Dr. Dr. Joachim Kahl (Marburg)

Kriminalinspektor Derrick –

eine telegene Verkörperung des Gentleman-Ideals

Philosophische Anmerkungen zum Menschenbild
und Gesellschaftsverständnis einer Fernseh-Serie

aus: Aufklärung und Kritik 1/1999 (S. 145 ff.)


Gliederung

1. Gründe für den weltweiten Erfolg der Derrick-Figur.

2. In jedem Menschen steckt ein gewalttätiges, ja tötungsbereites Potential, das in einer geeigneten Situation zum Ausbruch kommen kann.

3. Der demokratische Rechtsstaat beansprucht aus diesem Grunde das Gewaltmonopol, um Gesetz und Ordnung zu schützen, ohne die Menschen nicht friedlich zusammenleben können.

4. Oberinspektor Derrick repräsentiert den demokratischen Rechtsstaat mit Autorität und Feingefühl – eine telegene Verkörperung des Gentleman-Ideals.

5. Individuelle Persönlichkeitsmerkmale Derricks.

6. Tatgeständnis und Schuldbekenntnis als dramaturgische Höhepunkte, in der Regel herbeigeführt durch Derricks sokratische Form der Gesprächsführung.

1. Gründe für den weltweiten Erfolg der Derrick-Figur

In über hundert Ländern wird die ZDF-Serie ‚Derrick‘ ausgestrahlt. Millionen Deutsche und Ausländer sehen die Serie mit Begeisterung (Beginn 1973, Ende 1998 nach 281 Folgen, auf Wunsch des Hauptdarstellers Horst Tappert, der dann 75 Jahre alt ist, obwohl er relativ alterslos aussieht.)

Die Zuschaueranalyse für Deutschland hat ergeben: mehr Frauen als Männer lieben Derrick; überwiegend ältere Jahrgänge, über Fünfzigjährige.

Dieser ungewöhnliche Erfolg hat viele Aspekte. Ich möchte die zwei Kernelemente herausgreifen: die Drehbücher von Herbert Reinecker sowie die schauspielerische Leistung von Horst Tappert. Dabei konzentriere ich mich auf die Inhalte der Drehbücher, deren Menschenbild von Stefan Derrick verkörpert wird.

In auffälligem Kontrast zu brutalen Action-Krimis wird keine vordergründige Spannung erzeugt durch Autojagden mit quietschenden Reifen, Schießereien, hektischen Gewaltszenen. Diesem Verzicht auf rohe Gewalthandlungen entspricht auf der sprachlichen Ebene die Absage an Zynismen und Zoten. Eine hämische Bloßstellung menschlicher Schwächen und Fehler ist der Serie fremd.

Stattdessen lebt sie formal von langsamen (nicht langweiligen), besinnlichen Szenenfolgen mit stark dialogischer Struktur. Inhaltlich korrespondiert damit ein Gesellschafts- und Menschenverständnis, das orientiert ist an den elementaren Werten jeglichen Zusammenlebens, wie: Fairneß, gesunder Menschenverstand, Ehrlichkeit, Geradlinigkeit, Höflichkeit, Pflichtgefühl.

Dabei verkörpert Oberinspektor Derrick das gesellschaftliche und staatliche Ziel, diesen Verhaltensweisen einen schützenden Rahmen von Recht und Ordnung zu geben. Dadurch wird er zum unverwechselbaren Sympathieträger mit hohem Wiedererkennungswert. Er ist Anwalt eines individuellen und staatlichen Handelns, das an der Menschenwürde von Täter und Opfer orientiert ist.

Die Filmserie zeigt ein breites Panorama zeitgenössischer Verirrungen und Verbrechen, wie sie prinzipiell überall vorkommen können. Für das Ausland ergibt sich ein aufschlußreicher Einblick in die gesellschaftlichen Verhältnisse der Bundesrepublik Deutschland im vergangenen Vierteljahrhundert. Derrick wird dabei als der ‚gute Deutsche‘ wahrgenommen und verehrt.

Wie werden die Probleme dargestellt und die Fälle gelöst? Nicht missionarisch-penetrant, eher fragend-skeptisch, stets konstruktiv.

Die Szenenfolgen und Dialoge psychologisieren und moralisieren, sie verzichten auf’s Politisieren. Insofern bleibt eine bestimmte Realitätsebene ausgespart. Anklagende Gesellschaftskritik, die sich auf die politisch-ökonomische Grundstruktur der BRD bezöge, findet nicht statt.

Ein wiederkehrendes Leitmotiv ist die Frage nach Wahrheit und Lüge, Lüge nicht verstanden im einfachen Sinn des Vertuschens einer Tat, sondern verstanden als Lebenslüge, als Verleugnung und Verdrängung unangenehmer Elemente der Wirklichkeit.

Die Kernbotschaft jedes Films lautet: ein Verbrechen, ein Mord löst keine Probleme, sondern schafft neue Probleme, die noch schwieriger oder gar nicht zu lösen sind.

2. In jedem Menschen steckt ein gewalttätiges Potential

Die Filmserie vertritt weder ein naiv optimistisches noch ein düster pessimistisches Menschenbild, sondern ein komplexes, erfahrungsgesättigtes Menschenbild, das alle unsere Möglichkeiten ausleuchtet: die guten und die bösen.

In jedem von uns lauern Abgründe, in jeder von uns schlummert ein unabschaffbares Gewalt- und Zerstörungspotential, das freilich einen Auslösemechanismus, eine Kulisse, innere und äußere Bedingungen braucht. Unmerklich können gutbürgerliche Verhältnisse ein Verbrechen ausbrüten. Unter der Decke der Normalität kann das Grauen hervorbrechen.

Nur scheinbar zeugen die vornehmen Kulissen von einer ‚heilen Welt‘, die der Serie wiederholt vorgehalten wurde. Zwar ist die Filmhandlung meist, nicht immer in Münchener Villenvierteln angesiedelt. Aber damit wird nur die Einsicht vermittelt: Gut und Geld garantieren nicht Güte und Geltung. Die selbstgespielte Klaviersonate und der eigene Flügel bewahren nicht vor Mordgelüsten und deren Ausführung.

Zerrüttete Familienverhältnisse, gestörte Eltern-Kind-Beziehungen, namentlich der frühe Verlust der väterlichen Autorität werfen auch im gehobenen Mittel- und Oberschicht-Milieu Menschen aus der Bahn, lassen sie ihre Grenzen überschreiten und schließlich ein Verbrechen begehen.

Dünn ist das zivilisatorische Eis, auf dem wir dahingleiten. Glücklich der Mensch, der nicht dabei taumelt. Wir leben in einer ‚Menschen-Mörder-Welt‘, wie der Serienautor Herbert Reinecker es formuliert hat (Das große Derrick-Buch, 15).

3. Der demokratische Rechtsstaat,

eine Errungenschaft der europäischen Zivilisation, bewahrt die Menschen voreinander und hält ihre Aggressionsgelüste im Zaum. Deshalb gebührt ihm das Gewaltmonopol. Ohne eine staatlich geschützte Ordnung können Menschen nicht friedlich zusammenleben. Die Gesellschaft ist in Gefahr, wenn ihre Mitglieder ihre Grenzen nicht achten und den Respekt vor dem Lebens- und Eigentumsrecht der anderen verlieren. Deshalb sind eine effektive Kriminalpolizei und eine unparteiische Justiz notwendig.

‚Derrick‘ verwandelt ‚Gesetz und Ordnung‘ aus einer Ideologie des Obrigkeitsstaates in ein Strukturprinzip des demokratischen Rechtsstaates.

4. Oberinspektor Derrick

vertritt den demokratische Rechtsstaat, dem er als loyaler und disziplinierter Beamter dient. Er erfüllt seine Aufgabe mit Autorität, Kompetenz und Feingefühl – eine zeitgenössische Verkörperung des Gentleman-Ideals. Er verabscheut Mord, verfolgt mit aller Strenge den Mörder und fühlt mit dem Opfer. Für beide, Täter und Opfer, bringt er Verständnis auf.

Das Gewaltmonopol des Staates nimmt Derrick möglichst gewaltfrei, stets gewaltarm wahr. Seine Dienstwaffe, eine kleinformatige ‚Smith and Wesson‘, wird nur selten gezückt, noch seltener abgedrückt.

5. Individuelle Persönlichkeitsmerkmale Derricks

Obwohl Verkörperung eines Idealbildes, trägt Derrick die realistischen Züge einer lebensvollen Individualität. Von stattlicher Statur, hat er ein männlich-markantes Aussehen, verbunden freilich mit einer gewissen Alterslosigkeit und Biederheit. Er zeigt zupackende Stärke, ohne mit Macho-Allüren zu kokettieren oder einem draufgängerischen Muskelmann nachzueifern.

Stets trägt er gepflegte Kleidung und tritt doch nicht als Modenarr hervor. Er raucht nicht, trinkt wenig Alkohol. Seine Eßmanieren sind unauffällig.

Entscheidend ist, daß er bei aller Zurücknahme seiner selbst Gefühl und Leidenschaft erkennen läßt. Seine Abscheu vor Mord, sein Pathos für Recht und Ordnung beeindrucken Täter und Opfer.

Derrick wirkt als starker Beschützer, der keine Frau an seiner Seite hat, so daß sich alle an ihn wenden können, wenn sie Hilfe brauchen. Er strahlt Ruhe aus und vermittelt ein Gefühl der Geborgenheit. Gerade weil er nicht arrogant auftrumpft, gebietet er Respekt, denn er räumt Fehler, Irrtümer, Mißerfolge, Scheitern auf seiner Seite ein.

6. Derricks kriminalistische Hauptmethode ist der Dialog

Das kürzere, technische Gespräch führt er mit seinem Assistenten Harry Klein. Das längere nachspürende Gespräch führt er mit Tätern und Zeugen.

Derrick ist kein Maulheld. Er hört zu, schweigt und beobachtet. Seine Sätze sind kurz und knapp. Eine gesunde Scheu vor falschem Tiefsinn hat sogar zur Wiederholung trivialer Sentenzen geführt, die schon öfter parodistisch ausgeschlachtet worden sind.

Zwei dialogisch aufgebaute Prozesse der Wahrheitsfindung lösen einander ab und durchdringen sich:

– Im Gespräch mit Harry Klein wird schrittweise die Erkenntnis gefördert, wer der Täter war und weshalb er gehandelt hat. Dabei können die entscheidenden Ideen durchaus vom Assistenten Harry stammen.

– Im Gespräch mit dem Täter oder der Täterin zielt Derrick stets darauf ab, ein Geständnis der Tat und ein Bekenntnis der Schuld herbeizuführen. Dieses Ziel fördert er durch eine geschickte, ja trickreiche Wahl der Örtlichkeiten und Gesprächsteilnehmer.

Dies nenne ich die kriminalistische Variante des sokratischen Dialogs. Sokrates hatte – in Anlehnung an den Beruf seiner Mutter, die Geburtshelferin war – seine Form der Gesprächsführung als ‚geistige Hebammenkunst‘ (Mäeutik) bezeichnet. Damit ist gemeint, daß der Gesprächspartner durch geschicktes Fragen und Argumentieren dazu geführt werden soll, aus sich selbst heraus die richtige Einsicht zu gebären, die Wahrheit herauszulassen.

Das nicht erzwungene oder abgepreßte Geständnis ist das kriminalistische Ideal Derricks. Es setzt freilich voraus, daß in der Täterpersönlichkeit ein Restbestand von Gewissen und Anstand erhalten geblieben ist.

Schlußurteil

In einer Fernsehserie, die sich über 25 Jahre erstreckt, sind manche stereotype Wiederholungen, Flachheiten, unterschiedliche Realisierungsniveaus unvermeidlich. Insgesamt aber gilt: Derrick ist ein gelungenes Beispiel für die Synthese aus sozialethischem Anspruch und spannender Unterhaltung.


Im Internet finden Sie die Homepage von Joachim Kahl unter www.kahl-marburg.de


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