Was ist Metaphysik?

Teil II: Eine Zusammenfassung

von Helmut Walther, Nürnberg
in Aufklärung und Kritik 1/1997, S. 61 ff.


Das Anliegen dieser Arbeit ist es, die geistige Entwicklung des Menschen, insbesondere im Hinblick auf Philosophie und Religion, mit den Ergebnissen der Evolutionstheorie zusammenzudenken. Damit soll der Gedanke ernstgenommen werden, daß die menschliche Vernunft in funktioneller Hinsicht eine Folge der Evolution ist, und die einzelnen Stationen dieser Entwicklung werden sichtbar gemacht. Der Ansatz lautet: Metaphysik geht hervor aus steigernder Selektion auf neuronaler Basis beim Wechsel vom Verstand zur Vernunft.

Wenn Metaphysik ein Erzeugnis der Vernunft ist, so ist zunächst zu klären, was Vernunft ist, und wie diese dazu kommt, so etwas wie Metaphysik hervorzubringen. Deshalb muß ein Modell des menschlichen Geistes entworfen werden, das die Leistungen des Gehirns auf neuronaler Ebene mit der kulturgeschichtlichen Entwicklung verbindet. Betrachten wir das Leben evolutionär und phylogenetisch, so sehen wir vor allem qualitätssteigernde Großmutationen, die wir im Hinblick auf das leitende Vermögen in der Reihe Vegetativum, Instinkt, Empfindung, Verstand und Vernunft, und in äußerer Hinsicht über die Großgattungen Insekten, Reptilien, Säugetiere und Mensch festhalten können. Das Wesen all dieser qualitätssteigernden Großmutationen besteht darin, mittels eines jeweils neuen Vermögens und dessen Interpretationweise mit der Welt in eine qualitativ neuartige Kommunikation zu treten. Alle Möglichkeit von Kommunikation und Interpretation ist allein deshalb möglich, weil erstens Verschiedenes ist, und weil zweitens sich Gleiches im Verschiedenen wiederholt. Bestünde das Seiende nur aus Gleichem, oder würde sich Gleiches nicht im Verschiedenen wiederholen, hätte es niemals eine Entwicklung geben können. Und so basieren auch noch unsere eigenen menschlichen Vermögen, also Gefühl, Verstand und Vernunft, auf dieser Tatsache der Wiederholung des Gleichen im Verschiedenen. Dabei werden in der Qualitätssteigerung der Vermögen die Vergleichsoperationen immer abstrakter und synthetischer.

Der Verstand ist eine Hemmung der Emotio wie jene eine Hemmung des Instinkts; bei diesem Übergang entstehen die menschlichen Gefühle als in Verstand übersetzte Empfindung. Das Neue am Verstand ist seine Weise der Speicherung: arbeitet das Empfindungsgedächtnis damit, daß es sich aus den Sinnesdaten eines Sinnes und einer genetischen oder individuell geprägten Wertgröße konditioniert, so faßt der Verstand die piktographische Struktur der Daten mehrerer Sinnesorgane eines Wahrgenommenen zusammen und verbindet diese mit einer sprachlich-auditiven Komponente. Erst dieser Kombination von Mehrfach-Piktogramm und Laut speichert er einen Wert zu, und damit erscheinen die Dinge im Bewußtsein. Der Verstand bildet sich also heraus aus der eigenständigen vertikalen Konditionierung von mehrfacher sinnlicher Repräsentanz zusammen mit der sprachlichen Repräsentanz als einer Eigenleistung des Gehirns: daraus erwächst der Begriff. Sprache, Grammatik und Verstand sind untrennbar ineins gebaut, denn Grammatik ist die Bemächtigung von Welt mittels Sprache als Verstand. Damit zerfällt die Welt für den Menschen in das begreifende Subjekt und das begriffene Objekt.

Die Vernunft bedient sich der alten Verfahren, nur eine Stufe synthetischer – denn sie hält wiederum das Gleiche im Verschiedenen für sich selbst fest. Allerdings sind ihr Ausgangsmaterial die Daten des Verstandes, wo jener von den Daten der Empfindung ausging. Der Verstand sieht unter sofortiger Zusammensetzung von Sinnesdaten und Gedächtnispiktogrammen immer nur das individuelle Ding; er findet seine Befriedigung im quantitativen Nutzen unter Zugrundelegung der Moral der eigenen Gruppe (das Haben-Wollen). Anders die Vernunft: sie konditioniert sich das Piktogramm des Verstandes unter Abtrennung des Sinnlich-Verschiedenen als Wesen unter eigenem Begriff zu, angeleitet von eigener, zum Verstand qualitativ verschiedener Wertgebung als Ethik im Blick auf die gesamte Menschheit (das Sein-Wollen) – und genau an diesem Punkt entsteht die Metaphysik.

Dieser eher zufällig etablierte Begriff aus der Textanordnung des Aristoteles erweist sich dennoch als überraschend treffend, denn indem die Vernunft mit den Daten des Verstandes umgeht, arbeitet sie ja tatsächlich „nach“, „neben“ und „über“ dem „Physikalisch- Wirklichen“; ihr Wesensbegriff kommt in der Natur nicht vor, sondern macht sich jenes Piktogramm zunutze, das dem Wiedererkennen des Verstandes zugrundeliegt.

Die Vorsokratiker wenden dieses Verfahren der „Wesenssuche“ auf die Natur an, und führen so das Seiende auf jeweils ein Grundprinzip zurück, also etwa Wasser, Feuer, Erde oder Luft. Die sophistischen Aufklärer ziehen die Konsequenzen aus der Wesensschau auf die menschliche Gesellschaft und gelangen je nach vorausgesetztem Ursprungswert zu völlig divergierenden Weltanschauungen. Den nächsten Schritt, mit dem er das abendländische Individuum auf den Weg bringt, vollzieht Sokrates, indem er das delphische „gnoti se auton“ ernst nimmt. Heißt dies doch nichts anderes, als nach dem Wesen des Menschen zu fragen. Um wirklich zu wissen, was ich weiß und was ich will, muß ich zuerst wissen, was und wie ich wissen und wollen kann. Von daher kann denn Sokrates noch zu Recht sagen, Erkenntnis sei gleich Tugend und Wissen gleich Wollen. Dieser Schritt aber gelingt der Dialektik des Sokrates selbst noch nicht, vielmehr wird er eher ahnend von der Stimme der Vernunft – bei ihm daimónion genannt – rein negativ reguliert, d.h., diese Stimme rät ihm immer nur ab, nie aber zu. Der Grund dafür ist, daß ihm, wie man an seinen vielen Aporien sieht, die Übertragung der Leitungsfunktion an die Vernunft in evolutionär-neuronaler Hinsicht noch nicht vollständig gelungen ist, diese Bahn eröffnen erst Platon und Aristoteles. Mit Platon etabliert sich phylogenetisch gesehen die Vernunft als Leitungsfunktion – in seinen Worten: Philosophen sollen Könige sein. Er dreht von diesem neuen punctum saliens aus die Dialektik um zur Dihairese ( 1 ): Das Einzelne muß in der Wesensschau vom Allgemeinen her bestimmt werden, die „Idee des Guten, Schönen und Wahren“ ist als das summum bonum der Vernunft erschienen, woraus dann die Ethik, die eigentliche Philosophie und schließlich die Hochreligion hervorgeht. ( 2 )

In den Worten des Aristoteles: „Überall, wo es ein Besseres gibt, gibt es auch etwas, das das Vollkommenste ist. Da nun unter den existierenden Dingen eines besser ist als das andere, gibt es folglich auch etwas, das das Vollkommenste ist, und dies ist das Göttliche.“ ( 3 ) Aristoteles auch ist es, der die platonische „Idee“ aus der Transzendenz in die Immanenz hereinholt als „Form“: „Wenn wir uns einen Menschen vorstellen oder einen Fußgänger oder sonst ein lebendes Wesen, so stellen wir etwas von dem Seienden vor und nicht ein Einzelding. Denn, auch wenn die Einzeldinge zugrunde gehen, bleibt die gleiche Vorstellung. Es ist also klar, daß es neben den einzelnen und sinnlich wahrnehmbaren Dingen etwas gibt, das wir uns vorstellen, gleichviel ob jene sind oder nicht sind; denn wir stellen uns dann nicht etwas Nichtseiendes vor: das ist die Form und die Idee.“ ( 4 ) Aristoteles schildert hier die Abstraktion des Vernunftvermögens in nuce, das die vom Verstand erworbenen „Formen“ von dessen individueller Wahrnehmung trennt und allein diese Piktogramme für sich als das „Wesen“ der Dinge begrifflich festhält und ausschließlich mit diesem „Wesentlichen“ umgeht – und damit beginnt die Metaphysik. Allerdings wird der Begriff „Wesen“ heute und so auch hier im Gegensatz zur ousia Platons und Aristoteles´ nicht ein als irgendwie mit Sinn beladener ontologischer, sondern ausschließlich als funktioneller Begriff gebraucht.

Wenn wir an der Wende zum Jahr 2000 von einem „Ende der Metaphysik“ sprechen, so läßt sich in der rückwärtsschauenden Perspektive diese Strecke vom Beginn bei den Vorsokratikern bis zu uns hin als der Kreisbogen der Metaphysik ansprechen. Diesen füllten in der Rezeption und Reflexion der Vernunft die philosophischen Lehren für die Ratio und die Hochreligionen für die Existentialität. Ihren Höhepunkt, und das, was wir heute als Zeitenwende bezeichnen, hat die Metaphysik naturgemäß im Moment des Überganges der Leitungsfunktion an die Vernunft, also mit der wahrhaft epochemachenden griechischen Troika und den Hochreligionen Buddhismus und Christentum. Damit wurde die Wesenssicht der Vernunft auf die Welt geschichtlich wirksam, und die Sehweisen des Verstandes umgestürzt: in der selbstaktiven Umwendung der die Leitungsfunktion übernehmenden Vernunft gewinnt das summum bonum sein Eigenleben.

Was ist mithin Metaphysik? Metaphysik ist, wenn die Vernunft in ihrer Rezeption und Reflexion in das Seiende „Wesentliches“ einträgt, also die „Ideen“ und „ewigen Formen“, die sie in der von der Wahrnehmung des Verstandes isolierten Mustererkennung als „Wesen“ der Dinge ins Unverborgene der Vernunft erhebt. Daher heißt Wahrheit griechisch a-letheia; an dieser Wortbildung ist zu beachten, daß der Grieche die Wesens-Wahrheit der Vernunft nicht als eine reflektierende Abstraktion erfährt, sondern als rezipierende Aufhebung der Verborgenheit des „wahren Seins“ , identisch mit dem „Wiedererinnern“ Platons und der Stufenleiter der Erkenntnis im „Höhlengleichnis“ ( 5 ) und im „Symposion“( 6 ) . Die so gewonnenen Wesensbestände konditioniert sich die Vernunft unter eigenem Begriff zu, und lädt damit das sinnlich gebundene Dasein des Verstandes in der Erhebung zum wesentlichen Sein der Vernunft ethisch, ideell und in neuer Religiosität mit eigener Intensität auf. Diese Aufladung ist zu unterteilen:

1. in richtige qualitative Bezugserhöhungen durch die Vernunft in der Kommunikation des Seienden, wenn sie unter Rückbezug auf die Daten des Verstandes die Wesensbegriffe aufdeckt.

2. in phantastische Idealisierungen, sei es in Richtung auf Religion, sei es in Richtung auf „Geist“, wenn sich die Vernunft ohne Grundlage in den Daten des Verstandes in haltlosen Spekulationen verliert.

Der Wert des Seienden seit dem Umschlagpunkt der Rezeption zur Reflexion der Vernunft durch das Dreigestirn Sokrates, Platon und Aristoteles ist das Sein als Teilhabe am summum bonum. Die Werte sind nicht mehr identisch mit den Zwecken des Verstandes, die im Mythos vergöttert wurden, sondern sie erheben sich als Ideale über diese. Im Mythos hat der Mensch sich selbst und die Welt vergöttert, wie ihm diese aus der Verstandessicht erscheint, in der Metaphysik der Vernunft vergöttert der Mensch sein eigenes Idealbild und das Wesen der Welt, wie es sich der Vernunft zeigt. Der erste Ausdruck für diese Bewegung ist die griechische Kunst, in der Menschentum und Idealität vereinigt erscheinen. Der zweite Schritt ist das alleinige Setzen auf die Innerlichkeit, hervorgerufen durch die Bewegung und innere Erfahrung der Leitungsübertragung an die Vernunft; diese macht sich phylogenetisch als ganz neue Eigenlebendigkeit und Andersartigkeit gegenüber der Sehweise des Verstandes geltend. Erschienen Sokrates und Jesus ihren Zeitgenossen nicht als Verrückte? Im durch diese Leitungsübertragung bedingten Absolutsetzen der Wesensschau sinkt über Platon, die Stoa, das Christentum und den Neuplatonismus die Vernunft (als Vermögen) vor dem summum bonum zusammen in der Hochreligion: das geschaute Absolutum Gott und das eigentliche Heil ist jenseits dieser Welt, das Heilige verinnerlicht sich vom äußerlichen Gemeinschaftsritus für die Götter des Verstandes zur individuellen Stellung vor und innerlichen Einzelbeziehung zum Einen Gott.

Das klassische griechische Denken geht noch von einer diesseitigen Teilhabe am Absoluten aus, sei es als Anähnlichung in der Teilhabe an der Idee (Platon), sei es als Verwirklichung der „Form“ als Entelechie (Aristoteles) – auf Teilhabe-Stufen steigt der Mensch zu göttlicher Schau empor. Im Durchbruch der Innerlichkeit als des Sich-Selbst-Bewußtwerdens der Vernunft verwandelt sich diese Stufenleiter der diesseitigen Anähnlichung in einen unendlichen Abstand zwischen jenseitigem summum bonum und Mensch. Psychologisch ist das daraus zu erklären, daß sich der Mensch diesen Durchbruch des Selbstbewußtseins der Vernunft nicht selbst zuzurechnen vermag – so spricht ja bereits Platon vom Brennen eines göttlichen Funkens; hierher gehören auch die Schilderungen der Mystiker hinsichtlich der „unio mystica“ ( 7 ). Der individuelle Durchbruch der Leitungsübernahme durch die Vernunft im (er-)lebenden Individuum scheint sich vielmehr einem Überlegen-Überirdischen zu verdanken, das auch Aristoteles ausführlich als das „Göttliche“ schildert. Das Diesseits wird von einem solchen Standpunkt aus, der bereits in der Sophistik und bei Platon angelegt ist, als Einschränkung des Seienden, das des Seins ermangele, zwangsläufig als nichtswürdiger Schein abgewertet. Diese Auffassung wird bei Buddha, Jesus und im Neuplatonismus für die Innerlichkeit schließlich zur herrschenden. Für die damit um ihren eigenen Wert gebrachte Welt bleibt nur das „Mitleid“, weil aus dieser Sicht alles Seiende in der gleichen nichtswürdigen Situation steht. Der „wahre Wert“ des Lebens wird in ein Außerhalb zu dieser Welt verlegt.

Daher deckt die vorliegende Theorie diese phantastisch-irrealen Gehalte der Metaphysik und ihre Herkunft auf, um andererseits deren Ergebnisse, soweit sie einer rechtmäßigen Anwendung der Vernunft entstammen, dem phylogenetischen Werden hinzuzuzählen. Die Vernunft trägt die mit ihren eigenen Verfahren auf Basis der Verstandesdaten ermittelten Werte ins Dasein und dessen Tradition ein, und mit dieser Eintragung erhalten diese Werte eine ebensolche Realität, wie es die utilitaristischen Gefühlswerte des Verstandes erfuhren. Letztere werden noch heute so apriorisch als „richtig“ und „lebendig“ erfahren und angesehen, daß die Emotio-(Vor)-Urteile des Verstandes die Vernunfturteile allzumeist überwiegen. Als bedeutsamer Beleg für diese kategorielle Auffassung und Unterscheidung zwischen Verstand und Vernunft ist das Erscheinen des Gewissens zu nennen. Die syneìdesis des Demokrit, also das „Mitwissen“, bezeichnet das Vorhandensein von zwei verschiedenen „Stimmen“, die hinsichtlich einer bestimmten Sachlage zu gegensätzlichen Urteilen kommen: es ist die Vernunft in ihrer Wesensschau, die sich als neueres und höheres Vermögen meldet, und damit die Wünsche der Emotio nach Lust bzw. des Verstandes nach Macht und Nutzen überlagert und sie ihren eigenen Wertvorstellungen unterwirft, also der Ethik oder den Forderungen der Hochreligion. Dabei stehen die ethische Werte unverrückbar fest, denn sie sind aus dem gleichen Wesen aller Menschen abgeleitete Vernunftwerte, ebenso wie unsere Gefühlswerte feststehen, die Verstandeswerte sind. Das Gute ist dasjenige, was der Vernunft unter Zugrundelegung dieses gleichen Wesens als richtig erscheint.

Eine Theorie der Metaphysik muß vor allem zeigen, was Metaphysik im System des menschlichen Geistes ist, und daß sie notwendige Tätigkeit dieses Geistes ist: sie ist der Kreisbogen, wie sich in einem jeweiligen Status der Rezeption und Reflexion der Vernunft die Verfassung des Seienden im Ganzen und die offenen Fragen aus der Nichtfestgestelltheit des Menschen der Vernunft zeigen, und sie ist damit eine Parallele zu den Mythen des Verstandes. Der Mythos hat die nämliche Funktion für den Verstand wie die Metaphysik für die Vernunft: ahnend-vorwerfend die Offenheit jenes Kreisbogens zu schließen. Diesen Bogen macht die rezipierende Eröffnung des Neuvermögens mit der Naturphilosophie und Dialektik sichtbar und füllt ihn auf. In der Übertragung der Leitungsfunktion, die sich geschichtlich und funktionell mit Platon und Aristoteles als Dihairese sowie existentiell mit der Hochreligion und Zeitenwende ansprechen läßt, erfährt sich die Metaphysik der Vernunft als eigenständiges Zentrum, das sich schließlich in der reflexiven Philosophie seit Descartes in der Reflexion des Vermögens entleert (cogito, ergo sum). Dabei gebiert die Vernunft als Gegenbewegung zu dieser Entleerung der existentiellen Innerlichkeit und im Setzen auf sich selbst als Vernunft-Vermögen ständig neue falsche Metaphysik, so etwa den deutschen Idealismus und seine Gleichsetzung von menschlichem Geist und „Weltvernunft“, den „Übermenschen“ Nietzsches in der „Ewigen Wiederkehr des Gleiches“, oder das Sonderverhältnis des „deutschen Geistes“ zum „Sein an sich“ bei Fichte und Heidegger.

Metaphysik als Wesensaufdeckung ist aber vor allem zugleich die „Reichsgründung der Vernunft“, wie das Reich des Verstandes das der Geeignetheit und des Nutzens ist. Sie deckt sich also insbesondere mit jenem „mysteriösen Reich“ ( 8 ) der ewigen Wahrheiten objektiver Natur, von Wahrheiten, die nicht an ein Subjekt gebunden sind, sondern immer gelten. Deren objektive Evidenz beruht auf der Gleichheit der piktographischen Abstraktion, in der die Vernunft das gleiche Wesen von den Individualitäten des Verstandes reinigt und sich dieses Wesen unter eigenem Begriff zukonditioniert: das Richtige ist das Gute.

Anders steht es mit der Seinsfrage und der Sinnfrage: erstere fragt nach dem „wirklichen“ Sein des Seienden – was also „eigentliches“ Sein alles Seienden einschließlich des Menschen sei über die empirische Ansicht des Verstandes und die Wesensschau der Vernunft hinaus. Es wird nach dem Sein gefragt mit dem Bewußtsein, daß Sein mehr ist, als sich unseren begrenzten Vermögen in der normalen Kommunikation des Seienden zeigt. Das Sein der Vermögen ist immer ein Gleich-Sein, das Sein der lebendigen Innerlichkeit ist immer Kommunikation als Verwiesen- bzw. Ausgesetzt-Sein. Daher ist die erstere Form des Seins immer prädikativ, weil jedes Vermögen des Seienden darin besteht, die Gleichheit, Ähnlichkeit oder Ungleichheit von Wahrnehmung und Konditionierung zu konstatieren. Das Sein der lebendigen Innerlichkeit ist die Ek-Sistenz: das aktive und passive Hinausgestelltsein in die Kommunikation des Seienden, das sich des prädikativen Gleich-Seins der Vermögen bedient.

Und so zielt die Sinnfrage auf den Menschen und über dessen Kommunikation mit der Welt auch auf alles Seiende: wozu es ist. Daher wird die Sinnfrage a priori immer eine metaphysische sein, weil sich der Sinn des Seienden für begrenzte Vermögen des Seienden – und nur so ist Seiendes seiend – niemals letztgültig zeigen kann. Die Antwort auf die Sinnfrage ist immer ein hypothetisches Wagnis, ein existentielles darauf Setzen, mithin ein Glaube. Die Sinnfrage ist in zwei Bereiche zu unterteilen:

– Wozu ist das Vorfindliche des Seienden da, und wie ist diese Vorfindlichkeit entsprechend dem fragenden Vermögen „am besten“ einzurichten? Insoweit handelt es sich um Ethik in der Kommunikation der verschiedenen Vermögen des Seienden.

– Wozu ist das Seiende im Ganzen überhaupt da, was ist der Grund des Seienden? „Grund“ ist hier in seiner doppelten Bedeutung gemeint als Herkunft und Ziel, als „A und O“. Insoweit gehört die Sinnfrage zur existentiellen Kommunikation des Menschen, der sich auf diesen numinosen Grund des Seienden bezieht.

Die erstere Sinnfrage ist also gerichtet auf die Immanenz und Ethik, die zweite auf die Transzendenz und das, was früher das „Heilige“ genannt wurde. Transzendenz heißt Überschreiten, Überschreiten aber ist, physisch ausgedrückt, erhöhende Funktionsübertragung innerhalb der Immanenz. Was zu dieser Erhöhung treibt, wird hier zum Zwecke der Konkretisierung der Sphäre der lebendigen Innerlichkeit élan vital (e.v.) ( 9 ) genannt, und die transzendierende Übertragung der Leitungsfunktion in der Reihe der prädikativen Vermögen auch als e.v.-migratio bezeichnet. Deren bislang letztes Produkt ist die Metaphysik in all ihren Formen. Nachdem jedoch bei Begriffen allzuleicht die Gefahr besteht, daß sie sich verselbständigen, wie etwa der Begriff „Seele“, und man gar den „Sitz“ solcher materiell mißverstandener Verselbständigungen sucht, soll hier élan vital und dessen migratio mittels eines Bildes dargestellt werden; läßt er sich doch gerade so wenig fassen und finden wie die Seele. Vielmehr ist dasjenige, was hier élan vital genannt wird, immer und untrennbar verbunden mit „Vermögen“. Jedes Vermögen ist eine synthetische Reaktions- und Aktionsweise des Innen gegenüber dem Außen, vom Innen dem Außen abgelernt, weil das Außen in seiner gleichen oder ähnlichen Wiederholung sich aufgrund dieser zwei Faktoren etwas ablernen läßt. Da aber die Synthetik der Kommunikation von außen nach innen zunimmt, und dadurch der Zusammenhang zwischen dem Außen und dem Kommunikationszentrum indirekt wird, muß die lebendige Verbindung zwischen Außen und Innen gewahrt bleiben. Dazu bedarf es eines synthetischen Mittelpunkts auf Basis neuronaler Funktion: die in der Abgrenzung von anderem Seienden gegebene Einheit eines Seienden erfordert notwendig, daß das führende synthetische Kommunikationsvermögen mit dem synthetischen Mittelpunkt in Eines gesetzt ist. Das Bild für dies In-Eins-Gesetztsein ist die Kugel. Was wir „wissenschaftlich nachweisend“ für Galaxien, Sterne, Planeten und die Gravitation behaupten, das nämliche gilt für uns selbst: das Wesen der Kugel ist es, mit ihrer äußeren Hülle in das Umgebende für sich abgegrenzt hineinzuragen; ihre Wirkungen auf das Umgebende und die Wirkungen des Umgebenden auf sie fallen so aus, „als ob“ sie aus dem inneren Zentrum als dem Mittelpunkt der Kugel stammen bzw. auf dieses wirken. Zentrum und Oberfläche sind so zwei Bestandteile der Kugel, und doch ist die Kugel Eines, eine in sich geschlossene Einheit. Ebenso verhält es sich mit jedem Vermögen des Seienden und dem élan vital. Die geschichteten Vermögen vom Instinkt bis zur Vernunft, die jedes Lebewesen mit dem Außen verbinden und mit diesem kommunizieren, ver-mitteln dem Zentrum dieses Außen, indem durch diese Vermögen die Ergebnisse der Sinnesorgane interpretiert werden. Das e.v.-Zentrum ist nichts anderes als jener Wirkungsmittelpunkt der Kugel, den wir beim Menschen „Ich“ des Verstandes, „Ich“ der Vernunft bzw. in der Doppelreflexion „Ich-Ich“ nennen, auf das der Organismus Mensch mittels seines jeweils führenden Vermögens seine Erlebnisse und Handlungen bezieht. Aus der Konzentration des Ich-Zentrums gewinnt er seine „Kraft“, und aus ihm heraus wirkt er seine Handlungen. Dieses Zentrum ist ein ebensolches „Als Ob“, eine ebensolche Fiktion, wie es das Massezentrums eines Sternes ist – und doch sind beide in ihrer Weise ganz real: als Wirkungszentren. Alles, was ist in dieser Welt, ist in übertragenem Sinn von solcher Kugelform, und damit von solcher Zweiheit in der Einheit. Dieses Schwanken zwischen den beiden Polen der Einheit exerziert exemplarisch bereits das Licht, indem es sich teils als Welle (Energie – élan vital), teils als Korpuskel (Masse – Oberfläche) verhält – was bis heute noch nicht in eine einheitliche Auffassung gebracht ist, sondern nur und gerade in dieser Zusammensetzung verstanden werden kann.

Jeder mögliche Typ Mensch läßt sich aus dem Zusammenspiel zwischen seinen Vermögen und dem Sitz der Sphäre der Innerlichkeit verstehen. Die epigenetische Entwicklung des menschlichen Geistes bringt je nach Begabung, Umwelt und deren Tradition individuell die unterschiedlichste Vernetzung der Vermögensschichtung zwischen Emotio, Verstand und Vernunft hervor. Dies führt notwendig zu verschiedener Zentrierung des Ich – und so folgen die Menschen entweder ihren Trieben, ihren Gefühlen, ihrem Nutzen, dem Ideal, dem Heiligen, oder in chamäleonartigem Wechsel zwischen den Kategorien allem zugleich. Daß dabei die Mehrheit der Menschen noch heute verstandes- und nicht vernunftgeprägt ist, läßt sich schon daraus ersehen, daß der Aberglaube, also die mythischen Vorstellungen des Verstandes, noch weitaus verbreiteter ist als die metaphysischen Vorstellungen der Vernunft. Das belegen auch alle auf der Vernunft basierenden Hochreligionen, die zwecks ihrer Wirkung in die Breite gezwungen waren, jede Menge von verstandesgemäßem Aberglauben in sich aufzunehmen und bis heute beizubehalten. Aufgabe des Individuums ist es daher, sich durch Reflexion sowohl von der phantasierenden Metaphysik der Vernunft wie dem Aberglauben des Verstandes zu befreien, aber auch aus der Abhängigkeit vom Sinnlichen der Emotio, wie aus der Abhängigkeit von den Trieben des Instinkts. Im Hinblick auf die geistige Gesamtentwicklung der Menschheit und deren Tradition ist dies schon geschehen, obwohl die überwiegende Mehrheit der lebenden Menschheit dies noch gar nicht bemerkt hat und auch gar nicht bemerken kann. Die existentielle Metaphysik der Vernunft, sei es als Religion oder Philosophie, ist durch die Selbstreflexion der Vernunft entleert worden und am Nihilismus gestrandet: "Gott ist tot" ( 10 ), der nackte Utilitarismus tobt als globaler Kapitalismus ums Goldene Kalb. Denn mit den falschen Dogmen hat man auch die zentrale Wahrheit der Metaphysik des Christentums verworfen, das Doppelgebot (Matth. 22). Was will uns das Gebot der Gottesliebe anderes sagen, als daß wir über uns selbst hinaus als Ziel unserer Existenz das Transzendieren des Seienden heilig halten sollen? Und was ist das Gebot der Nächstenliebe anderes als die konsequente Befolgung der Erkenntnis der Vernunft, daß alle Menschen gleichen Wesens sind? Das Doppelgebot des NT läßt sich so als die vernunftgemäße Ausformung des funktionalen Grundsatzes der Evolution interpretieren: als das Ja zur im Lebendigen beobachtbaren Steigerung, also Transzendenz des Seienden, mittels Mutation und Selektion auf der Basis des Gleichgewichts der Regelkreise der Natur. Und auch neuronal gesehen sind Metaphysik und Hochreligion ein Ergebnis der Evolution – wessen auch sonst? Denn die Fähigkeit zur Wesensschau verdankt sich der stammesgeschichtlichen Epigenese des menschlichen Gehirns; Epigenese ist die Fortsetzung der Evolution im einzelnen Lebewesen mittels neuronaler Selektion. D.h., die beim Menschen prinzipiell über sein ganzes Leben fortschreitende Vernetzung des Gehirns erfolgt über diejenigen Axonen und Dendriten, die sich als funktionstüchtig erweisen, wohingegen unbrauchbare Vernetzungen untergehen. Die Rezeptions- und Reflexionsebenen von Verstand und Vernunft gehen auf diese stete Zunahme der epigenetischen Vernetzung und die Übernahme der Leitungsfunktion durch diese neuronalen Schichten zurück. Die kategorielle Steigerung der Leistungen des menschlichen Geistes und die Zunahme seiner neuronalen Vernetzung bedingen sich wechselwirksam. Dieser Wechselwirkung entspricht die Umkehrbarkeit unserer funktionalen und wertenden Begriffe für die jeweilige Kategorie: Ist das Lusterzeugende das Angenehme der Emotio und das Geeignete das Nützliche des Verstandes, so gilt parallel für die Vernunft: das Richtige ist das Gute. Bestimmt zunächst das Vernunftvermögen in der Rezeption dialektisch das Richtige als das Gute, so ist es umgekehrt nach der Leitungsübertragung und in der Reflexion das neue Zentrum der Innerlichkeit, das das Gute zur Grundlage des Richtigen macht: Wesensgleichem gebührt Gleiches. Dieser Grundsatz aller Gerechtigkeit – und damit des „Guten“ der Vernunft – steht in diametralem Gegensatz zum Recht des Verstandes und dessen Nützlichkeit. Das Jahr 1789 markiert für die westliche Tradition den Durchbruch dieses reflexiven Wesensprinzips der Vernunft: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Dieses Prinzip wird heute im Namen eines in Wirklichkeit utilitaristischen „Neo-Liberalsimus“ aufgekündigt, und die Vernunft für die Zwecke des Verstandes eingesetzt, ohne sich an deren Werte zu halten: das unvernünftige Ende der Metaphysik.




Anmerkungen


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( 1 ) griech. dihairein - trennen, zuteilen, auslegen, entscheiden

( 2 ) s. zu diesem Komplex auch die Arbeit des Verf. in Aufklärung &Kritik 1/1996 "Was ist Dialektik?" mit ausführlichen Zitaten der antiken Autoren

( 3 ) Aristoteles, Fragmentum 16

( 4 ) Aristoteles, Fragmentum 187

( 5 ) Platon, Politeia 514 a ff.

( 6 ) Platon, Symposion 209 e 6 ff.

( 7 ) s. vor allem Meister Eckehart; als Beispiel sei dessen "Sonnengleichnis" in Predigt 26 angeführt.

( 8 ) Peter Singer, Praktische Ethik, 2. Aufl. 1994, S. 23

( 9 ) Dieser Begriff ist von Henri Bergson entlehnt ("Die beiden Quellen der Moral und der Religion", Walter-Verlag, Olten 1980), meint aber als "Lebensschwung" nichts irgendwie Mystisches, sondern evolutionär das lebendige Prinzip an sich, das sich in den verschiedenen Seinsweisen des Seienden (vom Quark zum Leben) und mit den Vermögen der Lebewesen selbst sublimierend steigert.

( 10 ) Nietzsche, Die Fröhliche Wissenschaft, 3. Buch, Nr. 125




Im Internet findet sich eine um Wesentliches erweitere Fassung mit diesem Link auf meiner Seite "Kreisbogen der Metaphysik".

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