Dr. Wolf Pohl (Konstanz)

Wissenschaftlicher Realismus, das Ende der Metaphysik und die Aufklärung

aus: Aufklärung und Kritik 2/1999 (S. 55 ff.)


Objektive Erkenntnis

Die Gewinnung von Wissen über die reale Welt geht von Sinneswahrnehmungen aus. Wir stellen fest, daß es konkrete, im Außenraum lokalisierbare Gegenstände (und Vorgänge) gibt, an denen wir durch Sinneswahrnehmungen bestimmte, intersubjektiv kommunizierbare Eigenschaften feststellen können. Manche dieser Eigenschaften sind Sinnesqualitäten wie Farben, taktile Qualitäten, Geruch oder Geschmack, die so, wie wir sie erleben, in der Realität nicht existieren. Andrerseits nehmen wir an den Gegenständen Eigenschaften wahr, die sie so, wie wir sie wahrnehmen, in der Realität wirklich besitzen. Wenn eventuelle Sinnestäuschungen ausgeschlossen werden, besitzen reale Objekte (und Vorgänge) tatsächlich die arithmetischen, geometrischen und allgemein mathematischen Eigenschaften, die wir an ihnen wahrnehmen. Wenn wir z.B. in einem Korb fünf Äpfel sehen (oder auf andere Weise sinnlich wahrnehmen), dann ist die Zahl der Äpfel tatsächlich fünf. Wenn ein Gegenstand dreieckig aussieht (oder sich anfühlt), so ist die geometrische Form des Gegenstandes tatsächlich ein Dreieck.

Durch Sinneswahrnehmungen und Körperempfindungen haben wir eine anschauliche Vorstellung von Zeit und Raum, von Position im Raum, von Geschwindigkeit, Beschleunigung, Kraft und Masse. Den beobachtbaren, experimentell feststellbaren Zusammenhang dieser Größen beschreibt der mathematische Formalismus der Newtonschen Mechanik, die ihre Erweiterung in der Einsteinschen Relativitätstheorie findet. Diese Theorien beschreiben objektiv die Bewegung des Mondes und der Planeten und den Flug von Raketen. Sonst wäre nicht zu verstehen, daß es möglich ist, mit Raketen Astronauten zum Mond und Sonden zu den Planeten zu befördern. Schon die direkte sinnliche Wahrnehmung liefert also bereits in einem erheblichen Maß objektive Erkenntnis über die Realität.

Für die eigentlichen Sinnesqualitäten, die wir an Gegenständen wahrnehmen, die aber so, wie wir sie erleben, in der Realität nicht existieren, gibt es in der Realität reale Phänomene, die die Ursache dieser wahrgenommenen sinnlichen Qualitäten sind und die durch die Sinnesphänomene repräsentiert werden. Die Ursache des Sinnesphänomens Licht (Hell/Dunkel-, Farbempfindung) ist das physikalische Phänomen Licht, d.h. elektromagnetische Wellen, die in das Auge eintreten, wobei das sichtbare Licht nur ein kleiner Ausschnitt aus dem gesamten Spektrum elektromagnetischer Wellen ist. Die Ursache akustischer Sinnesphänomene (Geräusche, Klänge) sind vom Gehör aufgenommene Schallwellen, von denen ebenfalls nur ein Ausschnitt aus dem gesamten Spektrum wahrgenommen werden kann. Die Ursache für Warm-/Kaltempfindungen ist die physikalische Größe Temperatur, die ein Maß für die kinetische Energie der Moleküle der Materie (Luft, Material der Gegenstände) ist.

Neben realen Phänomenen und Eigenschaften von Gegenständen, die zwar für unsere Sinne verborgen sind, die aber in Form von subjektiven Sinnesqualitäten repräsentiert werden, existieren nun auch reale Phänomene und Eigenschaften von Gegenständen, die unserer direkten sinnlichen Wahrnehmung völlig unzugänglich sind wie etwa elektrische Eigenschaften von Gegenständen und elektrische Phänomene. Die unserer direkten Sinneswahrnehmung nicht zugänglichen verborgenen realen Phänomene oder Eigenschaften von Gegenständen rufen aber Wirkungen auf Phänomene und Gegenstände hervor, die durch direkte Sinneswahrnehmung erfahrbar sind. Diese Wirkungen können zur Entwicklung von künstlichen Detektoren benutzt werden, mit denen eine indirekte Beobachtung möglich ist. Der Erfolg der wissenschaftlichen Erforschung der Welt beruht auf der Entwicklung von künstlichen Detektoren zur Beobachtung verborgener Phänomene und Eigenschaften von Gegenständen. Die Beschreibung der neuartigen Beobachtungen wird dann durch eine Erweiterung des sprachlichen Repertoirs möglich.

Die Naturwissenschaften zeichnen sich dadurch aus, daß sie einerseits durch raffinierteste Detektoren, Untersuchungsmethoden und Experimente den Bereich möglicher Wahrnehmung in unglaublichem Maße erweitern und andererseits mit einem Arsenal neuer Formalismen komplizierteste Theorien bilden können. Es gibt keinen Grund zu der Annahme, daß der Erweiterung unseres Wahrnehmungsbereichs durch neue Detektoren und Untersuchungsmethoden oder der Erweiterung des Arsenals von Formalismen zur Theorienbildung, d.h. aber der wissenschaftlichen Erkenntnis Grenzen gesetzt sind.

Die reduktionistische Struktur unseres Wissens

Nehmen wir an, wir wollen ein Stück Würfelzucker untersuchen. Wir gehen aus von unseren Sinneswahrnehmungen, schreiten aber dann fort zu Untersuchungen mit Hilfe eines Lichtmikroskops, eines Elektronenmikroskops, mit chemischen Analyseverfahren usw. und beschreiben unsere Beobachtungen in der Sprache verschiedener Wissenschaften, z.B. der Chemie, der Kristallographie, der Festkörperphysik. Ein tieferes Verständnis der Chemie und der Festkörperphysik wird wiederum durch die Atomphysik und die Elementarteilchenphysik ermöglicht. Wir können nun die Eigenschaften beschreiben, die unser Untersuchungsobjekt, das Stück Würfelzucker, auf verschiedenen Ebenen der Realität besitzt, nämlich auf Ebenen unterschiedlicher Größenordnung – von der Größenordnung des Stückes Würfelzucker bis herunter zur Größenordnung der Elementarteilchen.

Diese Ebenen unterschiedlicher Größenordnung sind zugleich Ebenen unterschiedlicher Komplexität der beobachtbaren Strukturen und Vorgänge. Dabei ist es den Naturwissenschaften aufgrund der jetzt zutage getretenen reduktionistischen Struktur des naturwissenschaftlichen Wissens1 gelungen, den Zusammenhang der verschiedenen Ebenen von den sinnlich wahrnehmbaren Gegenständen und Vorgängen bis hinunter auf die Ebene der Elementarteilchen herzustellen. Zu einer vollständigen Beschreibung eines Gegenstandes würden die Beschreibungen seiner Eigenschaften auf allen diesen Ebenen gehören. Aber abgesehen davon, daß bei einem konkreten Gegenstand eine Beschreibung auf allen Ebenen nur im Prinzip, konkret aber nur auf einer oder wenigen Ebenen möglich ist, ist nur die Beschreibung auf einer oder wenigen Ebenen von praktischem Interesse. Chemische oder biologische Phänomene wird man weiterhin in der Sprache der Chemie oder Biologie beschreiben, soziologische oder musikalische Phänomene in der Sprache der Soziologie oder Musikwissenschaft – und Alltagsphänomene in unserer Alltagssprache.

Es muß einem aber klar sein, daß alle diese Beschreibungen praktikable Kurzbeschreibungen sind, die im Prinzip – und nur im Prinzip – in die ausführlichen Beschreibungen in den mathematischen Formalismen der Physik übersetzbar sind. Alle nachprüfbar realen beobachtbaren Phänomene und an nachprüfbar realen Gegenständen wahrnehmbaren Eigenschaften sind nach unserer heutigen Kenntnis auf physikalische Phänomene zurückführbar. Was die Physik aber beschreibt, ist die mathematische Struktur der Phänomene. Das aber ist die objektive Beschaffenheit der Phänomene, die objektive Beschaffenheit der Welt, die unabhängig ist von der Art und Weise, wie unsere Sinnesorgane funktionieren.

Eine bestimmte Substanz in ihrer molekularen Struktur ist etwas ganz anderes als diese Substanz, wie sie aussieht, riecht, schmeckt oder sich anfühlt. Aber ihre molekulare Struktur erklärt – zusammen mit der Beschaffenheit unserer Sinnesorgane und unseres Gehirns – warum sie so aussieht, riecht, schmeckt und sich anfühlt. Es gibt keinen Grund zu der Annahme, daß unser objektives Wissen über die Beschaffenheit der Welt unser subjektives Erleben der Welt beeinträchtigt. Ein Schokoladeneis schmeckt nicht weniger gut, wenn man die chemische Struktur der darin enthaltenen Substanzen kennt. Der Anblick einer Gebirgsformation ist nicht weniger eindrucksvoll sondern eher noch eindrucksvoller, wenn man ihre geologische Struktur und Entstehung versteht.

Zur Erkenntnistheorie der Kognitionswissenschaften

Sinneswahrnehmungen sind bewußt erlebte geistig-seelische, mentale Phänomene, die wir so stark mit Phänomenen in der Außenwelt identifizieren, daß uns nicht bewußt ist, daß sie sich "in uns" ereignen. Gefühle, Gedanken, Wünsche sind bewußt erlebte mentale Phänomene, die wir nicht räumlich, im Außenraum lokalisieren können, die sich nach unserm subjektiven Erleben "in uns" ereignen. Zwar kann auch ein Gegenstand (oder Vorgang) im Außenraum von einzelnen Menschen nur durch subjektive sinnliche Wahrnehmung erkannt werden. Aber ein und derselbe Gegenstand kann von mehreren Menschen subjektiv wahrgenommen werden, die dann über ihre Wahrnehmungen intersubjektiv kommunizieren können. Ein konkretes "inneres" Bewußtseinsphänomen kann unmittelbar aber nur von einem Menschen subjektiv erlebt werden. Trotzdem ist auch über "innere" Bewußtseinsphänomene in gewissem Maße eine intersubjektive Kommunikation möglich.

Zum einen haben Tiere und Menschen eine biologisch gegebene, angeborene Kommunikationsfähigkeit. Die biologische Evolution hat bereits neuronale Mechanismen entstehen lassen, durch die Signale (Laute, optische oder Geruchssignale, "Körpersprache"), die von einem Individuum als Folge des Auftretens eines Bewußtseinsphänomens ausgesandt werden, in einem anderen Individuum, das die Signale empfängt, zur Rekonstruktion dieses Bewußtseinsphänomens führen. Zum andern können auch bestimmte "innere" Bewußtseinsphänomene durch bestimmte äußere Gegenstände, Vorgänge oder Situationen in verschiedenen Individuen gleichermaßen hervorgerufen werden (z.B. Angst durch eine bedrohliche Situation), so daß diese "inneren" Bewußtseinsphänome aufgrund ihrer äußeren Anlässe oder der Beschreibung ihrer äußeren Anlässe reproduzierbar in mehreren Individuen entstehen können. Dadurch ergibt sich die Möglichkeit, daß für "innere" Bewußtseinsphänomene auf der kulturellen Ebene Zeichen und Bezeichnungen vereinbart werden können und dadurch auch diese Phänomene kommunizierbar werden.

Bei einer Sinneswahrnehmung führt das Bedürfnis, das wahrgenommene Phänomen zu verstehen, zu einer genaueren Untersuchung des realen Gegenstandes oder Vorgangs im Außenraum. Die Untersuchung mit den modernen wissenschaftlichen Methoden führt, wie oben beschrieben wurde, zu einem Verständnis des Phänomens auf den verschiedenen Ebenen der Realität, Ebenen unterschiedlicher Größenordung und Komplexität. Die Untersuchung äußerer Gegenstände und Vorgänge schreitet im allgemeinen in einer Richtung von der Ebene, die uns durch unmittelbare Sinneswahrnehmungen zugänglich ist, fort zu Ebenen kleinerer Größenordnung und geringerer Komplexität. Es gibt aber auch den Fall, daß die Phänomene zunächst parallel auf der makroskopischen und auf der mikroskopischen Ebene untersucht werden. Ein Beispiel ist die Erforschung des Phänomens, das uns durch unsere Warm-/Kaltempfindung unmittelbar zugänglich ist. In der Physik wurde für dieses Phänomen als auf der makroskopischen Ebene geltende Theorie die Thermodynamik entwickelt und parallel dazu auf der mikroskopischen Ebene die statistische Mechanik, eine Theorie der Bewegung der kleinsten Teilchen der Materie, der Moleküle. Es erfolgte dann der Brückenschlag zwischen diesen beiden Gebieten durch die Erkenntnis, daß die makroskopische Größe Temperatur Maß für die mittlere Bewegungsenergie der Moleküle ist.

Bei den "inneren Bewußtseinsphänomenen" kann die kognitive Psychologie die subjektiv wahrgenommenen Phänomene systematisch untersuchen und analysieren. Es ist aber nicht möglich, von dieser Ebene aus weiter zu den tieferen Ebenen der Realität vorzudringen. Die "innere Oberfläche", hinter der die neuronalen Strukturen und Vorgänge für unsere "innere" subjektive Wahrnehmung verborgen sind, erweist sich als undurchdringlich. So wenig, wie es durch eine noch so genaue Analyse von Warm-/Kaltempfindungen möglich ist zu erkennen, daß Wärme identisch ist mit der Bewegungsenergie der Moleküle, so wenig kann man durch noch so genaue Analyse subjektiver Bewußtseinsphänomenen herausfinden, daß diesen neuronale Strukturen und Vorgänge zugrunde liegen.

Es erweist sich daher als notwendig, zunächst die Phänomene parallel auf der makroskopischen Ebene durch die kognitive Psychologie und auf der mikroskopischen Ebene der Neurobiologie zu erforschen, um dann mit Hilfe einer Neuropsychologie den Brückenschlag zwischen der makroskopischen Ebene der subjektiven Bewußtseinsphänomene und der mikroskopischen Ebene der neuronalen Strukturen und Prozesse zu ermöglichen.2

Das Problem, daß es durch subjektives Erleben nicht möglich ist, die mentalen Vorgänge mit Vorgängen im Gehirn zu identifizieren, hat einige Philosophen veranlaßt, Bedenken anzumelden, ob es überhaupt möglich ist, bewußtes Erleben, Bewußtsein wissenschaftlich zu erklären. Darum sind einige Neurobiologen auch so vorsichtig, von den im Zusammenhang mit dem Auftreten bestimmter Bewußtseinsphänomene neurobiologisch objektiv beobachtbaren neuronalen Prozessen nur von "Korrelaten" dieser Bewußtseinsvorgänge zu sprechen. Man kann aber optimistisch sein, daß die Kognitionswissenschaften, insbesondere Neurobiologie und Neuropsychologie die Frage beantworten, was geistig-seelische Phänomene und Bewußtseinsphänomene "wirklich" sind, d.h. wie diese zu erklären sind. Damit wird man sich von dem fiktiven Substrat "Geist" und der fiktiven Entität "Seele" und von allem mit diesen verknüpften Mystizismus verabschieden können.

Verstehen und die Illusion vom Wesen der Dinge

"Verstehen" hat zwei unterschiedliche Bedeutungen wie etwa in den Redewendungen "verstehen, warum ein Ereignis eingetreten ist" oder "einen anderen Menschen verstehen". Die mangelnde Unterscheidung dieser zwei Bedeutungen kann zu illusionären Vorstellungen von den menschlichen Erkenntnismöglichkeiten und zu einer Fehleinschätzung der Bedeutung des wissenschaftlichen Wissens führen.

Bei Erkenntnisprozessen (kognitiven Prozessen) entstehen aufgrund von Wahrnehmungen im Gehirn Repräsentationen der wahrgenommenen Objekte und Vorgänge. Informationsverarbeitungsprozesse im Gehirn führen zur Feststellung von Regelmäßigkeiten und möglichen Kausalzusammenhängen der beobachteten Ereignisse. Da das Erkennen von Kausalzusammenhängen das Vorhersehen zukünftiger Ereignisse ermöglicht und dadurch die Überlebens-Chancen erhöht, stellte diese kognitive Fähigkeit im Evolutionsprozeß einen Selektionsvorteil dar, der zur Entwicklung der kognitiver Fähigkeiten von lebenden Organismen führte. Der in einer Kultur lebende Mensch hat zusätzlich zu den natürlichen, durch die biologische Evolution hervorgebrachten Möglichkeiten neuronaler Repräsentation noch die Möglichkeit der Repräsentation von Kausalzusammenhängen in den Strukturen einer künstlichen Sprache und mathematischer Formalismen, für die es wiederum spezielle neuronale Repräsentationen gibt. Die Bedeutung von "Verstehen" als Erkennen von Kausalzusammenhängen ist die Bedeutung, die "Verstehen" in den Wissenschaften hat.

Wenn man davon spricht, einen anderen Menschen zu "verstehen", bezieht man sich auf eine Art der Kommunikation, die es ermöglicht, sich in den anderen "einzufühlen", d.h. den geistig-seelischen Zustand eines anderen Menschen teilweise in sich zu rekonstruieren. Eine Kommunikation dieser Art wird ermöglicht durch die angeborenen, d.h. von der biologischen Evolution hervorgebrachte Fähigkeit zur Kommunikation durch Laute, Gesten, Mimik, Körpersprache und darüberhinaus durch die Mittel der in den menschlichen Kulturen entstandenen künstlichen Sprachen. Sicherlich kann man aber in dieser Weise, durch "Einfühlung" oder "Empathie", nicht das "Wesen" eines Baumes verstehen und erst recht nicht das "Wesen" eines Kristalls, eines Sauerstoffmoleküls, Elektrons oder Magnetfeldes, weil es ein solches "Wesen" gar nicht gibt. Es ist aber auch eine Illusion, wenn man meint, das "Wesen" eines Menschen zu verstehen, weil es auch dieses nicht gibt – es sei denn, man versteht darunter in behaviouristischer Weise die Gesamtheit seiner typischen, d.h. regelmäßig wiederkehrenden und damit wahrscheinlichen Verhaltensweisen.

Es ist aber sogar eine Illusion zu meinen, daß man durch subjektives Erleben sich selbst "versteht", d.h. weiß, was man selbst "wirklich ist". Von sich selbst nimmt man auch, wie im vorhergehenden Abschnitt bereits beschrieben, nur eine "innere Oberfläche" wahr. Nur ein geringer Teil der Zustände und Vorgänge in unserer neuronalen Maschinerie wird uns bewußt, d.h. erzeugt Repräsentationen im Bewußtsein. Empfindungen, Gefühle, Gedanken können aus dem "Unbewußten" auftauchen. Wir "wollen" etwas (und meinen, einen "freien Willen" zu haben) und wissen oft nicht, wieweit unsere Wünsche und Absichten durch das "Unbewußte" bestimmt sind. Aber in einer noch grundsätzlicheren Weise verstehen wir uns selbst nicht. Wir denken, haben Empfindungen, wollen, aber wir können – mit unseren natürlichen Erkenntnismöglichkeiten, durch Introspektion – nicht erkennen, was Denken, Empfindungen, Wollen sind. Das zu erkennen, ist erst mit den Mitteln wissenschaftlicher Erforschung dieser Phänomene durch die Kognitionswissenschaften, insbesondere die Neurowissenschaften, möglich. Damit sind wir aber bei der Frage, was wir selbst "wirklich sind", in derselben Situation wie bei der Frage, was etwa Elektrizität oder Schwerkraft "wirklich ist".

Mit dieser Einsicht in unsere erkenntnistheoretische Situation ist allen metaphysischen Vorstellungen vom "Wesen" der Boden entzogen. Damit erweisen sich aber hermeneutische und mystische Vorstellungen von Verstehen und Erkenntnis des "Wesens", der "Seele" oder des "wahren Seins" der Dinge, der Lebewesen und Menschen als Illusion.

Wissenschaftlicher Realismus

Jetzt, am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts, ist eine grundlegend neue Erkenntnissituation eingetreten. Wenn früher das Wissen über die Welt und den Menschen einer weißen Landkarte mit einzelnen kartographierten Flecken glich, so haben wir nun das Bild einer im wesentlichen vollständig kartographierten Landschaft mit einzelnen weißen Flecken. Von entscheidender Bedeutung ist dabei die sich nun zeigende Struktur unseres Wissens über die Welt, die die Struktur der Welt widerspiegelt, nämlich, wie im vorangehenden beschrieben wurde, eine reduktionistische Struktur des Wissens, die einem Aufbau der Welt in Schichten zunehmender Komplexität und zunehmenden Organisationsgrades entspricht. Entstanden ist ein monistisches Weltbild – die Einheit der Naturwissenschaften, die die Einheit der Natur widerspiegelt.

Zu der neuen Erkenntnissituation kommt eine ebenfalls grundlegend neue erkenntnistheoretische Situation. Im Rahmen der Kognitionswissenschaften, der wissenschaftlichen Erforschung geistig-seelischer, mentaler Phänomene, ist auch die Erforschung von Erkenntnisprozessen zu einem wissenschaftlichen Unternehmen geworden3. Erkenntnis ist nicht länger ein Phänomen, das nur subjektiv, durch Introspektion oder objektiv nur durch Analyse von vor allem sprachlichen Erkenntnisprodukten möglich ist. Die Neurowissenschaften – bis hin zu einer Neuroinformatik und Neurolinguistik – erforschen nun Erkenntnis unmittelbar in den Strukturen und Prozessen des Gehirns. Dabei ergibt sich die Semantik dieser Strukturen und Prozesse des Gehirns aus der Interaktion des Gehirns mit der Umgebung, d.h. mit dem übrigen Organismus und der äußeren Umgebung. Es ergeben sich wichtige evolutionsbiologische Einsichten zur Entstehung der Möglichkeit von Erkenntnis und Wissen. Das wissenschaftliche Verständnis von Erkenntnis und Wissen führt zu einer Rechtfertigung unserer wissenschaftlichen Erkenntnismethoden und zu der Einsicht, daß wissenschaftliches Wissen ein zuverlässiges, objektives Wissen über die Welt und den Menschen ist. Die Einheit und Geschlossenheit des naturwissenschaftlichen Wissens spiegelt die Einheit und Geschlossenheit der Natur wider. Die Natur ist ein kausal in sich geschlossenes System, in dem sich kognitive Systeme entwickelt haben, die die Natur und sich selbst – als Teil der Natur – erkennen können.

Diese Vorstellungen begründen einen wissenschaftlichen Realismus und widerlegen subjektivistische, relativistische und idealistische Positionen. Da sich dieser wissenschaftliche Realismus auf empirische Weise aus einer kognitionswissenschaftlichen und somit naturwissenschaftlichen Erkenntnistheorie ergibt, stellt er keine metaphysische Position dar.

In der Informatik versteht man unter einem Bootstrapverfahren, daß zunächst ein einfaches System ein komfortables System in den Computer einliest und danach das komfortable System die Regie übernimmt. Daß die Naturwissenschaften ihre Erkenntnistheorie selbst empirisch entwickeln, könnte man daher als das "erkenntnistheoretische Bootstrapverfahren" der Naturwissenschaften bezeichnen. Den Naturwissenschaften gelingt damit ein erkentnistheoretischer Münchhausentrick.

Das Ende der Metaphysik

Bisher war im wesentlichen von naturwissenschaftlichem Wissen die Rede. Es erhebt sich die Frage, was es außer naturwissenschaftlichem Wissen an Wissen gibt oder geben kann, das über unser empirisches Alltagswissen hinausgeht. Das führt zu der Frage, was es in der Welt Anderes gibt als Natur. Eine andere Frage ist, ob es Bereiche der Realität gibt, die einer wissenschaftlichen, d.h. kritisch-rationalen und empirischen Erforschung nicht zugänglich sind.

Im gegenwärtigen Stadium unseres Universums und auf dieser Erde gibt es in menschlichen Gesellschaften hervorgebrachte Kultur. Es wäre paradox zu sagen, auch Kultur wäre Natur. Aber Kultur entsteht auf der Grundlage der biologisch gegebenen, d.h. durch die biologische Evolution hervorgebrachten Eigenschaften des Menschen, also auf einer "natürlichen" Basis. Es gibt keinen Grund zu der Annahme, daß irgendwelche kulturellen Phänomene nicht – mindestens im Prinzip – kognitionswissenschaftlich, d.h. durch ein Verständnis der zugrundeliegenden neurobiologischen Phänomene, zu erklären wären. Kulturelle Phänomene sind keine im Sinne der nachfolgenden Erörterungen "übernatürlichen" Phänomene. In den Kulturwissenschaften sollte man sich der biologisch/neurobiologischen Grundlage aller kulturellen Phänomene bewußt sein. Damit würde endlich "die Einheit des Wissens" entstehen, von der der Soziobiologe Edward O. Wilson4 spricht.

Eine andere Frage ist, ob es übernatürliche Phänomene von der Art gibt, wie sie von den Religionen und esoterischen Lehren angenommen werden5. In allen Fällen, in denen das Auftreten von übernatürlichen Phänomenen behauptet wird, fehlen zuverlässige Nachweise, die auch nur im entferntesten mit den wissenschaftlichen Nachweisen für natürliche Phänomene zu vergleichen wären. Es gibt aber auch entscheidende Gründe, die gegen die Vermutung sprechen, daß es übernatürliche Phänomene überhaupt geben könnte. Steven Weinberg6 schreibt:

"Ich vermute, Sie würden das Urteil fällen, daß wir bereits so viel über Texas wissen, daß es so weit erkundet und besiedelt ist, daß es sich einfach nicht lohnt, nach geheimnisvollen goldenen Städten zu suchen. Nicht anders verhält es sich mit unserer Entdeckung, daß die wissenschaftlichen Erklärungen ein in sich geschlossenes und konvergentes System bilden; es hat uns einen sehr großen Dienst erwiesen, indem es uns gelehrt hat, daß in der Natur kein Raum ist für Astrologie, Telekinese, Kreationismus oder sonstigen Aberglauben."

Wie das jetzt vorhandene naturwissenschaftliche Wissen zeigt, ist die Natur einschließlich kognitiver Systeme wie uns selbst ein kausal in sich geschlossenes System. Alle beobachtbaren Phänomene treten – mit dem Titel des zitierten Buches von Bernulf Kanitscheider – "im Innern der Natur" auf. Es ist ein Problem, wie übernatürliche Phänomene mit Teilen der natürlichen Welt in Wechselwirkung treten könnten. Wenn man nicht annehmen will, daß durch übernatürliche Phänomene natürliche Kausalketten aufgebrochen werden, d.h. "Wunder" geschehen können, bleibt nur die Möglichkeit, für die Einwirkung übernatürlicher Phänomene Augenblicke anzunehmen, in denen das natürliche Geschehen kausal nicht determiniert ist. Das ist nur für Quantenvorgänge in den Dimensionen der Elemantarteilchenphysik oder für chaotisches Verhalten der Fall. Da Quantenvorgänge unterhalb des für unser Leben relevanten Geschehens – auch der neuronalen Vorgänge – liegen, bleibt dafür nur chaotisches Verhalten übrig, das nur in speziellen Bereichen des natürlichen Geschehens auftritt. Daß bei kognitiven, neuronalen Vorgängen chaotisches Verhalten aufträte, scheint bis jetzt nicht bekannt zu sein. Die Möglichkeiten der Einwirkung übernatürlicher Phänomene wäre jedenfalls derart eingeschränkt, daß die von den Verfechtern der Existenz solcher Phänomene vertretenen Vorstellungen nicht haltbar sind. Übernatürliche Phänomene aber, die keinerlei Wechselwirkung mit Teilen der natürlichen Welt – insbesondere mit menschlichen Organismen und Gehirnen – hätten, würden keinerlei Konsequenzen für die real erfahrbaren Phänomene haben und könnten nur reine Phantasiegebilde sein.

Fragt man sich, ob man sich heute unter einer "Metaphysik" noch etwas Sinnvolles vorstellen kann, so muß man zunächst sagen, was man unter "Metaphysik" versteht. Übernatürliche Phänomene als Gegenstand einer Metaphysik anzunehmen, hat nach dem gerade Gesagten keinen Sinn. Eine andere Möglichkeit ist, als Gegenstand einer Metaphysik alles zu betrachten, was jenseits der Grenzen wissenschaftlicher Erkenntnis liegen könnte. Im ersten Abschnitt ergab sich aus der Art und Weise wissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung, daß kein Grund zu der Annahme besteht, daß es Grenzen wissenschaftlicher Erkenntnis gibt. Zu dem gleichen Schluß kommt Bernulf Kanitscheider7 aufgrund einer Inspektion und Extrapolation bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritts:

"Man kann das Verhältnis von Metaphysik und Wissenschaft auf verschiedene Weise angehen, einmal in dem Sinne, wie dies in der jüngeren Philosophiegeschichte geschehen ist, nämlich durch Etablierung von Abgrenzungskriterien, die ausdrücken, wie die beiden Erkenntnisbereiche zu konstituieren sind. ... Nun kann man aber auch anders vorgehen und von den Einzelwissenschaften her fragen, welche Bereiche der Realität denn eigentlich noch Kandidaten für einen nichtwissenschaftlichen, also metaphysischen Zugang zur Welt sein könnten. ... Wenn man angesichts dieser Erkenntnissituation zu Ende des 20. Jahrhunderts und der Trendanalyse an Hand der historischen Beispiele die Frage nach den Erkenntnisgrenzen stellt, so drängt sich die Antwort auf, daß es ... absolut unlösbare Probleme überhaupt nicht gibt. Zu jedem Zeitpunkt werden eine Zahl von ungelösten Fragen vorhanden sein, die mit den Mitteln dieser Zeit unlösbar sind. Der Frage-Horizont wird sich immer weiter verschieben, alle Fragen werden nie beantwortet sein, aber alles spricht dafür, daß jede Frage beantwortbar ist."

Das bedeutet, daß auch Metaphysik in diesem Sinne gegenstandslos geworden ist. Schließlich käme noch eine Minimal-Metaphysik in Frage, die eine erkenntnistheoretische Position begründet. Im vorangehenden Abschnitt wurde aber gezeigt, daß die kognitionswissenschaftliche Erforschung der Erkenntnis eine empirische Begründung der erkenntnistheoretischen Position eines wissenschaftlichen Realismus liefert, d.h. daß auch eine solche Minimalmetaphysik ihren Sinn verloren hat.

Aufklärung

Im Jahr 1963 erschien der erste Band des von Gerhard Szczesny herausgegebenen "Club Voltaire. Jahrbuch für kritische Aufklärung"8 mit Aufsätzen von Autoren wie Karl Popper, Hans Albert, Ernst Topitsch, Julian Huxley und Alexander Mitscherlich. Aufklärung ist offenbar ein Begriff, der eine allgemeine Bedeutung haben müßte. Seltsamerweise scheint es nicht leicht zu sein herauszufinden, was Aufklärung tatsächlich in der Gegenwart sein sollte.

Im Rowohlt-Philosophielexikon9 findet man nur "Aufklärung, Zeitalter der" und erfährt: "Sammelbezeichnung für die das 18. Jh. prägenden philosophischen, politischen und sozialen Strömungen in Europa ...". Zu "Aufklärungsphilosophie" liest man: "Bezeichnung für die Hauptströmung der europäischen Philosophie im Zeitalter der Aufklärung". Aufklärung wird als Phänomen einer vergangenen historischen Epoche beschrieben. Es gibt keinen Hinweis auf eine Aufklärung in der Gegenwart. Immerhin ist das, was über die Aufklärung im "Zeitalter der Aufklärung", im 18.Jahrhundert also, gesagt wird, durchaus interessant:

"Entscheidende Voraussetzung für die Aufklärung war der Aufschwung der Naturwissenschaften im 17. Jahrhundert. ... Der Mensch kann die Natur, deren Teil er ist, voll und ganz erkennen. ... Die Religion und der Glaube an Übernatürliches insgesamt stehen dem Erwerb von Erfahrungswissen über Natur, Mensch und Gesellschaft im Wege. Dieses Wissen ist aber die notwendige Voraussetzung, um den eigentlichen Menschheitszweck zu erreichen, das Glück des Individuums und seine persönliche Selbstentfaltung."

Tatsächlich sollte man klar und deutlich sagen, was Aufklärung nicht nur im 18. Jahrhundert, sondern in jedem Jahrhundert und zu jeder Zeit, auch schon im Altertum und auch in diesem Jahrhundert und in der Gegenwart ist und in Zukunft sein sollte: Die Verbreitung von richtigen Vorstellungen von der Welt und vom Menschen und die Kritik an falschen Vorstellungen – und dies nicht nur zum Zeitvertreib, sondern in der Erkenntnis, daß falsche Vorstellungen von der Welt und vom Menschen in allen historischen Epochen, in allen bisherigen Kulturen schädliche, inhumane und oft verheerende und grauenhafte Folgen hatten und auch in Zukunft haben können.

Kommen wir auf die das "Zeitalter der Aufklärung" kennzeichnende Überzeugung zurück, daß der Mensch die Natur, deren Teil er ist, voll und ganz erkennen kann, so ist festzustellen, daß dies im 18. Jahrhundert und tatsächlich bis in die zweite Hälfte unseres Jahrhunderts keineswegs der Fall war. Selbst die Tatsache, daß der Mensch ein Teil der Natur ist, wußte man nicht, sondern konnte es nur vermuten. Im 18. Jahrhundert und bis in die zweite Hälfte unseres Jahrhunderts waren grundlegende philosophische oder philosophisch relevante Fragen über die Welt und den Menschen von den Naturwissenschaften nicht beantwortet, wie z.B.: Wie ist die Welt entstanden? Was ist Leben? Was ist Geist, was ist die Seele? Was die Naturwissenschaften in eindrucksvoller Weise erklärt hatten, waren mechanische Systeme bis hin zu den Planetenbahnen unseres Sonnensystems. Im übrigen hatte man gelernt, daß Naturphänomene wissenschaftlich erforscht werden können, und man hatte überhaupt eine Vorstellung von Wissenschaft. Das reichte – für eine verschwindend kleine Minderheit von "aufgeklärten" Menschen – , um die von den Religionen vermittelten Vorstellungen von der Welt und vom Menschen unglaubwürdig erscheinen zu lassen. Aber man konnte nicht nachweisen, daß die Welt und der Mensch tatsächlich nicht so sind, wie die Religionen und sonstiger Aberglaube behaupten, weil man nicht wußte, wie sie – bezüglich so grundlegender Fragen wie den genannten – wirklich sind.

Das wohl bemerkenswerteste Ereignis der gesamten bisherigen Kulturgeschichte ist aber, daß die Naturwissenschaften jetzt, am Ende des 20. Jahrhunderts, tatsächlich – mindestens im Prinzip und im ganz wörtlichen Sinn "im Großen und Ganzen" – verstehen, wie die Welt und der Mensch wirklich sind, d.h. eine im wesentlichen richtige und vollständige Vorstellung von der Welt und vom Menschen – als Teil der Welt – entwickelt haben. Das wird vielfach bezweifelt oder bestritten. Eine Diskussion darüber ist von großer Wichtigkeit. Aber ich bin sicher, daß ein hinreichendes und unvoreingenommenes Studium schon der allgemeinverständlichen naturwissenschaftlichen Literatur von der Richtigkeit dieser These überzeugt.

Eigentlich sollte man Begeisterung erwarten über den jetzt erreichten immensen Erkenntnisfortschritt und die Verwirklichung der Voraussetzung der Aufklärung, daß "der Mensch die Welt, deren Teil er ist, voll und ganz erkennen kann". Statt dessen breiten sich jedoch Wissenschaftsskepsis und Wissenschaftsfeindlichkeit aus. Die paradoxe kulturgeschichtliche Situation ist, daß jetzt, nachdem die Voraussetzung für eine Aufklärung wirklich gegeben ist, der Prozeß der Aufklärung stagniert. Steven Weinberg10 schreibt:

"Überall in Afrika und Asien wächst der Einfluß der finsteren Kräfte des religiösen Fanatismus, und selbst in den säkularen Staaten des Westens sind Vernunft und Toleranz nicht unangefochten. Der Historiker Hugh Trevor-Roper hat gesagt, die Ausbreitung des Geistes der Wissenschaft im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert habe in Europa schließlich zum Ende der Hexenverbrennungen geführt. Wenn wir eine vernünftige Welt haben wollen, werden wir uns vielleicht wieder auf den Einfluß der Wissenschaft verlassen müssen."

Der grundlegende Unterschied zwischen den Voraussetzungen für die Aufklärung im 18. Jahrhundert und den Voraussetzungen für eine Aufklärung, die jetzt, am Ende des 20. Jahrhunderts stattfinden könnte, wird weitgehend übersehen. Da zu allen Zeiten und bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts richtige Vorstellungen von der Welt und vom Menschen nur in völlig unzureichendem Maße vorhanden waren, war "Wahrheit", soweit sie über das empirische Alltagswissen hinausging, immer nur eine "Glaubenswahrheit" und, wie man heute sehen kann, im allgemeinen Unwahrheit. Aufklärer mußten in Menschen, die "sich im Besitz der Wahrheit glaubten", dogmatische Vertreter eines Glaubens sehen. Dem Aufklärer blieb nichts anderes übrig, als nur "kritischer Denker" zu sein, der Glaubenswahrheiten durch Logik und mit den bescheidenen Wahrheiten des empirischen Alltagswissens zu widerlegen versucht und im übrigen nur Toleranz empfehlen kann, die von den Anhängern von Glaubenswahrheiten kaum zu erwarten ist. Bis heute meinen viele "kritische Denker", sich durch Skeptizismus und Relativismus hervortun zu müssen, was völlig paradox wird, wenn sie meinen, ihre Kritik ausgerechnet gegen die Naturwissenschaften richten zu müssen. Was "kritischen Denkern" oft zu wenig bewußt zu sein scheint, ist die Tatsache, daß Denken – außer in der Mathematik und Logik – nur auf der Basis von empirischem Wissen möglich ist.

So schwer es vielen "kritischen Denkern" offenbar fällt, sich an die neue historische Realität zu gewöhnen: Es gibt – zum ersten Mal in der Geschichte – eine "Wahrheit", d.h. richtige Vorstellungen von der Welt und vom Menschen, die über das empirische Alltagswissen hinausgehen, nämlich die wissenschaftlichen, insbesondere die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse. Und es gibt eine moderne Philosophie, die das verstanden hat, nämlich eine naturalistische Philosophie wie die Philosophien von Bernulf Kanitscheider11 und Gerhard Vollmer12. Die Philosophien dieser Autoren stellen in der Tat Philosophie der Aufklärung dar. Eine moderne aufgeklärte Kultur aber wäre eine Kultur, die die naturwissenschaftlichen Vorstellungen von der Welt und vom Menschen, ein naturwissenschaftliches Welt- und Menschenbild als zentralen und integrierenden Bestandteil hat.13

Anmerkungen:

1 Siehe dazu Steven Weinberg: Dreams of a Final Theory. New York, 1993; deutsch: Der Traum von der Einheit des Universums. Bertelsmann, 1993. Kap. II und III.

2 siehe dazu:
Antonio R. Damasio: Descartes’ Error; Emotion, Reason, and the Human Brain. New York, 1994; deutsch: Descartes’ Irrtum; Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn. List Verlag, 1995.
Solomon H. Snyder: Chemie der Psyche. Spektrum Akad. Verlag, 1988.
Wolf Singer (Einf.): Gehirn und Bewußtsein. Spektrum Akad. Verlag, 1994 (Verständliche Forschung).

3 siehe dazu Bernulf Kanitscheider: Im Innern der Natur; Philosophie und moderne Physik. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1996; Kap. I: Erkenntnis als naturwissenschaftliches Problem.

4 Edward O. Wilson: Consilience. The Unity of Knowledge, New York, 1998; deutsch: Die Einheit des Wissens, Siedler, 1998.

5 siehe dazu Bernulf Kanitscheider, a.a.O.; Kap. V: Natur und Übernatur.

Steven Weinberg, a.a.O.; Kap. XI: Die Frage nach Gott.

6 Steven Weinberg, a.a.O.; S. 58.

7 Bernulf Kanitscheider: Grenzen der Erkenntnis? Naturwissenschaft und Metaphysik. In:

Information Philosophie, Dezember 1997

8 Gerhard Szczesny ( Hrsg.): Club Voltaire. Jahrbuch für kritische Aufklärung. Szczesny Verlag, 1963; Rowohlt Verlag, 1970

9 A. Hügli, P. Lübcke (Hrsg.): Philosophielexikon, Rowohlt, 1991

10 Steven Weinberg, a.a.O.; S. 268

11 Bernulf Kanitscheider: Im Innern der Natur; Philosophie und moderne Physik. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1996

12 Gerhard Vollmer: Auf der Suche nach der Ordnung; Beiträge zu einem naturalistischen Welt- und Menschenbild. Mit einem Geleitwort von Hans Albert, Hirzel Verlag, 1985

13 siehe dazu Wolf Pohl: Vorschlag für eine neue Kultur. In: Aufklärung und Kritik, 2/1997