Prof. Dr. Franz M. Wuketits (Wien, Graz)

Edward O. Wilson: Seines Lebens ganze Fülle

Eine kritische Würdigung

aus: Aufklärung und Kritik 2/1999 (S. 3 ff.)


Vorbemerkung

Der amerikanische Biologe Edward O. Wilson – international bekannter Ameisenforscher, Evolutionstheoretiker, umstrittener Soziobiologe und Kämpfer für die Erhaltung der Vielfalt der Arten – legte 1994 unter dem Titel Naturalist sein autobiographisches Werk vor. Dieses erschien nun auch in deutscher Übersetzung: Des Lebens ganze Fülle (Wilson, 1999) ist ein Buch, das ich hier zum Anlaß nehmen möchte, nicht bloß eine gewöhnliche Rezension zu schreiben, sondern einen Blick auf das Gesamtwerk seines Verfassers zu werfen, das aus dem Blickwinkel einer kritischen Aufklärung nämlich größte Beachtung verdient. Ich werde dabei allerdings nur einige mir besonders wichtig scheinende Aspekte herausgreifen.

1. Soziobiologie: Die kalte Dusche

Am 15. Februar 1978 hielt Wilson in Washington einen Vortrag anläßlich des Jahrestreffens der American Association for the Advancement of Science (AAAS), einer bedeutenden (der weltweit größten) Wissenschaftlervereinigung. Thema seines Vortrags war die Soziobiologie, jene Disziplin, die er drei Jahre zuvor in seinem gleichnamigen, gewichtigen Opus (Wilson, 1975) umfassend dargestellt und auch in den Blickpunkt einer breiteren Öffentlichkeit gerückt hatte. Bei dem Treffen war eine Gruppe von Demonstranten des International Committee Against Racism (INCAR) anwesend. Die Veranstaltung geriet bald aus den Fugen. Wilson (1999, S. 367) erinnert sich: "Unmittelbar nachdem ich angekündigt wurde, rannten etwa acht Männer und Frauen ... aus dem Publikum auf das Podium und stellten sich hinter den Rednern in einer Reihe auf. Einige hielten Transparente mit antisoziobiologischen Slogans hoch, und mindestens eines zeigte ein Hakenkreuz." Und was wenig später geschah, ist ein für eine wissenschaftliche Veranstaltung höchst bemerkenswertes und merkwürdiges Ereignis: "Während einer der Anführer der INCAR eine flammende Rede an das Publikum hielt, ergriff eine junge Frau hinter mir einen Krug mit Wasser und goß mir den Inhalt über den Kopf. Die Demonstranten skandierten: ‘Wilson, du irrst dich gewaltig’" (Wilson, 1999, S. 368). Was war geschehen? Was konnte jemanden dazu bewegen, gegen einen Wissenschaftler gewalttätig zu werden und ihn mit Wasser zu übergießen?

Die von Wilson vertretene Soziobiologie, an deren Begründung er auch maßgeblichen Anteil hatte, ist das Studium des sozialen Verhaltens der Lebewesen einschließlich des Menschen auf genetischer und evolutionsbiologischer Grundlage. (Neuere Darstellungen in deutscher Sprache sind Voland, 1993; Wuketits, 1997a.) Die kalte Dusche, die er in Washington bei der Versammlung der AAAS über sich ergehen lassen mußte, war eine Reaktion auf die kalte Dusche, die er mit "seiner" Soziobiologie vielen Sozialwissenschaftlern und Philosophen verabreicht hatte. Denn immerhin verstieg er sich dabei zu der Behauptung, daß die Sozietäten des Menschen mit ihren Moralsystemen Resultate der biologischen Evolution sind und daß die grundlegenden Antriebe des menschlichen Sozialverhaltens auf genetischer Basis erklärt werden können – womit sich die Soziologie letztlich als Teilgebiet der Biologie erweisen würde. Fürchtet man sich in der Wissenschaft (wie auch anderswo) ohnehin natürlich immer vor dem Verlust des eigenen Territoriums, so kam im Falle Wilsons und seines umfassenden Buches noch die ideologische Komponente dazu, d. h. die Unterstellung, er würde die Biologie mißbrauchen, um Diskriminierung, Rassismus usw. – altbekannte Vorwürfe gegen einige biologische Disziplinen! – zu rechtfertigen (siehe vor allem Lewontin et al. 1984).

Mittlerweile verlaufen die Diskussionen um die Soziobiologie meist recht sachlich, und die ideologischen Vorwürfe konnten zumindest teilweise aus dem Weg geräumt werden – jedenfalls in Kreisen, die sich davon überzeugen lassen, daß biologische Aussagen oder Theorien über den Menschen keineswegs notgedrungenermaßen mit einer "rechten Ideologie" einhergehen und daß der Analyse bzw. Rekonstruktion der evolutiven und genetischen Grundlagen unseres (Sozial-)Verhaltens eine wichtige Rolle auf dem Weg zu unserem eigenen Selbstverständnis beizumessen ist. Denkt man im übrigen an den Umstand, daß im Rahmen der soziobiologischen Theorienbildung Individuen und individuelles Interesse im Vordergrund stehen (und nicht die "Arterhaltung"), dann muß man schnell erkennen, daß jedenfalls für den "völkischen Gedanken" und für jede Form des Nationalismus die Soziobiologie keine geeignete Plattform abgibt. Wilson hätte sich vielleicht im vorhinein auf seine Kritiker besser vorbereiten sollen. Da er in der Soziobiologie aber keine politischen Implikationen sah, wurde er von den politisch motivierten Kritikern gänzlich überrascht.

Alle allgemeiner gehaltenen Vorwürfe, denen zufolge Wilson mit der Soziobiologie die Bedeutung der Kultur für die Evolution des Menschen mißachtet habe, gehen an der Tatsache vorbei, daß er die Spezifität und Eigendynamik von "Kultur" nie geleugnet und kulturelle Phänomene keineswegs im Sinne eines krassen Reduktionismus auf biologische Vorgänge zurückgeführt hat. Vielmehr unternahm er den Versuch, die komplexen Wechselbeziehungen zwischen der organischen und der kulturellen Evolution zu verstehen, die genetische und die kulturelle Entwicklung als einen "ko-evolutionären" Prozeß zu begreifen (vgl. Lumsden und Wilson, 1981). Ich komme später noch kurz darauf zurück.

Hat man Edward Wilson einmal persönlich gesehen und hat man mit ihm gesprochen, dann freilich würde man, wüßte man es nicht besser, kaum glauben, daß dieser höfliche, bescheiden wirkende und zurückhaltende Mensch die "Häresien" der Soziobiologie mit größter Durchschlagskraft verteidigte und diese zu einem beträchtlichen Teil sogar selbst ins Leben rief. Jedenfalls kann man sich schwer vorstellen, daß er während der besonders hitzigen Debatten um die Soziobiologie in den späten siebziger Jahren von seinen Gegnern offenbar als sehr gefährlich eingestuft wurde. Aber man muß sich dazu auch vergegenwärtigen, daß das damalige politische Klima in Harvard – Wilsons Wirkungsstätte – stark marxistisch dominiert war und Wilson selbst von Biologen-Kollegen (unter ihnen Stephen J. Gould und Richard C. Lewontin) als konterrevolutionärer Abenteurer gesehen wurde. Seine politische Naivität – "Im Jahr 1975 war ich politisch naiv: Ich wußte praktisch nichts über den Marxismus als politisches Glaubenssystem" (Wilson, 1999, S. 357) – kam ihm dabei nicht zugute. Und die Proteste gegen die Soziobiologie und seine eigene Person gingen im Raum Boston so weit, daß Wilson schon Anfang 1976 befürchtete, "sie könnten ein Ausmaß annehmen, das meine Familie und die Universität in Bedrängnis brächte" (Wilson, 1999, S. 366). Es erleichterte ihn – man muß sich das einmal vergegenwärtigen –, daß er "praktisch keine haßerfüllten Briefe und keine einzige Todesdrohung" (Wilson, 1999, S. 366) erhielt. Die kalte Dusche in Washington sollte der Höhepunkt der Haßtiraden gegen ihn werden.

2. Biophilie

Geboren 1929 in Birmingham/Alabama, aufgewachsen im Alten Süden der Vereinigten Staaten, bot Edward O[sborne] Wilson die längste Zeit wohl für niemanden einen Anlaß zu dem Glauben, daß er in der Wissenschaft – und in den Medien – dereinst so viel Staub aufwirbeln und Unruhe stiften würde. Aber das eher schmächtige Einzelkind, das auch ein wenig zum Einzelgängertum neigte, entwickelte schon früh ausgeprägte Interessen an der Natur, an Lebewesen (für große Biologen – man denke nicht zuletzt an Charles Darwin! – ein typischer Anfang). Als 1936 seine Eltern ihre Ehe beendeten, gaben sie den kleinen Ed während der Sommerferien in die Obhut einer Familie in Paradise Beach an der Ostküste von Perdido Bay in Florida. Was für einen Siebenjährigen zu einem traumatischen Ereignis werden kann, das ihm sein ganzes weiteres Leben lang nachhängt, ermöglichte Wilson unvergeßliche Erlebnisse, die den später bedeutenden Naturforscher entscheidend prägten. "Jeden Morgen nach dem Frühstück", erinnert er sich (Wilson, 1999, S. 15), "verließ ich das kleine Haus an der Küste und machte mich am Strand auf die Suche nach Schätzen. Das Wasser war gleichbleibend warm, ich watete hinein und wieder heraus, untersuchte alles, was das Meer anspülte ... Es waren die Tiere von Paradise Beach, die mich nachhaltig in ihren Bann zogen ... und jede Tierart, ob groß oder klein, war ein Wunder, das ich untersuchen mußte, über das ich nachdachte und das ich, wenn möglich, fing und erneut untersuchte." Jahrzehnte später veröffentlichte Wilson ein Buch mit dem Titel Biophilia, in dem er darzulegen versuchte, daß sich der Mensch aufgrund einer tiefen Neigung ("Biophilie") zu anderen Lebewesen hingezogen fühlt und von dem nahezu ungestillten Drang erfüllt ist, Wildnis zu erleben (Wilson 1984). Seine frühen Kindheitserinnerungen werden bei dieser These ihre Rolle gespielt haben.

Kritisch möchte ich dazu bemerken, daß die "Biophilie" bei vielen, wenn nicht den meisten Menschen auf harte Grenzen stoßt (vgl. Wuketits, 1999). Gewiß sind uns viele Tiere und Pflanzen angenehm und sympathisch, und wir umgeben uns gern mit ihnen (z. B. mit Hunden, Katzen, Goldhamstern, Kanarienvögeln, verschiedenen Zimmerpflanzen). Jedoch sind mit Klapperschlangen, Spinnen, Wanzen, Läusen, Flöhen usw. wohl nur sehr wenige Menschen "innig verbunden". Immerhin hat selbst Wilson eine – leichte – Spinnenphobie. Alle Kreaturen dieses Planeten zu umarmen fällt uns denn doch schwer. (Und in vielen Fällen, etwa bei den Klapperschlangen, sollten wir uns im Dienste unseres eigenen Überlebens auch vor einer Umarmung hüten.) Gerade der Soziobiologe muß wissen, daß es dem Menschen unmöglich ist, sich mit wirklich allen Geschöpfen zu verbrüdern.

Nun hat Wilson, der 1955 in Harvard promovierte, zahlreiche Forschungsreisen in entlegene Gebiete der Erde unternommen und ist seiner kindlichen Neugier und seinem Bedürfnis, Tiere zu sammeln und zu untersuchen, stets treu geblieben. In der Erforschung der Ameisen zählt er zu den wenigen weltweit führenden Experten. "Ich machte sie [Ameisen] zum Mittelpunkt meines Berufslebens – zum Brennpunkt eines fast manischen Interesses, und das war meines Erachtens eine kluge Entscheidung" (Wilson, 1999, S. 297). In der Tat: über das Studium der Ameisen (und anderer sozial lebender Insekten) kam Wilson zur Soziobiologie und damit zu einem der zentralen Paradigmen der modernen Biowissenschaften. Die Beschäftigung mit Soziobiologie wiederum führte ihn nicht zuletzt zu tiefgreifenden Überlegungen über den Ursprung des menschlichen Geistes, der Religion und Moral. Aber dieser "sanfte Provokateur" (Klingholz, 1998) – der in seinem Wesen Bescheidenheit und Gutmütigkeit mit einer ungeheuren Arbeitskraft und Akribie verbindet – entdeckte bald neue große Anliegen, die er mit der ihm eigenen Strenge (vor allem gegen sich selbst) verfolgt: die Erhaltung der "Biodiversität" oder biologischen Vielfalt. Sein Buch Der Wert der Vielfalt (Wilson, 1995) dokumentiert auf über 500 Seiten die Bedeutung dieses Anliegens.

In meiner Besprechung dieses Buches (Wuketits, 1997b) bemerkte ich, es sei an der Zeit, Wilson in die lange Liste der "Denker der Aufklärung" aufzunehmen. Er plädiert für die Erhaltung des Artenreichtums auf der Erde nicht aus der Sicht eines (Natur-)Romantikers, sondern aus der breiten Perspektive des Evolutionsbiologen, der um die großen, komplexen Zusammenhänge in der Biosphäre und um die Zerbrechlichkeit der Spezies Homo sapiens weiß. Sein Anliegen ist ein "humanistisches" – im guten, alten Sinne des Wortes: "Ziel einer dauerhaften ökologischen Ethik wird es sein, nicht nur die Gesundheit und Freiheit unserer Art, sondern auch den Zugang zu der Welt zu bewahren, in der der menschliche Geist entstanden ist" (Wilson 1995, S. 429). Ein sehr nobles Ziel, gewiß; bleibt nur die Frage, ob die heute in Politik und Wirtschaft Verantwortlichen an jener Welt interessiert sind, die den menschlichen Geist gebar. Wir müßten eben, würde Wilson wohl auf meine Skepsis antworten, alles versuchen, um ihr Interesse daran zu wecken ... Und er würde sich schließlich auf die biophilen Neigungen des Menschen berufen. Nein, er würde sich nicht nur darauf berufen, er drückt sich in seinem autobiographischen Werk diesbezüglich ohnehin recht deutlich aus: "Meine – drei – Kernthesen lauten: Erstens, der Mensch ist letztlich das Produkt der biologischen Evolution. Zweitens, die biologische Vielfalt ist die Wiege und das bedeutendste Naturerbe der Menschheit. Drittens, Philosophie und Religion ergeben wenig Sinn, wenn sie die ersten beiden Thesen nicht berücksichtigen" (Wilson, 1999, S. 383 f.).

Damit erweist sich Wilson als Vertreter eines "evolutionären Humanismus", wie er vor allem von Julian Huxley entwickelt worden war (vgl. Huxley, 1964).

Im übrigen hat Wilson mit seinem ausgeprägten Interesse an der Vielfalt der Arten und seinem Engagement für deren Erhaltung deutlich gemacht, daß Biologie eben nicht – einem seit langem beobachtbaren Trend gemäß – bloß Molekularbiologie sein darf; daß das systematische Studium der Biodiversität nach wie vor eines ihrer zentralen Anliegen sein muß und daß der "Naturhistoriker alter Schule" (wie er selbst einer ist) noch lange nicht ausgedient hat.

3. Die Einheit des Wissens

Wenn man seine Lebenserinnerungen liest, mag man geneigt sein, hinter seiner These von unserer Biophilie und seinem Eintreten für den Artenschutz in Wilson immer noch den kleinen Jungen von Paradise Beach auszumachen, der von allen Tieren fasziniert war. Er wäre darob gewiß nicht beleidigt. Zum einen hat er sich seine kindliche Neugier bewahrt und ist von der Organismenwelt nach wie vor so fasziniert wie damals. Fast alle Kinder hätten eine "Käfer-Phase", meint er, nur sei er der seinen nie entwachsen (Wilson, 1999). Durch welche andere Einstellung sollte auch jemand mit so großem Enthusiasmus an die Untersuchung der Artenvielfalt herangehen und sich für deren Bewahrung einsetzen?! Zum zweiten war Wilson stets bemüht, sozusagen immer größere Kreise zu ziehen, immer mehr Phänomene zu erklären. Einseitigkeit vorwerfen können ihm nur diejenigen, die sein Werk nicht kennen und um seine Ambitionen nicht wissen. Wilson tut, was er kann, und er versucht in geradezu enzyklopädischer Manier, die Zusammenhänge unserer Welt zu erfassen, um letztlich nicht weniger als Die Einheit des Wissens – so der deutsche Titel seines Buches Consilience – zu begründen (Wilson, 1998).

Consilience ist ein in der modernen englischen Sprache sehr selten verwendeter Ausdruck (und daher in Wörterbüchern kaum zu finden). Kennt man Wilson, dann drängt sich hier jedoch die Assoziation mit dem im Deutschen (allerdings auch nicht sehr häufig gebrauchten) Wort Konzilianz auf, das "Versöhnung" und "Verbindlichkeit" bedeutet (durchaus Merkmale von Wilsons Persönlichkeit!). Sein Anliegen – das er in einem über 400 Seiten starken Buch begründet – zielt schlußendlich auf eine "natürliche Einheit allen Wissens", die ihn, wie er berichtet, schon als Achtzehnjährigen zu fesseln begann (Wilson, 1998). Man darf ihm glauben. Der inzwischen Siebzigjährige schreibt: "Um die Conditio humana wirklich zu begreifen, muß man den genetischen Beitrag ebenso verstehen wie den kulturellen – aber nicht auf die klassische natur- und geisteswissenschaftliche Weise als etwas Getrenntes, sondern in Anerkennung der Realitäten der menschlichen Evolution als etwas Zusammengehöriges" (Wilson, 1998, S. 219). Also, vonwegen genetischer Determinismus!

Gewiß, wenn ein Biologe in reifen Jahren die Einheit des Wissens zu begründen versucht, dann muß er damit rechnen, daß er nicht nur Lob dafür erntet. Welche Anmaßung, so ließe sich eine ganze Reihe von kritischen Stimmen zusammenfassen, wenn ein "Ameisenforscher" (klingt doch beinahe verächtlich, nicht wahr!) sich anschickt, die hehren Gebäude der Philosophie zu betreten und die "Vernetzung des Wissens", "ganzheitliches Wissen" usw. propagiert. Aber welche Anmaßung, einen Forscher zu kritisieren, der sich über viele Jahrzehnte redlich bemüht hat, etwas von den Gesetzlichkeiten dieser Welt zu begreifen und der – in Abwandlung von Brechts Galilei gesagt – redet, weil er eben geforscht hat! Wilson ist voll beizupflichten, daß die überwiegende Mehrzahl nicht nur unserer Politiker, sondern auch Medienmacher kaum über naturwissenschaftliche Kenntnisse verfügt. (Nur in Felix Austria ist freilich einiges anders – der amtierende Bürgermeister von Wien ist promovierter Zoologe.) Daß aber gerade diese Kenntnisse unentbehrlich wären, und zwar eben auch für Leute, die behaupten, Verantwortung für andere zu übernehmen, ist nicht zu bestreiten. Insbesondere liefert uns die Biologie heute die elementaren Grundlagen für unser Selbstverständnis. Aber Wilson versucht, der enormen Bedeutung seines Faches eingedenk, einem platten Biologismus auszuweichen und ist bemüht, den Erkenntnissen anderer Disziplinen (Psychologie, Sozialwissenschaften usw.) nicht nur einfach Beachtung zu schenken, sondern sie in sein Anliegen, die Einheit des Wissens zu begründen, auch entsprechend zu integrieren. Auch hierbei wird er seiner Rolle als kritischer Aufklärer durchaus gerecht.

Wilsons Bemühen ist nicht neu, aber es spiegelt einen alten Wunsch des menschliches Geistes: sich zurechtzufinden in der Vielfalt der Phänomene dieser Welt und sie in ihren Beziehungen zueinander, in ihren komplexen Zusammenhängen zu erfassen. Dieses vornehme Bemühen ist in unserem Zeitalter der Spezialisierung vielerorts natürlich längst aufgegeben worden. Wenn einer dieses Wagnis auf sich nimmt, dann gebührt ihm auf jeden Fall Beachtung. Sicher kann man Wilson in vielen Details kritisieren – allwissend zu sein hat er nie vorgegaukelt. Aber er handelt getreu dem Motto von Erwin Schrödinger: "Wenn wir unser wahres Ziel nicht für immer aufgeben wollen, dann dürfte es nur den einen Ausweg aus dem Dilemma geben: daß einige von uns sich an die Zusammenschau von Tatsachen und Theorien wagen, auch wenn ihr Wissen teilweise aus zweiter Hand stammt und unvollständig ist – und sie Gefahr laufen, sich lächerlich zu machen" (Schrödinger, 1951, S. 8).

Kein Wissenschaftler hat die Absicht, sich lächerlich zu machen – soviel steht fest. Aber kann es denn lächerlich sein, eine Synthese des Wissens anzustreben?!

Literatur:

Huxley, J.: Die Grundgedanken des evolutionären Humanismus. In: Huxley, J. (Hrsg.) Der evolutionäre Humanismus. Zehn Essays über die Leitgedanken und Probleme. München 1964, S. 13-69.

Klingholz, R.: Edward O. Wilson. Der sanfte Provokateur. GEO 10/1998, S. 90-96.

Lewontin, R. C., Rose, S., Kamin, L. J.: Not in Our Genes. Biology, Ideology, and Human Nature. New York 1984.

Lumsden, Ch., Wilson, E. O.: Genes, Mind and Culture. The Coevolutionary Process. Cambridge/Mass., London 1981.

Schrödinger, E.: Was ist Leben? Die lebende Zelle mit den Augen des Physikers betrachtet. (2. Aufl.) Bern 1951.

Voland, E.: Grundriß der Soziobiologie. Stuttgart/Jena 1993.

Wilson, E. O.: Sociobiology: The New Synthesis. Cambridge/Mass., London 1975.

Wilson, E. O.: Biophilia. The Human Bond With Other Species. Cambridge/Mass., London 1984.

Wilson, E. O.: Der Wert der Vielfalt. Die Bedrohung des Artenreichtums und das Überleben des Menschen. München/Zürich 1995.

Wilson, E. O.: Die Einheit des Wissens. Berlin 1998.

Wilson, E. O.: Des Lebens ganze Fülle. Eine Liebeserklärung an die Wunder der Natur. München 1999.

Wuketits, F. M.: Soziobiologie. Die Macht der Gene und die Evolution sozialen Verhaltens. Heidelberg/Berlin/Oxford 1997a.

Wuketits, F. M.: Rezension von E. O. Wilson "Der Wert der Vielfalt". Aufklärung und Kritik 4 (1), 1997b, S. 154.

Wuketits, F. M.: Die Selbstzerstörung der Natur. Evolution und die Abgründe des Lebens. Düsseldorf 1999.

Franz M. Wuketits lehrt an den Universitäten Wien und Graz Wissenschaftstheorie und Philosophie der Biologie. Autor zahlreicher Bücher. Zuletzt: "Naturkatastrophe Mensch" (Düsseldorf 1998), "Eine kurze Kulturgeschichte der Biologie" (Darmstadt 1998), "Die Selbstzerstörung der Natur" (Düsseldorf 1999), "Warum uns das Böse fasziniert" (Stuttgart 1999).