Dr. Dr. Joachim Kahl (Marburg)

Faszination Titanic. Philosophische Anmerkungen
zu einem Jahrhundertmythos

aus: Aufklärung und Kritik 1/1999 (S. 135 ff.)



Einleitung: Problemaspekte und Analyse-Ebenen

Der Untergang der Titanic (1912) war kein Weltuntergang, die Welt kann nicht untergehen. Der Untergang der Titanic war der Untergang eines verbreiteten Technik- und Fortschrittsglaubens.

Ein ordinärer Eisberg, von dem nur die sprichwörtliche Spitze zu sehen war, schlitzte unter Wasser die genietete Stahlhaut eines Schiffes auf, das zu Recht als Spitzenprodukt britischer Ingenieurskunst gefeiert wurde.

Nicht nur das Schiff erhielt einen tödlichen Riß, sondern ein technokratischer Machbarkeitswahn. Das sichere Lebensgefühl einer ganzen Epoche wurde erschüttert. Der eiskalte Sieg des Ozeans war ein Sieg der Natur über den Menschen – gemäß den stummen Gesetzen der Physik, gemäß dem unerbittlichen Wirken der Schwerkraft.

Der gefräßige Ozean hat seine Opfer verspeist im übertragenen und im wörtlichen Sinn. Das Schiff wurde zum stählernen Sarkophag (Fleischfresser). Die marinen Mikroorganismen haben längst alle menschlichen Leichen verzehrt. Jahrzehntelang rostete das Wrack vor sich hin, bis Mitte der achtziger Jahre endlich eine Technik herangereift war, es auf dem Meeresboden zu orten, es zu fotografieren, es auszuschlachten: mit Hilfe modernster Tauchfahrzeuge und Greifroboter.

Die Suche nach der Titanic, die bald nach ihrem Untergang einsetzte, ist nicht nur das Hinabtauchen in die Tiefen des Nordatlantik. Es ist auch ein Hinabtauchen in die Tiefen unserer Seele, in unsere eigene individuelle und kollektive Geschichte.

Denn tief unten in unserem Innersten wissen wir – belehrt durch alltägliche Erfahrungen – von den Grenzen des menschlichen Handelns. Wir wissen, daß alles von Menschenhand Gemachte, alles von Menschengeist Ersonnene mit dem Makel der Fehlbarkeit ausgestattet, mit dem Mal der Verwundbarkeit behaftet ist.

Insofern erzählt der Mythos vom Untergang der Titanic nichts, was wir nicht auch ohne ihn wissen könnten. Er ist keine Enthüllungsgeschichte, er teilt nichts wirklich Überraschendes mit. Er bekräftigt, er bestätigt die Erfahrungen von Jahrtausenden Menschheitsgeschichte, daß die Natur stärker ist als der Mensch, daß sie uns Grenzen setzt, die unübersteigbar sind.

Ein Schiff – gepriesen als die unsinkbare Königin der Meere – bricht auf nach New York, und plötzlich kommt ein dunkler Eisklumpen dazwischen, der das Schiff wie eine Konservendose sechsmal aufschlitzt. Aus. Schluß. Ende der Jungfernfahrt. Die vier Milliardäre, die an Bord sind, ertrinken ebenso wie Hunderte Arbeitsmigranten, damals Auswanderer genannt.

Der allgemeine Inhalt des Titanic-Mythos ist zivilisationskritisch und religionskritisch. Weder menschliche Kompetenz noch göttliche Vorsehung haben die Gleichgültigkeit der Natur gegenüber menschlichem Wohlergehen gebändigt. Menschliches Leben behält immer auch Widerfahrnischarakter – unbeschadet aller Planungsbemühungen und -erfolge.

Mit diesem allgemeinen Inhalt ist aber die Faszination des Mythos Titanic noch nicht erfaßt. Er steht zugleich am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts als dessen Gründungs- und Orientierungsmythos. Zum Geschichtsbild des zwanzigsten Jahrhunderts gehört nicht nur als dessen eigentlicher Beginn der Erste Weltkrieg (1914-1918), sondern auch als mythisches Warnbild, als Vorzeichen, als Menetekel, am Vorabend des Weltkrieges der Untergang der Titanic.

In außerordentlicher ikonischer Verdichtung auf das Drama eines Schiffes steht am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts ein Mythos von Größenwahn und Untergang, freilich auch von der Rettung einiger. Dieser Gründungsmythos des zwanzigsten Jahrhunderts schlägt Leitmotive an, die die späteren Jahrzehnte erfüllt haben. Seither gehört die Geschichte vom Untergang der Titanic zum Gedächtnis der Völker und Individuen, die die archetypische Bedeutung des Geschehens in Büchern und Filmen, in Clubs und Ausstellungen festhalten.

1. Namen von Schiffen, Orten, Personen und Jahreszahlen, die zu Sinnbildern geworden sind

Immer wieder verdichten sich Namen von Schiffen, Ortschaften, Personen, auch Jahreszahlen zu Chiffren, Symbolen, Sinnbildern, weil in ihnen ein charakteristisches Ereignis kristallisiert ist.

Denken wir beispielsweise am Pompeji, an Waterloo, an Hiroshima, an Tschernobyl. Bei diesen Namen stellen sich Assoziationen von Katastrophen, Niederlagen, Verbrechen von regionaler oder globaler Bedeutung ein. Die Havarie der Titanic eröffnete den Reigen der Technikunfälle des Jahrhunderts. Bei Jahreszahlen könnten 1789, 1945, 1968, 1989/90 aufgezählt werden, und bei den meisten würden dieselben Erinnerungen wachgerufen.

Ein besonders wichtiges Ereignis in unserem Zusammenhang war das Erdbeben von Lissabon am 1. November 1755, das den Fortschritts- und Vorsehungsglauben der europäischen Aufklärung nachhaltig erschütterte. Es hat die gleiche Bedeutung als historische Zäsur für das 18. Jahrhundert wie das Titanic-Desaster für das 20. Jahrhundert. Es gab den Anstoß für die leidenschaftlichen Theodizeedebatten jener Zeit ("Wie kann Gott das zulassen?"). Johann Wolfgang von Goethe berichtet in "Dichtung und Wahrheit", wie er bereits als Kind im fernen Frankfurt am Main davon erfuhr.

Wofür steht der Schiffsname Titanic? Wodurch ist er zu einem Jahrhundertmythos geworden? Weshalb wurde die Titanic zum bekanntesten Schiff der Seefahrtsgeschichte?

Seefahrtshistoriker schätzen, daß in den vergangenen zweitausend Jahren einige hunderttausend Schiffe untergegangen sind, sang- und klanglos in den Tiefen der Meere versunken. Auch tödliche Kollisionen mit Eisbergen waren nicht selten. Der Meeresboden ist übersät mit Wrackresten, aber kein Schiff hat solche Macht über die Phantasie der Menschen gewonnen wie der extravagante Luxusdampfer Titanic. Kein anderes Schiff hat je die Aura der Titanic erlangt: weder die "Santa Maria" des Kolumbus noch die "Mayflower" der nordamerikanischen Pilgerväter noch die "Fram" des Fridtjof Nansen, um einige zu erwähnen.

Von Beginn an übt die Titanic eine Dauerfaszination aus. Ihr Untergang hat unser Epochenbewußtsein geprägt. Davon zeugen Titanic-Bücher, Titanic-Filme, Titanic-Gesellschaften, Titanic-Zeitschriften, Titanic-Ausstellungen, Titanic-Seiten im Internet, Titanomaniacs, die jedes Detail kennen.

Seit das Wrack in der Mitte der achtziger Jahre geortet und gefilmt wurde, hat sich die Aufmerksamkeit noch erheblich gesteigert. Mit dem grandiosen Film von James Cameron 1998 ergriff Rührung Millionen Menschen rund um den Erdball. Es war nicht nur die Liebesgeschichte, die Rührung erzeugte. Mit dem ergreifenden Schicksal zweier junger Menschen wurde die Einsicht vermittelt, daß ein mittelgroßer Eisklumpen die geballte Macht menschlichen Wissens und Könnens versenken kann. Alle falschen Sicherheits-, Geborgenheits- und Fortschrittsideen wurden empirisch widerlegt.

Ein Vergleich mit dem zweitbekanntesten Schiff macht den weltanschaulichen Kernaspekt deutlich. Das zweitbekannteste Schiff ist die Arche Noah aus der biblischen Sintflutsage. Die Arche Noah war das Rettungsboot der von Gott Erwählten, die nicht ertrinken sollten, weshalb sich die christliche Kirche stets als die "neue Arche" verstand, die Heilsgewißheit vermittle.

Das Schicksal der Titanic macht den inzwischen eingesetzten Transzendenzverlust deutlich. Weder hat der Zorn Gottes die Katastrophe im Nordatlantik verursacht noch hat die Barmherzigkeit Gottes irgendein Lebewesen auf der Titanic vor dem nassen Tod bewahrt. Im Alten Testament dagegen waren es der Zorn Gottes, der die große Flut schickte, und die Gnade Gottes, die die wenigen Erwählten in der Arche davor bewahrte. Der Untergang der Titanic lehrt: Es ist sinnlos, auf irgendeine göttliche Hilfe zu hoffen. Milliardäre und arme Schlucker sind gleichermaßen ertrunken. Wenn überhaupt etwas hilft, hilft in Seenot organisierte menschliche Selbsthilfe.

2. Schiffahrt und Schiffbruch – Schatzkammer für Daseinsmetaphern und Existenzdeutungen

Der Mensch ist ein Landbewohner, aber die entscheidenden Daseinsmetaphern und Existenzdeutungen sind von der Seefahrt hergeleitet. (Dies hat Hans Blumenberg in seiner Studie "Schiffbruch mit Zuschauer. Paradigma einer Daseinsmetapher" in der Bibliothek Suhrkamp aufgezeigt.) Bis in die gehobene Umgangssprache hinein wird dies deutlich: Wir brechen zu neuen Ufern auf, wir laufen einen sicheren Hafen an, wir sind reif für die Insel, wir sind den Stürmen des Lebens ausgesetzt. Manchmal muß das Ruder herumgerissen werden. Einige warten auf den großen Steuermann. Andere bedauern, daß der Lotse, der das Staatsschiff gelenkt hatte, von Bord geht. Wir sprechen vom Leuchtturm, vom Stranden und vom Strandgut des Lebens. Manche sind ein Wrack. In vieler Hinsicht sitzen wir alle in einem Boot.

Das Schiff ist ein komplexes Sinnbild des menschliches Lebens. Je nach den Umständen kann es ein Traumschiff oder ein Narrenschiff, ein Luxusschiff oder ein Sklavenschiff, ein Geisterschiff sein. Selbst das Zeitalter des Fliegens kennt Luftschiffe, und die bemannte Raumfahrt hat uns den Blick auf unseren Planeten als Raumschiff Erde geöffnet.

Im Kern läuft die Metaphorik darauf hinaus, das Schiff als einen schwimmenden Mikrokosmos der menschlichen Gesellschaft, als einen Querschnitt menschlichen Lebens zu erkennen. Es ist ein gedrängter Schauplatz von sozialen Konflikten und privaten Schicksalen aller Art.

Besser als jeder Omnibus, jeder Eisenbahnzug, jedes Flugzeug eignet sich ein Schiff als Schaubühne für die menschliche Tragikomödie. Das schwimmende Hotel der Titanic bot eine grandiose Kulisse für das gesellschaftliche Gefüge vor dem Ersten Weltkrieg. Es versammelte die Reichen und Neureichen, die Armen und die Verarmten.

Was macht das Meer so symbolträchtig? Es ist schöpferisch und zerstörerisch zugleich, einerseits lebensspendend und völkerverbindend, andererseits unbezwingbar und alles verschlingend. Dieses Doppelgesicht teilt das Meer mit der Natur insgesamt und ihren einzelnen Elementen, in denen sich gegensätzliche Eigenschaften verschränken.

Das Meer konfrontiert uns Menschen mit unserer Kleinheit, Verlassenheit, Ohnmacht. Wir erleben es als erhaben und elementar, weil es so mächtig und groß, ja übermächtig und übergroß erscheint und ist.

Die Tiefe des Meeres und seine Wellenbewegungen wurden schon früh als Gleichnis der menschlichen Seele, des menschlichen Gemüts herangezogen. Epikur bezeichnete die von ihm erstrebte Seelenverfassung der inneren Ruhe als die "Meeresstille des Gemütes".

In der Tiefe der Seele von Millionen Menschen ruht heute der Mythos der Titanic als Erfahrung von Größenwahn und Scheitern. In der Tiefe der Seele ruht der Mythos Titanic, in der Tiefe der See ruht die Titanic selbst. Aus beiden Tiefen wird immer wieder etwas hervorgeholt. Dieses Hervorholen gehört zur Geschichte eines Mythos als dessen Rezeptionsgeschichte in Literatur, Malerei, Film, Musik notwendig dazu.

Schiffahrt und Schiffbruch

Die Schiffahrt ist Inbegriff des Wagens und Suchens, des Forschens und Entdeckens, des Aufbruchs. Sie steht für menschlichen Unternehmensgeist, Unternehmensdrang: neue Ufer, neue Länder, neue Menschen, neue Güter sollen entdeckt werden. Schiffahrt steht für Ehrgeiz, Wagemut, Fortschritt, für den konstitutiven Abenteuercharakter der menschlichen Existenz. Schiffahrt ist – symbolisch – Menschheitsfahrt.

Schiffbruch ist die stets gegenwärtige Möglichkeit der Schiffahrt, die stets gegebene Gefahr des Scheiterns, des Versinkens und Versandens. Schiffbruch verkörpert die objektive Ungarantiertheit des Gelingens, die unaufhebbare Risikobehaftung der menschlichen Existenz.

Wie der Untergang der Titanic zeigt, darf dieses Element jedoch nicht fatalistisch, nicht pessimistisch überbetont werden. Auch bei Schiffbruch sind Hilfe und Rettung möglich. Bei der Titanic-Katastrophe ertranken anderthalb Tausend, gerettet wurden siebenhundert Menschen: zuerst in Booten, dann aufgenommen von der Carpathia.

Zusammenfassend läßt sich sagen: der Kampf mit dem Meer ist ein Sinnbild für den menschlichen Lebenskampf in seiner Härte. Ernest Hemingways Roman "Der alte Mann und das Meer" erzählt vom heroischen Kampf eines einzelnen Mannes. Der Mythos von der Titanic erzählt vom unheroischen Untergang eines schwimmenden Hotels.

3. Das Schiff Titanic – mythischer Glanz des Namens und materieller Glanz der Ausstattung

Die programmatische Namensgebung durch die Reederei zeugt von Halbbildung, einer verräterischen Grundlage von Verblendung. Wer waren die Titanen?

Die Titanen waren, so erzählt es die griechische Sage, kraftstrotzende Riesen, die sich gegen ihre altersschwachen Eltern, die Urgötter Gaia und Uranos (Erde und Himmel) auflehnten. Zur Strafe für diese Rebellion wurden sie von den olympischen Göttern – unter Anführung von Göttervater Zeus – in den Tartarus, den finsteren Strafort im Erdinneren, geworfen.

Dem titanischen Aufbegehren folgte also der "Titanensturz", von Peter Paul Rubens in einem Monumentalgemälde dargestellt. Dieser Titanensturz war den Namensgebern in der Reederei offenbar unbekannt. Dort wurde unter titanisch nur aufstrebend, faustisch, prometheisch, himmelsstürmend verstanden.

Historisch, das heißt, mythologisch korrekt, ist Titanentum jedoch bestrafte Hybris, bestrafter Elternmord, gescheitertes Aufbegehren. Die Menschheit selbst ist titanischen Ursprungs. Denn Prometheus, der die Menschen aus Lehm formte, war ein Abkömmling des Titanengeschlechts, ein Titanide. Insofern läßt sich der Schiffsname auch als "Die Menschheitliche" übersetzen.

Der mythische Glanz des Namens wurde unterfüttert durch den materiellen Glanz der Ausstattung, die Eleganz und Sicherheit in sich vereinen sollte.

Die Titanic verfügte über technische Besonderheiten wie einen doppelten Boden unten und zentimeterdicke Stahlplatten an den Seitenwänden. Die Aura der Unsinkbarkeit erhielt sie vollends durch neueste elektrische Netze und neueste Funkgeräte. Die Inneneinrichtung entsprach der eines Luxushotels. Selbst das Zwischendeck für die Masse der Auswanderer war komfortabler ausgestattet als bei den anderen Reedereien, die die Nordatlantik-Route bedienten.

Auf der Jungfernfahrt war der Geldadel zweier Kontinente versammelt. Nachdem die "Königin der Meere" gesunken war, schloß die New Yorker Börse für eine Woche, weil die wichtigsten Wirtschaftskapitäne und Finanzmagnaten ertrunken waren.

Der mythische Glanz des Namens und der materielle Glanz der Schiffsausstattung wurden nur noch überboten durch den ebenso schaurigen wie zauberischen Glanz jener eisigen Aprilnacht des Jahres 1912 im Nordatlantik auf der Höhe von Neufundland: Hunderte von Menschen kämpften verzweifelt um ihr Leben, den bestirnten Himmel über sich und den naßkalten Tod unter sich.

4. Gesellschaftliche und kulturelle Bedingungen für Entstehung und Aufnahme des Titanic-Mythos

Zwei einander entgegengesetzte gesellschaftlich-kulturelle Umstände sind die Entstehungsbedingungen für den Titanic-Mythos:

- ein aufschäumender, gründerzeitlicher Fortschritts- und Technikglaube, geboren aus britischer Ingenieurskunst und Kapitalausstattung,

- endzeitliche Stimmungen, Untergangsahnungen, Fin-de-siècle-Düsterheiten, Zukunftsängste aller Art.

Im Titanic-Mythos verbinden sich spezifisch britische und allgemeinmenschliche Züge. Schon lange hatte die britische Marine einen Weltherrschaftsanspruch erhoben:

"Rule, Britannia, rule the waves,
Britons never will be slaves."

So lauten zwei Verszeilen, denen die Rolle einer inoffiziellen Nationalhymne zugewachsen war, gedichtet 1740 von James Thomson.

Als Weltmacht des 19. Jahrhunderts setzte England seinen nationalen Ehrgeiz daran, die Nordatlantikstrecke zu beherrschen, auf der jährlich eine Million Auswanderer transportiert wurden. Im innerbritischen Konkurrenzkampf der Dampfschiffahrtsgesellschaften wurde die Cunard Line von der White Star Line besiegt, die mit der Titanic und ihren Schwesterschiffen Olympic und Gigantic auftrumpfte. Ein gewaltiges Finanzkonglomerat aus Stahl-, Werft- und Seefahrtsinteressen stand dahinter.

Für die Jungfernfahrt der Titanic wurde Kapitän John Smith engagiert, zu jener Zeit der höchstbezahlte Fahrensmann, zu Hause auf allen Weltmeeren. Mit dem nautischen Schneid eines alten Haudegens, der die letzte Fahrt vor seiner Pensionierung absolvierte, mißachtete er souverän alle fünf Eiswarnungen, die der Titanic zugefunkt wurden. Der Glaube an unsinkbare Schiffe und an die endgültige Zähmung des Meeres hatte in ihm seinen tragischen Vollstrecker gefunden.

Insofern beflügelte der reale Ablauf der Ereignisse die andere Komponente, die zur Herausbildung des Titanic-Mythos führte: endzeitliche Verlustängste, Untergangsahnungen, Katastrophenfurcht aller Art, sei es in religiöser, sei es in nichtreligiöser Gestalt. Warner und Seher diagnostizierten in den Jahrzehnten vor und nach der Jahrhundertwende eine "Menschheitsdämmerung". Einige besondere charakteristische kulturelle Zeugnisse seien erwähnt.

Edvard Munchs Bild "Der Schrei" (1893 und 1895 als Gemälde und als Graphik) verdichtete jene richtungslose Weltangst, die sich dann vielfältig bestätigt fand. Sigmund Freud entwickelte seine Lehre vom menschlichen Aggressions- und Todestrieb.

Das verblüffendste Dokument prophetischer Ahnungen ist der Text eines britischen Autors, Morgan Robertson, eines pensionierten Schiffsoffiziers. 1898 veröffentlichte er einen Roman mit dem Titel "Futility or the Wreck of the Titan" (Sinnlosigkeit oder das Wrack des Titan), in dem er die Kollision eben dieses – angeblich unsinkbaren – Passagierschiffes "Titan" mit einem Eisberg erzählt! Vierzehn Jahre später wurde aus der Fiktion Realität! (Heute ist der Roman als Heyne-Taschenbuch unter dem Titel "Titan" auf deutsch erhältlich.)

Der Untergang der Titanic am Vorabend des Ersten Weltkrieges war der Auftakt zu einer Kette von Technikunfällen und politisch-militärischen Katastrophen, die das zwanzigste Jahrhundert prägten. 1912 läutete das inhaltliche Ende des neunzehnten Jahrhunderts als einer relativ stabilen und friedlichen Epoche ein.

5. Was ist das Mythische am Titanic-Mythos?

Angelehnt an Hans Blumenbergs großes Werk "Arbeit am Mythos" (1979) und andere kultur-, religions- und literaturwissenschaftliche Untersuchungen lege ich einen positiven Mythosbegriff zugrunde.

Ein Mythos ist eine Erzählung, eine Sage von Göttern, Halbgöttern und/oder Menschen, die etwas Bedeutsames, Gültiges zeigen will: So war es, so ist es, so kann es wieder sein. Ein Mythos macht seine Aussage in narrativer, oft dramatischer, nicht in theoretisch-abstrakter Form. Seine Reichweite, sein Gültigkeitsanspruch übergreift Generationen und Nationen, ist oft von menschheitlicher Art. Millionen Menschen können sich darin wiederfinden. Mythen machen Identifikationsangebote. Mythen sind Menschheitsfabeln, mythische Helden können Jahrtausendfiguren sein (beispielsweise Prometheus, Odysseus, Christus).

Mythen drücken kollektive Einsichten, Sehnsüchte, Ängste aus. Mythen haben eine kathartische, reinigende Form: sie können Tränen lockern, moralisch wachrütteln, Trauerarbeit anregen. Mythen zeigen bleibende menschliche Strukturen, Möglichkeiten auf: anthropologische Konstanten und soziale Invarianten. Obwohl ihre historische Verankerung klar erkennbar ist, wirken Mythen zeitenthoben: sie erzählen von exemplarischen Vorgängen und Figuren.

Mythen erzählen vor allem das Ungeheuerliche, Wagnishafte, Abenteuerliche der menschlichen Existenz: sie handeln von Größe und Größenwahn, von Schuld und Tragik. Sie stellen dar, was sich auf allen Kontinenten und zu allen Zeiten ereignen könnte. Insofern dienen sie der Weltvergewisserung und haben eine Orientierungsfunktion. Man erfährt von ihnen, wie es mit uns selbst weitergehen könnte, womit wir rechnen müssen.

Je komplexer die Welt, in der wir leben, desto größer unser Orientierungsbedarf und der Bedarf an Komplexitätsreduktion, einer wesentlichen Aufgabe von Mythen. Der Titanic-Mythos hat ein hohes Orientierungspotential dank der in ihm gespeicherten Lebens- und Technikerfahrung. Er bewahrt in sich wesentliche Erfahrungen und Einsichten. Insofern ist es gut, ihn weiterzuerzählen und zu vermitteln.

Was leisten Mythen? Sie helfen uns bei der gedanklichen und gefühlsmäßigen Verarbeitung der Wirklichkeit: ihres Schreckens, ihrer Gleichgültigkeit, ihrer Kontingenz (Zufälligkeit, Unberechenbarkeit).

Das Kontingente erscheint hier in Gestalt des Eisbergs und des Kapitäns. Beide (!) sind die konkrete Erscheinungsweise des Schicksals, das nicht abschaffbar ist. Der Titanic-Mythos erzählt vom Widerfahrnischarakter der menschlichen Existenz. Er erzählt vom Sieg der Kontingenz. Vor allem der Mensch selbst ist und bleibt unberechenbar.

Der Titanic-Mythos ist ein skeptischer Mythos: angesiedelt zwischen Verzweiflung und Zuversicht, zwischen Pessimismus und Optimismus. Gerade dank dieser skeptischen Zwischenposition gehört er in die Geschichte der Aufklärung.

Die Nachgeschichte des Untergangs, die Geschichte des versunkenen Schiffes, gehört wesentlich zum Mythos dazu. Die Schätze der Titanic – die Einsichten, die sie uns vermitteln kann – können nur gehoben werden, wenn die Erinnerung daran tief in unserer Seele wachgehalten wird.

Der Untergang der Titanic ergab sich aus dem Zusammenspiel objektiver und subjektiver Faktoren. Der Untergang war weder beabsichtigt noch unvermeidbar. Er war zufällig, ein Ausdruck und Modell historischer Kontingenz.

Die objektiven Faktoren waren die Eigenbewegungen der Natur, konkret: treibende Eisberge in der Dunkelheit. Die subjektiven Faktoren waren die Fehlhandlungen, Fehleinschätzungen, Fahrlässigkeiten, Vertuschungen der Schiffsbesatzung. Auch bei noch so automatisierter und perfektionierter Technik bleiben subjektive Faktoren dieser Art bestehen. Denn alle Technik braucht den programmierenden und korrigierenden, steuernden Menschen.

Welches waren die vermeidbaren menschlichen Fehler, die Inkompetenzen, die nautischen Fehlgriffe und Nachlässigkeiten? Um das unterschiedliche Maß an Verantwortung deutlich zu machen, untergliedere ich sie in die des Kapitäns als des Hauptschuldigen und jene der Späher und Funker. Die Katastrophe ergab sich aus dem Zusammenspiel, aus der Verkettung vieler kleiner Handlungen und Fehlhandlungen.

Die Schlüsselrolle kommt der Persönlichkeit des Kapitäns zu, die durch eine gewisse Sorglosigkeit, Großspurigkeit, ja Selbstherrlichkeit charakterisiert war. Paradoxerweise erwuchs diese Haltung aus seiner langjährigen erfolgreichen Praxis: Bei mir ist noch nie etwas passiert, warum sollte jetzt etwas passieren? Er war blind für die Gefahren, weil er seine Erfahrung überschätzte.

Die zahlreichen Eiswarnungen nahm Captain Smith nur flüchtig zur Kenntnis. Wichtiger war ihm die Teilnahme am Festbankett mit den erlauchten Gästen des Reedereipräsidenten. Andere Kapitäne stoppten in jeder Nacht ihre Fahrt und fuhren erst bei Tagesanbruch weiter. Smith ließ die Titanic volle Fahrt voraus in den Eisgürtel rauschen, obwohl die Temperatur um sieben Grad gesunken war: ein sicheres Anzeichen für Eisberge.

Auch nach der verhängnisvollen Kollision setzten sich die nautischen Kunstfehler des Kapitäns fort. Statt sofort SOS funken zu lassen, benachrichtigte er – teils sogar persönlich – die Passagiere der Ersten Klasse. Auch die Leuchtraketen wurden viel zu spät abgefeuert. Kurz: er leitete die Rettungsmaßnahmen zu spät ein. Sie waren vielfach unkoordiniert, weil ungeübt. Ungeübt waren sie, weil sie für überflüssig gehalten worden waren.

Die Fehlhandlungen des Kapitäns wurden vorbereitet durch Mängel in der Ausstattung der Späher im Krähennest und durch Disziplinlosigkeiten der Funker.

Die Titanic hatte keine Suchscheinwerfer an Bord, wie sie bei der britischen Handelsmarine bereits vorgeschrieben waren. Und die zwei Matrosen im Mastkorb hatten keine Ferngläser. So ruhte das Schicksal des ganzen Schiffes auf den unbewaffneten Augenpaaren zweier fröstelnder Matrosen. Spätere Untersuchungen ergaben: wäre der Eisberg nur wenige Sekunden früher entdeckt worden, hätte das Schiff noch abdrehen können!

Das Versäumnis der zwei Funker bestand darin, daß sie die eingegangenen Eiswarnungen nicht schnell genug oder gar nicht an die wachhabenden Offiziere weitergaben. Warum dies? Weil sie beansprucht waren mit nautikfremden Aufgaben. Die Passagiere der ersten Klasse hatten sie eingespannt für das Absetzen und Empfangen von Glückwunschtelegrammen und Börsenkursen.

Schluß: Philosophische Lehren aus dem Titanic-Mythos

Die philosophischen Lehren aus dem Titanic-Mythos seien eingangs mit den Worten zweier deutscher Dichter formuliert, mit Versen Theodor Fontanes und Erich Kästners.

In seiner Ballade "Die Brück’ am Tay", die das größte europäische Eisenbahnunglück des neunzehnten Jahrhunderts verarbeitet und ein frühes Abrücken vom Fortschrittsglauben repräsentiert, sagt Fontane zweimal im Kehrreim:

"Tand, Tand
ist das Gebilde von Menschenhand!"

Erich Kästner schrieb ein Epigramm, einen kurzen Sinnspruch, unter dem Titel "Physikalische Geschichtsbetrachtung":

"Dem ehernen Gesetz des Falles
gehorcht auf Erden alles. (Alles!)"

So ist es! Das muß man wissen. Darauf muß man sich einstellen. Dann kann man damit auch leben!

Der Titanic-Mythos entkräftet alle menschlichen Allmachtsphantasien, widersteht jeglichem Machbarkeitswahn. Es gibt:

– kein unsinkbares Schiff,
– keine unbesiegbare Armada,
– keine uneinnehmbare Festung,
– keine unzerstörbare Burg,
– keinen unverwundbaren Helden,
– keine unbezwingbare Supermacht,
– keine unverlierbare Errungenschaft,
– keinen unumkehrbaren Fortschritt,
– kein unendliches Wirtschaftswachstum,
– keine unbegrenzten Möglichkeiten,
– keinen unfehlbaren Papst,
– keine unsterbliche Liebe,
– keine unsterbliches Leben,
– keine unantastbare Menschenwürde.

Dünn ist der Faden, an dem unser Leben hängt. Alles Menschliche steht im Zeichen von Zerbrechlichkeit, Verletzbarkeit, Fehlbarkeit – in einer gefährlichen Welt, die sich immer wieder dem menschlichen Zugriff entwindet. Insofern ist der Untergang der Titanic ein Sinnbild menschlicher Grundbefindlichkeit, in dem wir uns selbst entdecken können. Trotz aller Zwischen- und Teilerfolge im Kampf des Menschen mit der Natur obsiegt diese doch schließlich mit tödlicher Sicherheit. Die Sterblichkeitsrate der menschlichen Art beträgt hundert Prozent, nicht anders als bei allen übrigen Lebewesen.

Der Untergang der Titanic erschüttert unsere Souveränitätsillusionen, nährt Transzendenzverfall und Utopieverlust. Die Natur insgesamt bleibt unberechenbar, nicht zuletzt die Menschennatur, die die Technik hervorgebracht hat und der die Steuerung der Technik obliegt. Der vermeidbare und doch schicksalhafte Untergang der Titanic ergab sich aus der knirschenden Kollision von Natur und Technik, aus dem ungewollten und ungeplanten Zusammenspiel von Eisberg und Kapitän.

Das Erschrecken über die Gleichgültigkeit der Natur und über das Versagen von Menschen muß uns nicht in Verzweiflung stürzen! Wir Nachgeborenen können aus dem Untergang der Titanic lernen.

Philosophische Lebenskunst heißt: aus Schiffbrüchen – fremden und eigenen, wirklichen und bildlichen – lernen, mit Schiffbrüchen leben und den Mut nicht verlieren!

Benutzte Literatur:

1. Bücher

Robert D. Ballard/ Rick Archbold, Das Geheimnis der Titanic. 3800 Meter unter dem Wasser, 1998.

Hans Magnus Enzensberger, Der Untergang der Titanic. Eine Komödie, 1996.

Wolf Schneider, Mythos Titanic. Das Protokoll der Katastrophe – drei Stunden, die die Welt erschütterten, 1986.

Geoff Tibballs, Titanic. Der Mythos des "unsinkbaren" Luxusliners, 1997

2. Illustrierten-Aufsätze

GEO. Das neue Bild der Erde, 1997/12, 130-170.

Der Spiegel 1997/20, 114-131

1998/13, 226-239

Stern 1998/12, 58-64


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