Prof. Hans-Günter Eschke (Jena):

Nostalgie - Ostalgie?

Kritische Bemerkungen zu einer ideologischen Betrachtungsweise
der Wirklichkeit

aus: Aufklärung und Kritik 1/1997 (S. 116 ff.)


Der Umbruch im gesellschaftlichen und persönlichen Leben der einst in der DDR lebenden Bürger, der durch die Ereignisse der Jahre 1989 und 1990 eingeleitet wurde, geht für jeden von uns tief. Wenn man versteht und davon ausgeht, daß die soziale Geschichte der Menschen die Geschichte ihrer individuellen Entwicklung ist, kann man ermessen, daß jeder Umbruch an die menschliche Substanz eines jeden geht, die Biographie als individualisierter Ausdruck der Sozialgeschichte eines jeden buchstäblich betrifft. Die damit zusammenhängenden Probleme sind nicht rein intellektuell in einer Art Wechsel ideologischer Paradigmen zu erfassen und zu lösen. Probleme der Persönlichkeit, also des individuellen Wesens der Menschen, die sich im Strome und infolge des Flusses der geschichtlichen Prozesse und Einzelereignisse auftun, bedürfen gründlich reifender Uberlegung.

Die folgenden Überlegungen zu einem aktuellen Thema der geistigen Kultur in diesem Lande haben nichts von Sensation an sich, zielen auch nicht auf Bezichtigungen und nicht auf Rechtfertigungen. Es ist eine schlichte Tatsache, daß vier Fünftel der Bürger im Osten der Bundesrepublik Deutschland, sich in dem Staat, dem sie nunmehr angehören, schlecht vertreten fühlen. Und es ist eine ebenso signifikante Tatsache, daß ihre Stimmung mehrheitlich umgeschlagen ist: Die einstige mehrheitliche Euphorie bezüglich der Bundesrepublik Deutschland, die einer Enttäuschung über den Realsozialismus folgte, ist der Ernüchterung und teilweise bitteren Enttäuschung über die Verhältnisse in der BRD gewichen.

Das ist kein Phänomen von der oberflächlichen Art. Es setzt Signale hinsichtlich der Tiefe des Wandlungsprozesses, den die Menschen durchzumachen genötigt sind. Man täusche sich nicht darüber hinweg mit dem Verweisen darauf, daß diese Enttäuschung sich auf unterschiedliche Weise Luft macht. Natürlich unterliegt sie nicht nur der eigenen Beurteilung, sondern legitimerweise auch der Beurteilung durch Bürger, Politiker, Soziologen und Journalisten der alten Bundesländer.

Dominierte in den Urteilen vor allem mancher Politikern und Journalisten lange Zeit die Auffassung, die Ostdeutschen seien "Jammer - Ossis" ohne Selbstbewußtsein, so drängt sich in jüngster Zeit mehr und mehr die leider häufig pauschalisierende Bewertung in den Vordergrund, die Ostdeutschen übten sich in "DDR - Nostalgie". Unzweifelhaft gibt es bei einer Reihe aus der DDR kommender Bürger auch eine solche verklärende, mystifizierende Betrachtungsweise der DDR, die man als Nostalgie bezeichnet. Aber man kann nicht jede konkret positive Äußerung über Errungenschaften in der DDR als Nostalgie bezeichnen, die über das abstrakt orakelhafte "Es - war - ja - nicht - alles - schlecht" offizieller Stimmen hinausgeht.

Das kann man im Interesse einer allgemeinen und einer individuellen biographischen Bilanz der Geschichte nicht so hinnehmen. Deshalb scheint mir angezeigt zu sein, einmal auch über die inhaltliche und methodische Basis solcher Nostalgievorwürfe nachzudenken und aufzuweisen, auf wie sicheren oder unsicheren Beinen sie in dieser Hinsicht stehen, ohne irgendwelche Vorwürfe oder Anklagen wegen Böswilligkeit zu erheben.

 

1. Über Nostalgisches, Nostalgie und "Ostalgie"?

Was ist das eigentlich, die Nostalgie? - Nostalgie ist wohl zu unterscheiden vom elementaren Nostalgischen, das sich als ein Moment in wohl jedem biographischen Bewußtsein finden dürfte. Nostalgisches in Erinnerung und Zeitbewußtsein ist zunächst eine normale Erscheinung im Bewußtsein von Menschen, die in ihrem Leben etwas geleistet, die sowohl an ihrem eigenen Einzeldasein gearbeitet als auch ihr Lebensmilieu beeinflußt und mitgestaltet haben. An dieser Stelle sei auch vermerkt, daß ich denen widerspreche, die z.B. Heimat ausschließlich oder vorwiegend dort zu finden, wo es ihnen im Sinne eines konsumistischen Denkens "gut geht". Nach meiner Erfahrung findet sich ein Moment des Nostalgischen als Folge eines Gefühls des Stolzes auf eigene Leistung auch in realistischen biographischen Selbstbetrachtungen.

In diesem Sinne ist sie etwas völlig Normales. Der Mensch betrachtet ja nicht nur sich und die Welt, er muß sie sich praktisch und geistig aneignen, zur seinigen, verfügbaren machen. Das Erfassen seiner dabei vollbrachten Leistung findet dann auch Eingang in das Selbstwertbewußtsein und -gefühl des Einzelnen. Beim bewußten Erfassen des eigenen Lebens muß man nun einmal die positive Seite hervorheben, will man nicht zu dem Schluß gelangen, man habe bisher am Leben vorbeigelebt. Hierbei sind in der Regel gewisse Überhöhungen gar nicht zu vermeiden, nicht, weil wir uns selbst beschwindeln wollen, sondern weil wir überhaupt unsere Lebensleistung begreifen müssen. Im Normalfall realistischer Bilanz ist das ein Moment, sozusagen ein Körnchen Romantik, nicht mehr. Aber dieses Körnchen kann überhöht zur Basis jener Mystifikation werden, die sich als Nostalgie präsentiert.

Nostalgie ist - mehr oder weniger ausgeprägt - eine ganze Geisteshaltung. Hier wird das Moment der Verklärung des Vergangenen, der Verhältnisse, die zerstört und verloren sind, beherrschend. In undifferenzierter Weise wird die Trauer um das Verlorengegangene zu einer im wesentlichen ausschließlich positiven Sicht seiner Wesenszüge und Erscheinungen überhöht und beherrscht das Bewußtsein über die Gesellschaft und über den eigenen Platz in ihr.

Das führt zu der sehr praktischen und höchst aktuellen Frage, wie die Menschen denn nun wirklich jene tiefgreifende Wandlung reflektieren, die mit dem Jahr 1989/1990 umwälzend in ihr Leben eingegriffen und zu einer sozial grundlegenden Veränderung ihres Lebens und der Lebensqualität geführt hat. Noch prekärer ist die Frage, wie man diese Reflexionen verstehen und bewerten kann und soll. Welches ist die reale Grundlage sowohl des nostalgischen Moments nn Bewußtsein vieler DDR - Bürger als auch von Nostalgie bei vielen von ihnen?

Wir waren vom Faktum der Enttäuschung ausgegangen. Man kann die Voraussetzungen dieses Faktums nun entweder realistisch oder in ideologischer Betrachtungsweise bewerten.

Die Masse der aus der DDR stammenden Bürger geht ganz naiv realistisch von dem Lebensprozeß aus, wie er wirklich für sie verlaufen ist und verläuft. Ihre Betrachtungsweise ist geboren aus der sehr praktischen Veränderung ihres gesamten Lebens, die ihnen geradezu auferlegt, aber auch gestattet, die beiden gesellschaftlichen und staatlichen Systeme, in denen sich ihr persönliches Leben vollzieht, miteinander zu vergleichen. Und diese Vergleichung ist ein unverzichtbarer Bestandteil der Weiterentwicklung ihrer Persönlichkeit sowie der Gewinnung ihrer neuen Lebenserfahrung. So mißlich der Zwang zum Hineinwachsen in andere gesellschaftliche Verhältnisse im einzelnen auch sein mag, er birgt in sich auch die große Chance, kreativ eine neue Lebensweise aufzubauen, darin ihre Persönlichkeit zu bewähren und weiter auszuprägen sowie ein neues Selbstbewußtsein und Selbstwertgefühl zu gewinnen. Mittler solcher Kreativität ist die eigene Erfahrung, die nur selbst erarbeitet werden kann und die unerläßlich ist für die Fähigkeit, sich in umfassenden Sach- und Handlungszusammenhängen zu orientieren. Eben zu dieser Erarbeitung der Erfahrung gehört auch die Bewertung der Verhältnisse durch Vergleichen.

Es ist ein verbreiteter Irrtum von Ideologen aller Couleur zu meinen oder wenigstens so zu tun, als könnten die Menschen aus Theorien, durch bloßen Wechsel von Anschauungen und Ideen, also durch rein intellektuelle Lernleistung, zu neuen Verhaltensweisen finden. Für den Ideologen ist die Geschichte vor allem eine Geschichte des Akzeptierens, Vertretens, Äußerns oder Uberwindens meist vorgegebener Ideen, denen die Menschen in ihren Handlungen folgen oder die sie ablehnen und bekämpfen.

Aber der aus der DDR kommende Bundesbürger lernt im praktischen Leben und aus diesem. Wir machen im wirklichen Leben jetzt durch, was einst IMMANUEL KANT in seiner "Anthropologie in pragmatischer Hinsicht" in die Worte kleidete: "Noch sind die Ausdrücke: die Welt kennen und Welt haben in ihrer Bedeutung weit auseinander; indem der eine nur das Spiel versteht, dem er zugesehen hat, der Andere aber mitgespielt hat.-"

Nun, der DDR - Bürger hat - um bei Kants Bild zu bleiben - dem Spiel DDR nicht nur zugeschaut, sondern als individuelles Subjekt der wirklichen, nicht nur typischen, gesellschaftlichen Verhältnisse dieses Staates mitgespielt. Jetzt ist er dabei, ein für ihn neues Spiel mitzuspielen, das er sich aneignen muß, um diese Welt nicht nur zu kennen, sondern auch zu haben. Er muß gemäß seinem Persönlichkeitsprofil und nach der Erfahrung, die er mit der DDR, in der DDR und zumeist auch mit gesellschaftlichen Mitteln der DDR sich angeeignet hat, sich nun neue Erfahrung aneignen. Das ist der eigentliche, reale, oft in seiner wirklichen Tragweite nicht reflektierte Hintergrund, wenn in Umfragen viele Befragte erklären: "Über das Leben in der DDR kann nur mitreden, wer selbst dort gelebt hat." (vgl. DER SPIEGEL, Nr. 27/95, S.49).

Ihre Enttäuschung ist also keineswegs aus der Theorie genommen, sondern aus der Erfahrung ihres realen praktischen Lebens, aus dem Vergleich der unterschiedlichen Lebensweisen und Lebensqualitäten gewonnen. Sie ist Resultat des Vergleichs gesellschaftlicher Wirklichkeiten, in denen sie selbst als ein Bestandteil, als individuelles Subjekt lebten und leben und deren historische Relativität sie praktisch oft recht handgreiflich erfahren. Aus dieser Erfahrung ist auch ihre Enttäuschung geboren, die sie heute und hier äußern. Ich möchte deshalb noch etwas über Enttäuschung sagen.

2. Etwas über Enttäuschung

Enttäuschung kann unterschiedliche Inhalte, Formen und Richtungen im Bewußtsein des einzelnen annehmen und einschlagen.

- Sie kann inhaltlich im buchstäblichen Sinne des Wortes eine Selbstbefreiung von Täuschung, von Illusionen über die Lebensverhältnisse, die Verhaltensweisen der Individuen und Institutionen des Landes sein, in dem man nunmehr lebt. Dann fragt es sich, ob es eine Befreiung von fremder Täuschung, also von einem Getäuschtwerden durch andere, oder um eine Abstreifung von Selbsttäuschung, also von vorwiegend selbstgefertigter Illusion oder von beidem ist. Mir scheint, daß das "Sowohl - als auch" zutrifft. Denn die Bürger der DDR kannten die wirklichen Verhältnisse in der BRD nicht, in ihrer Mehrheit konsumierten sie im wesentlichen die Selbstdarstellungen in Politik und Massenmedien. Und das verbanden sie mit der Hoffnung, diese Schokoladenseite sei nunmehr zu haben bei Erhaltung der sozialen und kulturellen Lebensbedingungen, die sie in der DDR genossen, und deren positive Seiten sie nicht als sozialistische Errungenschaften, sondern als allgemeine Menschenrechte interpretierten, die auch im anderen deutschen Staat zu haben seien.

– Enttäuschung kann in formaler Hinsicht von der Art sein, die ein Zu - Vernunft - Kommen bewirkt und damit zu einer etwas klareren Sichtweise auf das gesellschaftliche Leben und unseren Platz in ihm führt. Aber sie kann auch eine gefühlsmäßige sein, d. h. eine solche, in der das Emotionale im Verhältnis zu dem Schein, der die wirklichen Proportionen vertauscht hat, überwiegt.

– In der Wirklichkeit vermischen sich die Elemente, die man hier aufweisen kann, zu komplexen geistigen Befindlichkeiten, die ihrerseits wieder ihre Abstufungen haben. Denn Denken läßt sich nun einmal nicht von Emotionen trennen, wie auch die Emotionen schließlich in Gedanken münden. Die Frage ist, ob diese vernünftig sind oder nicht, ob sie also die Zusammenhänge der Wirklichkeit, ihre wirklichen Horizonte und Grenzen begreifen, um die eigene Erfahrung formieren, organisieren sowie den Sinn des eigenen Lebens in dem ganzen Komplex der sich verändernden Bedingungen den Verhältnissen der wirklichen Daseinssituation angemessen bestimmen zu können.

Gelingt es dem Menschen - aus welchen Gründen im einzelnen auch immer - nicht, aus der Schwermut der Enttäuschung heraus- und zu Vernunft zu kommen, tritt etwas em, was ERNST BLOCH in "Subjekt - Objekt" wie folgt beschrieben hat: "Wer sich dem Zug des Vorstellens überläßt, kommt wenig weit. Er sitzt nach kurzem in einer allgemeinen Gruppe von Redensarten fest, die sowohl blaß wie selber unbeweglich sind. ... aber der Mensch, der nicht denken gelernt hat, der aus den kurzen, üblichen Verbindungen des Vorstellens nicht herauskommt, fällt ins ewig Gestrige. Er wiederholt, was andere wiederholt haben, er treibt im Gänsemarsch der Phrase."

In diesem Sinne ist Nostalgie eine zwangsläufige Folge geistiger Schwierigkeiten beim begreifenden Verarbeiten jener tiefgreifenden Probleme, die sich mit dem realen Wechsel der Daseinssituation und Lebensqualität ergeben. Aber diese konkreten Schwierigkeiten sind zugleich auch Ausdruck des Schwindens von Vertrauen, das man den Verhältnissen in der BRD und ihren Führungskräften in Politik, Wirtschaft und Kultur einst vorauseilend - euphorisch entgegengebracht hatte. "Vor allem Fach- und Hochschulabsolventen haben tiefe Zweifel an der Möglichkeit, sich als Bürger gegenüber den Behörden durchsetzen zu können," heißt es in einem Bericht der TLZ vom 31.8.95 zu einer Studie von Wissenschaftlern der Friedrich - Schiller - Universität Jena.

Die Verklärung der DDR - Verhältnisse, die viele einst pauschalisierend verworfen, erhält so weitere Unterstützung durch den Trotz, den man den Regierenden und den Ämtern sowie deren Erklärungen entgegenbringt. Ich glaube, diese Sicht dürfte sachlich begründet und richtiger einen allgemeinen Grundzug der spezifisch ostdeutschen Nostalgie charakterisieren als die im SPIEGEL Nr. 27/95 kreierte und als besonderer Typ dargestellte "Trotznostalgie".

Mit diesen allgemeinen Betrachtungen über Nostalgie will ich zugleich sagen, daß ich Nostalgie als allgemeine Denkweise und Geisteshaltung für schädlich erachte. Ich kann ihr Entstehen und Vorhandensein aus dem Grunde verstehen, jedoch nicht billigen.

Sie hindert uns daran, klar zu sehen, die Welt und uns in ihr angemessen, der Sachlage gemäß, zu verstehen. Zu diesem Verstehen gehört auch die ideell rücksichtslose Bilanz des eigenen Lebens. Die DDR, deren erklärte Motive und humanen Anliegen sowie Ansätze ich nach wie vor bejahe, ging schließlich zugrunde an der Vulgarisierung des Sozialismus, vor allem an der unangemessenen Vernachlässigung und Verzerrung der dem Sozialismus wesenseigenen demokratischen Kultur, an ihren selbstbewirkten politischen und ökonomischen Fehlern, zu denen unsere eigene Nachsicht mit den politischen und wirtschaftlichen Führungskräften, unsere als Diszipliniertheit empfundene und häufig auch entschuldigte persönliche Feigheit erheblich beigetragen hat. Wir brauchen solche Einsicht um unser selbst willen, vor allem, um den Sinn unseres Lebens begründet aufs neue und uns in unserer Persönlichkeit erneuernd zu bestimmen, ohne einen tiefen Trennungsstrich zu unserem früheren Dasein zu ziehen.

Auf dies letzte kommt es mir heute an: Eine bestimmte pauschalisierende Kritik an der DDR trifft eben ihre Bürger so, als ob sie ihre Vergangenheit mit Abscheu betrachten sollten. Damit gehe ich über zu einigen Problemen, die mit dem Nostalgievorwurf von Politikern und Publizisten an die Adresse der Ostdeutschen zusammenhängen. Im folgenden frage ich vor allem danach, auf wie sicheren Fußen inhaltlich und methodisch die generalisierenden Vorwürfe einer DDR - Nostalgie stehen. Es geht mir dabei eben vorrangig um allgemeine Fragen der Denkweise bei der Bilanzierung von Geschichte.

3. Wie gegründet sind die Nostalgievorwürfe gegen Bürger aus der DDR?

ch gehe aus von der Auswertung einer EMNID Umfrage durch den Wissenschaftlichen Mitarbeiter am HANNAH - ARENDT - Institut für Totalitarismusforschung an der TU Dresden, LOTHAR FRITZE (41) sowie auf Leserzuschriften aus Ost und West dazu. Insbesondere kommt es mir auf die Art der Fragestellung an, die ja ihrerseits eine bestimmte Denkweise verrät.

Beginnen wir mit der Frage: "Wünschen Sie sich heute, es hätte am besten keine Wiedervereinigung gegeben?" Wie man sieht, ist das eine konkrete und zugleich prinzipielle politische Frage im heutigen Deutschland. Sie ist so gestellt, wie das heutzutage in der Politik üblich ist. 83% der Befragten hat diese Frage verneinend beantwortet, immerhin 15% haben bejaht. Was ist nun daran interessant?

Interessant ist zunächst der abstrakt allgemeine Charakter der Alternative, die, so gestellt, am wirklichen Leben vorbeigeht. Die Unzufriedenheit der Menschen im Osten, die offenbar auch zu Erscheinungen von DDR - Nostalgie führt, ist nicht, ob die Vereinigung der beiden Staaten zu bejahen oder zu verneinen ist, sondern wie, in welcher Weise sie vollzogen wurde. Die Befragten hätten in ihrer Mehrheit sicherlich zu dieser Frage Anmerkungen auch in Form gut durchdachter "Aber" zu machen gehabt. Dies indes mußten sie vernachlässigen, sie mußten sich für ein glattes Ja oder Nein entscheiden.

Weiter fällt auf: Eine solche alternative Fragestellung geht verständlicherweise aus Köpfen hervor, die das Politische zum Zentrum derartiger Überlegungen wählen. Die Fragestellung zielt auf ein politisches Bekenntnis. Die Vereinigung ist jedoch für die der BRD beigetretenen Bürger umfassender, nämlich eine Grundfrage ihres ganzen Lebens, der ganzen Persönlichkeit. Während die Fragesteller objektiv von der Position derer ausgehen, die diese ihre Lebenswelt als Subjekte schon längst haben, dagegen die verlorengegangene Welt der Befragten vorwiegend aus dem Zuschauen kennen, gehen die Befragten objektiv von der Position derer aus, die ihre Welt, in der sie Subjekte waren, verloren haben und nun sich in eine gesellschaftliche Welt versetzt sehen, deren für sie neue Lebensverhältnisse sie sich überhaupt erst aneignen müssen, um in diesem Sinne als Subjekte ihre nunmehrige "neue" Welt "haben" zu können. Diese wesentliche Differenz in der objektiven Daseinssituation von Fragestellern und Befragten wirft natürlich auch die Frage nach den Urteilskompetenzen auf.

Weiter. Der Auswerter zieht aus den Aussagen der Umfrage verallgemeinernd den Schluß, daß "die Ostdeutschen von dem Staat, in dem sie lebten, stärker geprägt sind, als sie wahrhaben wollen" (S.46).

Da fragt man sich schon: Was soll das heißen?

Erstens wird hier unzulässig verallgemeinert im Hinblick auf das Subjekt, das etwas "nicht wahrhaben will". Sicherlich gibt es auch solche Ostdeutsche. Aber es sind eben nicht die Ostdeutschen, nicht alle Ostdeutschen, wie z.B. manche Künstler und andere Geistesarbeiter oder Sportler in "Talkshows" zur Genüge demonstrieren. Zweitens - und das ist mir noch wichtiger -, was heißt: "von dem Staat, in dem sie lebten, geprägt"? Wie ist dieses Geprägtsein aufzufassen? Man kann es ja unterschiedlich erklären.

Wenn man damit meint, sie haben ihre Persönlichkeit unter den Bedingungen der DDR und mit den in dieser gegebenen Bedingungen und Mitteln sowie in deren Verhältnissen ausprägen müssen und auch ausgeprägt, sagt man etwas recht Banales, was auf alle Individuen in allen Staaten zutrifft, auch für die Bürger in der BRD. Denn die entgegengesetzte Annahme, ein Individuum könne in einem Staate leben und zugleich sich von ihm unabhängig entwickeln, ist illusionär, hält keiner Kritik stand. Selbst diejenigen, die 1989 den Zusammenbruch der DDR einleiteten und herbeiführten, taten das ja als Menschen, die sich in der DDR entwickelt hatten, was durch die zivilisierte Form ihres Handelns bezeugt ist.

Oder aber, will man mit der zitierten Formel sagen, die Bürger der DDR hätten als reine Objekte staatlicher Einflußnahme ihre Persönlichkeit ausgebildet? Das wäre eine sehr ideologische Auffassung, die die Gesellschaft in handelnde Subjekte und "behandelte" Objekte, also in Elite und Masse teilt. Ich habe schon bei einigen Funktionären gerade der DDR solche Ansicht angetroffen und dagegen angekämpft, z.B. auf einem Kolloquium der Bezirksleitung Gera der SED anläßlich des 80. Jahrestages des Erscheinens von Lenins Schrift "Was tun?" im März 1982, wo ich ausführte,".. .daß Überzeugung so wenig wie Erfahrung vererbt oder übertragen werden kann... Wer so etwas annimmt oder eine solche Annahme verbreitet, propagiert albernen, aber gefährlichen Unsinn. " (Protokoll, Teil II, Gera 1982).

In abgewandelter Form scheint mir eine solche allgemeine Anschauungsweise bei der Aussage des Auswerters der Umfrage mitzuschwingen: "Alles war geregelt, oben wurde entschieden, unten ausgeführt. Da konnten die Leute hinter den Schaltern nicht viel falsch machen, die Normalbürger nicht viel versäumen" (S.46). Was heißt hier "Alles"? Dieses abstrakte Alles ist ein konkretes Nichts, also etwas, was nichts Konkretes aussagt, könnte man mit HEGEL sagen.

Es wird nicht in Abrede gestellt, daß es auf allen Feldern des Lebens, die politisiert wurden, sehr viel Bevormundung gegeben hat; das ist wohl wahr. Aber das Leben besteht eben nicht nur aus Politik. In ihrem Alltagsleben, z.B. im Arbeitsprozeß mußten und konnten die "Normalbürger" sehr wohl sehr viel selbst entscheiden. Wie oft mußten sie am Arbeitsplatz improvisieren, ohne die "Standards" oder "Dienstanweisungen" oder "gesetzlichen Bestimmungen" im Rücken zu haben, die den Arbeitsprozeß in der BRD so signifikant kennzeichnen. Und wie oft hatten solche Improvisationen weiterreichende Wirkung. Da war schon Findigkeit, Entscheidungsbereitschaft mitsamt den damit verbundenen Risiken gefragt. Mir sagte neulich ein heute noch in Lohn und Brot stehender Bekannter, er habe in seiner Alltagsarbeit in der DDR mehr Entscheidungsspielraum gehabt als jetzt. Und solches bekommt man häufig, sehr konkret belegt, zu hören.

Die springenden Punkte sind auch hier als Konsequenz der zitierten Vorstellung die Frage nach der Auffassung von der Persönlichkeit und der Biographie sowie von der Urteilskompetenz. Wenn die Bürger der DDR nur solche Objekte gewesen wären, die lediglich das vorher von der Führung Geregelte zu machen hatten, dann sind sie dank der 40 Jahre währenden Existenz des "Unrechtsstaates" auch nicht zur gesellschaftlichen Urteilsfähigkeit gerecht. Dann sind sie weder hinsichtlich der Einschätzung ihres vergangenen Lebens in der DDR noch bezüglich der Beurteilung ihres jetzigen Daseins in der BRD kompetent. Dann sind sie eine Größe, die vernachlässigt werden kann. Das ist der unausgesprochene Sinn einer solchen Aussage: Ob beabsichtigt oder nicht, ihrer inneren Logik zufolge ist jene Vorstellung geeignet, den Bürgern der DDR ihre originäre, zur Zeit der DDR ausgeprägte Persönlichkeit als zu vernachlässigende Größe darzustellen sowie ihnen ihre Urteilskompetenz und damit ihre Mündigkeit als Bürger streitig zu machen.

Diese meine Aussage folgt lediglich der Praxis. Warum denn gerät die Führungsriege der CDU plötzlich in Aufregung, wenn ein dieser Partei angehörender Abgeordneter Beachtung der Probleme und der Abgeordneten des Ostens Deutschlands kritisch anmahnt? Oder: Selbst der Tübinger Staatskirchenrechtler JOHANNES NEUMANN sah sich genötigt, an der Brandenburger Regierung Kritik zu üben, weil diese zur Begutachtung des Gymnasial-Lehrfachs Lebenskunde - Ethik - Religionskunde fast nur westdeutsche Experten aufgeboten hat (vgl. ND v. 17.1.95).

Die Anschauungsweise, derzufolge Eliten Subjekte und einfache Menschen nur deren Objekte und Ideologie- sowie Befehlsempfänger seien, widerspricht allen geschichtlichen Erfahrungen; denn schließlich ist auch der einfache Mensch, selbst wenn er in bestimmter Hinsicht als Objekt politischer, wirtschaftlicher kultureller Handlungen von sogenannten Eliten behandelt wird, stets Subjekt. Alle Entwicklung der Persönlichkeit ist ihrem Wesen nach Selbstentwicklung des besonderen Wesens der Individuen unter bestimmten Bedingungen des gesellschaftlichen Lebens, in konkreten gesellschaftlichen, darunter auch staatlichen, Lebensverhältnissen.

Deshalb enthält auch jede Biographie eines Menschen innerlich Notwendiges, zum besonderen Wesen des einzelnen Gehöriges. Dies eben ist historisch gewachsen, ist gewissermaßen ein selbst erarbeitetes und verdichtetes Leitmotiv, das im Strom des Lebens bei aller Diskontinuität der Windungen, Gegenströmungen, Staus oder Untiefen jene Kontinuität der Persönlichkeit wahrt, die wir meist als Identität bezeichnen.

Die sogenannte "Fremdbestimmung" hingegen ist eine sehr relative Angelegenheit. Der König kann schließlich sich selbst nur als König zu seinem Volk verhalten, weil und solange die darin lebenden und wirkenden Individuen sich ihm gegenüber als Untertanen verhalten. Dies allgemeine Gesetz der Geschichte hat sich jüngst in der DDR wieder bestätigt. Es wird wohl nicht die letzte Bestätigung gewesen sein.

Ich habe über die letztgenannte Variante so ausführlich gesprochen, weil sie als Denkmuster wenigstens im Hinterkopf bei der Ausarbeitung mancher Frage sowie bei der Auswertung mitgeschwungen zu sein scheint.

Damit komme ich zur Charakteristik einer weiteren Frage. Sie lautete: "Ich kann stolz sein auf mein Leben, weil ich das Beste daraus gemacht habe und mich mit dem Regime nur soweit eingelassen habe, wie es nicht zu vermeiden war. Trifft dies auf Sie zu?" Wie man sieht, eine durch und durch ideologische, politisch - moralische Fragestellung, die unsere bereits geäußerten Bedenken neuerlich bestätigt.

Hier wird offenbar direkt von der allgemeinen Annahme ausgegangen, der einzelne könne als ein Wesen existieren, das vollkommen der Gesellschaft gegenüberstehen und -handeln könnte. Mir scheint, das ist die typische Frage von Menschen, die einem "Spiel" - mit KANT zu reden - nur zugesehen haben und nun an die Menschen, denen sie gestern bei ihrem Leben zugesehen haben, die Meßlatte ihrer merkwürdigen Meinung anlegen, Menschen könnten in einem Regime leben, ohne sich "mit ihm einzulassen". Man stelle sich das Menschenbild, das implizite in einer solchen Fragestellung enthalten ist, einmal praktisch vor.

Da leben Menschen in einem Staat. Ein Teil davon hat ihn selbst mit aus der Taufe heben helfen, nachdem sich ein anderer Teil des Landes zu einem eigenen Staat konstituiert und sie (in der Größenordnung von 17 Mio) draußen hat stehen lassen. Ein anderer Teil dieser Menschen ist in diesen Staat hineingeboren worden. Sie haben unter diesen Bedingungen gearbeitet, gelernt, ihre Qualifikation erworben und praktisch wirksam werden lassen, Güter und Dienstleistungen geschaffen, von denen alle leben mußten, sind dort in Kino, Theater, Konzert, in Sportstätten gegangen - zu sehr erschwinglichen Preisen. Sie haben die von diesem Staat bereitgestellten Mittel mehr oder weniger gut genutzt, m von diesem verwalteten Betrieben und Ämtern gearbeitet, haben Familien gegründet, Freundschaften geschlossen mit den ihnen genehmen Leuten usw., usf. - alles unter den Bedingungen dieses "Regimes", in den von diesem bestimmten politischen, ökonomischen, sozialen, kulturellen, auch moralischen Verhältnissen. Als Produzenten materieller und geistiger Güter, als Verwalter, Handeltreibende usw. haben sie zugleich mit der Gewinnung der Bedingungen und Mittel ihres persönlichen Lebens eben auch die Gesellschaftsform und den Staat, in dem sie dies Leben gewannen, gestützt und reproduziert, bewußt oder unbewußt.

Und sie sollen sich nun mit diesem "Regime" nicht "eingelassen" haben. Verzeihung, das ist die Vorstellung nicht von wirklichen Menschen in wirklichen Lebensverhältnissen, sondern das Bild eines Menschen, wie er in fremder Vorstellung nach moralisierenden Maßstäben angenommen wird. Allerdings ist es eine in Deutschland schon von CHRISTOPH MARTIN WIELAND kritisierte Manier, Menschen als personfizierte Begriffe, als Abstrakta politisch- und rechtlich - moralischen Charakters, scheibchenweise zu betrachten und dann in ihrer Ganzheit nach den Scheibchen zu behandeln (vgl. CH.M.WIELAND, Gespräche unter vier Augen). Man geht heute von der moralisierenden Konstruktion aus, die DDR sei ein "Unrechtsstaat" gewesen und nimmt das Kategoriensystem, das dieses Konstrukt stützt, als Maßstab zum Bemessen des Verhaltens seiner Bürger. Was soll das?

Nehmen wir einen bestimmten Fall. Da ist, sagen wir, ein ausgebildeter Mediziner, ein ausgezeichneter Fachmann auf dem Gebiet der Seuchenbekämpfung. Das Gesundheitswesen m der DDR war staatlich organisiert. Wer seiner ärztlichen Berufung auf einem gesellschaftlich mit internationalen Konsequenzen so relevanten Gebiet nachgehen und so als Spezialist seinem ärztlichen Eid nachkommen wollte, mußte sich "mit dem Regime einlassen". Ich möchte wissen, was die heutigen Kritiker, die einen solchen Mediziner wegen sogenannter "System- und Staatsnähe" hinsichtlich der Rentenzahlung bemessen, - was diese Leute sagen würden, wenn dieser Mann einmal sein Amt nicht ernst und verantwortungsbewußt ausgeübt hätte; wenn er in der Seuchenprävention und -bekämpfung nachgelassen, den Tod einer größeren Zahl Menschen hingenommen und womöglich eine ungehinderte Grenzüberschreitung der Seuche in die BRD geduldet oder gefördert hätte. Würde man ihn heute deswegen als "Regimegegner" feiern? Ich wage das zu bezweifeln.

Das Verfahren stellt sich mir dar wie politisch praktizierte Metaphysik Und es wurde und wird praktiziert in der BRD. Dafür spricht z.B. der erneuerte Erlaß der bayerischen Staatsregierung betreffend die "Pflicht zur Verfassungstreue im öffentlichen Dienst" vom 3.12.1991 (Quelle: Weißbuch: Unfrieden in Deutschland 2. Wissenschaft und Kultur im Beitrittsgebiet, Berlin 1993, 5. 154). Wie so etwas genauer aussieht, kann man den Fragebögen sog. "Ehrenkommissionen" an Universitäten und Hochschulen entnehmen (Ebenda, 5. 166 - 170).

Weiter. Die Konstruktion des "Unrechtsstaates" und das nachträgliche Vorschreiben - oder soll ich sagen: Verordnen ? - von Erwartungen in die Bürger, sie hätten in diesem Staat leben und sich zu ihm prinzipiell als Oppositionelle verhalten sollen, - zeigt eine weitere Tendenz an, die in den Voraussetzungen des Nostalgievorwurfs liegt: Die stillschweigende Erwartung, daß die Bürger dank einer radikalen "Geschichtsbewältigung" nicht zu ihrer wahrhaftig widersprüchlichen geschichtlichen Herkunft stehen, sich ihrer schämen und sie am besten verwerfen sollten. Darin liegt latent die Vorstellung von einem "Zusammenwachsen", das in einer geistigen Assimilation der DDR - Bürger durch den Staat BRD bestehen würde.

In diesem innerlogischen Sinn verlangt ideologische Bewertung der DDR - Geschichte und der Biographie von DDR - Bürgern etwas Unmögliches. Selbst bei intellektueller Anpassung an die Verhältnisse in der BRD werden die Individuen ihr gewachsenes individuelles Wesen niemals ganz los. Wohl aber können sie sich ihm gegenüber geistig entfremdet verhalten, ihre Persönlichkeit verbiegen. Ob das nun aber im Sinne einer Wahrung der Menschenwürde vertretbar ist, ist doch wohl sehr zu bezweifeln. Es ist vollkommen logisch, daß die Mehrheit der Befragten auf ihr Leben stolz ist, wobei möglicherweise der ideologisierende zweite Teil der Frage von den Probanden gewohnheitsgemäß - diese Gewohnheit wurde von vielen in der DDR erworben - als "ideologisches Fahneschwenken" nicht ganz so ernst genommen worden sein dürfte.

Die in solchen Fragestellungen enthaltene Tendenz zur Selbstverleugnung der Geschichtlichkeit hat also in bezug auf die Persönlichkeit die Konsequenz, ein bestimmtes, historisch gewachsenes menschliches Wesen, das in dem Ensemble seiner notwendigen inneren Beziehungen und Eigenschaften, welche seine Qualität ausmachen, besteht, die Zeit und die Arbeit seines Werdens als unwert und nichtig innewerden zu lassen. Zu solchen Vorgängen hat schon einmal die Freidenkerin INGE VON WANGENHEIM in ihrem Roman "Spaal" gesagt: "Entwicklung laßt sich nicht zurücknehmen, nicht wiederholen, nicht nachschaffen. Sie findet immer nur einmal statt, und Kultur aus der Retorte gibt es nicht"," Daraus folgere sie - im Hinblick auf pauschalisierende Nostalgievorwürfe durchaus hochaktuell -, "daß es ohne Herkunft keine Zukunft gibt, dem Verlust der Herkunft, ihrer Verschleuderung und Zerstreuung in die Vergessenheit, zu wehren ist" (I. v. WANGENHEIM, Spaal, 2.Aufl. Rudolstadt 1981, 5. 53 und 110). Mir scheint, die Befragten haben, vielleicht in vielen Fällen nur instinktiv, das gespürt, als sie sich zum Stolz auf ihr Leben bekannten.

Geht allmählich auch politischen Führungskräften eine schwache Ahnung auf? Sehen wir genauer hin. Die FAZ von vorgestern, d. 19.2.96, veröffentlicht einen Artikel von WOLFGANG STOCK unter der Überschrift "Die kritischen Töne aus dem Osten kommen ungelegen", der Stellung nimmt zu dem REHBERG - Papier aus der Schweriner CDU. Für unser Thema interessant ist die Beteuerung aus dem ADENAUER - HAUS in Bonn: "Die Fremdheitsgefühle der Ostdeutschen in der westdeutschen Demokratie ,müssen wir ernst nehmen’..." Indirekt wird m.E. damit eingestanden, daß man das bisher nicht ernst genommen hat, was natürlich unerhört vertrauensbildend ist.

Aber noch interessanter sind die Diagnose- und Therapievorstellungen: "Selbst CDU - Wähler in den neuen Bundesländern, so lautet der Befund der Meinungsforscher, sind in Grundwerten der Union "nicht verwurzelt". Sogar den Stammwählern dort müsse noch erklärt werden, was die CDU mit Begriffen wie "Freiheit", "Solidarität", "Gerechtigkeit" meine, von "Subsidiarität" ganz zu schweigen."

Das ist nun wahrhaftig aufschlußreich hinsichtlich des Wesens von Ideologie und, ja und auch von Nostalgie. Also, Diagnose: Die Ostdeutschen sind in der BRD - Demokratie von Fremdheitsgefühlen geplagt. Das ist sicherlich nicht zu bezweifeln. Von dieser Feststellung aus kann man zwei Wege der Untersuchung einschlagen: den realistischen, der zwangsläufig auch kritische Selbstbefragung hinsichtlich der demokratischen Wirklichkeit im Lande einschließen würde, oder den ideologischen, der rein, von der praktischen Wirklichkeit losgelöst, mentale Befindlichkeiten (Gefühle, Vorstellungen, Begriffsinhalte) miteinader und mit dem Begriffsinstrumentarium einer führenden Partei vergleicht. Die CDU - Führung wählt offenbar diesen zweiten, den ideologischen Weg. Die Therapie kann dann nur darin bestehen, zu erklären, nur zu erklären, nämlich zentrale Begriffe, wie sie nach Exegese und nach Meinung der CDU - Spitze als Grundwerte zu verstehen sind. Denn offensichtlich bringen die Ostdeutschen aus ihrer Erfahrungswelt eigene begriffliche Inhalte mit, die so leicht nicht austauschbar sind. Z.B. Solidarität des Reichen mit dem Armen, des Mächtigen mit dem Schwachen ist fur ihr Verständnis aus dem Leben logisch leichter zu begreifen als ein anderer Inhalt.

Aber die Äußerung aus dem ADENAUER - Haus läßt die Vermutung zu, man werde die wirkliche Lebenslage, die darin enthaltene praktische Befindlichkeit vieler Ostdeutscher auch ferner nicht als relevant betrachten. So ernst werde man diese Leute nun auch künftig nicht nehmen. Es werde den Oberen auch fürderhin nicht in den Sinn kommen, auch nur danach zu fragen, ob sich in der mentalen Befindlichkeit der ehemaligen DDR - Bürger nicht eventuell eine bestimmte, der BRD eigene Wirklichkeit zum Gefühl und zum Gedanken drängen könnte. Man geht auf das uralte Prinzip der Ideologie zurück: Man nimmt die mentale Befindlichkeit der einen, vergleicht sie mit dem allgemeinen moralischen Begriffsapparat, dem man den eigenen besonderen Meinungsinhalt als von vornherein einzig wahren unterstellt und kann von da aus nur zu einer Missionierung aufbrechen, deren Sinn ist, Bettlern die Moralität von Fürsten überzustülpen.

Denn es ist ja wohl. so, wie schon der Philosoph des Liberalismus, JOHN STUART MILL, in seinem Traktat "Über die Freiheit" feststellte: "Wo immer eine überlegene Klasse vorhanden ist, rührt ein großer Teil der Moral des Landes von ihren Sonderinteressen her und von den Gefühlen der Klassenüberlegenheit" (J.ST. MILL, Über die Freiheit, Stuttgart /Reclam/ 1988, 5. 12). Das dürfte wohl auch auf die zutreffen, die sich heutzutage hierzulande als "politische Klasse" bezeichnen.

Das Geheimnis der Konstruktion beruht darauf, daß man das dank der Macht Durchgesetzte für das Wahre erklärt. Mit diesem Problem hat sich schon GOTTFRIED WILHELM LEIBNIZ herumschlagen müssen. Es ist der Logik der Sache nach - wie die Geschichte des Denkens deutlich macht - eine Personalisierung der Qualität von Erkenntnis, die dann meist zu einer Subjektivierung von Wahrheit verwendbar wird. Damit wird Wahrheit auf die schwankende Meinung von Subjekten heruntergebracht, jedoch elitär verklärt. Wendet man das dann auf Werte an, dann erscheint eine Hierarchie der Werte als Personenhierarchie, erscheinen Werte als an bestimmte Personen oder Personengruppen, die als höherwertiger denn "die Masse" betrachtet werden, gebunden. In meiner Kindheit hatte ich solches, extrem ausgeprägt, in der deutsch - faschistischen Ideologie erleben müssen.

Als ich seinerzeit, nach dem II. Weltkrieg, als 15- bis 17-Jähriger mich politisch zu orientieren begann, las ich bei der CDU ganz andere Werte als ich sie heute zu hören bekomme. Nach einigen der allgemeinen damaligen Leitsätze dieser Partei habe ich meine persönliche Standortbestimmung mitvollzogen, als ich mich für den nichtkapitalistischen und sozialistischen Weg entschied. Solche Sätze aus den "Kölner Leitsätzen" vom 1 Juli 1946 wie: "Die Vorherrschaft des Großkapitals, der privaten Monopole und Konzerne wird gebrochen"; oder: "Die menschliche Arbeit wird gewertet als sittliche Leistung, nicht aber als bloße Ware"; oder aus dem "Ahlener Wirtschaftsprogramm" vom 3 Februar 1947 wie: "Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den Staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden.." - Solche Aussagen haben sich mir tief eingeprägt und waren mitbestimmend für. die Erarbeitung meiner eigenen weltanschaulichen Überzeugungen. Vor allem gefiel mir, daß in ihnen gesellschaftliche und politische Verhältnisse auch als solche angesprochen wurden und die Personalisierung von Wahrheit und Wert nicht vorkam. Ich könnte mir vorstellen, daß eine Stellungnahme der Führung dieser Partei zu solchen einstigen Leitsätzen für eine nostalgiefreie Bilanzierung der Geschichte in Deutschland sehr hilfreich sein wurde.

Und damit komme ich zum Schluß. Mir sei die Frage erlaubt, die sich einem nach solchem Exkurs aufdrängt: Steckt nicht in dem satten Selbstbewußtsein von Leuten, die da derzeitige Resultat ihrer Wertvorstellungen für. die allgememe, von allen Bürgern zu erstrebende Norm moralischen Denkens halten und ausgeben, ohne einen Blick auf die zum Teil bedeutenden wirklichen, wirkenden Unterschiede in den Daseinssituationen der Menschen zu werfen, - steckt in einem solchen Verhalten nicht auch selbst eine Portion Nostalgie? Warum eigentlich wird hierzulande Geschichte der DDR aus den Wechselbeziehungen mit der BRD und ihren verbündeten herausgelöst "bewältigt? Steckt nicht auch darin die Nostalgie von Leuten, die das Resultat der eigenen Entwicklung für das einzig Wahre und Wertvolle halten, das keiner neuen Hinterfragung und keiner geschichtlichen Neubewertung bedarf? Werfen sie anderen nicht von dieser Position eigener Nostalgie Nostalgie vor? Das wäre schon einmal bedenkenswert.

Ich glaube, es gibt nur einen Ausweg aus dem Dilemma, nämlich realistische Betrachtung der wirklichen Geschichte, der ganzen Geschichte in Deutschland, wohlgemerkt. Was dazu erforderlich wäre? Lassen sie das einen Freidenker einmal mit den Worten eines Kirchenmannes sagen, - das sollte nicht nur wegen des Lutherjahres so sein. Zum realistischen Betrachten der Geschichte bedürfe es, sagte MARTIN LUTHER eines trefflichen Mannes, "der ein Löwenherz habe, unerschrocken die Wahrheit zu schreiben. Denn das mehrere Theil schreiben also, daß sie ihrer Zeit Laster oder Unfall, den Herren oder Freunden zu Willen, gern verschweigen, oder aufs Beste deuten, wiederum geringe oder nichtige Tugend allzu hoch zur Last legen, wiederum aus Gunst ihres Vaterlands und Ungunst der Fremden, die Historien schmücken oder besudeln, darnach sie Jemand lieben oder anfeinden... Also verdirbt der edle, schöne höchste Nutz der Historien, und werden eitel Wäscher daraus..." (Martin Luther, Ueber den Nutzen der Historien. In: Martin Luther als deutscher Classiker, Bd. 1, Frankfurt am Main 1878, S.32/33).

Ich wünsche uns allen dieses Löwenherz bei klaren, vernünftigen Bilanzierung der Geschichte und bei der Verhinderung eigener Nostalgie sowie bei der Abwehr ungerechfertigter Nostalgievorwürfe.