Dr. Dr. Joachim Kahl (Marburg)

Was hat Hans Ernst Schneider in seinem Leben falsch gemacht?

aus: Aufklärung und Kritik 2/1999 (S. 112 ff.)


Ethische und persönlichkeitstheoretische Überlegungen zur Biographie des einstigen SS-Intellektuellen Hans Ernst Schneider, der sich 1946 amtlich für tot erklären ließ und – unter dem Namen Hans Schwerte – in der Bundesrepublik zu einem angesehenen Germanistik-Professor aufstieg, bis er 1995 enttarnt wurde und seine Lebenslüge platzte ...

Inhaltsübersicht

Einleitung Eine Erinnerung an Heideggers Rektoratsrede 1933, in der er den Willen des Führers aus dem Wesen des Seins entspringen ließ

I. Biographische Skizze

II. Gesichtspunkte und Leitideen zu einem fairen Urteil über Person und Werk Hans Ernst Schneiders

III. Im Lichte der Kardinaltugenden – Schneiders erste und zweite Schuld

Schluß Auf der Suche nach einem weltlich-humanistischen Verständnis von Beichte und Buße

Einleitung: Eine Erinnerung an Heideggers Rektoratsrede 1933, in der er den Willen des "Führers" aus dem Wesen des Seins entspringen ließ

In seinem Hauptwerk "Sein und Zeit", erarbeitet in Marburg, 1927 veröffentlicht, hat Martin Heidegger bleibende Einsichten in die Eigentümlichkeiten der menschlichen Existenz formuliert. Gleichwohl verstieg sich der Autor dieses produktiven philosophischen Schlüsseltextes 1933 zu der Wahnvorstellung, er könne den "Führer" führen, insofern dessen Wille dem Wesen des Seins entspringe, das er, der Philosoph, zu analysieren wisse.

Was lernen wir aus diesem Sachverhalt?

Nicht jeder tiefe Denker ist auch ein kluger Kopf. Nicht jeder kluge Kopf ist auch ein Weiser. Nicht jeder Weise ist auch ein guter Mensch. Nicht jeder gute Mensch ist auch ein starker Charakter. Nicht jeder starke Charakter tut auch im entscheidenden Augenblick das Richtige.

Lernen wir, die Ebenen der menschlichen Wirklichkeit und des menschlichen Wirkens zu unterscheiden. Stellen wir nicht kurzschlüssig oder rigoristisch Beziehungen zwischen Person und Werk, zwischen Denken und Handeln her, ohne sie freilich auch gegeneinander abzuschotten! Philosophische Denkkraft und politisches Urteilsvermögen sind verschiedene Fähigkeiten, ihrerseits noch von Tatkraft zu unterscheiden. Nicht notwendig gehen denkerische Produktivität und persönliche Integrität Hand in Hand.

Wer in der Philosophie die "Lichtung des Seins" gesichtet zu haben glaubt, kann in der Politik der Verblendung anheimfallen. Das praktische Verhalten kann einen Schatten auf das Werk von Denkern und Künstlern werfen, aber es vermag nicht dessen inhaltliche Wahrheit, sofern vorhanden, zu desavouieren. Umgekehrt bringt ein integrer Charakter nicht notwendig neue Einsichten oder ein großes Kunstwerk hervor. Deshalb: hüten wir uns, die Dimensionen menschlicher Wirklichkeit aufeinander zu reduzieren. Bringen wir alle Aspekte und Facetten zur Geltung. Halten wir Ambivalenzen, Unstimmigkeiten, Vielschichtigkeiten, Vieldeutigkeiten aus.

I. Biographische Skizze(1)

Mein biographisches Interesse an Hans Schneider konzentriert sich auf vier Hauptabschnitte:

· Sein Leben in der NS-Zeit von 1933 bis 1945, als er das Alter eines jungen Erwachsenen von 23 bis 35 durchlief.

· Die Zeit des Identitätswandels von 1945 bis zur Mitte der fünfziger Jahre vornehmlich in Erlangen.

· Der Aufstieg zum einflußreichen und geachteten ideologiekritischen Hochschullehrer, Hochschulpolitiker, Publizisten in Erlangen, Nürnberg, Aachen (Anfang der sechziger Jahre bis zur Emeritierung 1978).

· Die ultimative Katastrophe1995 durch die Enttarnung und Infragestellung seiner gesamten bundesrepublikanischen Wirksamkeit.

Die NS-Zeit

Hans Ernst Schneider, 1909 in Königsberg geboren, studierte in seiner Heimatstadt seit 1928 Germanistik, Volkskunde, Theaterwissenschaften. 1935 promovierte er, allerdings ist seine Dissertation unauffindbar.

1933 trat er in die SA ein, 1937 wurde er Mitglied der NSDAP und der SS. Er trug fortan die schwarze Totenkopfuniform und bekam die SS-Mitgliedsnummer auf dem Arm eintätowiert. Die SS, 1945 auf dem Nürnberger Kriegsverbrechertribunal als "verbrecherische Organisation" eingestuft, war ein politisch-religiöser Männer-Orden, dessen Mitglieder sich als "Gottgläubige" verstanden, die weder Christen noch Atheisten sein wollten.

1937 erhielt Schneider die erste feste Anstellung seines Lebens als hauptamtlicher Referent in der Berliner SS-Zentrale, im "Rasseamt". Er galt zunächst als Tanzexperte und Tanzpädagoge, der für art- und volkstumsgemäße Folklore zuständig war. 1938 wechselte er zum "Deutschen Ahnenerbe", das bald dem "Persönlichen Stab des Reichsführers SS" eingegliedert wurde.

In dieser Stellung unternahm Schneider verschiedene Reisen in "germanische Nachbarländer" wie Österreich, die Niederlande, Flandern. 1940-42 arbeitete er in Den Haag, als die Niederlande von Deutschland militärisch besetzt waren. 1942 wurde er nach Berlin zurückgeholt und in die Leitung des "Germanischen Wissenschaftseinsatzes" (GWE) berufen. Diese Tätigkeit im Dienste der ideologischen Kriegsführung übte er aus im Range eines "Hauptsturmführers".

Zusammenfassende Einschätzung von Schneiders NS-Tätigkeit

Schneider war ein typischer Schreibtisch-Täter. Seine schuldhafte Verstrickung in die Verbrechen der NS-Staates war ideologischer Art. Eine unmittelbare Beteiligung an Raub- und Mordaktionen der SS wurde von ihm bestritten und konnte juristisch nicht nachgewiesen werden. (Ein viel erörtertes Problem: Was wußte er über den Zweck der medizinischen Geräte, die – unter seiner Mitverantwortung – von der Universität Leiden in den Niederlanden ins KZ Dachau geschickt wurden?)

Jedenfalls darf seine Tätigkeit beim SS-Ahnenerbe nicht als Tummeln auf der "ideologischen Spielwiese" verharmlost werden, wie Schneider/Schwerte dies nach 1995 versucht hat.

Der Kernvorgang von Schneiders SS-Tätigkeit ist der: er hat die großdeutschen Herrschaftsansprüche mit altgermanischen Kulturphantasien zu unterfüttern versucht. Er hat den Germanenmythos als historische Legitimation für imperialistische Eroberungs- und Unterwerfungsstrategien instrumentalisiert. Im "germanischen" Ausland suchte und förderte er Kollaborateure und Separatisten. Kurz: Schneider war – an führender Stelle – beteiligt an der militärischen Umsetzung der rassistischen "Blut- und Boden"-Ideologie. Gläubig, ohne intellektuelle Zweifel und ohne moralische Skrupel, ging er den verbrecherischen Weg der Zerstörung Europas und der Selbstzerstörung Deutschlands bis zu Ende mit.

Ein wichtiges privates Ereignis aus der SS-Zeit Schneiders sei noch angeführt: das Kennenlernen seiner späteren Ehefrau Annemarie Oldenburg, die als Führerin des BdM (Bund deutscher Mädel) in Berlin tätig war. Sie hat in Schneiders Leben insofern eine Scharnierfunktion, als sie den Übergang in die Nachkriegsetappe seines Lebens ermöglichte: Sie ließ ihn amtlich für tot erklären.

Die Zeit des Identitätswandels nach 1945 bis in die Mitte der fünfziger Jahre

Annemarie Schneider ging 1946 in Neuendettelsau, wo sie bei einer Verwandten Unterschlupf gefunden hatte, zum Gemeindeamt und präsentierte dort einen – notariell beglaubigten – Feldpostbrief, in dem ein angeblicher Kriegskamerad ihr mitteilte, ihr Ehemann Hans Ernst Schneider sei 1945 "für Führer, Volk und Vaterland" gefallen. Sie erhielt einen Totenschein, und Hans Ernst Schneider heiratete unter dem Namen "Hans Schwerte" seine vermeintliche Witwe zum zweiten Mal.

Den Namenswechsel hatte er bereits kurz vor dem Kriegsende (April 1945) auf eigene Faust vollzogen. Mit Hilfe noch intakter SS-Verbindungen gelang es ihm, aus Berlin abgetaucht, in Lübeck neue Identitätspapiere zu erwerben und als Hans Schwerte, geboren am 3. Oktober 1910 in Hildesheim, einen Neuanfang zu machen.

Fünfzig Jahre lang war Annemarie Schneider, Annemarie Schwerte, Komplizin und Mitwisserin der faustdicken Lebenslüge ihres Ehemannes.

Weitere Lügen und Fälschungen waren die unvermeidliche Folge der Ausgangslüge, des illegalen Namenswechsels. Ein Arzt, der sich auf derlei Eingriffe verstand, operierte die SS-Mitgliedsnummer auf dem Oberarm weg, mußte aber auch den anderen Arm behandeln, um einen Streifschuß im Krieg vorzutäuschen.

In seinem neuen Lebenslauf täuschte Hans Schneider einen Kriegsdienst von 1939 - 1945 vor, obwohl er nie gedient hatte, weil die SS als paramilitärischen Organisation ihn davor bewahrt hatte.

An der Universität Erlangen begann er dann mit dem zügigen Aufbau einer neuen Existenz. Er strebte eine akademische Laufbahn als Germanist an. 1948 promovierte er mit einer Arbeit über Rilke. 1958 habilitierte er sich mit der Schrift "Faust und das Faustische", die 1962 als Buch erschien und zur Grundlage für sein Ansehen in Fachkreisen wurde.

Nach allem, was die historischen Untersuchungen nach 1995 hergeben, muß von einer selbsttragenden akademischen Laufbahn Schwertes ausgegangen werden. Keine braunen Seilschaften, keine SS-Hilfswerke waren Schwerte behilflich oder mußten ihm behilflich sein.

Zu einem Leben gehört nicht nur, was ein Mensch tut, sondern auch, was er unterläßt. Was hat Hans Schwerte unterlassen? Er ließ zwei staatliche Amnestie-Angebote für sogenannte Braun-Schweiger verstreichen. 1949 und 1954 hatte der Bundestag in "Straffreiheitsgesetzen" allen der geschätzten sechzig bis hundert Tausend illegalen Namenswechslern angeboten, reinen Tisch zu machen und straffrei zu ihrer alten Identität zurückzukehren.

Hans Schwerte ging darauf nicht ein, um die eingespielte Normalität seiner neuen Existenz nicht zu gefährden. Wie er in den Gesprächen mit Claus Leggewie ausführte, befürchtete er den "sozialen Tod" und das Ende seiner akademischen Tätigkeit. So lebte er in den frühen fünfziger Jahren ganz zurückgezogen und konzentrierte sich auf seine germanistische Arbeit. Dabei entwickelte er sich – wie ebenfalls bei Leggewie im einzelnen nachzulesen – schrittweise auch politisch-weltanschaulich weiter: vom enttäuschten Nazi über konservative und nationalliberale Positionen hin zu aufklärerisch-humanistisch-ideologiekritischen Auffassungen, die der Germanistik neue Impulse verliehen.

Der Aufstieg zum geachteten ideologiekritischen Germanistik-Professor (sechziger und siebziger Jahre)

Die Buchausgabe von "Faust und das Faustische" (1962) schuf die endgültige akademische Grundlage für Schwertes Aufstieg:

· zum studentenfreundlichen Hochschullehrer,

· zum reformwilligen Hochschulpolitiker,

· zum demokratisch engagierten Publizisten.

Drei Städte waren die wesentlichen Schauplätze von Schwertes öffentlicher Wirksamkeit: Erlangen, Nürnberg, Aachen.

In Erlangen engagierte er sich schon in den frühen fünfziger Jahren für eine Studentenbühne. Er etablierte die Erlanger Theaterwochen und förderte eine theaterwissenschaftliche Abteilung in der Germanistik. Dabei setzte er sich – in den fünfziger Jahren nonkonformistisch – dafür ein, auch zeitgenössische ausländische Autoren zu spielen (etwa Jean Anouilh).

In Nürnberg wirkte er an den "Nürnberger Gesprächen" (1965-1969) mit, die, vom Nürnberger Kulturdezernenten Hermann Glaser veranstaltet, vornehmlich der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit gewidmet waren. Herausragend waren Schwertes Beiträge unter den Titeln "Wie war das möglich?" und "Was hat Auschwitz mit dem ‚Deutschen Menschen‘ zu tun?"

Dabei saß der nicht geständige ehemalige SS-Obersturmführer Dr. Hans Ernst Schneider neben dem hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, der Auschwitz überlebt und in Frankfurt den Auschwitz-Prozeß vorbereitet und durchgeführt hatte. Eine gespenstische Szenerie, zumal Hans Schwerte sein Auftreten in Nürnberg als den entscheidenden Beitrag zur "Operation Ehrlichwerden"(2) verstand.

In Aachen, wohin er 1965 berufen wurde, erlebte Schwerte den Zenit seiner Tätigkeit als Hochschullehrer und Hochschulpolitiker. In der unruhigen Periode der Studentenrevolte wurde er 1970 zum Rektor der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule gewählt. In diesem Amt vermittelte er erfolgreich zwischen radikalisierten Studentenvertretern und konservativen Ordinarien im Sinne eines vernünftigen Ausgleichs zwischen allen Hochschulangehörigen und einer demokratischen Teilhabe von Studenten und Mittelbau am Universitätsgeschehen.

Insgesamt lassen sich Schwertes Verdienste als Professor der Germanistik so charakterisieren:

· Er hat die deutschtümelnde Germanistik zugunsten einer gesellschaftsbezogenen ideologiekritischen Germanistik reformiert sowie nationalistische und irrationalistische Verirrungen angeprangert.

· Seine Studenten rühmten seine philologische Sorgfalt, seine klare Begrifflichkeit und die Ermahnung zu genauem Lesen.

· Schwerte war ein prominenter Vertreter angewandter Aufklärung, der schon früh auch außerakademische Wirkungsstätten suchte. Dafür stehen nicht nur die Nürnberger Gespräche, sondern auch Vorträge in Volkshochschulen und in der Lehrerfortbildung.

· Alle, die ihn persönlich erlebt haben, schildern ihn als ausgesprochen ehrgeizigen, brillianten Hochschullehrer.

Aus der Aachener Tätigkeit und den Jahren nach der Emeritierung sind noch folgende Einzelheiten erwähnenswert:

· In den Jahren 1974 bis 1981 war Schwerte Regierungsbeauftragter des Landes Nordrhein-Westfalen für die Hochschulbeziehungen mit den Niederlanden und Belgien, also jenen Ländern, die er schon als SS-Hauptsturmführer bearbeitet hatte.

· 1978 wurde er mit großem allseitigen Respekt emeritiert. Eine Festschrift, herausgegeben von Karl Otto Conrady, enthielt auch – durchaus ungewöhnlich – ein Geleitwort des zuständigen Wissenschaftsministers, Johannes Rau.

· 1983 wurde ihm das Bundesverdienstkreuz verliehen.

· 1990 erhielt er die Ehrendoktorwürde der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen.

Alles in allem: Anfang der neunziger Jahre konnte Hans Ernst Schneider auf eine großartige Karriere zurückblicken. Vom gescheiterten SS-Intellektuellen war er zum beamteten Repräsentanten sozialliberaler Reformintelligenz aufgestiegen. Beidesmal war er in staatstragenden Funktionen tätig. Als Professor Schwerte trug er dazu bei, in der Bundesrepublik eine stabile demokratische Kultur geistig zu verankern.

Die ultimative Katastrophe 1995

Drei Rahmenbedingungen verschafften der Enttarnung Schwertes im April 1995 ein großes Medienecho:

1. Seit der deutschen Vereinigung 1990 wurden – dank der praktischen und theoretischen Aufarbeitung von DDR-Unrecht – verstärkt auch wieder die Verbrechen der ersten deutschen Diktatur erörtert.

2. An vielen Orten in Deutschland wurden Gedenkveranstaltungen zum fünfzigsten Jahrestag der Befreiung vom Faschismus vorbereitet.

3. Die Technische Hochschule Aachen feierte 1995 ihr 125jähriges Bestehen. Dazu wurde eine Festschrift erarbeitet, in der auch die NS-Phase eine Rolle spielen sollte.

Außerdem hatte ein schwer zu durchschauendes Professorengerangel, das mit Berufungsrivalitäten zusammenhing, dazu geführt, daß verstärkt in Aachen Gerüchte über Schwertes braune Vergangenheit kursierten.

Am 27. April 1995 ging beim Kultusministerium in Düsseldorf und bei der Hochschule in Aachen eine Selbstanzeige Schwertes ein, in der er seine Identität mit Hans Schneider einräumte. Damit kam er wenige Stunden einem holländischen Fernsehfilm zuvor, der ebendies recherchiert hatte. Seither ist es Schlag auf Schlag gegangen. Ich erwähne die wichtigsten Folgen.

· Hans Schwerte heißt heute wieder offiziell Hans Ernst Schneider und darf den Namen Hans Schwerte nur als Künstlernamen weiterführen.

· Ihm wurden Professoren- und Beamtenstatus durch die Bundesländer Nordrhein-Westfalen und Bayern aberkannt.

· Seine Pension und die Beihilfeberechtigung wurden gestrichen. Die Pension in beträchtlicher Höhe muß zurückgezahlt werden.

· Um dieser Rückzahlungspflicht nachkommen zu können, mußte er Haus und Bibliothek verkaufen. Er lebt heute in einem Altenheim in der Nähe des oberbayerischen Chiemsees, und zwar von Sozialhilfe.

· Das Bundesverdienstkreuz wurde ihm aberkannt, ein seltener Vorgang.

· Johannes Rau entschuldigte sich im niederländischen Fernsehen für die Ernennung Schwertes zum Regierungsbeauftragten.

II. Gesichtspunkte und Leitideen zu einem fairen Urteil über Person und Werk Hans Ernst Schneiders

Das Problem seines Lebens besteht in folgendem: es gab sie beide, den schneidigen, fanatisch-gläubigen SS-Ideologen, und den nachdenklichen, aufgeklärten Gelehrten und Hochschulpolitiker sozialliberaler Prägung.

Jeder Lebensabschnitt war eine Realität für sich, von eigenem Gewicht und Gehalt. Jeder Lebensabschnitt relativiert den anderen, aber streicht ihn nicht durch, macht ihn nicht ungeschehen. Insofern gilt es, Verbrechen und Verdienste, Verdienste und Versagen zu würdigen und zu einem differenzierten Ja und Nein zu gelangen. Weder läßt sich die Lebenslüge nach 1945 rechtfertigen, noch läßt sich die Lebensleistung nach 1945 bestreiten.

Die Parole "Einmal Nazi – immer Nazi" ist falsch, kurzschlüssig, reduktionistisch, demagogisch. Ebenso falsch ist die Alternative: hier der faschistische Schurke, dort der antifaschistische Held. Es gibt viele Zwischenstufen. Wer aus der Geschichte lernen will, wer vor allem aus der Geschichte dieses Lebens lernen will, darf nichts weglassen, nichts beschönigen, nichts vernebeln, nichts verdrängen. Die Steigerung von Wissen ist nicht Besserwissen, sondern Verstehen! Freilich muß auch Unverständliches, Unbegreifliches als solches bezeichnet werden.

Ich suche einen Weg zwischen Rettung und Verdammung Hans Ernst Schneiders.

Retten will ihn Claus Leggewie, der von der "Geschichte eines letztlich gelungenen Lebens" spricht.(3) Er schließt sein Buch, das um Differenzierung bemüht ist, mit einem Satz, der an eine Formulierung aus Ordensdiplomen anklingt: "und damit hat er sich um die Bundesrepublik sogar verdient gemacht."(4)

Verdammen tun ihn die meisten anderen Autoren sowie die Landesregierungen von Bayern und Nordrhein-Westfalen.

Ich sehe in Schneiders Leben kein "letztlich gelungenes Leben", weil er – fünfzig Jahre lang – sich selbst und andere belogen hat. Es ist freilich auch kein gänzlich verfehltes, kein gänzlich gescheitertes Leben, weil er trotz dieser Verlogenheit ein beachtliches Gesamtwerk als Germanist, als Publizist, als Hochschullehrer und Hochschulpolitiker hervorgebracht hat.

Psychologisch grenzt dieses Leben an ein Rätsel. Denn dieses Leben, das auf Unwahrheit und Berechnung und auf der Furcht vor Entdeckung beruhte, war nicht von äußerlich erkennbaren Deformationen, etwa neurotischen Störungen, geprägt. Zugleich ist es ein Bilderbuchbeispiel für die psychoanalytische Lehre von der Wiederkehr des Verdrängten und Verleugneten. Im hohen Greisenalter kam die bittere Wahrheit umso zerstörerischer doch noch ans Tageslicht.

Hans Ernst Schneider ist nicht mit sich selbst ins Reine gekommen. Vermutlich wird er unversöhnt mit sich und seinem Leben ins Grab sinken, verbittert, enttäuscht, verkannt. Auch mit dieser SS-Vergangenheit hätte er ein großartiger Lehrer und Aufklärer werden können, sofern er seine Vergangenheit rechtzeitig aufgearbeitet hätte. Er hat nur allgemeine Trauer- und Erinnerungsarbeit geleistet. Nötig, ja unverzichtbar war aber auch die höchstpersönliche, individuelle Aufarbeitung. Hier hat er versagt.

Drei Leitideen werden anschließend meine ethischen Einzelanalysen fundieren:

1. Es gibt ein Recht auf politisch-weltanschaulichen Irrtum. Es gibt kein Recht auf Lüge.

2. Es gibt ein Recht von Einzelpersonen, Gruppen, Völkern auf Neuanfang. Es gibt auch die prinzipielle Möglichkeit zum Neuanfang.

3. Zwischen Person und Werk, zwischen Person und Tat ist genau zu unterscheiden. Auch innerhalb des Lebenswerkes sind behutsame Unterscheidungen nötig.

Zu 1. Niemand ist vor politisch-weltanschaulichen Irrtümern gefeit. Gleichrangig neben dem Recht auf solche Irrtümer, das aus deren Unvermeidlichkeit entspringt, steht freilich komplementär die Pflicht, aus Irrtümern zu lernen, das heißt: sie zu korrigieren. Es gibt kein Recht zur Lüge, etwa die eigenen Fehler nachträglich zu bestreiten, zu vertuschen, anderen anzulasten.

Weshalb kann es kein Recht auf Lüge geben? Weshalb besteht eine Pflicht zur Wahrheit? Weil menschliches Zusammenleben prinzipiell auf Verläßlichkeit und Richtigkeit von Aussagen angewiesen ist. Es muß stimmen, wenn jemand sagt, er sei in Hildesheim geboren und habe noch nirgendwo eine germanistische Dissertation eingereicht. Wer sich ein Recht auf Lüge einräumt, untergräbt die Grundlagen des gesellschaftlichen Zusammenlebens.

Zu 2. Recht und Möglichkeit zum Neuanfang sind Recht und Möglichkeit zum Wandel, zur Selbstveränderung. Es gibt ein Recht auf Häutungen, auf Brüche, auf Untreue gegenüber früheren Idealen, die sich als unhaltbar erwiesen haben. Dieser lebensgeschichtliche Zusammenhang von Kontinuität und Diskontinuität erfordert zu seiner Meisterung gründliche Rechenschaft über Vergangenes. Die abstrakte Negation, indem das Subjekt einer früheren Lebensphase einfach für tot erklärt wird, hilft nicht weiter. Konkrete Negation tut not. Denn das Vergangene wirkt untergründig weiter, es bedarf der ideellen und praktischen Aufarbeitung.

Zu 3. Person und Tat, Person und Werk sind genau zu unterscheiden. Ein gut geschreinerter Schrank, ein gut geschneiderter Anzug werden nicht plötzlich schlecht, wenn bekannt wird, Schreiner und Schneider haben am Tag zuvor ihre Frauen ermordet.

Eine gelungene ideologiekritische Analyse von "Faust und dem Faustischen" wird nicht disqualifiziert, wenn plötzlich bekannt wird, daß der Autor seine akademische Tätigkeit mit einigen unverschämten Lügen eingeleitet hat.

Diese Differenz von Person und Werk ist besonders deutlich bei allen praktischen Berufen und in den Natur- und Technikwissenschaften. Hier gilt unverkennbar: ein Werk wird nicht disqualifiziert durch charakterliche Defizite des Autors. Ein Werk disqualifiziert sich selbst mangels werkimmanenter Qualität.

Daß bei geistigen Produkten und Dienstleistungen zusätzliche Unterscheidungen notwendig sind, soll nun an einer Rede Hans Schwertes vor tausend Menschen beim ersten "Nürnberger Gespräch" 1965 erörtert werden. Unter dem Titel "Was hat Auschwitz mit dem ‚Deutschen Menschen‘ zu tun?"(5) führte er damals, auch vom Bayrischen Rundfunk übertragen, aus:

"Unsere Ehrlichkeit zwingt uns die Frage nach den deutschen Fehlhaltungen auf. Diese Analyse, die Analyse dieser historischen und gegenwärtigen Fehlhaltungen bedeutet keineswegs, wie eingeworfen worden ist, nicht nur hier, sondern auch öffentlich, Selbstzerfleischung oder das berühmte Beschmutzen des eigenen Nestes oder gar; wie man uns schon vorher kritisiert hat, ein nationaler Masochismus. Sondern bedeutet die radikale Notwendigkeit zum Ehrlichwerden vor uns selbst. So überhaupt erst ist das Gespräch mit dem Anderen und dem Fremden aufzunehmen für uns möglich, so erst denn auch als Lehrer im Eingestehen der eigenen Erschütterung und der eigenen Ratlosigkeit inmitten der Situation können wir überhaupt vor die Jugend, vor die junge Generation treten und darüber sprechen. Dieses Abtragenmüssen also aller ideologischen Verschüttungen und das Abnehmen aller nationalen Maskierungen schließlich, um wieder identisch mit uns selbst werden zu können. Fehlhaltungen, das heißt also für uns, von neuem immer wieder die Vergangenheit durchzudenken, sie analysieren, sie in Reflektion bringen, das ist nicht Selbstzerfleischung, sondern – wie ich sagte – die Voraussetzung eines möglichen Heilungsprozesses, den niemand, das darf ich versichern, dem deutschen Volk leidenschaftlicher wünscht als vor allem unsere ausländischen Freunde, mit denen wir so offen, so betroffen, so hilfreich diskutieren dürfen. Sogenannte positive Leitbilder, falls nicht ohnehin eben ein Vorleben und Vorlehren besser ist als Leitbilder zu proklamieren, sogenannte positive Leitbilder können dann erst nach einer, und nun vor gar nichts mehr ausweichenden und vor gar nichts mehr zurückschreckenden Analyse der deutschen Fehlhaltungen gesucht und gefunden werden."

Diese Rede ist gespenstisch. Darin hat Claus Leggewie völlig Recht.(6) Die Rede ist gemäß ihrem Inhalt richtig, als geistige Dienstleistung ist sie schamlos und verlogen. Denn der Redner verlangte von anderen, was er selbst zu leisten nicht bereit war. Der Aufklärer dispensierte sich von der Selbstaufklärung. Er forderte Ehrlichkeit, ohne selbst ehrlich zu sein. Er forderte Ehrlichwerden, ohne selbst ehrlich zu werden.

Hier diskreditieren sich Person und Dienstleistung wechselseitig, und zwar weil es nicht einfach um Faktenvermittlung, sondern – appellativ – um Wertevermittlung geht. Freilich bleibt bestehen: Der Appell, ehrlich zu werden, bleibt richtig, auch wenn ein Unehrlicher ihn ausspricht.

Auch wenn Lügner Lügner Lügner nennen, können sie die Wahrheit sagen und doch verlogen und unglaubwürdig sein. Wenn Lügner (1) andere Lügner (2) zutreffenderweise Lügner nennen, bleiben sie Lügner (1), obwohl sie in diesem Fall die Wahrheit sprechen.

III. Im Lichte der abendländischen Kardinaltugenden – Schneiders erste und zweite Schuld

Hans Ernst Schneider wollte nach 1945 einen Neuanfang, aber er wollte ihn ohne den Preis, den ein wirklicher Neuanfang kostet. So häufte er auf die erste Schuld die zweite Schuld: Er steigerte die Tatschuld durch die Schuld des Verschweigens und Vertuschens.

Ein wirklicher Neuanfang ist mit einem erklärten und gründlichen Abschied vom Alten verbunden. Ein wirklicher Neuanfang hätte ein Bekenntnis zur eigenen Schuld, zur Mitschuld an den Verbrechen des NS-Regimes – in den Diensten der Elite-Einheit SS – erfordert und die Bereitschaft, dafür auch gerade zu stehen, das heißt: eine Strafe auf sich zu nehmen.

Mit der Todeserklärung und dem Namenswechsel floh Schneider stattdessen in eine strukturelle Verantwortungslosigkeit. Er vermied es, sich zu seiner ideologischen Verblendung und zu seiner Verstrickung in Schuld zu bekennen. Eigenmächtig verordnete er sich eine zweite Chance im Leben, eine zweite Chance, die die wenigsten seiner Opfer erhielten.

Was war der Sinn seines Namenswechsels?

Der Namenswechsel hatte drei Funktionen:

1. Auf der unmittelbar praktischen Ebene diente er dem Schutz vor Strafverfolgung. Die belastete und bedrohte Person tauchte unter, wurde unsichtbar.

2. Auf einer ethisch-mentalen Ebene bestritt Schneider damit die eigene Täterschaft, leugnete die Verantwortlichkeit, verwarf die eigene Subjektqualität. Die bisherige Täterpersönlichkeit wurde für nicht mehr existent, eben für tot erklärt.

3. Auf einer perspektivischen Ebene, die Leggewie überbetont, enthielt Schneiders Namenswechsel der Möglichkeit nach auch das Kraftreservoir eines neuen Beginnens. In der Tat gibt es bei Schneider einen wissenschaftlich erarbeiteten und begleiteten Wandlungsprozeß, dem freilich das individuell-moralische Fundament fehlte.

Wer wechselt Namen?

Scheckfälscher, Urkundenfälscher, Heiratsschwindler, Hochstapler wechseln ihren Namen. Sie treiben ein falsches Spiel. Sie wollen verbergen, wer sie sind und was sie unter anderem Namen taten. Sie führen andere irre. Menschliches Zusammenleben gelingt freilich dauerhaft nur, wenn die Subjekte identifizierbar bleiben.

Auch Künstler, Nonnen und Mönche wechseln ihre Namen, um anzuzeigen: Wir beginnen ein neues Leben. Sie bleiben identifizierbar, weil sie ihren ersten Namen als sogenannten "bürgerlichen" Namen beibehalten (müssen).

Das platonisch-aristotelische Konzept der vier Kardinaltugenden

Was sind Tugenden? Was sind gar Kardinaltugenden?

Tugenden sind ethische Tüchtigkeiten, Fähigkeiten, Qualifikationen, die wir brauchen, um das Leben mit Anstand zu meistern (z. B. Pünktlichkeit, Höflichkeit). Kardinaltugenden sind Schlüsselqualifikationen: Kompetenzen, die die Tür öffnen zu einem guten, gelingenden Leben (cardo, cardinis = Türangel). Beginnend bei Platon und Aristoteles sind in der abendländischen Philosophie vier Kardinaltugenden formuliert worden:

· Klugheit

· Gerechtigkeit

· Tapferkeit

· Maß.

Angeregt durch das Nachdenken über das Leben des Hans Ernst Schneider, möchte ich als fünfte Kardinaltugend hinzufügen:

· Wahrheitsliebe.

1. Hans Ernst Schneider bewies keine Klugheit, sondern einen aberwitzigen Realitätsverlust, wenn er annahm, daß seine gefälschte Biographie nicht irgendwann und irgendwie auffliegen würde. Es war dumm, dreist und naiv, keinesfalls klug, diesen exponierten Lebensweg zu suchen und nicht mit einer Enttarnung zu rechnen – sei es durch Zufall, sei es durch Mißgunst, sei es durch investigativen Journalismus, sei es aus welchem Umstand auch immer. Mit jedem Schritt nach oben mußte der Absturz umso tiefer sein. Der Scherbenhaufen am Ende seines Lebens spricht nicht dafür, daß Lebensklugheit dieses Leben inspiriert hat.

2. Hans Ernst Schneider beugte sich nicht der Gerechtigkeit, als er sich auf eigene Faust einer möglichen Strafverfolgung entzog und in das Schattenreich der Schuldlosigkeit und Verantwortungslosigkeit entschwand. Daß er zweimal ein rechtsstaatliches Amnestieangebot ungenutzt verstreichen ließ, zeugt weder von Klugheit noch von Rechtsempfinden.

3. Hans Ernst Schneider zeigte in alledem keine Tapferkeit, sondern Feigheit im Umgang mit seiner SS-Vergangenheit. Er brachte nicht den Schneid auf, sich zu seiner Schuld, zu seiner Verirrung, zu seiner Verblendung zu bekennen. Schuld ist immer bitter, schmerzlich, unangenehm, unbequem. Insofern verlangt es Tapferkeit, sich zu seiner Schuld zu bekennen, sie offen einzuräumen.

Ihm fehlte der Mut zur eigenen Biographie. Ihm fehlte der Mut zu sich selbst und seinen Abgründen. Ihm fehlte die Tapferkeit zu sagen, rechtzeitig zu sagen, aus eigenem Antrieb zu sagen: "Ja, das war ich. In diesen Wahnsinn war ich verstrickt." Dieses Bekenntnis hätte Demut und Souveränität zugleich ausgedrückt. Es hätte seine Ausstrahlung als Aufklärer nicht beeinträchtigt, sondern gefördert.

4. Hans Ernst Schneider verfehlte jedes Maß, als er sich zum Rektor und in andere Ehrenämter der Technischen Hochschule Aachen wählen sowie zum Regierungsbeauftragten des Landes Nordrhein-Westfalen für die Hochschulkooperation mit den Niederlanden und mit Belgien ernennen ließ. Ohne Sinn für Proportionen, eben maß-los, riskierte er den Skandal einer Enttarnung im Amt und damit die Beschädigung der durch ihn repräsentierten Institutionen.

Diesem Mangel an Besonnenheit (wie die vierte Kardinaltugend im Deutschen statt "Maß" auch formuliert wird), diesem Defizit an Feingefühl und Ehrgefühl entspricht auf der anderen Seite ein Übermaß an Ehrgeiz. Ehrgeiz charakterisiert das Wirken des SS-Mannes Schneider, Ehrgeiz charakterisiert das Wirken des Professors Schwerte. Ist es abwegig zu formulieren, daß in diesem Leben legitimer Ehrgeiz zu kompensatorischer Ehrsucht übersteigert wurde?

5. Hans Ernst Schneider versagte vor der Wahrheitsliebe. Fünfzig Jahre lang belog er sich selbst und andere. Den Schritt zu Wahrheit und Wahrhaftigkeit tat er nicht freiwillig, sondern um den Enthüllungen eines holländischen Fernsehteams einige Stunden zuvorzukommen. Von anderen hatte er Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit, Redlichkeit gefordert. Er selbst scheiterte daran und führte eine Leben in der Unwahrheit. Mit dem Ethos eines wissenschaftlichen Aufklärers ist dies unvereinbar.

Der Wahlspruch des schottischen Aufklärers David Hume, festgehalten in seinem Familienwappen, lautete: "true to the end" – wahrhaftig bis zum Ende, bis auf den Grund. Der Wahlspruch des französischen Aufklärers Jean-Jaques Rousseau, dem römischen Autor Juvenal entlehnt, lautete: "vitam impendere vero" – das Leben der Wahrheit widmen.

Hans Ernst Schneiders Tragik bestand darin, daß er, der ja nicht unbelehrbar, gar verstockt war, nicht die Kraft zur Wahrheit seiner selbst aufbrachte.

Schluß: Auf der Suche nach einem weltlich-humanistischen Verständnis von Beichte und Buße

Die große Heimsuchung am Ende seines Lebens hätte sich Hans Ernst Schneider ersparen können, wenn er die Größe entwickelt hätte, das Notwendige rechtzeitig zu tun.

Stattdessen spielte er fünfzig Jahre lang ein vabanque-Spiel, bei dem er alles riskierte und auch fast alles verlor. Sein wissenschaftlich-publizistisches Lebenswerk ist zwar nicht komplett zerstört, aber erheblich beschädigt. Seine Persönlichkeit hält seinen eigenen aufklärerischen Ansprüchen nicht stand.

In der christlichen Tradition ist das Sakrament von Beichte und Buße, das der Vergebung vorausgeht, an einen Dreischritt gebunden, der nichts spezifisch Religiöses hat, sondern einer weltlich-humanistischen Anverwandlung zugänglich ist.(7)

Der Dreischritt, der zur äußeren und inneren Befreiung, zur Katharsis, zur Reinigung, zur Läuterung des Gewissens und Verhaltens führt, lautet:

· confessio oris = individuelles Bekennen mit dem Mund, Aussprechen der Schuld

· contritio cordis = Reue des Herzens, wirkliches Bedauern

· satisfactio operis = Wiedergutmachung durch die Tat.

Spätestens auf der Grundlage der beiden Amnestie-Gesetze von 1949 und 1954 hätte Hans Ernst Schneider eine ihm gemäße Form von Beichte und Buße finden müssen. Vorstellbar, daß sie ihn seine angestrebte akademische Laufbahn gekostet hätten! Aber mit welchem moralischen und historischen Recht durfte sich ein ehemals führender SS-Intellektueller darauf versteifen, Hochschullehrer in einer demokratischen Gesellschaft zu werden?

Bei seinem Ehrgeiz und seinen intellektuellen Gaben hätte er auch andere Optionen, etwa freiberuflicher Art anstreben müssen. Sein Lebenswerk hätte nicht an aufklärerischer Kraft verloren und an moralischer Substanz gewonnen.

Anmerkungen:

(1) Mein biographisches Wissen speist sich aus folgenden Büchern:

AutorInnenkollektiv für Nestbeschmutzung, Schweigepflicht, Eine Reportage. Der Fall Schneider und andere Versuche, nationalsozialistische Kontinuitäten in der Wissenschaftsgeschichte aufzudecken, Münster 1996.

Erlanger Universitätsreden Nr. 53/1996, 3. Folge, Ein Germanist und seine Wissenschaft. Der Fall Schneider/Schwerte.

Helmut König/Wolfgang Kuhlmann/Klaus Schwabe (Hg.), Vertuschte Vergangenheit. Der Fall Schwerte und der NS-Vergangenheit der deutschen Hochschulen (Beck’sche Reihe 1204), München 1997.

Claus Leggewie, Von Schneider zu Schwerte. Das ungewöhnliche Leben eines Mannes, der aus der Geschichte lernen wollte, München/Wien, 1998.

Presseartikel aus Erlangen/Nürnberg sowie FAZ- und FR-Rezensionen.

(2) In Gesprächen mit Claus Leggewie, 253.

(3) Von Schneider zu Schwerte, 25.

(4) Ebendort, 309.

(5) Zitiert nach Leggewie, 254.

(6) Ebendort, 252.

(7) Claus Leggewie bezieht sich einige Male auf diesen Dreischritt, den er freilich lateinisch nicht ganz korrekt zitiert (164. 253. 286).

Der Text ist die überarbeitete Fassung eines Vortrages, den der Verfasser im Juli 1999 in Kottenheide hielt. Die Thomas-Dehler-Stiftung und der Politisch Akademische Club hatten zu einem Seminar über "Vergangenheitsbewältigung zweier deutscher Diktaturen" eingeladen.


Im Internet finden Sie die Homepage von Joachim Kahl unter www.kahl-marburg.de