderts der Vernunft, das endlich, nach der vielzitierten – vielleicht auch etwas zu optimistischen – Formulierung Kants den "Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit" mit sich gebracht hatte, kann bei dem Denker vom Schlage eines Lichtenberg kaum wundern. Begeisterung für Errungenschaften der menschlichen Vernunft, Fortschrittsglaube sind gerade das, was man von einem Aufklärer als selbstverständlich erwartet. Die Aufklärung sei aber auch "Befreiung vom Aberglauben"(2). Was man also vom Aufklärer auch gemeinhin erwartet, ja verlangt, ist eine kompromißlose Kriegserklärung gegen jenes traurige Relikt der "Unmündigkeits"-Zeit, das allerlei Mühen und Anstrengungen der Philosophen hämisch Trotz bietend, durch die Köpfe des einfachen, immer noch aufklärungsbedürftigen Volkes geistert. Auch diese Erwartungen mancher Zeitgenossen enttäuschte Lichtenberg nicht.

In England wundert er sich über die Naivität der Londoner, die gern einem "nicht ganz klugen Kerl von der Leibgarde" glauben schenken, der einst prophezeit hat, "es würde an einem Tag, den er nannte, London durch ein Erdbeben untergehen"(3). 1780 nimmt er in den "Göttingischen Anzeigen von gemeinnützigen Sachen" die Weissagungen eines gewissen Conrad Ziehens aufs Korn. Ziehen hatte in Anlehnung an ein geheimnisvolles "Buch Chevilla" einen Erdbruch vorhergesagt, durch welchen Mähren von Österreich und Tirol, Böhmen von Bayern, die Alpen Frankreich und die Niederlande von Deutschland getrennt werden sollten. Ziehens düstere Prophezeiungen lösten dann in manchen Gegenden eine regelrechte Panik aus. Punkt für Punkt widerlegt Lichtenberg jenen "abergläubischen Unsinn"(4), obwohl er sich eigentlich schämt, gegen "solche Abgeschmacktheiten" überhaupt ankämpfen zu müssen. Er gedenkt auch den "Aberglaube[n] des Pöbels" zum Gegenstand einer seiner geplanten Satiren zu machen.(5) Und als im Januar 1777 ein gewisser Philadelphus Philadelphia, berühmter Magier und Zauberer, ganz Göttingen ins Staunen versetzt, spielt ihm der über die Leichtgläubigkeit seiner Mitbürger entsetzte Lichtenberg zusammen mit seinem Freund und Verleger Dieterich einen echten Bubenstreich: er verfaßt einen "Anschlag-Zeddel im Namen von Philadelphia", den Dieterich mit einem seiner Drucker nachts an einige Straßenecken klebt; am nächsten Morgen können belustigte Göttinger lesen, was "allen Liebhabern der übernatürlichen Physik" im Namen des "weltberühmten Zauberers" an allerlei atemberaubenden magischen Stücken versprochen wird, darunter auch folgendes:

"2) Nimmt er zwei von den anwesenden Damens, stellt sie mit den Köpfen auf den Tisch, und läßt sie die Beine in die Höhe kehren, stößt sie alsdann an, daß sie sich mit unglaublicher Geschwindigkeit wie Kräusel drehen, ohne Nachteil ihres Kopfzeugs oder der Anständigkeit in der Richtung ihrer Röcke zur größten Satisfaktion aller Anwesenden. (...) 7) Nimmt er alle Uhren, Ringe und Juwelen der Anwesenden, auch bares Geld, wenn es verlangt wird, und stellt jedem einen Schein aus. Wirft alles in einen Koffer, und reiset damit nach Kassel. Nach 8 Tagen zerreißt jede Person ihren Schein, und so wie der Riß durch ist, so sind Uhren, Ringe und Juwelen wieder da. Mit diesem Stück hat er sich viel Geld verdient."(6) Philadelphia, ganz wörtlich über Nacht vom Objekt allgemeiner Bewunderung zum allgemeinen Gespött herabgesunken, verließ unverzüglich die Stadt "und Göttingen behielt die 100 Stück Ld’or"(7).

Eifrig und erbarmungslos geht Lichtenberg auch gegen den damals verbreiteten Glauben an Poltergeister an. Dieser liefert einfache und leicht verständliche Antworten überall dort, wo die Vernunft an ihre Grenzen zu stoßen scheint – eine wahre Herausforderung für jeden echten Kämpen der Aufklärung. Es ist schon wahr: "Wenn man sich mit Untersuchung der Natur beschäftigt, so stößt man überall auf Vorfälle, die man nicht erklären kann", schreibt er im Entwurf eines offensichtlich zur Veröffentlichung bestimmten Aufsatzes, aber "es ist eine Schande, daß Menschen etwas, wovon sie nicht gleich den Grund angeben können, durch den unerlaubtesten Machtanspruch für Würkungen der Gespenster ausgeben. Denn "ist es nicht schändlich, daß Vernunft bei dem Aberglauben um Beifall betteln gehen soll?"(8) Ist aber Lichtenberg wirklich einer von denen, die nicht allein keine Gespenster glauben, sondern sich auch vor ihnen nicht fürchten?(9)

Denn das erboste Antlitz eines prinzipienfesten Feindes von jeglichem Aberglauben ist nicht das einzige Gesicht Georg Christoph Lichtenbergs. Ein völlig anderes guckt – bald etwas spöttisch, bald aber auch etwas verängstigt – aus den nicht zum Druck bestimmten Sudelbüchern hervor: "Großer Gott, (...) ich habe immer gegen den Aberglauben gepredigt und bin für mich immer der ärgste Zeichendeuter. Als N... auf Tod lag, ließ ich es auf den Krähenflug ankommen, wegen des Ausgangs mich zu trösten."(10)  Und woanders macht er zerknirscht eine regelrechte Gewissenserforschung: "Einer der merkwürdigsten Züge in meinem Charakter ist gewiß der seltsame Aberglaube, womit ich aus jeder Sache eine Vorbedeutung ziehe und in einem Tage hundert Dinge zum Orakel mache. (...) Jedes Kriechen eines Insekts dient mir zu Antworten über Fragen über mein Schicksal. Ist das nicht sonderbar von einem Professor der Physik?"(11) Doch jene harmlose Zeichendeutung ist gar nicht das Schlimmste, was er mitunter tut: "Sein [Lichtenberg schreibt von sich oft in der dritten Person] Glaube an die Kräftigkeit des Gebets; sein Aberglaube in vielen Stücken, Knien, Anrühren der Bibel und Küssen derselben; förmliche Anbetung seiner heiligen Mutter; Anbetung der Geister, die um ihn schwebten."(12) Auch Träume findet er voller allerlei verborgener Bedeutungen und Zeichen(13) und als wäre dies noch nicht genug, enthält die oben zitierte Notiz eine der wenigen, vagen Andeutungen an ein "System von Seelenwanderung", das er sich konzipiert hatte und von dem nur so viel bekannt ist, daß man sich ihm zufolge "das menschliche Geschlecht als einen Polypen denken"(14) könne. Zwar betont er an demselben Ort auch seinen Unglauben daran, "daß Christus Gottes Sohn sei", aber den Atheisten spiele er doch "bloß Exercitii gratia"(15); den Atheismus selbst scheint er übrigens nicht ganz ernst zu nehmen: "...Ich dank es dem lieben Gott tausendmal, daß er mich zum Atheisten hat werden lassen."(16)

Ein abergläubischer Aufklärer? Der am Tag die Vernunft predigt, doch am Abend, in sein Stübchen zurückgekehrt, erleichtert das enge und drückende Korsett der Wissenschaft und des gesunden Verstandes von sich wirft und heimlich "dem abscheuligsten Aberglaube[n]"(17) huldigt?

Der Typus ist im Zeitalter der Aufklärung und später ein beliebtes Objekt der Satire. Er nimmt verschiedene Gestalten an. Bald ist er ein aufgeklärter Herrscher, kompromißloser, geschworener Feind allen Aberglaubens, der, wie Fürst Paphnutius aus E.T.A. Hoffmanns Erzählung, sobald er endlich an die Macht gelangt ist, ein Edikt erläßt, "daß von Stund an die Aufklärung eingeführt sei", alle Feen und Zauberer (nachdem ihr ganzes Eigentum sorgfältig in Beschlag genommen worden ist) aus seinem Staat verbannt und sich dann noch darüber entrüstet, daß man ihn "mitsamt [s]einem Edikt und [s]einer Aufklärung" auslacht.(18) Bald ein Philosoph, der, wie in einer Fabel von Bischof Ignacy Krasicki, dem wohl bedeutendsten Satiriker der polnischen Aufklärung, Freund und willkomenem Gast Friedrichs II., unerschütterlich den von sich selbst erfundenen Lehrsätzen vertraut, "das Firmament ermißt", Gott und alle Heiligen verspottet und doch, durch Krankheit befallen, bereit ist, "nicht nur an Herrn Gott – auch an Gespenster zu glauben"(19).

Es vollzieht sich auch eine Fleischwerdung jener komischen Figur, und zwar in der Person des Philosophen und Verlegers Friedrich Nicolai. Der unselige Buchhändler wurde, wie er dies Jahre später beschrieb, 1791 von Geistern geplagt – deren Existenz er ja früher unbeirrt leugnete – befreite sich doch von jenen Erscheinungen mit durchaus rationalen, wenn auch nicht ganz salonfähigen Mitteln, indem er sich nämlich Blutegeln an seinen hinteren Teil ansetzte. Wie es sich für einen echten Aufklärer gehörte, schilderte er dann seinen Fall auf einer Sitzung der Berliner Akademie der Wissenschaften in Form eines gelehrten Vortrages, den er im Mai 1799 in der "Berliner Monatsschrift" veröffentlichen ließ. Etwas Ähnliches hätte sich keiner der damaligen Satiriker einfallen lassen. Nicolais aufklärerischer Eifer im Kampf gegen den Aberglauben machte ihn nun zum allgemeinen Gespött. "...Er war solcher Arbeit nicht gewachsen", schrieb ein halbes Jahrhundert später Heinrich Heine. "Die alten Ruinen standen noch zu fest, und die Gespenster stiegen daraus hervor und vehöhnten ihn; dann aber wurde er sehr unwirsch und schlug blind drein, und die Zuschauer lachten, wenn ihm die Fledermäuse um die Ohren zischten und sich in seiner wohlgepuderten Perücke verfingen."(20) Endlich fand er seinen Platz in der Literaturgeschichte: als Proktophantasmist in Goethes Faust, wo er sich darüber empört, daß Geister, die es ja eigentlich nicht mehr geben darf, sich gar nicht wie echte Geister benehmen wollen. Auch diesmal ist Lessing recht zu geben: "Der Aberglaub’, in dem wir aufgewachsen, verliert, auch wenn wir ihn erkennen, darum doch seine Macht nicht über uns. – Es sind nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten."(21)

Gehört auch Lichtenberg in diese Galerie jener verängstigten Himmelsstürmer mit hinein? Wie dem auch sei, er gab den späten Lesern seiner Sudelbücher ein keineswegs banales Rätsel auf. Ein Rätsel, über das man kaum stillschweigend zur Tagesordnung hätte übergehen können: Denn Lichtenberg ist nich nur abergläubisch, er ist sich dessen auch bewußt und gibt es offen zu, – meist freilich nur vor sich selbst, aber es kommt vor, daß er dies beinahe öffentlich tut, manchmal sogar in einer, man möchte fast sagen, herausfordernden Art und Weise(22). Und er wird auch – im Unterschied zu Nicolai, der sich ja, mit welch kuriosen Mitteln auch immer, von seinen Geistererscheinungen zu befreien wußte – nie von jenem Gebrechen kuriert. Der Aberglaube, so ambivalent Lichtenberg dieser rätselhaften Erscheinung gegenüber auch stehen mag, blieb ein dauerhafter Bestandteil seiner Persönlichkeit. Dies bedurfte einer Erklärung.

Ernst Bertram versuchte Lichtenbergs "unentwurzelbare Liebe zu allem Irrationalen, Abergläubischen, zweideutig Ahnungshaften"(23) als "deutsche Besonderheit" des "Schüler[s] französischer Skepsis und englischer Aufklärungssatire" zu erklären. Seine "mystischen Neigungen" lägen auf der Linie, "die sich aus der Hellwelt Lessings der nächtlichen Sphäre eines Novalis leise entgegenbiegt".

Franz Overbeck, ein Basler Kirchenhistoriker, sieht in Lichtenberg, übrigens nicht zu Unrecht, einen Verbündeten in seinem Kampf gegen moderne Theologie und gegen Theologie überhaupt: "Er ist mit der Mischung einer ganz hervorragenden kritischen (verständigen) Anlage und des naivsten Aberglaubens, die ihn characterisiert, ein höchst interessanter antitheologischer Typus. L. lässt das Absurde als Absurdes gelten, verzichtet auf seine Begründung und beschränkt dadurch in strenger Weise seinen Bereich. Der Theologe will seinen von Natur nicht zu begründenden Glauben begründen und verwischt dadurch die Grenzen des Verstandes und des Unverstandes, indem er den Bereich des Absurden ungebührli. erweitert und sich selbst zu dessen Knecht macht, indem er zu seiner (des Absurden) grösseren Ehre sich auf Raubzüge im Reiche der Logik aussenden lässt. Vivat Lichtenberg."(24)

Eine noch andere Erklärung liefert Paul Löhnert(25). Seiner Meinung nach erwächst Lichtenbergs Aberglaube aus einem "Bedürfnis nach existentieller Orientierung", das weder Gottesglaube noch Wissenschaftsglaube befriedigen konnten: Seinen Geborgenheit und Trost bietenden Gottesglauben habe Lichtenberg schon in seinen Kindertagen verloren, sein Wissenschaftsglaube sich wiederum als unzuverlässig in typisch existentiellen Fragen erwiesen, die Wissenschaft nicht beantworten könne. So werde bei ihm der Aberglaube ein Orientierungssystem, "der als Sicherungssystem die Orientierung an der Naturwissenschaft ergänzt"(26).

Doch es scheint fragwürdig, ob man den Hang zum "Irrationalen" im Denken Lichtenbergs als bloß "deutsche Besonderheit" abtun kann, auch ließe er sich bei ihm schwerlich in einen getrennten Bereich zwängen, der mit seinen restlichen Gedankengängen keine Schnittpunkte aufwiese. Und er ist etwas mehr als überraschende Charakterschwäche eines Aufklärungsapostels, mehr als Bedürfnis nach Halt und Geborgenheit. Denn Lichtenberg ist wohl einer der ersten, die so etwas wie eine Art "Psychologie des Aberglaubens" zu entwickeln suchen. Wohl auch in Anbetracht der ihm selbst etwas peinlichen Tatsache, daß dieser nicht nur ein Gebrechen des "Pöbels" ist – wäre es so, könnte man sich noch zur Not darüber hinwegsetzen, da er auch "zuweilen Nutzen stiften"(27) könne, etwa indem er eine wichtige Instanz in der "Philosophie des gemeinen Mannes" abgibt, der dann "nicht leicht eine ungeladene Flinte auf jemanden" losdrückt, "weil er glaubt, der Teufel könne auch mit einer ungeladenen sein Spiel machen."(28) Aber es entgeht seinem Blick auch nicht, daß er selbst bei allem seinem "Tun und Lassen" "die Welt so ansehen muß, wie der gemeine Mann", was ihn freilich äußerst schmerzt – abzugewöhnen vermag er es sich allerdings offenbar nicht, obwohl er "doch szientifisch weiß, daß er sie falsch ansieht"(29). Einen Trost bietet ihm hier immerhin die Tatsache, daß er in dieser Hinsicht keine Ausnahme bildet. "Die meisten Gelehrten sind abergläubischer als sie selbst sagen, ja als sie selbst glauben."(30) Diesmal wird allerdings der Aberglaube noch als "üble Gewohnheit" eingestuft, die man "nicht so leicht ganz loswerden", höchstens "vor der Welt verbergen und die schädlichen Folgen hindern"(31) kann.

Unter diesen Umständen bleibt nichts anderes übrig, als sich damit abzufinden, daß "jedermann abergläubisch ist"(32) und der Aberglaube aller Wahrscheinlichkeit nach eine "unausrottbare" Komponente des menschlichen Denkens darstellt33). Unausrottbar ist sie dabei vielleicht auch deshalb, weil sie schier unentbehrlich ist: als eine Art "Kunsttrieb" (Instinkt), dem eine wichtige Rolle in der menschlichen Denkökonomie zufällt34). Seine Bereitschaft, über den Aberglauben "etwas sehr Gutes [zu] schreiben, nämlich zu seiner Verteidigung",(35) resultiert daher nicht nur aus der – etwas zynischen – Einsicht, daß man ihn auch in den Dienst der Vernunft einspannen kann, um "den Pöbel" im Zaum zu halten, indem man ihn "durch listige Lenkung seines Aberglaubens (...) zuweilen zu guten Handlungen" bringt(36). Es gibt nämlich ganze Sphären der Kultur, wo "der Hang zum Besonderen", derselbe, der eben den Aberglauben erzeugt, eine unersetzliche Antriebsfeder der menschlichen Aktivität ist. Denn in manchen Gebieten bedarf der Mensch, um überhaupt handeln zu können, einer gewissen Zuversicht, die ihm die "kalte gesunde Vernunft" unmöglich geben kann: "Es ist fast zu vermuten, daß, wenn sich protestantische Religion und kalte gesunde Vernunft mehr ausbreiten, und wenn gesunde brauchbare Philosophie gäng und gebe wird, die schönen Künste merklich verfallen werden. Ja es ist eine Frage ob nicht die schädlichen Folgen sich noch weiter erstrecken werden. Die gesündeste Philosophie ist geneigt sich in Vorschläge zu verlieren. Den Schwärmern, die feineren Aberglauben mit gesunder Vernunft in der gehörigen Proportion zu mischen gelernt haben, ist es aufbehalten den bei der kalten Betrachtung gerinnenden Säften des Völker-Körpers wieder Flüssigkeit Wärme und Geschwindigkeit zu erteilen, und die Glieder dahin zu vermögen nicht alle ihre Entschlüsse erst durch den Kopf passieren zu lassen."(37) Und es ist eben der Aberglaube, vermischt mit Eitelkeit und Religion, der den imposantesten Werken der Menschheit, wie etwa den ägyptischen Pyramiden, zugrunde liegt.38)

Das Verhältnis zwischen der Religion und dem Aberglauben hat freilich einen etwas komplexeren Charakter, als es auf den ersten Blick scheinen könnte. Zwar ist jene ein Faktor, der die Verbreitung des Aberglaubens fördert, denn "der Aberglauben gemeiner Leute rührt von ihrem frühen und allzu eifrigen Unterricht in der Religion her, sie hören von Geheimnissen, Wundern, Würkungen des Teufels, und halten es für sehr wahrscheinlich, daß dergleichen Sachen in allen Dingen geschehen könnten"(39). Aber "die Lehre Christi" ist trotzdem "das vollkommenste System (...), Ruhe und Glückseligkeit in der Welt am schnellsten, kräftigsten, sichersten und allgemeinsten zu befördern", erst dann allerdings, wenn man sie "von dem verfluchten Pfaffengeschmier"(40) gesäubert habe. Auf der anderen Seite ist er bereit, das Bildhafte in der Religion doch zu billigen, das selbst bei den damaligen Theologen oft im Verdacht steht, zumindest stellenweise purer Aberglaube zu sein. "Christus hat sich zugleich nach dem Stoff bequemt, und diese zwingt selbst dem Atheisten Bewunderung ab. (...) Was die Menschen leiten soll, muß wahr aber allen verständlich sein. Wenn es ihm [ihnen?] auch in Bildern beigebracht wird, die er sich bei jeder Stufe der Erkenntnis anders erklärt."(41) Eine deutliche Grenzziehung zwischen dem Nützlichen an der Religion – der von ihr verkündeten Moral – und dem durch sie geförderten Aberglauben scheint er doch zu akzeptieren: "Ich habe irgendwo gelesen: Die christliche Moral wird überall Unterstützung und Supplement der Gesetze, da hingegen alles übrige bei der Religion Unterstützung des Aberglaubens."(42)

Auch wenn diese Haltung vor allem auf den Einfluß Rousseaus und Kants zurückzuführen ist, so kann man sich kaum des Eindrucks erwehren, daß Lichtenberg – bei aller seiner Verachtung für zeitgenössische "Gottesgelehrte" – erstaunlicherweise gerade in diesem Punkte Hand in Hand mit den damaligen liberalen Theologen (den sogenannten Neologen) geht, die unter dem Druck der zeitgenössischen Bibelkritik immer mehr geneigt waren, die überlieferte Offenbarung als stark "verunreinigt" durch "lokale" jüdische Vorstellungen und Begriffe zu betrachten, und nur die ethische Sendung der Evangelien für "inspiriertes" echtes Gotteswort erklärt hatten. "Der Grund der christlichen neuen Religion", schrieb der wohl bedeutendste der Neologen, Johann Salomo Semler, "begreift nicht die jüdischen Meinungen von Engeln, Dämonen, Schoß Abrahams usw., sondern neue, freie moralische Wahrheiten, welche Christus freilich im Umgange mit Juden also eingekleidet hat, daß er ihren Eingang bei den Juden nicht selbst erschwerte."(43)

Diese "Akkomodationslehre", die im Grunde nichts anderes war als eine verzweifelte Flucht nach vorne, stieß wegen ihrer Inkonsequenz und Widersprüchlichkeit schon bei den Zeitgenossen auf eine oft bissige Kritik. Lessing, der nach der Veröffentlichung von den "Fragmenten eines Ungenannten" eine harte Polemik mit Semler aufnehmen mußte, wollte diesen mit Recht dazu zwingen, endlich einmal die höchst verschwommenen Begriffe seiner Theologie präzise zu definieren. Leider wurde jene Polemik durch den Tod Lessings abgebrochen. Was er von den Ideen der Neologen hielt, kann man dennoch ganz eindeutig aus seinen Briefen an den Bruder Karl erfahren, wo er sich auch viel offener aussprechen konnte, ohne auf die damalige Zensur Rücksicht nehmen zu müssen: "Flickwerk von Stümpern und Halbphilosophen ist das Religionssystem, das man jetzt an die Stelle des alten setzen will, und mit weit mehr Einfluß auf Vernunft und Philosophie, als sich das alte anmaßt."(44)

Aber auch Lichtenberg wird der Künstlichkeit und praktischen Undurchführbarkeit einer solchen Spaltung der Religion in die rationale Ethik und den irrationalen Aberglauben einsichtig.(45) "Wenn die Religion der Menge schmecken soll, so muß sie notwendig etwas vom haut gout des Aberglaubens haben."(46) Eine Religion, die nichts anderes als pure Ethik sein möchte, ist ein Abstraktum, das sich in der Praxis des Lebens kaum verwirklichen läßt: "Es ist gewiß noch nie ein so vollkommener Deist gewesen, als er im Compendio steht; das ist unmöglich."(47) Und die Bemühungen der Neologen, erst jetzt als "Aberglaube" abqualifizierte Vorstellungen aus der christlichen Offenbarung zu beseitigen, scheinen ihm – als eines der Symptome der "Schwärmerei unserer Zeiten" höchstens einer spöttischen Bemerkung wert: "Den Teufel trieb und bannt’ zu Deutscher Christen Übel / Elwangen aus dem Leib und Halle aus der Bibel".(48) Und übrigens: "Wäre es nicht gut, die Theologie etwa mit dem Jahre 1800 für geschlossen anzunehmen und den Theologen zu verbieten, fernere Entdeckungen zu machen?"(49)

Auch das Verhältnis zwischen dem Aberglauben und der Wissenschaft läßt sich nach Lichtenbergs Meinung nicht so leicht auf eine eindeutige und einfache Formel bringen, wie es oft den damaligen Verfechtern der Aufklärung scheint, die im Aberglauben bloß den gleichsam "klassischen" Gegenpol der Vernunft sehen wollen. Zwar kann der Aberglaube, mit "teuflischer Bosheit" verbündet, auch "Ensetzliches" hervorbringen – Lichtenberg weist hier natürlich auf die traurige Geschichte der Hexenprozesse hin.50) Dies ändert doch nichts an der Tatsache, daß sich, näher betrachtet, zumal wenn man die Erkenntnis als ein ständig evoluierendes Ganzes sieht, die Grenze zwischen Aberglauben und Vernunft als fließend und beiderseitig durchlässig erweist: "Die Philosophie des gemeinen Mannes ist die Mutter der unsrigen, aus seinem Aberglauben konnte unsre Religion werden, so wie unsere Medizin aus seiner Hausmittelkenntnis."(51) Auch der Begriff "Wissenschaft" selbst ist als höchst unscharf anzusehen: "Wo damals die Grenzen der Wissenschaft waren, da ist jetzt die Mitte."(52)

Dies gebietet höchste Vorsicht im Urteilen. Ein Quantum Mißtrauen ist selbstverständlich unentbehrlich, es bedeutet aber gleichzeitig ein gewisses Mißtrauen gegen dogmatisierte Vernunftsätze. Man möge lieber "weder leugnen noch glauben."(53) Denn auch was sich für "rationelle" Philosophie ausgibt, ist nichts anderes als eine Übereinkunft, die "in dem Rat der Menschen" zustande kommt – "Aberglaube selbst ist Lokal-Philosophie, er gibt seine Stimme auch"(54). So sollte sich deshalb auch die Vernunft ständig des relativen und zeitbedingten Charakters der Erkenntnis bewußt bleiben. Deshalb wäre es auch rätlich, sehr behutsam mit der Brandmarkung gewisser Überzeugungen als Aberglauben zu verfahren, denn was heute als solcher gilt, kann sich morgen zu einer durchaus seriösen Theorie verwandeln: "Es ist ein großer Unterschied zwischen etwas noch glauben und es wieder glauben. Noch glauben, daß der Mond auf die Pflanzen würke, verrät Dummheit und Aberglaube, aber es wieder glauben zeigt von Philosophie und Nachdenken."(55) Ein Naturforscher braucht sich deshalb seines Interesses für "übernatürliche" Phänomena nicht zu schämen, solange er diese als Erscheinungen betrachtet, die wie alle anderen einer durchaus natürlichen Erklärung bedürfen, auch wenn er diese im Moment noch nicht parat hat: "Ihre Briefe von Ahndungen", schreibt er an den Hannoverschen Konsistorialrat Wolff, "habe ich mit großem Vergnügen gelesen. Ich bin gar nicht wider solche Sachen, nur dencke ich, daß man sie nicht annehmen muß, solange noch einem Schatten von anderer Erklärung Raum bleibt."(56) Denn auch der Zweifel, an allem, was den Rahmen eines platten Rationalismus zu sprengen scheint, darf nie über eine unvoreingenommene "Wachsamkeit" hinausgehen57), sonst kann er selbst unter Umständen zu einer Art Aberglauben entarten: "Bei den meisten Menschen gründet sich der Unglaube in einer Sache auf blinden Glauben in einer anderen."(58) Dann läuft man schon die Gefahr, das Kind mit dem Bade auszuschütten – aus Angst, als abergläubisch ausgelacht zu werden, Erscheinungen für nicht existent zu erklären, die doch eine dieses Namens würdige Wissenschaft durchaus ernstzunehmen und gründlich zu untersuchen hätte59) – übrigens eine ganz verständliche Haltung im Falle eines Physikprofessors, der seine größte Entdeckung, die "Lichtenbergschen Figuren", nur wird beschreiben, nie aber befriedigend erklären können.

Dabei zeigt sich Lichtenberg sehr gut gegen jenen "etwas verfeinerten Aberglauben"(60) gefeit, der sich – damals wie heute – so gern in das Kostüm einer seriösen Wissenschaft kleidet. Obwohl selbst an Physiognomik interessiert, geht er mit einer um nichts minderen Schärfe, als er es gegen den "Aberglauben des Pöbels" tut, gegen Lavaters "Physiognomik" an, die einige flüchtige Beobachtungen und allgemein verbreitete Klischees zu einem wissenschaftlichen "System" erheben will. "Ich wollte Behutsamkeit bei Untersuchung eines Gegenstandes lehren", schreibt er in der Einleitung zur zweiten Auflage seiner Streitschrift gegen Lavater, "bei welchem Irrtum leichter ist und gefährlicher werden kann, als bei irgendeinem andern, Religion ausgenommen. (...) Ich wollte hindern, daß, da grober Aberglaube aus der feineren Welt verbannt ist, sich nicht ein klügelnder an dessen Statt einschliche, der eben durch die Maske der Vernunft, die er trägt, gefährlicher wird, als der grobe. Wir denken feiner, reden feiner und faseln feiner. Jetzt sind es Zeichen an der Stirne die man deuten will, ehmals waren es Zeichen am Himmel."(61)

Das 18. Jahrhundert ist nicht nur das Jahrhundert Voltaires und Lessings, es ist auch das Jahrhundert Cagliostros und Mesmers, nicht nur die Epoche der Enzyklopädie, sondern auch die Blütezeit des Gespensterromans. Doch mit Sicherheit läßt sich jenes seltsame Interesse Lichtenbergs an Irrationalem und Übernatürlichem auch in Kategorien einer "Selbstüberschreitung der Aufklärung" interpretieren. Ob es allerdings ausschließlich eine "Selbstüberschreitung der Aufklärung zur Romantik hin" ist, wie es Hans Blumenberg will62), scheint nicht mehr so selbstverständlich. Mit Recht deutete schon vor Jahren Otto Hentschel Lichtenbergs "Spiel mit dem Aberglauben"(63) nicht nur als "Versuch, mit sich selber ins Reine zu kommen, sich mit dem Hang des Menschen zum Mystischen und Phantastischen auseinanderzusetzen", sondern auch als "konsequente Durchführung des kritischen Prinzips" und "ein Auf-die-Spitze-treiben des Skeptizismus, der schließlich an allem menschlichen Wissen, Mathematik ausgenommen, verzweifelt"(64). Wer aber in Lichtenberg einen Herold und Wegbereiter der heutigen "Flucht vor Wissenschaft und Vernunft" und jenes antiwissenschaftlichen Affekts sehen möchte, der die Wissenschaft zu einem weiteren Mythos erklärt, der nicht viel mehr wert ist als der erste beste Aberglaube, der bleibt enttäuscht. "Daß unser Wissen Nichts ist, haben einige in dem geschäftigen Dienste der Wahrheit grau gewordene Männer erkannt, aber gewiß nicht mit dem Geiste ausgesprochen, mit dem es ihnen jetzt skeptische Indolenz hier und da nachspricht. Die Zahl derer, die sich, anstatt den Weg der Beobachtung und der Mathematik einzuschlagen, lieber durch irgendein spagyrisches oder theosophisches Schlupfloch in das Heiligtum der Natur einzuschleichen suchen, nimmt daher täglich zu."(65) Bei Lichtenberg hat auch jene "Verzweiflung an allem menschlichen Wissen" durchaus vernünftige Grenzen: In derselben Aufzeichnung aus dem Jahre 1791, wo er diese zum Ausdruck bringt, äußert er gleichzeitig die Hoffnung, durch das "Studium der Physik" doch "etwas dem menschlichen Geschlecht Nützliches auszufinden"(66). Dieser Hoffnung liegt ein einfaches Kalkül zugrunde: "Jemand kann freilich wochenlang auf die Jagd gehen und nichts schießen, aber so viel ist gewiß, zu Hause würde er auch nichts geschossen haben und zwar gewiß nichts, da er doch nur auf dem Felde die Wahrscheinlichkeit für sich hat, so gering sie auch sein mag."(67)

Wenn also im Falle Lichtenbergs von einer "Selbstüberschreitung der Aufklärung" die Rede sein kann, so sicherlich nicht nur in Richtung auf die Romantik zu. Denn seine Auseinandersetzung mit dem Übernatürlichen ist etwas mehr als bloße "Berührung der Schwelle der Magie"(68), sie ist auch eine vertiefte Reflexion über Regeln und Prinzipien einer Wissenschaft, die keine absolute Gewißheit mehr liefern kann und sich letzten Endes mit "Pfennigwahrheiten" zu begnügen hat. Aber "Reichtum erwirbt man sich auch durch Ersparung der Pfennigs-Wahrheiten"(69). Selbst dann, wenn man ständig darauf gefaßt sein muß, daß sich selbst diese Pfennige der Wahrheit als gefälscht erweisen können. Doch die Unfähigkeit, sich mit der Ungewißheit abzufinden, ist nichts anderes als eine der Hauptquellen von dem "verfeinerten Aberglauben", denn "wo ihr Empfindungs-System nichts Bestimmtes findet, da helfen sie mit Glauben, Aberglauben par complaisance und Aberglauben aus Leichtsinn, und haben allzeit ein System fertig"(70). Und so wird es sicherlich kein Zufall sein, daß auch einer der Programmschriften des kritischen Rationalismus jener Gedanke Lichtenbergs als Motto vorausgeht, der wohl auch ein latentes Motto der gesamten heutigen Wissenschaft bleibt: "Selbst unsere häufigsten Irrtümer haben den Nutzen, daß sie uns am Ende gewöhnen zu glauben, alles könne anders sein, als wir uns vorstellen."(71)

Anmerkungen:

 1 Alle Lichtenberg-Zitate werden (falls nicht anders angegeben) nach der vierbändigen Ausgabe von Wolfgang Promies angeführt: Georg Christoph Lichtenberg, Schriften und Briefe, 6. Auflage 1998; weiterhin als SB angemerkt. – SB III, 63.

 2 Immanuel Kant, Kritik der Urteilskraft, Werke in zwölf Bänden. Herausgegeben von Wilhelm Weischedel. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1977, X, 226.

 3 Reise-Tagebuch 9, SB II, 627.

 4 Über die Weissagungen des verstorbenen Herrn Superintendenten Ziehen zu Zellerfeld, Vermischte Schriften, Göttingen 1844, V, 12.

 5 H 1, SB II, 177.

 6 SB III, 254f.

 7 So Dieterich in einem Brief an Ludwig Christian Lichtenberg im Oktober 1799, SB, Kommentar zu Bd III, 103.

 8 C 178, SB I, 189.

 9 Vgl. H 108, SB II, 192: "Er glaubte nicht allein keine Gespenster, sondern er fürchtete sich nicht einmal davor."

 10 G 38, SB II, 140.

 11 J 715, SB I, 756.

 12 F 1217, SB I, 638.

 13 S. z.B. L 707, SB I, 948.

 14 A 91, SB I, 29.

 15 H 9, SB II, 178.

 16 A 252, SB I, 402.

 17 C 154, SB I, 185.

 18 E.T.A. Hoffmann, Klein Zaches genannt Zinnober, in: E.T.A. Hoffmann, Märchen und Erzählungen, Berlin und Weimar 1980, S. 304ff.

 19 Ignacy Krasicki, Filozof, Bajki, Warszawa 1971, S. 21. Es besteht übrigens auch eine vergessene (und nicht seht getreue) deutsche Übersetzung der Fabel:

Der Philosoph
Ein Philosoph, in sein System verbissen,
Wollt’ nichts von Gott und allen Heiligen wissen.
Doch, als ihn Krankheit traf, glaubt’ unser Meister
An Gott nicht nur, sogar an böse Geister.

Nach: Die älteren Fabeln von Ignatz Krasicki in gleicher Verszahl aber in wechselndem Rhythmus ins Deutsche übertragen und mit einem Vorwoert versehen von Adolf Loewenfeld preuss. und oestr. Gymnasiallehrer. Chrzanów o.J., 21.– Vgl. Lichtenberg E 342: "Zu einem französischen Atheisten, der Esprit hat, wird [verlangt], daß er sich nur bloß bei schmerzlichen Krankheiten und auf dem Todbette bekehrt, unsere hingegen bekehren sich gemeiniglich bei jedem Donnerwetter."

 20 Sämtliche Schriften. Herausgegeben von Klaus Briegleb, München 1975, III, 580.

 21 Lessing: Nathan der Weise, IV. Aufzug, 4. Auftritt.

 22 S. J 249, SB II, 690: "Ich bin sehr abergläubisch, allein ich schäme mich dessen gar nicht". Er schämt sich dessen wirklich nicht und gesteht diese seine Schwäche keinem geringeren als ... Immanuel Kant. S. seinen Brief vom 9. Dezember 1798, SB IV, 1002: "Die Freude, die mir jede Zeile, die ich von Ihnen erhalte, zu jeder Zeit macht, wurde diesmal nicht wenig durch einen Umstand vermehrt, der meinem kleinen häuslichen Aberglauben gerade recht kam: Ihr vortrefflicher Brief war am ersten Julii datiert, und dieser Tag ist mein Geburtstag. Sie würden gewiß lächeln, wenn ich Ihnen alle die Spiele darstellen könnte, die meine Phantasie mit diesem Ereignisse trieb. Daß ich Alles dabei zu meinem Vorteil deutete versteht sich von selbst. Ich lächele am Ende darüber, ja zuweilen mitten darunter, und fahre gleich darauf wieder damit fort. Ehe die Vernuft, denke ich, das Feld bei dem Menschen in Besitz nahm, worauf jetzt noch zuweilen diese Keime sprossen, wuchs manches auf demselben zu Bäumen auf, die endlich ihr Alter ehrwürdig machte und heiligte. Jetzt kömmt es nicht leicht mehr dahin. Es freute mich aber in Wahrheit nicht wenig, mich gerade Ihnen, Verehrungswürdiger Mann, gegenüber auf diesem Aberglauben zu ertappen."

 23 Ernst Bertram, Georg Christoph Lichtenberg. Adalbert Stifter. Zwei Vorträge Bonn 1919, S. 34-44.

 24 Franz Overbeck, Lichtenberg, G.Chr. (Allgemeines) in: Kirchenlexicon. Werke und Nachlaß, Bd. 5, Stuttgart, Weimar 1995, S. 104. Vgl. auch Andreas Urs Sommer, Lichtenberg als "antitheologischer Typus". Franz Overbeck und der Verfasser des "Timorus", Lichtenberg-Jahrbuch, 1992, 162-168.

 25 Gottesglaube, Wissenschaftsglaube, Aberglaube. Drei Orientierungssysteme und ihr Zusammenhang bei Georg Christoph Lichtenberg, in: Text+Kritik, Heft 114/1992

 26 Ebenda, 37. – Eine ähnliche Erklärung liefert auch Paul Requadt, Lichtenberg. Zum Problem der deutschen Aphoristik, Hameln 1948, 17: "Wohl (...) hat sich das religiöse Gefühl bei ihm in dem niedergeschlagen, was er seinen >>Aberglauben<< nennt.

 27 F 681, SB I, 553.

 28 Ebenda.

 29 K 46, SB II, 405.

 30 F 440, SB I, 520; vgl. G 46: "Die determiniertesten Philosophen sind zuweilen abergläubisch, und halten etwas auf das Ominöse." Vgl. auch VS, V, 16. – Eine köstliche Anekdote, die jene These Lichtenbergs zu bestätigen scheint, führt Leszek Kolakowski in seinem Essay O zabobonie (Über den Aberglauben) an: "Niels Bohr, einer der größten Physiker unseres Jahrhunderts, hatte an seine Wohnungstür ein Hufeisen angeschlagen. Als ihn einmal ein Bekannter fragte, was das denn sei, antwortete er: >>Das soll Glück bringen.<< >>Du aber, ein Physiker, du darfst doch solchen Aberglauben nicht ernstnehmen<< , empörte sich der Bekannte. >>Nein, ich glaube es selbstverständlich nicht<<, erklärte Bohr, >>das soll aber auch jenen Glück bringen, die es nicht glauben<<. (Mini-wykłady o maxi-sprawach. Seria druga. (Mini-Vortrδge όber Maxi-Fragen. Reihe zwei) Kraków 1999, S. 20.

 31 F 440, SB I, 520

 32 L 356, SB I, 903.

 33 G 233, SB II, 173: "Es ist, glaube ich, nicht möglich, den Aberglauben auszurotten".

 34 A 58, SB I, 23: "Die Vorurteile sind so zu reden die Kunsttriebe der Menschen, sie tun dadurch vieles, das ihnen zu schwer werden würde bis zum Entschluß durchzudenken, ohne alle Mühe".

 35 L 356, SB I, 903.

 36 K 121, SB II, 421.

 37 C 125, SB I, 130.

 38 K 93, SB II, 415.

 39 A 29, SB I, 16.

 40 J 295, SB, I, 698.

 41 Ebenda.

 42 J 228, SB I, 685. Vgl. H 157, SB II, 201: "Das Wort Gottesdienst sollte verlegt, und nicht mehr vom Kirchengehen, sondern bloß von guten Handlungen gebraucht werden."

 43 Letztes Glaubensbekenntnis, zit. nach: Gottwalt Karo, Johann Salomo Semler in seiner Bedeutung für die Theologie, Berlin 1905, 36.

 44 Brief an Karl Lessing vom 02. 02. 1774, Gesammelte Werke, in zehn Bänden, hrsg. von Paul Rilla, Berlin 1957, IX, 597. Vgl. eine andere Stelle aus demselben Brief: "Mit der Orthodoxie war man, Gott sei Dank, ziemlich zu Rande; man hatte zwischen ihr und der Philosophie eine Scheidewand gezogen, hinter welcher eine jede ihren Weg fortgehen konnte, ohne die andere zu hindern; aber was tut man nun? Man reißt die Scheidewand nieder und macht uns unter dem Vorwande, uns zu vernünftigen Christen zu machen, zu höchst unvernünftigen Philosophen."

 45 Vgl. dazu das Kapitel Aberglaube in der durchaus lesenswerten Abhandlung Albrecht Beutels, Lichtenberg und die Religion, Tübingen 1996, 121-127, insbes. 124f.

 46 H 159, SB II, 201.

 47 H 42, SB II, 183.

 48 Prof. Lichtenbergs Antwort auf das Sendschreiben eines Ungenannten über die Schwärmerei unserer Zeiten, SB III, 420; vgl. F 1166, SB I, 627. – Mit Halle meint hier Lichtenberg Semlers in dieser Stadt erschienenes Werk De daemoniacis, quorum in evangelio fit mentio, wo jener Theologe damalige Auffassungen von Besessenen einer Kritik aus rationalistischen Positionen unterzog.

 49 K 237, SB II, 441.

 50 C 154, SB II, 185.

 51 C 219, SB I, 201. Vgl. D 404, SB I, 291: "In den vorigen Zeiten achtete man auf Kometen und Nordscheine, um andere Bedürfnisse zu befriedigen. Aberglauben trieb damals den Beobachter, jetzt tut das Ehrgeiz und Wißbegierde."

 52 H 23, SB II, 181.

 53 L 18, SB I, 853.

 54 A 136, SB I, 39.

 55 E 52, SB II, 353. – Interessante Beispiele solcher "Verschiebungen" zwichen Aberglaube und Wissenschaft führt Gustav Jahoda in Psychology of Superstition (poln. Ausgabe: Psychologia przesądu, Warszawa 1971): Als etwa Roentgen die Entdeckung der X-Strahlen verkündete, wurde er von damaligen Wissenschaftlern ausgelacht, denen so etwas wie Materie durchdringende Strahlen vollkommen unwahrscheinlich vorkam. Auch die in der Grafschaft Gloucester unter der dortigen Bevölkerung verbreitete Überzeugung, daß Leute, die je Kuhpocken hatten, nie an schwarze Pocken erkranken würden, galt in der zeitgenössischen Medizin als lächerlicher Aberglaube. Der einzige, der diese Geschichten ernstnahm, war Edward Jenner – der Entdecker der Schutzimpfungen.

 56 Lichtenbergs Briefe. Hrsg. von Albert Leitzmann und Karl Schüddekopf. Leipzig 1901 – 1904, II, 94.

 57 F 447, SB I, 521.

 58 L 674, SB I, 944.

 59 Vgl. dazu H 155, SB II, 201: "Es gibt viele Bemerkungen, die man sich öfters aus falscher Philosophie bekannt zu machen schämt, so wie man auch, wenn man Englisch oder Französisch lernt, aus falscher Scham manche Töne nicht nachspricht, ob man es gleich könnte. Ich lag einmal in meiner Jugend des Abends um 11 Uhr im Bette und wachte ganz helle (...). Auf einmal wandelte mich eine Angst wegen Feuer an, die ich kaum bändigen konnte, und mich dünkte, ich fühlte eine immer zunehmende Wärme an den Füßen, wie von einem nahen Feuer. In dem Augenblicke fing die Sturmglocke an zu schlagen, und es brannte, aber nicht in meiner Stube, sondern in einem ziemlich entfernten Hause. Diese Bemerkung habe ich, soviel ich mich jetzt erinnern kann, nie erzählt, weil ich mir nicht die Mühe geben wollte, sie durch Versicherungen gegen das Lächerliche, das sie an sich zu haben scheint, und mich gegen die philosophische Herabsehung mancher der Gegenwärtigen zu schützen."

 60 B 319, SB I, 128.

 61 Über Physiognomik wider die Physiognomen, SB III, 257f.

 62 Vgl. das Lichtenberg gewidmete Kapitel Zeichen an Stirnen, Zeichen am Himmel in: Hans Blumenberg, Die Lesbarkeit der Welt, Frankfurt 1983, 199-213, bes.211.

 63 Vgl. H 42, SB II, 183: "Jeder Mensch hat seinen individuellen Aberglauben, der ihn bald im Scherz, bald im Ernst leitet. Ich bin auf eine lächerliche Weise öfters sein Spiel, oder vielmehr ich spiele mit ihm."

 64 Otto Hentschel, Lichtenbergs Lebensanschauung, Borna-Leipzig 1910, 17f.

 65 Noch ein Wort über Herrn Ziehens Weissagungen, Vermischte Schriften, V, 15.

 66 J 938, SB I, 784.

 67 Ebenda.

 68 Blumenberg, 211.

 69 B 1219, SB I, 639.

 70 B 321, SB I, 130.

 71 J 942, SB I, 785. – Vgl. Hans Albert, Plädoyer für kritischen Rationalismus.

Der Autor ist Doktorand am Institut für Religionswissenschaft der Jagiellonen-Universität Krakau. Letzte Veröffentlichung "Kopernikus und rohe Pfarrer oder Lichtenberg und Polen" in: Lichtenberg-Jahrbuch 1998.

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