Dr. Wolf Pohl (Konstanz)

Vorschlag für eine neue Kultur

Die naturwissenschaftlichen Vorstellungen von der Welt und vom
Menschen als zentraler Bestandteil einer neuen Kultur

aus: Aufklärung und Kritik 2/1997 (S. 109 ff.)

Der zentrale Bestandteil einer Kultur

Den zentralen Bestandteil der Kulturen, die es bisher gab, bildeten die Vorstellungen, die die Menschen von der Welt und sich selbst, dem Menschen, hatten. Ein Konsens wurde dabei notfalls und oft genug mit Gewalt hergestellt. Demgegenüber verzichtet unsere heutige westliche Pseudokultur einer "multikulturellen" Gesellschaft auf einen solchen Konsens. Jeder hält die Vorstellungen für richtig, zu denen er durch die zufälligen soziokulturellen Umstände seines Lebens, vor allem während seiner Kindheit und Jugend, gekommen ist.

Dabei sieht es so aus, als ob durch das moderne naturwissenschaftliche Wissen jetzt – am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts – zum erstenmal in der Geschichte die Möglichkeit bestände, einen endgültigen und globalen Konsens über die grundlegenden Vorstellungen von der Welt und vom Menschen herzustellen, und zwar nicht durch Gewalt, sondern durch kritische Prüfung ihrer Richtigkeit. Davon, ob diese Chance genutzt wird, hängt es ab, ob sich eine wirkliche moderne Kultur entwickeln und ein friedliches Zusammenleben der Menschen auf der ganzen Erde möglich sein wird.

Roman Herzog – der bekanntlich der Kandidat der konservativen Parteien für das Amt des Bundespräsidenten war und kein Naturwissenschaftler ist – hat in seiner Rede zu der umstrittenen Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels an die Islamistin Schimmel eine bemerkenswerte Äußerung gemacht(1): "Ein Symposium, das vor einigen Wochen mit Wissenschaftlern und Philosophen aus aller Welt an meinem Berliner Amtssitz stattgefunden hat, läßt mich an noch ganz andere geistige Ressourcen denken. Zusammen mit gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen auf offenen Märkten, mit den Erkenntnissen, die die Naturwissenschaften auf der ganzen Welt gleich vermitteln, und mit den modernen weltweiten Informationsmöglichkeiten könnte etwas daraus werden, was uns den globalen Kulturkampf erspart. Es lohnt sich, dem größten gemeinsamen Nenner der Kulturen nachzuspüren." Dabei stellen von den drei genannten Ressourcen ja wohl die Erkenntnisse der Naturwissenschaften die geistigen Ressourcen dar. Weiter spricht Herzog von der großen Bedeutung des "interkulturellen Dialogs" und vergißt dabei erstaunlicherweise neben Christen und Moslems auch die Atheisten nicht, an die bei dem ganzen "Kruzifixstreit" kaum jemand gedacht hat.

Steven Weinberg schreibt(2): "Überall in Afrika und Asien wächst der Einfluß der finsteren Kräfte des religiösen Fanatismus, und selbst in den säkularen Staaten des Westens sind Vernunft und Toleranz nicht unangefochten. Der Historiker Hugh Trevor-Roper(3) hat gesagt, die Ausbreitung des Geistes der Wissenschaft im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert habe in Europa schließlich zum Ende der Hexenverbrennungen geführt. Wenn wir eine vernünftige Welt haben wollen, werden wir uns vielleicht wieder auf den Einfluß der Wissenschaft verlassen müssen."

Die entscheidende Einsicht scheint mir zu sein, daß es noch keine befriedigende Kultur gibt. Falls man hinreichend ähnliche Kulturen vertritt, dann sollte man sie gemeinsam weiterentwickeln. Wenn man eher verschiedene Kulturen vertritt, dann sollte man der Herzogschen Anregung zum "interkulturellen Dialog" folgen.

Das Problem mit der Kultur

Das Problem ist, daß im allgemeinen Verständnis (auch der meisten Naturwissenschaftler) die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse keine wesentliche kulturelle Bedeutung besitzen. Ganz davon zu schweigen, daß man sich eine von den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen geprägte Kultur vorstellen könnte (oder möchte), d.h. eine Kultur, deren zentraler Bestandteil die naturwissenschaftlichen Vorstellungen von der Welt und vom Menschen sind.

Das Problem ist nicht neu, aber wenig beachtet. Es war schon Thema von C.P. Snows Artikel "Die zwei Kulturen" von 1959(4), der in England eine längere Diskussion auslöste. Neu formuliert es John Brockman in seinem Buch "Die dritte Kultur"(5). Mit der "dritten Kultur" meint Brockman eine von den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen geprägte Kultur, wobei die Frage der Kultur allerdings nur als die Frage danach behandelt wird, welche Bücher gelesen und diskutiert werden. Das Buch ist eine Sammlung von Aufsätzen namhafter Naturwissenschaftler, die für diese neue Kultur plädieren. Das sind allerdings auch schon alle mir bekannten Autoren, die sich zu der Bedeutung der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse für die Kultur äußern.

In Zusammenhang mit diesem Thema steht das Thema einer naturwissenschaftlich orientierten Philosophie, wie sie schon Bertrand Russel vertreten hat. Gerhard Vollmer, der mit seiner "Evolutionären Erkenntnistheorie"(6) bekannt wurde, ist einer der wenigen Philosophen, die heute ein solches "naturalistisches Welt- und Menschenbild"(7) vertreten. Es gibt dann noch – besonders in USA – einige kognitionswissenschaftlich orientierte Philosophen, z.B. Daniel C. Dennett(8). Im allgemeinen vertreten aber professionelle Philosophen eine traditionelle Philosophie und meinen, sich um das wissenschaftliche empirische Wissen nicht kümmern zu müssen, sondern durch bloßes Denken wesentliche Erkenntnisse gewinnen zu können. Außerdem ist – nicht nur unter Philosophen – die irrige Meinung verbreitet, daß ältere Philosophen, obwohl sie nach dem heutigen Stand der Erkenntnis ein völlig unzureichendes empirisches Wissen hatten, schon wesentliche Erkenntnisse gehabt haben könnten.

Wo liegt das Problem? Das Problem kann darin bestehen, daß man auf die Bedeutung der Naturwissenschaften einfach nicht aufmerksam wurde. Es kann aber auch darin bestehen, daß man die Bedeutung der Naturwissenschaften nicht erkennen kann oder nicht erkennen will. In allen Fällen liegen die Ursachen in der herrschenden Kultur und der vermittelten Bildung, in einem falschen Kulturbegriff und einem falschen Bildungsbegriff, vor allem aber an dem Einfluß, den die Religion immer noch hat.

Die Bedeutung der modernen Naturwissenschaften

Was sind die Naturwissenschaften? Sie sind eine Institution, ein inzwischen gigantisches weltweites Unternehmen zum Zweck der kritisch-empirisch-rationalen Erforschung der Welt und des Menschen als eines Teils der Welt. Kritisch heißt, daß sowohl durch sorgfältige Beobachtung und kritische Prüfung zuverlässige empirische Daten gesammelt werden als auch durch kritische Prüfung die Richtigkeit der Theorien gewährleistet wird. Die Naturwissenschaften zeichnen sich dadurch aus, daß sie einerseits durch raffinierteste Detektoren, Untersuchungsmethoden und Experimente den Bereich möglicher Beobachtungen in unglaublichem Maße erweitern und andererseits mit einem Arsenal neuer Formalismen komplizierteste Theorien bilden können. Es gibt keinen Grund zu der Annahme, daß der Erweiterung unseres Wahrnehmungsbereichs durch neue Detektoren und Untersuchungsmethoden oder der Erweiterung des Arsenals von Formalismen zur Theorienbildung, insgesamt also unserer Erkenntnismöglichkeiten, anders Grenzen gesetzt sind als durch die Grenzen der Realität, d.h. der Menge real existierender Phänomene.

Die Naturwissenschaften dringen auf diese Weise in Bereiche der Realität vor, die sehr weit entfernt sind von den Bereichen unserer Alltagserfahrung. Die dort gewonnenen Erkenntnisse, die dort gültigen Theorien wirken fremd und unanschaulich, aber das ist nur eine Sache der Gewohnheit. Diese unserer Alltagserfahrung fernen Bereiche der Realität sind für unser Leben nicht unwichtig, weil die Kausalketten der Phänomene unserer alltäglichen Erfahrung (z.B. das Auf- und Untergehen der Sonne, Sterne, Blitze, Lebewesen, Gedanken, Gefühle, Bewußtsein) in diese erfahrungsfernen Bereiche hineinreichen und wir daher diese alltäglichen Phänomene mit unserer bloßen Alltagserfahrung nicht verstehen können. Die Naturwissenschaften stellen die für ein Verständnis der (natürlichen, nicht kulturellen) Welt und des Menschen (soweit seine Eigenschaften nicht kulturbedingt sind) nötige kritisch-empirisch-rationale Erweiterung unserer Alltagserfahrung dar. Wenn man nicht an andere Quellen der Wahrheit (d.h. richtiger Erkenntnis der Welt) glaubt als an die kritisch-empirisch-rationale Erforschung der Welt, dann gibt es zu den Naturwissenschaften keine Alternative. Wenn man die Welt und den Menschen verstehen will, muß man sich mit den naturwissenschaftlichen Vorstellungen beschäftigen. Es kommt nur darauf an, aus der praktisch unendlichen Menge naturwissenschaftlichen Wissens das philosophisch und kulturell relevante Wissen auszuwählen.

Vor allem geht es darum, die grundlegende Struktur der Welt zu verstehen, die sich in der reduktionistischen Struktur unseres Wissens widerspiegelt (9). Die reduktionistische Struktur unseres Wissens bedeutet, daß die Chemie auf die Atomphysik und die vielfältigen physikalischen Phänomene auf wenige Grundprinzipien und vielleicht auf eine "endgültige Theorie" ("final theory")(10) zurückgeführt werden können, aber auch, daß die biologischen Phänomene(11) chemisch und physikalisch und die geistig-seelischen Phänomene(12), von den kulturellen Bedingungen abgesehen, biologisch zu erklären sind. Das ist die statische Sicht des Aufbaus der Welt. Hinzu kommt die dynamische Sicht des Aufbaus der Welt in einem historischen Prozeß. Denn die andere grundlegende Erkenntnis ist, daß die Welt durch einen Evolutionsprozeß, einen Prozeß der Selbstorganisation entstanden ist(13).

Die Naturwissenschaften beantworten heute philosophisch relevante Fragen, Fragen, die die Menschen zu allen Zeiten und jedenfalls solange für grundlegend wichtig gehalten haben, wie die Religionen sie zu beantworten schienen: Wie ist die Welt im allerkleinsten?(14) Wie ist das Universum entstanden?(15) Wie hat sich die Vielfalt der Lebewesen entwickelt(16) und was ist "Leben"(17)? Was ist "Geist" und was ist die "Seele"?(18) Mit dem jetzt, am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts, vorhandenen naturwissenschaftlichen Wissen scheint es möglich, die Welt (soweit sie Natur ist) und den Menschen (bis auf seine kulturbedingten Eigenschaften) in den Grundzügen zu verstehen. D.h.: Für alle beobachtbaren Phänomene kennen wir die Prinzipien, die sie erklären. Auch wenn Details noch nicht verstanden sind, können wir sicher sein, daß wir sie in absehbarer Zeit verstehen werden oder daß sie jedenfalls prinzipiell zu verstehen sind und daß dahinter nur die uns jetzt bekannten Naturgesetze stecken und nichts Übernatürliches oder Geheimnisvolles.

Man muß sich klar machen, daß die Naturwissenschaften heute eine gigantische Wissensgewinnungsindustrie mit hunderttausenden von Forschern in unzähligen, z.T. riesigen Laboratorien (wie etwa dem europäischen Kernforschungszentrum CERN bei Genf), mit enormem finanziellen Aufwand und in wechselseitiger Bedingtheit mit einer inzwischen für den Laien unvorstellbaren Technologie sind. So wenig, wie es einer Handwerkerkultur möglich war, Flugzeuge oder Computer herzustellen, so wenig kann es älteren Denkern, Weisen und "Erleuchteten" – Philosophen, Autoren "heiliger" Bücher und Religionsstiftern – möglich gewesen sein, zu erkennen, wie die Welt und der Mensch wirklich sind. Vom heutigen Erkenntnisstand aus gesehen, zeigt auch das, was sie sagen, daß sie das keineswegs erkannt haben und alles andere als die "Wahrheit" erzählen. Nach der Sprache, der Schrift und neben der Demokratie sind die Naturwissenschaften die größte kulturelle Errungenschaft.

Naturwissenschaften und andere Wissenschaften

Die Welt, in der wir leben, ist zum einen Teil Natur, d.h. unabhängig vom Menschen existierend, zum anderen Teil "Kultur", d.h. von Menschen produziert. Wenn man unter Kultur nicht alles von Menschen Produzierte (einschließlich Müll und Umweltschäden) versteht, so ist Kultur, in einer allgemeineren Bedeutung des Begriffs, alles von Menschen Produzierte, was die materiellen und geistigen Lebensbedingungen des Menschen darstellt. Kultur, in der engeren Bedeutung des Begriffs, ist alles von Menschen Produzierte, das die geistigen Lebensbedingungen der Menschen darstellt. Die Unterscheidung von materiellen und geistigen Lebensbedingungen hat ihre Probleme, wobei das eigentliche Problem darin besteht, zu verstehen, was "geistig" heißt. Bei dem hier interessierenden Problem, der Bedeutung der Naturwissenschaften für die Kultur, ist die Kultur im engeren Sinne der geistigen Lebensbedingungen gemeint. Und das Problem soll nicht der Einfluß sein, den die Naturwissenschaften indirekt durch die Technik auf die Lebensbedingungen haben (hier ist nur von den Naturwissenschaften die Rede, nicht – wie leicht mit einer üblichen Redewendung mißverstanden wird – von "Wissenschaft und Technik").

Warum haben die Naturwissenschaften, wie ich behaupte, nicht nur überhaupt eine Bedeutung für die Kultur, sondern sogar eine grundlegendere Bedeutung als andere Wissenschaften? Weil die anderen Wissenschaften sich mit Kultur (im weiteren Sinne) beschäftigen, d.h. mit etwas Veränderlichem und willkürlich und historisch-zufällig von Menschen Produziertem, das seine Bedeutung nur in Bezug auf den Menschen hat. Kultur ist nur so weit nicht willkürlich und zufällig, wie sie der biologischen Beschaffenheit des Menschen entspricht, was im übrigen vielfach und gerade bei traditionellen Kulturen nur ungenügend der Fall ist. Der Mensch ist zum Teil ein Produkt der Natur, d.h. der biologischen Evolution, zum Teil aber ein Produkt eben der Kultur. Die Kulturwissenschaften haben das Problem, daß man die Kultur und die kulturbedingten Eigenschaften der Menschen nur in ihrer wechselseitigen Bedingtheit verstehen kann. Voraussetzung ist dabei aber, die biologischen Eigenschaften des Menschen hinreichend zu verstehen.

Die neue und überraschende Erkenntnis ist, daß nicht nur die physischen Eigenschaften des Menschen biologisch zu verstehen sind, sondern auch für des Verständnis der geistig-seelischen Eigenschaften, von "Geist" und "Seele", ein biologisches, nämlich neurobiologisches Wissen grundlegend ist(19). Die "Geisteswissenschaften" sind nicht die Wissenschaften vom Geist, sondern nur die Wissenschaften von willkürlichen und durch historische Zufälle bedingten geistigen, kulturellen Produkten. Bisher sah man Geist und Natur als etwas Gegensätzliches an, und viele Menschen tun dies auch heute noch. Es ist eine Überraschung (für viele offenbar eine unangenehme), daß sich naturwissenschaftliche Forschungsgebiete als die grundlegenden Wissenschaften vom Geist erweisen. Die Wissenschaften, die geistig-seelische Phänomene erforschen, bezeichnet man heute als Kognitionswissenschaften (oder, als interdisziplinären Forschungsbereich, als Kognitionswissenschaft [cognitive science])(20). Die führende Rolle unter den Kognitionswissenschaften aber haben die Neurowissenschaften (Neurobiologie, Neuropsychologie – es gibt sogar schon eine Neurolinguistik). Dabei spielen evolutionsbiologische Aspekte eine wichtige Rolle, denn auch bezüglich geistig-seelischer Phänomene hat der Mensch eine lange evolutionsbiologische Ahnenreihe.

Da es an neurobiologischem Wissen noch vor wenigen Jahrzehnten in entscheidendem Maße mangelte und seine Bedeutung auch bis jetzt wohl kaum richtig eingeschätzt wird, bewegen sich die Kulturwissenschaften vermutlich noch auf unsicherem Boden. Die Kulturwissenschaften müßten wahrscheinlich das Problem der gegenseitigen Abhängigkeit von Kultur und kulturbedingten und biologischen Eigenschaften des Menschen besser verstehen. Es wäre wichtig, zu untersuchen, in welchen Linien und welchen Schritten sich kultureller Fortschritt und eine damit verbundene Veränderung der kulturbedingten Eigenschaften des Menschen vollzogen hat (und in Zukunft vollziehen könnte!). Und es wäre wichtig, daß die Wissenschaften der Kultur im engeren Sinne, der "geistigen", nicht bevorzugt von den Kultur-"Schätzen" der Vergangenheit sprechen, sondern kritisch die Mängel und Absurditäten, die weitgehende Inhumanität, die elenden geistigen Lebensbedingungen (neben den elenden materiellen) früherer Kulturen erkennen.

Eine moderne Bildung

Für einen selbst, für den einzelnen Menschen kommt es darauf an, das philosophisch und kulturell relevante naturwissenschaftliche Wissen auszuwählen. Es ist wichtig, das Wissen zu integrieren, Zusammenhänge herzustellen, die philosophische und kulturelle Relevanz zu erkennen, kurz, aus Wissen Bildung zu machen. Genau das versäumen aber schon unsere heutigen Schulen. Die Schulbildung ist nur eine zusammenhanglose Ansammlung von Wissen und Fertigkeiten, ein Schubladenwissen. Man ist wohl immer noch der Meinung, daß der große Weltzusammenhang von der Religion gestiftet wird und also dem Religionsunterricht überlassen werden kann. Es wird ein falscher Wissens- und Bildungsbegriff vermittelt. Gerade bezüglich des naturwissenschaftlichen Wissens herrscht die Vorstellung, es könne auch für den Laien nur darauf ankommen, möglichst viel und möglichst schwieriges Detailwissen zu besitzen. Das könnte das eigene Wissen zu einer Sache sinnlosen sportlichen Ehrgeizes machen (entsprechend dem in unserer Gesellschaft herrschenden Konkurrenzdenken), führt aber tatsächlich angesichts des praktisch unendlichen und teilweise äußerst schwierigen naturwissenschaftlichen Wissens nur zu Resignation, Desinteresse und Ignoranz. Dabei ist das Schulwissen, sofern man es noch hat, um Jahrzehnte veraltet, denn die Schulzeit liegt sehr bald Jahrzehnte zurück, und schon das Wissen der Lehrer war veraltet.

Wenn von Naturwissenschaften die Rede ist, sollte man nicht an seine Physik-, Chemie- und Biologiebücher aus der Schule denken (außer in dem wohl selteneren Fall, daß man sich gerne an sie erinnert). Das in den heutigen Schulen vermittelte naturwissenschaftliche Wissen ist zwar, falls man es nicht einigermaßen vergessen hat, ein gutes Hintergrundwissen. Das philosophisch oder kulturell relevante und moderne naturwissenschaftliche Wissen findet man aber eher in ein paar allgemeinverständlichen Büchern von hervorragenden Wissenschaftlern. Die häufig vertretene Meinung, daß die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse vom größten Teil der Menschen nicht nachvollzogen werden können, scheint mir unbegründet. Es gab Zeiten, da war Lesen und Schreiben für den größten Teil der Menschen nicht nachvollziehbar. Es ist offenbar ein kultureller Fortschritt möglich. Auch einem Hauptschüler sollte eine solche Bildung vermittelt werden, daß er eine vernünftige Vorstellung von der Welt und vom Menschen hat. Wie kann man sonst von ihm erwarten, daß er ein vernünftiger Bürger einer demokratischen Gesellschaft ist? Das naturwissenschaftliche Wissen, das Abiturienten haben sollten (und Schülerinnen sind nicht von den naturwissenschaftlichen Fächern befreit), ist viel umfangreicher und schwieriger, als es ein wesentliches Wissen über die Welt und den Menschen zu sein braucht. Allerdings ist fraglich, ob dabei auch das wesentliche Wissen vermittelt wird und klar gemacht wird, was das wesentliche Wissen ist, auf das z.B. der Ethikunterricht Bezug nehmen sollte. Für alle Bildungsgrade muß man sich neu überlegen, was unter einer guten Bildung zu verstehen ist. Caesars "Gallischer Krieg", "Hamlet" und Goethes "Faust" sind wohl nicht mehr die wichtigsten Bestandteile einer guten Bildung.

Ich bin der Meinung, daß jetzt einige allgemeinverständliche Bücher von hervorragenden Naturwissenschaftlern über die philosophisch und kulturell relevanten naturwissenschaftlichen Erkenntnisse wichtige Bestandteile einer guten Bildung sein sollten, so z.B. die Bücher des Physikers Steven Weinberg(21), des Molekularbiologen Manfred Eigen(22) oder der Neurobiologen Solomon H. Snyder(23) und Antonio Damasio(24). Vielleicht ist es wichtig, daß die grundlegenden naturwissenschaftlichen Erkenntnisse nicht nur philosophisch verstanden, sondern auch "literarisch" vermittelt werden. Vielleicht sollte man die Schublade "Literatur" für hervorragende naturwissenschaftliche Bücher öffnen, und vielleicht zählen schon jetzt einige allgemeinverständliche naturwissenschaftliche Bücher zu den wichtigsten Büchern dieses Jahrhunderts.

Die Naturwissenschaften und die Kultur

Den zentralen Bestandteil einer Kultur bilden die Vorstellungen, die die Menschen von der Welt und von sich selbst, dem Menschen, haben. In den traditionellen Kulturen sind dies die Vorstellungen, die die Religionen vermitteln. Dazu gehört im allgemeinen die Vorstellung, daß die Welt von einem Gott, einem "Schöpfer", oder von Göttern geschaffen wurde und beherrscht wird, und zum anderen, daß der Mensch eine Seele hat, die man auch noch für unsterblich hält. Diese Annahmen sind in den naturwissenschaftlichen Vorstellungen von der Welt und vom Menschen nicht nur zur Erklärung der beobachtbaren Phänomene überflüssig geworden, sondern es ist nicht mehr möglich, sie noch sinnvoll einzubauen(25). Da die reduktionistische Struktur und die evolutionäre Entstehung der Welt erst durch eine sehr weit fortgeschrittene naturwissenschaftliche Forschung erkennbar wird, sind unsere intuitiven Vorstellungen vielfach die von irreduziblen Substraten, Essenzen, Entitäten hinter den wahrnehmbaren Phänomenen, von Wärme oder Licht bis zu Geist und Seele. Überdies sind die traditionellen Vorstellungen durch eine sehr anthropomorphe Sicht geprägt. Die reduktionistische Struktur der Welt und die Entstehung der Welt in einem Evolutionsprozeß stehen in Widerspruch zu intuitiven und traditionellen Vorstellungen. Die intuitiven und traditionellen Vorstellungen sind nicht nur völlig unzureichend, sondern vielfach auch falsch. Würde man die naturwissenschaftlichen Vorstellungen verstehen und wäre bereit, sie zu akzeptieren, dann würde das zu einem Verschwinden der Religionen und zum Entstehen einer neuen Kultur führen. Daraus ergibt sich die entscheidende Bedeutung der Naturwissenschaften für die Aufklärung.

Seit Jahrzigtausenden versuchen die Menschen, die Welt und sich selbst, den Menschen, zu verstehen. Der natürliche Erkenntnisapparat des Menschen ist aber nur dafür eingerichtet, in der Welt und unter Menschen zu überleben, nicht dafür zu erkennen, wie die Welt und der Mensch wirklich sind. Heute sieht man, welcher ungeheure Aufwand an naturwissenschaftlicher Forschung, welche riesige Wissensgewinnungsindustrie dazu erforderlich ist, und man erkennt, daß es all die Jahrzigtausende prinzipiell unmöglich war, zu erkennen, wie die Welt und der Mensch wirklich sind. Jahrzigtausende haben die Menschen gemeint, Priester und Theologen würden die Welt und den Menschen verstehen. Nun ist es eine große Überraschung, daß die Wahrheit über die Welt und den Menschen keine theologische, sondern eine naturwissenschaftliche ist. Für viele Menschen ist das offenbar eine große Enttäuschung – zu Unrecht, wenn man sich die Naivität, die logischen Widersprüche, die Abstrusität und Grausamkeit der religiösen Lehren und den Betrug und Selbstbetrug ihres angeblichen Trostes klarmacht. Man muß die Welt nehmen, wie sie ist ("you take the universe you get"; mit diesem Satz wird der bedeutende Physiker Steven Weinberg zitiert(26)) – und nicht wie man sie sich wünscht, wobei man auch den vielleicht dubiosen Ursprung dieser Wünsche prüfen sollte. Wenn man eine gewisse geistige Anstrengung nicht scheut, kann man sich überzeugen, daß die naturwissenschaftlichen Vorstellungen von der Welt und vom Menschen die weitaus grandioseren und faszinierenderen sind. Es gibt ja wohl nicht nur ängstliche Gemüter, die Geborgenheit suchen. Mut und Tapferkeit müssen ja nicht nur für Soldaten, Polizisten und Feuerwehrleute als Tugenden gelten. Viele Menschen sind auf der Suche nach Entdeckungen und Abenteuern. Warum nicht einmal nach geistigen Entdeckungen und Abenteuern?

Anmerkungen:


Die Zahlen in eckigen Klammern verweisen auf das Literaturverzeichnis.

(1) Roman Herzog: Rede zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 1995 an die Islamistin Schimmel. FAZ
(2) siehe dazu [3], S. 268
(3) Hugh Trevor-Roper: The European Witch-Craze of the Sixteenth and Seventeenth Centuries, and Other Essays. New York 1969
(4) C.P.Snow: Die zwei Kulturen, in Helmut Kreuzer (Hrsg.): Die zwei Kulturen. Literarische und naturwissenschaftliche Intelligenz. C.P.Snows These in der Diskussion. dtv, 1987.
(5) siehe dazu [16], Einleitung.
(6) siehe dazu [12]
(7) siehe dazu [15]
(8) siehe dazu [13]
(9) siehe dazu [3], Kap. III, "Lob des Reduktionismus"
(10) siehe dazu [3]; der englische Titel des Buches ist "Dreams of a Final Theory" ("Träume von einer endgültigen Theorie").
(11) siehe dazu [4], [5]
(12) siehe dazu [8], [9], [10], [11]
(13) siehe dazu [2], [5], [6], [7], [12]
(14) siehe dazu [1]
(15) siehe dazu [2]
(16) siehe dazu [5], [6], [7]
(17) siehe dazu [4], [5]
(18) siehe dazu [8] bis [14]
(19) siehe Anmerkung 18
(20) siehe dazu [14]
(21) siehe dazu [2], [3]
(22) siehe dazu [5]
(23) siehe dazu [9]
(24) siehe dazu [10]
(25) Zur Frage des Atheismus siehe [3], Kap.XI, "Die Frage nach Gott"; außerdem [15], Kap. 7, "Bin ich ein Atheist?" und Gerhard Vollmer: "Bin ich ein Atheist"? in [17]
(26) zitiert in Hilary Putnam: Realism and Reason. Cambridge University Press, 1983, S. 208

Literatur

[1] Harald Fritzsch: Quarks. Urstoff unserer Welt. Serie Piper, Piper Verlag, 1992

[2] Steven Weinberg: Die ersten drei Minuten. Der Ursprung des Universums. Piper Verlag, 1977

[3] Steven Weinberg: Der Traum von der Einheit des Universums. Bertelsmann Verlag, 1993

[4] Peter Sitte (Hrsg.): Moleküle des Lebens. Spektrum Akademischer Verlag, 1988

[5] Manfred Eigen: Stufen zum Leben. Die frühe Evolution im Visier der Molekularbiologie. Piper, 1987

[6] Ernst Mayr (Hrsg.): Evolution. Die Entwicklung von den ersten Lebensspuren bis zum Menschen. Spektrum Akademischer Verlag, 1988

[7] Richard Dawkins: Der blinde Uhrmacher. Ein neues Plädoyer für den Darwinismus, dtv, 1987

[8] Wolf Singer (Hrsg.): Gehirn und Bewußtsein. Spektrum Akademischer Verlag, 1994

[9] Solomon H. Snyder: Chemie der Psyche. Spektrum Akademischer Verlag, 1994

[10] Antonio R. Damasio: Descartes' Irrtum. Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn. List Verlag, 1995

[11] Ernst Pöppel: Lust und Schmerz. Über den Ursprung der Welt im Gehirn. Siedler Verlag, 1993

[12] Gerhard Vollmer: Evolutionäre Erkenntnistheorie. S. Hirzel Verlag, 1980

[13] Daniel C. Dennett: Philosophie des menschlichen Bewußtseins. (Übersetzt von Franz.M. Wuketits.) Hoffmann und Campe, 1994

[14] Howard Gardner: Dem Denken auf der Spur. Der Weg der Kognitionswissenschaft. Klett-Cotta, 1989

[15] Gerhard Vollmer: Auf der Suche nach der Ordnung. S. Hirzel Verlag, 1985

[16] John Brockman: Die dritte Kultur. Das Weltbild der modernen Naturwissenschaft. Wilhelm Goldmann Verlag, btb, 1996

[17] Edgar Dahl (Hrsg.): Die Lehre des Unheils. Fundamentalkritik am Christentum. Carlsen Verlag, 1993

 

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