Dr. Gerhard Engel (Braunschweig)

Demokratie in der Krise?
Über die Selbstgefährdung der offenen Gesellschaft

Aufklärung und Kritik 2/1995 S. 15 ff.

Was die Zukunft uns bringen wird, wissen wir nicht. Aber die Errungenschaften der Vergangenheit und die unserer eigenen Zeit zeigen uns, was dem Menschen möglich ist. Und sie können uns lehren, daß wir aus unseren Fehlern lernen können, die aus unserem Umgang mit gefährlichen Ideen resultieren.

Karl R. Popper(1)

1. Optimisten versus Pessimisten

(1) Dem Optimisten will es manchmal scheinen, daß es im politischen Denken der letzten Jahre zunehmend Schwarzmaler, Pessimisten und Hypochonder gibt. Fünf Jahre ist es her (so könnte unser Optimist sagen), seit in einer der wenigen unblutigen Revolutionen der Geschichte ein nuklear gerüstetes Imperium in sich zusammenfiel, und zwar nicht mit einem "Knall", sondern mit einem "Wimmern", wie es Zbigniew Brzezinski, der Sicherheitsberater des amerikanischen Präsidenten Carter, einmal ausdrückte. Seitdem erzielen die westlichen (und östlichen) Gesellschaften Abrüstungsgewinne (Buchanan, 1984, 84), das heißt, sie lenken Ressourcen aus dem militärischen Bereich in zivile Sektoren um. Zwar sei inzwischen deutlich geworden (so könnte unser Optimist weiter sagen), daß die Etablierung einer friedlichen und gerechten Welt sich dann doch als schwieriger herausgestellt habe, als man zunächst erwartete; aber wenigstens sei das Ziel der geschichtlichen Entwicklung nicht mehr umstritten, nämlich die weltweite Etablierung der liberalen Demokratie.(2) Und da für den Optimisten eine optimistische Einstellung nicht nur möglich, sondern auch berechtigt(3) ist, sieht er eine Welt kommen, in der es vielleicht noch darum gehe, die optimale Form der Marktwirtschaft und der liberalen Demokratie zu entwickeln (Albert, 1991), die aber im Prinzip auf jenem Wege sei, den Hegel (1830/31, S. 32) einmal so beschrieb: "Die Geschichte ist der Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit – ein Fortschritt, den wir in seiner Notwendigkeit zu erkennen haben."

(2) Aber nach Schopenhauer (1819/1986, I, 447; II, 803) ist der Optimismus weder ein Recht noch eine Pflicht, sondern eher ein Verbrechen, eine "ruchlose Denkungsart", ein "Grundirrtum". In der Tat läßt sich auch eine pessimistische Sicht der Dinge gut begründen. Zwar ist es um die äußeren und inneren Feinde der Demokratie zur Zeit stiller geworden. Aber inzwischen hat sich herausgestellt, daß liberale Demokratien an strukturellen Defiziten leiden, an inneren "Widersprüchen", wie Marx mit grimmigem Lächeln konstatiert hätte (Sichtermann, 1991): Die Demokratie ist nicht von außen, sondern aus sich selbst heraus gefährdet. Man könnte dazu auf den Abbau demokratischer Tugenden und gemeinsamer Werte verweisen, auf die Erosion der Normenkonformität, auf die zunehmende Politikverdrossenheit, auf die "Überdehnung der Freiheit im Namen der Freiheit" (Fest, 1993, 11), und auf die wirtschaftlichen Verwerfungen durch Staatseingriffe.(4) Aus der Sicht der Pessimisten häufen sich solche ernstzunehmenden Krisensymptome der Demokratie. Der französische Politikwissenschaftler Jean-Marie Guéhenno stellte sogar kürzlich die Frage: "Wird die Demokratie das Jahr 2000 erleben?" (Guéhenno, 1994, 9) In dieser Situation verführe eine optimistische Sicht der Dinge nur zum kontemplativen Nichtstun. Und ein radikaler Pessimist wird sogar sagen: Falls überhaupt Gegenmaßnahmen zustande kommen sollten, sind die Chancen gering, daß ausgerechnet dadurch die Selbstgefährdungstendenzen der Demokratien abgeschwächt, neutralisiert oder gar umgekehrt werden könnten.

(3) Welche Sicht der Dinge sollte man vernünftigerweise einnehmen? Hat der Pessimist recht, wenn er der offenen Gesellschaft attestiert, sie sei ohne äußere Bedrohung unfähig, sich selbst zusammenzuhalten? (5) Oder ist der Optimist der wahre Realist, wenn er nach dem Sieg über die äußeren Gefährdungen der Demokratie nun auch das erfolgreiche Ausschalten der endogenen Systemgefährdungen erwartet? Der Optimist sieht jedenfalls das Aufleben der Diskussion (6) um die Selbstgefährdungs tendenzen der offenen Gesellschaft nicht nur als Reaktion auf allgegenwärtige Menetekel an, sondern auch als ein ermutigendes Zeichen: Nach seiner Auffassung konzentrierte sich die Diskussion ohnehin allzu lange auf die Abwehr der ideologischen Gegner und der äußeren Feinde der offenen Gesellschaft.(7) Nun sei es an der Zeit, sich auch der Analyse und Abwehr der inneren Gefährdungen zuzuwenden. Aber kann man in dieser Frage überhaupt etwas wissenschaftlich Haltbares aussagen? Streift man nicht das Gewand eines Propheten über, wenn man über zukünftige Entwicklungen spricht? Nicht unbedingt: Wissenschaft ist auch prognostisch relevant. Ein Statiker kann sagen: "Wenn wir nichts tun, wird diese Brücke innerhalb der nächsten drei Monate einstürzen." Und ein Mediziner kann sagen: "In drei Wochen sind Sie wieder gesund." Unsere prognostischen Fähigkeiten hängen allerdings davon ab, ob wir Theorien haben und wie gut diese Theorien bewährt sind. Die Frage nach der Zukunft der offenen Gesellschaft wird damit zur Frage nach der Existenz entsprechender Theorien. Gibt es Theorien, die einen Niedergang der offenen Gesellschaft voraussagen oder wenigstens wahrscheinlich machen?

2. Ein Gedankenexperiment

(4) Beginnen wir mit einem inzwischen berühmten Gedankenexperiment des amerikanischen Ökonomen Dan Usher: "Wir stellen uns eine Gemeinschaft mit fünfzehn Leuten vor, die in einer Demokratie organisiert sind, in der alle Entscheidungen per Votum getroffen werden und in der die strenge und unbegrenzte Mehrheitsregel vorherrscht. Um zu zeigen, was passiert, wenn eine demokratische Regierung das Einkommen unter den Bürgern aufzuteilen versucht, abstrahieren wir von der Produktion und unterstellen statt dessen, daß das Volkseinkommen in Höhe von 300.000 Dollar der Gemeinschaft wie Manna vom Himmel in den Schoß fällt und daß diese keine andere Wahl zu treffen hat als über die Zuteilung der 300.000 Dollar auf ihre Bürger abzustimmen. [...] Die für uns relevante Frage lautet nun: Wie würde das Einkommen in einer solchen Gesellschaft zugeteilt werden?" (Usher, 1983, S. 38) Die nächstliegende Antwort wäre: Jeder bekommt 20.000 Dollar. Aber Usher hatte nicht gefragt, wie das Einkommen verteilt werden sollte, sondern wie das Einkommen aufgeteilt werden würde. Man kann nämlich kaum erwarten, so Usher, daß die Menschen sich durchweg von einer christlichen Mitleidsethik oder von sozialistischen Gleichverteilungsidealen lenken lassen. Im Gegenteil: "Ferner gehen wir genau wie die Ökonomen davon aus, daß alle Menschen habgierig sind und daß jeder einzelne versucht, mit Hilfe des Abstimmungsmechanismus seinen Anteil am Gemeinschaftskuchen zu maximieren." (Ebd.) Zwar ist eine anfängliche Gleichverteilung möglich; aber jedes Gruppenmitglied werde im weiteren Verlauf versuchen, eine Mehrheit dazu zu bewegen, die Minderheit zu enteignen oder wenigstens schlechter zu stellen – woraufhin Angehörige dieser Minderheit einen bedeutenden Anreiz hätten, nun ihrerseits die Mehrheit auf ihre Seite zu bringen. Das bedeutet: Bei eigennützigen Akteuren kann das Verteilungsproblem durch das Mehrheitsprinzip (oder eine andere Form der Abstimmung) nicht dauerhaft gelöst werden (Weede, 1990, S. 104). Ein rationaler Akteur kann nämlich in einer uneingeschränkten Abstimmungsgesellschaft zwei Wege beschreiten, um mehr zu bekommen: Er kann mehr produzieren, oder er kann die Politik so zu beeinflussen versuchen, daß er mit Hilfe politischen Drucks mehr Einkommen zugewiesen bekommt, als der Markt ihm ohne solche Eingriffe gestattet hätte.(8) Wir können also das (prognostisch relevante) Gesetz aufstellen: Ein (unbeschränkter) demokratischer Abstimmungsmechanismus kann das Verteilungsproblem nicht stabil lösen. Zwar wird (nach den Voraussetzungen des Gedankenexperiments) jeder Bürger immer mal wieder in den Genuß der Mehrheitszugehörigkeit kommen; aber seine Einkommenserwartung hängt letztlich von den Zufälligkeiten des politischen Kampfes ab.

3. Die Vorteile des Marktes

(5) Auf den ersten Blick scheint die Realität kaum etwas mit dem Gedankenexperiment Ushers gemeinsam zu haben. Schließlich stimmen wir ja nicht darüber ab, zu welchem Preis wir Schuhe oder Milch einkaufen können oder welches Einkommen uns zugewiesen wird. Der gewöhnliche Bürger kann solche ökonomischen Daten nicht festlegen. Wer aber legt sie fest? Paradigmatisch gesehen, hat hier der Markt seine Aufgabe: Er soll die Wünsche der Konsumenten und die Kosten der Produktion miteinander vermitteln. Der Bürger ist daher in unserer Gesellschaft ständig mit Marktprozessen konfrontiert: Jeder Einkauf gerät zur Abstimmung darüber, in welchem Maße das Angebot den jeweiligen Wünschen entspricht. Und selbst wenn er ein rational ignoranter Bürger ist, der sich um die Grundlagen der wirtschaftlichen Ordnung vernünftigerweise kaum Gedanken macht,(9) kennt er mehr oder weniger intuitiv einige der Vorteile des Marktes, welche der Optimist im Sinne der Ökonomik folgendermaßen auflisten könnte: – Die Marktwirtschaft erlaubt die Koordinierung menschlichen Handelns mit einem Minimum an Konsensbedarf oder Zwang. Wenn Menschen zusammenarbeiten, dann tun sie das (zumindest paradigmatisch) auf freiwilliger Basis und wegen des gegenseitigen Nutzens, der aus der Zusammenarbeit erwächst oder zumindest erwartet wird. – Die Politik wird auf diese Weise von der Aufgabe entlastet, Verteilungsprobleme zu lösen. Damit wird der Konsensbedarf geringer (genauer: er wird dezentralisiert), so daß auch die Intensität der politischen Konflikte abnimmt.

– Der Markt kann im Gegensatz zum politischen Abstimmungsmecha nismus, der auf dem Prinzip "one man, one vote" beruht, die Intensitäten der Präferenzen berücksichtigen ("One man, many dollars").

– Der Markt schützt Minderheiten, denn am Markt zählt tendenziell nicht die Hautfarbe oder ein ähnliches potentiell diskriminierendes Merkmal, sondern die Leistung (für andere!).

– Die Marktwirtschaft setzt die Auswirkungen prinzipiell illegitimer Mehrheitsentscheidungen herab: Je weniger Fragen sie mit Hilfe politischer Mehrheitsentscheidungen beantwortet, desto kleiner wird die Anzahl der Frustrierten sein, die zwar nicht zugestimmt haben, aber dennoch von solchen Entscheidungen betroffen sind.

– Tauschpartner müssen über Güter und Leistungen verfügen, die dem Tauschpartner attraktiv erscheinen. Sonst kommt der Tausch nicht zustande.

– Jeder freiwillige Tausch erzeugt für die Tauschenden pareto-superiore Zustände. Das bedeutet: Selbst wenn die Tauschpartner über ungleiche Fähigkeiten und Ressourcen verfügen, sind nach einem Tausch alle Tauschpartner bessergestellt.(10)

– In einer Marktwirtschaft haben auch Egoisten einen Anreiz, den Interessen anderer zu dienen. Deren Wohl-Stand hängt nicht vom Wohl-Wollen der Egoisten ab. (Homann und Bloome-Drees, 1992, S. 23)

– Preise informieren über Knappheiten von Ressourcen und über Bedürfnisse der Menschen. Sie sind damit wichtige Signale für die Entscheidung darüber, wer was wann wo wie produziert (die sogenannte "Ressourcenallokation").

– Der Markt erzeugt durch die Möglichkeit, Pioniergewinne zu realisieren, systematische Innovationsanreize: Neue Ideen können zu besseren oder billigeren Produkten führen; er macht so die Diffusion neuer Ideen möglich.

– Wenn die Anzahl der Anbieter und Nachfrager hinreichend groß ist, dann beherrscht der Markt alle, aber keiner den Markt.

– Der Markt orientiert sich am Ideal der Selbstbestimmung: Je mehr man entscheiden kann, desto eher kommt man auch dem Ideal der politischen Freiheit nahe.

4. Ein zweites Gedankenexperiment

(6) Aber Lobpreisung der Vorteile des Marktes stimmt den Pessimisten – zur Überraschung des Optimisten – eher skeptisch. Zwar gibt er zu, daß in vielen Bereichen der Gesellschaft nicht Abstimmung, sondern der Markt relevante ökonomische Daten festlegt; doch sieht er die Bereiche, in denen der Markt die beschriebene konfliktentschärfende Wirkung entfalten kann, immer mehr schrumpfen. Kühl weist er darauf hin, daß auch hier der Geist willig, aber die Politik schwach sei. Denn obwohl die Menschen in der Regel erkennen, daß der Markt allen nützt, ist es doch für den einzelnen Menschen nicht rational, sich dessen Diktat zu unterwerfen. Und daraus resultiert eine ganz neue Gefahr, die der Pessimist an einem weiteren Gedankenexperiment erläutert. Wir abstrahieren jetzt nicht mehr (wie im ersten Gedankenexperiment) von der Produktion, sondern fragen, wie der Kampf um Verteilungsentscheidungen die Produktion beeinflußt.

(7) Stellen wir uns mit James Buchanan (1993, 25-32) einen Indianerstamm vor, in dem es nur eine einzige wesentliche Ressource gibt: Büffel. Aus ihnen gewinnen die Indianer Nahrung, Kleidung, sogar Schmuck und Kultgegenstände. Diese so vielseitig verwertbaren Tiere haben eigentlich nur einen Nachteil: Sie verwandeln sich nicht von selbst in die gewünschten Produkte. Jede Familie des Stammes muß also Arbeit und Gefahren auf sich nehmen, um Fleisch und Felle zu produzieren. Dafür darf sie allerdings auch (im Gedankenexperiment!) die produzierten Güter allein konsumieren: Jede Familie ist autark. Ökonomisch gesprochen, erreicht aber keine Familie den Sättigungspunkt: Jede hätte gern von allem mehr, vorausgesetzt, sie müßte es nicht selbst produzieren. Stellen wir nun die Frage: Wieviel produziert eine Familie? Die neoklassische Ökonomie gibt darauf folgende Antwort: Jede Familie produziert nur so viel, bis der erwartete Wert der produzierten Güter gleich den erwarteten Kosten der Produktion ist. (Beispiel: Wenn das Wetter besonders schlecht ist, dann verzichtet man eben aufs Abendbrot.) Eine interessante Implikation dieser Modell-Ökonomie ist, daß bald ökonomische Ungleichheiten entstehen werden. Ausdauer, Risikobereitschaft und Geschicklichkeit der Indianer unterscheiden sich; auch unterschiedliches Jagdglück kann dazu führen, daß nicht alle Familien gleich viel konsumieren können. Dies werden einige Mitglieder bald als (moralisch?) unerträglich empfinden, und so beschließen sie (vielleicht sogar einstimmig), alle erzeugten Endprodukte zu sammeln und sie dann an alle Mitglieder gleichmäßig zu verteilen. Stellen wir nun wieder die Frage: Wieviel produziert eine Familie? Die neoklassische Ökonomie gibt auch auf diese Frage wieder die Antwort: Jede Familie produziert nur so viel, bis der erwartete Wert der produzierten Güter gleich den erwarteten Kosten der Produktion ist. Wenn eine Familie aber einen konstanten Anteil an der produzierten Gütermenge erwarten kann, dann wird es für sie unvernünftig, besondere Risiken und Anstrengungen auf sich zu nehmen: Man erhält das, was man gestern erhalten hat, wahrscheinlich auch heute wieder, selbst wenn man kein Jagdglück hatte oder "indisponiert" war. Die anderen werden es wohl schon besorgen. Die Folgen dieser quasi-sozialistischen Produktionsweise sind voraussehbar: Die verteilbare Gütermenge wird kleiner, sobald der erste bei der Jagd auch nur daran denkt, daß es heute abend beim Häuptlingszelt Fleisch und Felle "gibt". Dieses Ergebnis ist, wie Buchanan betont, auch für komplexe Ökonomien gültig: Auch in ihnen kann nur konsumiert werden, was vorher produziert wurde; auch in einer hoch arbeitsteiligen Wirtschaft produzieren die Marktteilnehmer nämlich letztlich nur für den eigenen Konsum: "Adam Smiths Metzger produziert das Fleisch [...] als Endverbraucher anderer Güter." (Buchanan 1993, S. 33)

(8) Zwar ist der Sozialismus inzwischen gescheitert, und die mehr oder weniger wohlmeinenden Häuptlinge sind abgesetzt. Die westlichen Marktwirtschaften sind also mit dem strengen Sozialismus aus Buchanans Gedankenexperiment auf den ersten Blick nicht sinnvoll zu vergleichen. Dennoch gibt es in ihnen immer noch zahlreiche "Medizinmänner", die im Sinne Ushers den Stamm davon zu überzeugen versuchen, daß auch diejenigen, die wenig oder nichts produziert haben, normal konsumieren dürfen. (Nicht selten gehören diese "Medizinmänner" zu ihnen.) Oder, nüchtern formuliert: "In der [...] Büffel-Ökonomie sind sich der Wohlstandstransferstaat und der sozialistische Staat in allen wesentlichen Hinsichten ähnlich, da für die Produktionsanreize nur die Wertanteile wichtig sind, die die Produzenten behalten dürfen." (ebd., S. 43) Weit entfernt davon, den Sozialismus besiegt zu haben, tragen die westlichen Gesellschaften nach Auffassung des Pessimisten das sozialistische Virus also weiter mit sich herum; es besteht in der Möglichkeit, etwas zu konsumieren, was man nicht produziert hat – mit der Folge, daß die Produktionsanreize sinken und damit auch die Menge der verteilbaren Güter abnimmt. Genau darin liegt nach Auffassung des Pessimisten eine der selbsterzeugten Gefahren für die Gesellschaft, denn: "Was wird, wenn das Bruttosozialprodukt nicht mehr wächst?" (Fest, 1993, S. 45) Wenn der Kuchen nicht mehr wächst oder gar kleiner wird, dann werden die Akteure, um nicht schlechter dazustehen als vorher, noch mehr Energien in den politischen Kampf um günstige Verteilungsergebnisse investieren; das politische Klima wird noch gereizter, Politikmüdigkeit einerseits und Verteilungskämpfe andererseits werden zunehmen, vor allem zwischen denen, die sich als Verlierer fühlen und Chancen sehen, ihren Ansprüchen Geltung zu verschaffen. Verlierer haben jedenfalls in einer Gesellschaft, die die Möglichkeit eröffnet, mit Hilfe von Abstimmungen die Verteilung zu beeinflussen, keinen Anlaß, sich mit ihrer Position zufriedenzugeben. Ressourcen, die in den Verteilungskampf investiert werden, fehlen jedoch bei der Produktion – mit dem Ergebnis, daß der Kuchen noch kleiner wird. Und so weiter – ad Ruandam: "[...] am störungsfreien Wachstum hängen die Umverteilungschancen und damit das Empfinden gerechter Verhältnisse, die Gleichheitsidee und alles, was angesichts so vieler weggebrochener Stützen den Menschen noch ein Gefühl von Sicherheit gewährt, mit einem Wort: das System und sein Bestand überhaupt." (Fest, 1993, S. 44) Und noch deutlicher: "Das einzige, was die moderne Demokratie nicht überleben wird, ist die Notwendigkeit einer wesentlichen Senkung des Lebensstandards im Frieden oder auch nur ein langanhaltender Stillstand des wirtschaftlichen Fortschritts." (Hayek , 1944/ 1976, S. 213)(11)

5. Die Auswirkungen von Verteilungskoalitionen

(9) Unter dem Gewicht dieser Argumente beginnt der Optimist zum ersten Male in seiner unbekümmerten Haltung zu schwanken. Aber tapfer weist er darauf hin, daß doch der einzelne Bürger gar keine Möglichkeiten habe, gegen den Markt etwas zu unternehmen. Und überhaupt scheinen ihm moderne Gesellschaften weitaus weniger gefährdet zu sein, als es solche Gedankenexperimente nahelegen. Er verweist auf 50 Jahre Frieden und steigenden Wohlstand; auch die Legitimität der (sozialen) Marktwirtschaft habe deutlich zugenommen. Zwar irritiert ihn der Pessimist kurzfristig durch den Hinweis auf den tendenziell ständig steigenden Staatsanteil in den modernen westlichen Volkswirtschaften mitsamt der drohenden Implikation einer (nach dem Modell der Büffel-Ökonomie) schrumpfenden Produktion.(12) Und der Pessimist setzt noch hinzu, daß die Marktwirtschaft in den Augen des Bürgers legitim sein mag – das politische System, das sie trägt, sei es gleichwohl nicht. (Kiesewetter, 1995) Der Optimist jedoch macht unverdrossen darauf aufmerksam, daß wissenschaftlich-technische Innovationen die befürchteten Produktivitätsrückgänge bisher mehr als ausgeglichen haben; auch sei die soziale Sicherung gegen die Folgen des Strukturwandels eine Bedingung dafür, "[...] daß die Betroffenen ihre Zustimmung zu einem Gemeinwesen mit Marktwirtschaft und Wettbewerb überhaupt gegeben haben." (Homann und Blome-Drees, 1992, S. 58) Umverteilung kann also auch friedensstiftende (und damit produktivitäts fördernde!) Wirkungen haben.(13)

(10) Aber auch der Pessimist ist unnachgiebig. Zwar könne sich der einzelne Bürger keine Vorteile auf Kosten der Mehrheit verschaffen; aber was er allein nicht fertig bringe, das könne eine organisierte Minderheit um so besser. Die vom Wettbewerb Benachteiligten könnten sich nämlich zusammenschließen und auf Kosten der entweder uninformierten oder nicht betroffenen Mehrheit eine Regelung treffen, die sie besser stellt, als der Markt ihnen ermöglicht hätte. Sie erzielen so ein Renteneinkommen, also ein Einkommen, das nicht am Markt erzielt, sondern aufgrund von politischen Eingriffen zugewiesen wird.(14)

Und nun kommt der Pessimist erst so richtig in Fahrt. Er weist darauf hin, daß mit dem Beispiel der politisch determinierten Einkommenszuweisung nur die Spitze des Eisberges sichtbar werde, der unsere offene Gesellschaft bedrohe. Und tatsächlich ist es ja so, daß alle von der Marktwirtschaft profitieren, wenn sie denn einmal etabliert ist; aber jeder hat auch ein Interesse daran, dem Wettbewerb zu entkommen. Warum ist das so?

– Ein Grund ist (allzu) menschlich: Wir versuchen, unsere Leistungen möglichst teuer zu verkaufen und zugleich für das, was wir haben wollen, möglichst wenig aufzuwenden.

– Ein weiterer Grund liegt darin, daß wir risikoscheu sind. Wir leben nur einmal; haben wir eine fundamental falsche Entscheidung getroffen, die der Markt nicht goutiert, so versuchen wir, die Ergebnisse des Wettbewerbs zu modifizieren; wir versuchen also, politisch durchzusetzen, daß für die eigene Tätigkeit am Markt mehr bezahlt wird, als der Markt als solcher zugestehen würde.

– Schließlich sind wir Opfer der zunehmenden Interdependenz moderner Gesellschaften: Wissen und Fähigkeiten, die wir uns nach bestem Wissen und Gewissen angeeignet haben, werden auf individuell unvoraussehbare Weise plötzlich entwertet (Homann, 1988, S. 129). Es ist für den einzelnen nur rational, in dieser Situation nach korporativen Auswegen zu suchen.

Darum also tendieren offene Gesellschaften dazu, rent-reeking-societies, "rentensuchende" Gesellschaften zu werden, Gesellschaften, in denen (mit steigender Tendenz) versucht wird, Marktprozesse durch politische Einflußnahme zu verzerren – mit schädlichen Folgen für alle. Wenn etwa eine kleine Gruppe Garantieabnahmepreise für ihre Produkte durchsetzen kann, dann hat sie am Markt keine Probleme mehr. Jedoch: Alle Verbraucher sind gezwungen, diese höheren Preise zu bezahlen, so daß alle schlechter gestellt werden – mit Ausnahme derjenigen, die es geschafft haben, sich solche nicht marktkonformen Zusatzeinkommen, nämlich "Renten", zu verschaffen (und die nicht ihrerseits Opfer einer anderen Verteilungskoalition werden).

6. Freiheit – und ihre Grenzen

(11) Wie ist das möglich? Warum ermöglichen und unterstützen demokratische Regierungen die Erzielung von Renteneinkommen? Mit leicht zynischem Unterton erläutert der Pessimist einige Gründe für diese Tendenz:

– Demokratische Regierungen neigen dazu, Rücksicht auf pressure groups zu nehmen, die wählerstimmenrelevant sind. Politik wird so zu einer Strategie des Machterhalts auf dem Weg des geringsten Widerstandes – zu Lasten aller.

– Die Vorteile der Marktwirtschaft kommen allen zugute; ihre Nachteile fallen jedoch hochselektiv an: Es sind immer bestimmte Gruppen, die vom Strukturwandel betroffen sind (Homann und Bloome-Drees, 1992, S. 57). Wenn die Regierung diese Gruppen besserstellt, wird die übrige Gesellschaft durch den Einzelfall kaum spürbar betroffen; und wer nichts merkt, protestiert nicht.

– Deshalb können Sonderinteressen leichter organisiert und durchgesetzt werden als das allgemeine Interesse: Deutliche Vorteile für wenige stehen kaum spürbaren Nachteilen für viele gegenüber. – Die Neigung zur rent-seeking-society ist daher "systemimmanent": In der Demokratie werden die Leute geradezu ermuntert, auf politischem Wege das zu bekommen, was ihnen die Wirtschaft verwehrt.

– Aber (so beendet der Pessimist seine mephistophelische Aufzählung) wenigstens sind in der Demokratie alle frei und gleichberechtigt, sich um staatliche Unterstützung für das Entkommen aus der Wettbewerbssituation zu bemühen.

(12) Allgemein gesprochen, analysiert die Theorie der rent-seeking-society die Gesellschaft unter der Fragestellung, in welchen Bereichen versucht wird, Wettbewerbsbedingungen außer Kraft zu setzen. Bauern, die dem Landwirtschaftsminister Dung vor die Tür des Ministeriums kippen oder Fleischimporte zerstören; Stahlarbeiter, die Rheinbrücken oder Fabriken besetzen; Manager und Gewerkschaftsführer, die den Staat auffordern, "Arbeitsplätze zu retten"; Abgeordnete, die faktisch ihr Einkommen selbst festsetzen; Ärzte, die über ihre Standesorganisationen ein e Maximierung ihres Einkommens anstreben; Behinderte, die einen moralisch motivierten Anspruch auf Unterstützung durch andere erheben – sie alle nutzen eine Möglichkeit, die unsere Gesellschaft bietet, nämlich die Möglichkeit, die Frage "Wer bekommt was?" mit der Kraft des korporativen Ellenbogens oder mit der Taktik des Hinterzimmers zu beantworten. Der Pessimist zieht daraus den Schluß, daß wir uns zwar (vielleicht) in Fragen der äußeren Sicherheit aus dem Hobbesschen Dschungel herausgearbeitet haben, in Verteilungsfragen jedoch nicht.(15) Arbeitnehmerkartelle (Gewerkschaften), Erzeugerkartelle (Monopole und Oligopole) und Dienstleistungskartelle (Ärzte und Bildungsinstitutionen) gehörten zu den Symptomen, an denen sich der Niedergang der offenen Gesellschaft ablesen lasse. Hier, so führt der Pessimist nun schon siegesgewiß aus, sei die Tendenz zu einer Politisierung der Einkommensverteilung und damit auch die Tendenz zu einer Verschärfung politischer Konflikte unübersehbar. Das Ergebnis, nämlich die Schwächung der Legitimität der offenen Gesellschaft, habe zwar niemand gewollt. Es sei vielmehr eine unbeabsichtigte Nebenwirkung von Handlungen, die man aus rationalem Eigeninteresse vollziehe: Trotz der Attraktivität der offenen Gesellschaft (alle Leute wollen sie) gebe es Tendenzen, sie von innen heraus zu zerstören (alle Leute zerstören sie, ohne es zu wissen). Denn ist es für einen "freien Bürger" nicht höchst vernünftig, den Staat unter Druck zu setzen? Schließlich kann er doch für seine Steuergelder erwarten, daß der Staat auch seine Interessen berücksichtigt – so die etwas verquere, aber individuell durchaus rationale Logik unseres Akteurs.

(13) Für die vom Optimisten so geschätzte individuelle Freiheit habe das alles gefährliche Konsequenzen. Mit der zunehmenden Staatstätigkeit gehe nämlich ein schrumpfender Freiheitsspielraum des Einzelnen einher. Jede Mark, die der Optimist nicht für selbstbestimmte Zwecke ausgeben könne, sei ein kleines, aber charakteristisches Symptom für die geringer werdenden Freiheitsgrade in modernen Gesellschaften: Individuelle Rechte würden zugunsten von Partikularinteressen allmählich immer weiter eingeschränkt. Das bedeutet: Unbeschränktes kollektives Handeln beschränkt den individuellen Freiheitsspielraum. Genau an dieser Stelle sei die "offene Flanke der offenen Gesellschaft" zu finden, und nicht im Abbau von Bürgertugenden (Fest, 1993, S. 11) oder einem kollektiven Werteverlust (ebd., S. 75), die wahrscheinlich nur Folgen, nicht Ursache der Krise der Demokratie seien. Und – so schließt der Pessimist sein Plädoyer – weithin sei in der politischen Landschaft niemand sichtbar, der diese Zusammenhänge den Bürgern erkläre und daraus politische oder programmatische Konsequenzen ziehe. Und er setzt mit ironischem Lächeln hinzu: Geschichte möge zwar in manchen Perioden Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit sein; aber wahrscheinlich sei sie künftig eher ein Fortschreiten im Bewußtsein verlorener Freiheit.

7. "Krise" – ein Normalzustand?

(14) Der Optimist jedoch fühlt sich durch diese Ausführungen allenfalls belehrt, aber nicht bekehrt. Natürlich leugnet er nicht die vom Pessimisten vorgetragenen empirischen Zusammenhänge. Aber er bezweifelt, daß man aus ihnen nur pessimistische Schlußfolgerungen ziehen könne. Denn wie seien denn in der Vergangenheit Probleme gelöst worden? Doch wohl so, daß man zuerst Einsicht in einen Wirkungszusammenhang erlangt und dann daraus praktische Empfehlungen abgeleitet habe. Der Optimist verweist hier auf das Beispiel der Medizin: In dem Maße, in dem man einen Wirkungszusammenhang wirklich durchschauthabe, sei auch eine wirksame Therapie entwickelt worden. Warum sollte das in der Politik anders sein? Er als Optimist sehe eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder beschreibe die Theorie der rentseekingsociety die soziale Welt zutreffend; dann sei die notwendige Bedingung für eine Korrektur des politischen Kurses erfüllt und man könne damit beginnen, über eine institutionelle Sicherung gegen die Ausbeutung des Bürgers durch den Bürger nachzudenken und diese Zusammenhänge öffentlich zu diskutieren. Oder diese Theorie beschreibe die soziale Welt nicht zutreffend; dann könne man aber aus ihr auch keine Gefährdung der offenen Gesellschaft ableiten. Und dann wird der Optimist plötzlich grundsätzlich: Er könne die gesamte Argumentationsstrategie des Pessimisten nicht verstehen. Sicherlich – man könne die liberale Demokratie als krisengefährdet darstellen; aber sei das nun ihre Schwäche oder ihre Stärke? Und er zieht einen Brief aus der Tasche, den Karl Popper vor vielen Jahren an Egon Friedell schrieb,(16) und zitiert: Das Buch [gemeint ist Poppers "Die beiden Grundprobleme der Erkenntnistheorie"] ist "[...] ein Kind der Krise, [...] vor allem der Krise der Physik. Es behauptet die Permanenz der Krise; wenn es Recht hat, so ist die Krise der Normalzustand einer hochentwickelten rationalen Wissenschaft." Warum, so fragt der Optimist, sollte es sich mit einer hochentwickelten Gesellschaft anders verhalten? Die Stärke der liberalen Demokratien liege doch nicht darin, Krisen zu vermeiden, sondern auf eine produktive Art mit ihnen umzugehen: Nicht die Vermeidung, sondern die Lösung von Problemen sei ihre spezifische Stärke. Schließlich sei die Krise, wie schon Montesquieu gewußt habe, der Normalzustand einer freien Gesellschaft. Daher sei es höchste Zeit, so der Optimist, die Selbstwahrnehmung einer Gesellschaft al s "krisengeschüttelt" zu korrigieren: Wissenschaft und Demokratie lernen aus Fehlern; sie zu vermeiden, sei keine Tugend. In dem Maße, wie wir lernen, die "Krisensymptome" nicht zu mißdeuten, würden wir auch ein emotional befriedigenderes Verhältnis zur modernen Gesellschaft entwickeln.

(15) Das freilich, so erwidert der Pessimist zum Verdruß des Optimisten, sei ein schlechtes Argument. Die schnelle Durchsetzung medizinischer Neuerungen sei dem individuellen Interesse an der eigenen Gesundheit zu verdanken – das individuelle Interesse am eigenen Geldbeutel verhindere aber eine analoge Übersetzung politikwissenschaftlicher Einsichten in institutionelle Reformen. Schließlich würden doch keine Politiker gewählt, die versprechen, die Subventionen zu kürzen, von denen so viele profitieren – oder besser: zu profitieren glauben! Der Optimist ist immer noch unbeeindruckt. (17) Wozu, fragt er mit einem Anflug von Aggressivität, leistet sich eine Gesellschaft eigentlich eine hochbezahlte Armada von Sozialforschern, wenn diese nur in der Lage seien, gesellschaftliche Probleme zu identifizieren, nicht aber, sie zu lösen? Das hängt, so erwidert der Pessimist sarkastisch, mit der Tatsache zusammen, daß selbst die beste Medizin nicht verhindern könne, daß der Mensch sterbe. Anders gesagt: Selbst wenn es kurzfristig gelänge, bestimmte institutionelle Vorkehrungen gegen die schleichende Erosion der offenen Gesellschaft zu treffen, so könnten diese doch nicht dauerhaft sein. Und er als Sozialwissenschaftler sei nicht dazu da, den Menschen unrealistische Hoffnungen zu machen, sondern dazu, festzustellen, was ist und vielleicht noch, was zu erwarten sei. Schließlich sei nicht die Verzauberung, sondern die Entzauberung der Welt das Ziel der Wissenschaft.

8. Der Zauber der Gleichheit

(16) An dieser Stelle der Diskussion entschließt sich der Pessimist, ein weiteres vom Optimisten hoch geschätztes Ideal zu entzaubern. Im Jahre 1944, so führt er aus, sei in England einer der Klassiker der politischen Philosophie des 20. Jahrhunderts erschienen, nämlich Karl Poppers "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde". Wer sind nach Poppers Auffassung diese Feinde? Die vordergründige Antwort lautet: Platon, Hegel und Marx. Aber die tiefergehende Antwort lautet: Es sind Denkweisen, die einen schädlichen, das heißt die Idee der offenen Gesellschaft systematisch schwächenden Einfluß ausüben. Es gehe in diesem Buch zwar noch nicht um die selbstzerstörenden Mechanismen, die (unbewußt) die offene Gesellschaft bedrohen, sondern eher um die bewußt vertretenen Ideen, von denen ein schädigender Einfluß ausgehe. Die Sprengkraft dieser Ideen ist nach Überzeugung des Pessimisten jedoch mindestens ebenso groß wie die der selbstschädigenden Mechanismen, da zwar Institutionen, nicht aber Denkweisen kontrolliert und verändert werden könnten. Zu den Idealen der französischen Revolution, so erläutert der Pessimist, gehörte die Gleichheit. Die Idee der Gleichheit müsse jedoch sehr sorgfältig interpretiert werden, wenn sie mit Freiheit, Marktwirtschaft und Demokratie vereinbar sein soll.(18) Denn der Markt ist mit Gleichheit gerade nicht vereinbar: Unterschiede zwischen den Menschen führen zu Spezialisierungsmöglichkeiten und damit zu vertiefter Arbeitsteilung und höherer Produktivität; Glück und unterschiedliche Fähigkeiten führen zu Ungleichheiten im Einkommen; ungleiche Einkommen wiederum führen zu Anreizen, stark gefragte Güter vermehrt bereitzustellen. Vom Ideal der Gleichheit kann nun ein selbstschädigender Einfluß ausgehen, nämlich dann, wenn man GleichverteilungsInterventionen vornimmt: Man nimmt denen, die (mehr) haben, und gibt denen, die nicht (oder weniger) haben. Unsere christlich geprägte Kultur würde ein so interpretiertes Gleichheitsideal sogar noch stützen.

(17) Nun seien, so setzt der Pessimist ironisch hinzu, die ökonomischen Auswirkungen des so realisierten Gleichheitsideals allerdings etwas anders als beabsichtigt. Eigentlich müßte ja die (ununterbrochene) Dauer von Demokratien auf das Einkommen der am wenigsten Begünstigten einen positiven Effekt haben. Leider sei, wie Tabelle 1 zeige, das Gegenteil der Fall: Paradoxerweise bewirke also die so plausible Umsetzung des Gleichheitsideals durch direkte Umverteilungsmaßnahmen das Gegenteil dessen, was man habe erreichen wollen. Ein Grund für die schwindende Legitimität demokratischer Ordnungen scheint daher für den Pessimisten darin zu liegen, daß moralisch möglicherweise richtige Ideale mit falschen gesellschaftspolitischen Mitteln angestrebt werden: Sie erzeugen das Gegenteil dessen, was alle wollten. Und diese Ergebnisse würden nicht den Interventionen, sondern dem kapitalistischen System als solchem angelastet – was seine Zukunftsaussichten nicht gerade verbessere. Er als Pessimist neige daher der Auffassung des Ökonomen Joseph Alois Schumpeter zu, der ein Überleben der offenen Gesellschaft langfristig für unmöglich hielt. Schumpeter (1950/1975) gab zu, daß der Kapitalismus in der Beseitigung ökonomischen Elends erfolgreich war; aber er identifizierte zahlreiche weitere Selbstzerstörungstendenzen des Kapitalismus, von denen der Pessimist bereitwillig eine kleine Auswahl wiedergibt:

– Die kapitalistische Produktionsweise erzwinge Mobilität und die Trennung von Produktions- und Reproduktionsstandort; daher sei die bürgerliche Familie zum Untergang verurteilt. Er als Pessimist sei übrigens gespannt, was die Anthropologie zu dieser problematischen Entwicklung zu sagen habe.(19)

– Früher habe eine aristokratische Schicht noch jenseits von ökonomischen Erwägungen das Wohl des Ganzen im Auge gehabt. Wer aber solle nach ihrem Verschwinden den Selbstzerstörungstendenzen der Bourgeoisie Einhalt gebieten? – Und nicht zuletzt sei es die kritische Geisteshaltung der sogenannten Intellektuellen, die dem Pessimisten mit Schumpeter Sorge bereiten: Es sei für sie ein Leichtes, an die stammesgeschichtlich erworbene Kleingruppenmoral zu appellieren, um in den Augen vieler Menschen eine ungleiche Einkommensverteilung moralisch zu diskreditieren.

Jüngere Demokratien

(Japan, Europa)

Einkommensanteil

der ärmsten…

Ältere Demokratien

(USA, Schweiz, Kanada, Neuseeland, Australien)

6,99%

20%

5,54%

19,64%

40%

17,14%

37,26%

60%

34,26%

60,99%

80%

58,06%

Tabelle 1: Einkommensanteile verschiedener Bevölkerungsgruppen in modernen Demokratien (Quelle: Weede, 1990, S. 162)

(18) Nach Auffassung des Pessimisten gibt es zahlreiche weitere Selbstgefährdungen der Marktwirtschaft und damit auch der Demokratie, die mit Wertüberzeugungen und Ideen zu tun haben, beispielsweise mit der Überzeugung: "Meine Kinder sollen es einmal besser haben als wir." Eine solche Auffassung motiviert zweifellos viele Menschen, produktiv zu sein. Sie hat die theologisch begründeten Heilserwartungen abgelöst durch materielle Erwartungen. (Fest, 1993, S. 52) Aber diese Erwartungen können nur in sehr engen Grenzen erfüllt werden, denn es gibt, wie der amerikanische Ökonom Fred Hirsch sie nennt, soziale "Grenzen des Wachstums" (Hirsch, 1980). Durch Wirtschaftswachstum lassen sich nicht alle Verteilungskonflikte lösen. Das liegt zum Beispiel daran, daß man zwar immer mehr Autos produzieren kann; aber die Nutzungsbedingungen mancher Güter verschlechtern sich in dem Maße, wie auch andere sie nutzen. Der wahre Luxus ist eben, auf einer kaum befahrenen Straße zu fahren, der wahre Wohlstand, ein Haus im Grünen oder an einem Seeufer zu besitzen. Nahrungsmittel für alle – das geht noch. Aber einsam oder schön gelegene Wohnungen für alle – das ist ein Traum, der auch und gerade durch noch so viel Wachstum nicht erfüllt werden kann. Positionsgüter, wie Hirsch sie nennt, können durch Wachstum nicht vermehrt werden. Dazu gehören übrigens auch soziale Positionen mit Leitungsaufgaben: Nicht alle können Häuptlinge sein. Hirsch befürchtet daher, daß den Menschen irgendwann einmal klar wird, daß sie ihre Erwartungen auf mehr Wohlstand prinzipiell begrenzen und auf diejenigen Güter beschränken müssen, die keine Positionsgüter sind. Wenn aber bestimmte egalitäre Ziele prinzipiell nicht erreicht werden können, dann, so der Pessimist, ergebe sich eine explosive Situation: Einerseits könne die moderne Gesellschaft mit ihrer "Ethisierung des Wohlstandsideals" (Fest, 1993, S. 43) die egalitären Erwartungen der Bürger nur beschränkt erfüllen. Andererseits hänge die Zustimmung der Bürger zum System von solchen Erwartungen ab. Auf diese Weise ergebe sich ein Widerspruch zwischen den Ansprüchen der Menschen und der objektiven Leistungsfähigkeit der Wirtschaft, die zu ihrer weiteren Destabilisierung und Delegitimierung beitrage. Dem nun doch allmählich verstummenden Optimisten schlägt der Pessimist vor, nach "Freiheit" und "Gleichheit" auch noch das dritte Ideal der französischen Revolution auf den Prüfstand zu stellen, um dessen Beitrag zur Destabilisierung der offenen Gesellschaft zu verdeutlichen.

9. Brüderlichkeit – und die Folgen

Mangel an historischem Sinn ist der Erbfehler aller Philosophen. Friedrich Nietzsche(20)

(19) Die Stabilität unserer gesellschaftlichen Ordnung, erläutert der Pessimist, gehört zu den nicht weiter hinterfragten Selbstverständlichkeiten, die wir in unserem täglichen Leben als Hintergrundbedingung unseres Handelns voraussetzen. Gewiß, es gibt Vorfälle, die diese Hintergrundbedingung verletzen: innere Unruhen, den Bankrott einer Firma, den Einbruch in die eigene Wohnung, politische Änderungen nach einer Wahl. Aber grundsätzlich vertrauen wir auf die Stabilität und Berechenbarkeit des institutionellen Gefüges. Wie rechtfertigt sich dieses Vertrauen? Zunächst dadurch, daß wir eine Alltagserfahrung verallgemeinern: Wir vertrauen darauf, daß alle Menschen uns wohl gesonnen sind oder uns wenigstens neutral gegenüberstehen, solange wir ihnen nichts antun. Aber wie rechtfertigt sich dieses Vertrauen? Der Optimist lebt bei dieser Frage wieder sichtlich auf und beginnt aufzuzählen:

– Zunächst seien Recht und Gesetz die wichtigsten Garanten dafür, daß die Menschen nicht in den Hobbesschen Urzustand zurückkehren. Recht und Gesetz stabilisierten die gegenseitigen Verhaltenserwartungen und hätten zu einem beachtlichen Sozialkapital von Vertrauen und gegenseitiger Anerkennung geführt.

– Krieg sei (nach den Erfahrungen zweier Weltkriege und aufgrund der atomaren Bedrohung) kein legitimes Mittel der Politik mehr und sei (daher?) weltweit geächtet.

– Ein Bürgerkrieg sei in unserer Gesellschaft schon deshalb extrem unwahrscheinlich geworden, weil die Friedensrente so groß sei: Jeder profitiere von den nur im Frieden möglichen Produktivitätsfortschritten.

– In der Politik gebe es weltweit einen Konsens, daß (wirtschaftliche oder ideologische) Interessenkonflikte mit friedlichen Mitteln ausgetragen werden sollten.

– Die westlichen Ideale, von denen die Demokratie und die Marktwirtschaft getragen seien, breiteten sich immer weiter aus und würden daher die Anreize, Kriege zu führen, für die Menschen immer weiter senken. – Und schließlich seien Demokratien erwiesenermaßen nur selten bereit, Kriege zu führen.(21)

(20) Beginnen wir, so antwortet der Pessimist, mit dem letzten Punkt. In der Tat: Demokratien haben bisher (!) gegeneinander (!) keine Kriege geführt. Aber wir leben in einer Welt, in der es nicht nur Demokratien gibt und in der die Werte, für die Demokratie und Marktwirtschaft stehen, durchaus nicht weltweit anerkannt sind. Die weltweite Verbreitung der westlichen Ideale sei nur ein Ergebnis gewonnener Kriege, nicht gewonnener Herzen. Der weltweite ökonomische Wettbewerb (vorausgesetzt, er werde sich überhaupt einmal ernsthaft etablieren) bringe jedoch unvermeidlich Verlierer hervor, die sich mit ihrer Position genauso wenig zufriedengeben würden wie die Verlierer im innerstaatlichen Wettbewerb. Was liege dann näher, als "Ansprüche" mit Gewalt durchzusetzen? Und er setzt noch etwas süffisant hinzu, daß es ja nicht das erste Mal in diesem Jahrhundert wäre, wenn Menschen, die glauben, man enthalte ihnen etwas vor, auf das sie Anspruch haben, sich zusammenrotten, um sich das zu holen, was sie haben wollen. Abgesehen davon, vernachlässige der Optimist geradezu sträflich die Möglichkeit, daß vollkommen neue Ideen auftauchen könnten, die die Menschen dazu motivieren, gegen die Moderne und ihre Ideale zu kämpfen. Die wahre Bedrohung des Westens ginge vielleicht weder aus konfuzianischen noch aus islamischen Gesellschaften hervor (hier ist der Pessimist(22) sich allerdings nicht ganz sicher), sondern aus "post-Western civilizations" (Kurth, 1994, S. 3), in denen man die westlichen Modernisierungsziele nicht mehr teile. Und diese Bedrohung müsse nicht nur von außen kommen: Von Oklahoma City bis Tokio, so belehrt er den Optimisten kühl, seien die Signale (in wörtlichem Sinne) unüberhörbar, daß Konsens in grundlegenden Fragen nicht vorausgesetzt, sondern mindestens erarbeitet, vielleicht sogar erzwungen werden müsse. Die Demokratien hätten entsprechende Gefahren jedenfalls bisher nicht erkannt und seien schon deshalb systematisch schlecht dagegen gerüstet: Sie gäben zu wenig für die innere und die äußere Sicherheit aus;(23) die demokratische Öffentlichkeit beurteile die Außenpolitik anderer Staaten nach grotesken Kriterien;(24) und die politische Klasse neige dazu, die Hoffnung über die historische Erfahrung triumphieren zu lassen.(25) Das zeige schon ein kurzer Blick auf die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg:

– In der Seerechtskonferenz von 1921-1922 in Washington einigte man sich auf das Ende des Rüstungswettlaufs beim Bau von Schlachtschiffen.

– 1925 unterschrieben Großbritannien, Deutschland, Frankreich und andere Länder den Locarno-Pakt, nach dem die Grenzen in Mitteleuropa nicht mehr gewaltsam verändert werden sollten.

– 1934 gelobte die akademische Elite Englands in der "Oxforder Friedensresolution", nicht mehr für überholte Ideale wie "König und Vaterland" zu kämpfen. "Alle, außer den Zynikern, glaubten, der Frieden hätte einen weiteren Sieg errungen." (Silber, 1988, S. 149)

– 1938 schließlich verkündete der britische Außenminister Chamberlain, "peace in our time" erreicht zu haben.

In unseren Tagen, so setzt der Pessimist in seiner unnachahmlichen Art hinzu, seien wir gerade mit den Feierlichkeiten zur 50jährigen Wiederkehr der Bewältigung solcher Fehleinschätzungen befaßt – offenbar eine zu lange Zeit, um noch das Bewußtsein für die wirklich friedenserhaltenden Maßnahmen zu bewahren: Frieden werde nicht durch das Unterstellen von guten Absichten und durch Verträge, sondern durch Anstrengungen und Risiken, kurz: durch Abschreckung erreicht. Er als notorischer Pessimist sehe nicht, daß die Demokratien diese Lektion rechtzeitig vor den kommenden Auseinandersetzungen lernen würden.

(21) Jetzt ist der Optimist zum ersten Mal ernsthaft irritiert. Aber nicht, weil er sich von der pessimistischen Sicht beeindruckt zeigt, sondern weil er die pragmatischen Implikationen der Argumentation seines Gegenspielers immer weniger versteht. Und er hält dem Pessimisten folgendes entgegen. Dieser habe in seinen Augen durchaus recht, wenn er auf die Selbstgefährdungs tendenzen der offenen Gesellschaften hinweise. Aber er ziehe eben die falschen Schlußfolgerungen. Auch in der Politik sei doch Einsicht der erste und wichtigste Weg zur Besserung. Und da seien wir in einer nicht ganz so hoffnungslosen Lage: Wir würden zwar immer noch "Wege in der Gefahr" (Weizsäcker, 1979) beschreiten, aber auch immer besser erkennen, wo das Rettende wächst. Wir hätten immer bessere Theorien und Erkenntnisse darüber, warum die Demokratien in ihre gefährdete Lage gekommen sind und wo ihre Gefährdungen liegen. Und dann geht der Optimist zum Gegenangriff über und erklärt, der Pessimist habe die gewaltige Kraft von Ideen und die wichtige Rolle der kollektiven Erfahrung übersehen: Zwar hätten die Menschen die Welt immer nur auf verschiedene Weise verbessern wollen, und es komme eher darauf an, sie zu verstehen. Aber gerade die Fortschritte, die dabei erzielt worden seien, gäben Anlaß zur Ermutigung. Im Zeitalter der globalen Kommunikation würden die Menschen schon sehr gut erkennen, unter welchen Systembedingungen ihre Interessen am besten zur Geltung kämen; und statt über die Selbstgefährdungstendenzen der Demokratien zu lamentieren, sollte der Pessimist lieber die Bedeutung seiner intellektuellen Beiträge uminterpretieren: Sie seien keine Schriften an der Wand, sondern Beiträge zur Selbstaufklärung demokratisch verfaßter Marktwirtschaften.(26) Es komme daher darauf an, die Idee der Demokratie unter den Bedingungen moderner Wirtschaft und Gesellschaft als ein anzustrebendes Ideal zu rekonstruieren und sie für die Menschen auch außerhalb Europas attraktiv zu machen. Der Optimist erklärt sich allenfalls bereit, im Rahmen seiner Zielsetzung den Realismus des Pessimisten zu übernehmen: Natürlich müsse man mit aller gebotenen Konsequenz und Radikalität erkennen, was ist, damit man sinnvolle Zielsetzungen darüber entwickeln könne, was sein soll – oder besser: sein könne.

10. Die Freiheit und ihre Feinde

(22) Der Pessimist hält diese Einschätzung jedoch für völlig realitätsfern. Was nütze die beste Erkenntnis, wenn sie nicht wirksam werden könne? Zwar glaube auch er an die umwälzende Kraft von Ideen; aber welche werden es sein, die uns umwälzen? Ideen, so führt er aus, seien wie Lebewesen: Sie mutieren, gelegentlich tauchen auch völlig neue auf, und bei beiden sei es nicht klar, welche Rolle sie in der Realität spielen können. Man müsse sie erproben, um IdeenMonster von lebensfähigen Ideen unterscheiden zu können; und für diese Aufgabe fänden sich immer Menschen, die sich für sie einsetzen, und zwar unabhängig davon, ob diese Ideen andere Menschen gefährden oder ihnen vorschreiben, wie sie leben sollen, oder nicht. Fortgeschrittene wissenschaftliche Erkenntnis und politischer Fundamentalismus könnten daher in der Praxis ausgezeichnet koexistieren. Denn der Fundamentalismus hänge leider nicht systematisch mit wirtschaftlicher und politischer Unterentwicklung zusammen, wie das Beispiel Japans zeige: Schließlich glaubten dort so manche ausgebildeten Studenten der Informatik und Naturwissenschaft am Ende des 20. Jahrhunderts, daß (als Vorstufe des künftigen Paradieses) die Welt demnächst untergehe und daß man diesen Prozeß durch etwas Sarin noch beschleunigen könne. Intelligenz schütze eben vor Dummheit nicht.

(23) Und er erinnert den Optimisten in diesem Zusammenhang an die Tierrechtsbewegung, insofern sie die Ziele

– "[...] der völligen Abschaffung des Gebrauchs von Tieren in der Wissenschaft;

– der völligen Auflösung kommerzieller Tierwirtschaft;

– der völligen Beseitigung kommerzieller und sportlicher Jagd und Fallenstellerei"

auf ihre Fahnen geschrieben habe.(27) Der Pessimist sieht in solchen Maximalzielen ein weiteres Beispiel für die offenbar unausrottbare Neigung der Menschen, anderen ihre externen Präferenzen aufzudrängen, ihnen also vorzuschreiben, wie sie zu leben haben. Denn es gehe denen, die solche Ziele aufstellten, nicht um die individuelle Entscheidung für einen bestimmten Lebensstil und um das Werben für freiwillige Zustimmung, sondern um den Versuch, andere Menschen auf einen bestimmten Lebensstil zu verpflichten. Und es gehe der Tierrechtsbewegung offenbar auch nicht ernsthaft um die Verbesserung des Lebens der Tiere. Denn erstens würde ein konsequent durchgesetzter Vegetarismus nicht die "Befreiung" der Tiere, sondern ihre (offizielle) Abschaffung zur Folge haben. Und zweitens würden sich die Lebensbedingungen der (inoffiziell) verbliebenen Tiere in Kellern, Dachböden und Hinterhöfen eher noch verschlechtern. Und er verweist auf die ernüchternden Erfahrungen mit der Alkohol- und Drogenprohibition, die für das analoge Problem eines möglichen Verbots des Fleischverzehrs nach seiner Auffassung nur einen Schluß zuließen: Entweder die liberale Demokratie oder die Tierrechtsbewegung werde ihre Grundsätze beibehalten können. Ohne einen effizienten Kontroll- und Repressionsapparat sei nämlich weder ein Alkohol- und Drogenverbot noch ein entsprechendes Verbot der Tierhaltung und des Fleischverzehrs durchzusetzen. Die Tierrechtsbewegung sei im übrigen, so der Pessimist weiter, eine weitere Variante des Aufstandes gegen die kapitalistische Moderne: Nicht nur das von Tierrechtlern gebrauchte Vokabular (Ausbeutung, Befreiung, kommerzielle Tierwirtschaft), sondern sogar manche Argumentationsstrategien seien dem traditionellen Antikapitalismus abgelauscht. So würden etwa Versuche, die Bedingungen der Tiere zu verbessern, nur zu einer "Zementierung der in Frage stehenden Ausbeutung" führen.(28) Dazu passe auch, daß Tierrechtler von einer idealistischen Theorie des Verhältnisses von Vernunft und Praxis ausgingen (Feyerabend, 1980, S. 59): Die (ethische) Vernunft leitet die Praxis, und sie ist von der Praxis, die sie leiten soll, unabhängig. "Die Schwierigkeiten des Idealisten liegen darin, daß er nicht nur »rational« handeln will; er will auch, daß seine »rationalen« Handlungen zu erwünschten Resultaten führen. Und diese Resultate sollen nicht nur unter den Idealisierungen vorkommen, die er verwendet, sondern auch in der realen Welt, die er bewohnt. Wirkliche Menschen sollen die Gesellschaft seiner Träume aufbauen und in Gang halten, wirkliche Sterne und wirkliche Sterne solchen den Gesetzen gehorchen, die seinen rationalen Bedingungen genügen." (Feyerabend, 1980, S. 59) Man bestreitet also mit einer solchen Auffassung eine systematische Interdependenz von Zielen und Mitteln.(29) Dieses Verhältnis von Vernunft und Praxis, so setzt der Pessimist mit unbewegter Miene hinzu, habe auch das Denken einiger auf manchen Gebieten führender Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts bestimmt, etwa von Hitler, Stalin und Pol Pot. Nach seinem Eindruck gehe jedenfalls die Orientierung an einem moraltheoretischen Kognitivismus ("Es ist dir möglich zu wissen, Mensch, was gut ist") auffällig oft mit einem irritierenden Realitätsverlust einher.(30) Und er sei bereits gespannt, mit welchen Ideen die Menschen einander fernerhin das Paradies auf Erden bereiten wollten. Man könne jedenfalls nicht davon ausgehen, daß die äußeren und inneren Gefährdungen der Demokratie lediglich aus spätpubertären Symptomen ihrer Freunde resultieren und mit zunehmender Entwicklungshöhe der Gesellschaften von selbst verschwänden, sondern daß die um die Demokratie zentrierten westlichen Wertvorstellungen sich vielleicht auch weiterhin gegen Feinde in einem möglicherweise harten Konkurrenzkampf zu bewähren hätten.

(24) Der Optimist glaubt nun jedoch, den Pessimisten mit seinen eigenen Waffen schlagen zu können. Wo bliebe hier sein Realismus? Wenn man Krieg führen wolle, dann brauche man eine funktionierende Ökonomie. Eine funktionierende Ökonomie setze jedoch eine demokratische Ordnung voraus, weil sonst eine Ökonomie nicht dauerhaft effizient zu organisieren sei. Wenn man jedoch demokratische Rechte habe, dann sei es für die Regierung schwierig, überhaupt noch irgendwelche Kriegsführungspläne zu realisieren. Wenn es also eine Verbindung zwischen Entwicklungshöhe einer Gesellschaft, ökonomischer Leistungsfähigkeit, Verteidigungskraft und politischem System gebe (und alles deute darauf hin), dann werde sich mit fortschreitender Entwicklung der Krieg als Mittel der Politik aus der Geschichte verabschieden – gewissermaßen mit derselben Notwendigkeit, mit der Hegel die Überwindung nichtrepublikanischer Verfassungen als ein Geschichtsgesetz erwiesen habe. Der Pessimist wirft dem Optimisten hier jedoch eine quasi-induktive Argumentationsweise vor: Gewaltanwendung im großen Stil sei bisher in Form des klassischen (Clausewitzschen) Krieges erfolgt. Müsse es daher immer so bleiben? Und er verweist darauf, daß neue Formen der Gewaltanwendung nicht weniger bedrohlich zu sein versprechen als die bisherigen Formen kollektiver Gewalt.

11. Was dürfen wir hoffen?

(25) Der Pessimist faßt als erster seinen Standpunkt zusammen. Demokratie und Marktwirtschaft haben in den Augen vieler Menschen ein Legitimationsdefizit. Dieses resultiert aus unrealistischen Erwartungen in die Leistungsfähigkeit wirtschaftlicher Systeme und aus der Tatsache, daß wirtschaftliche Systeme nicht zur Erfüllung diesseitiger Heilserwartungen taugen. Demokratie und Marktwirtschaft sind gefährdet durch die Tendenz, die negativen Folgen des Wettbewerbs für sich selbst zu neutralisieren, und durch ständige Versuche zur Durchsetzung und Realisierung gesellschaftlicher oder ideologischer Maximalziele. Sie sind ferner gefährdet durch die Unterschätzung von objektiven Bedrohungen durch äußere und innere Feinde. Der Pessimist verweist ferner auf die zunehmenden Finanzierungsschwierigkeiten der sozialen Wohltaten und auf die schwindende Legitimität eines Wirtschaftssystems, in dem Produktion und Konsum paradigmatisch getrennt sind. Dabei sei das Wirtschaftswachstum etwas völlig anderes als nur eine angenehme Begleiterscheinung der Moderne: es sei eine notwendige Bedingung für den sozialen Frieden. Was könnten wir in dieser Situation hoffen?

(26) In einem Punkt sind sich der Optimist und der Pessimist schnell und überraschend einig: Die Rückbesinnung auf moralische Normen und gemeinsame Werte, wie sie der Kommunitarismus empfiehlt, sei keine angemessene Diagnose der Probleme gegenwärtiger Demokratien und beinhalte schon deshalb keine empfehlenswerte Therapie. Moderne Politikvorstellungen dürfen nach beider Auffassung nicht hinter Max Webers Einsicht zurückfallen, daß die moderne Zivilisation gerade nicht mehr wertintegriert ist. Moderne Politik müsse daher einen Pluralismus von Werten und individuellen Zielsetzungen nicht bekämpfen, sondern voraussetzen. Das bedeute: Nicht die Moral,(31) sondern die Regeln, nach denen wir leben, bedürften der Revision.(32) Regeln seien daraufhin zu überprüfen, ob sie (teilweise) inkonsistent und selbstschädigend sind.

(27) Uneinig sind sich Optimist und Pessimist jedoch darin, welche Erfolgsaussichten den Versuchen zugebilligt werden könne, gesamtgesellschaftlich pareto-superiore Regelungen nicht nur zu formulieren, sondern auch einzuführen. Der Pessimist erinnert daran, daß nach Auffassung Hayeks funktionierende Institutionen gerade nicht das Ergebnis von planenden Eingriffen seien, sondern von evolutionären Prozessen, in denen sich (oft gegen die vorherrschenden Überzeugungen) erst allmählich herausstellt, welche Ordnungsmerkmale funktionieren (Hayek, 1975). Die Lösung gesellschaftlicher Probleme sei daher (wenn sie überhaupt gelinge) eher ein unbeabsichtigtes Ergebnis aller Akteure als das Ergebnis einer erfolgreichen wissenschaftlichen Politikberatung.

(28) Der Optimist beginnt seine Zusammenfassung mit einer Kritik dieses Arguments. Erstens könne man zwar in komplexen Gesellschaften jegliche Veränderungen nur Schritt für Schritt vornehmen. Aber das sei kein Grund, nicht über diese Schritte nachzudenken und sie bestmöglich zu gestalten. Hier sei der Ort der Aufklärung durch die Wissenschaften: Sie könne helfen, durch analytische Anstrengungen der Gesellschaft einen Weg aus Sackgassen zu weisen, etwa indem sie Interessenkonflikte durch Aufklärung über Handlungsoptionen der Konfliktparteien entschärft, die alle Beteiligten akzeptieren können. Schließlich rechtfertige sich jegliche öffentliche Finanzierung der Sozialwissenschaften letztlich durch deren Bereitschaft und Fähigkeit, ihre Erträge auch der Öffentlichkeit zugute kommen zu lassen. Und selbst die nicht öffentlich finanzierte Wissenschaft sei mindestens moralisch verpflichtet, ihre Ergebnisse in den öffentlichen Dialog einzuspeisen. Ein Spenglerscher Gestus sei der Zielsetzung der Sozialwissenschaften unangemessen. Im übrigen könne er nur auf die beeindrukkenden Erfolge verweisen, die in vielen westlichen Gesellschaften auf zahlreichen Gebieten errungen worden seien. Man brauche nur einen Blick in die jüngere Geschichte zu werfen, um zu erkennen, daß noch nie so viele Menschen unter demokratischen Verhältnissen gelebt hätten wie heute und daß diese positive Entwicklung weitergehen werde. Nach Auffassung des Optimisten können liberale Demokratie und Marktwirtschaft trotz der vom Pessimisten beschriebenen Zusammenhänge sogar bestimmte Ideale verwirklichen: Gleichheit, Gerechtigkeit, Wohlstand und Frieden, Brüderlichkeit und Freiheit können Systemmerkmale demokratisch verfaßter Marktwirtschaften sein, die aber zu ihrer Verwirklichung und zu ihrem Schutz besondere Vorkehrungen und manchmal (dies gesteht er dem Pessimisten zu) kontra-intuitive Maßnahmen erfordern (etwa dadurch, daß man Ungleichheit zuläßt oder sogar in bestimmtem Maße fördert). Nicht alle politisch motivierten Eingriffe lassen diese Systemmerkmale entstehen oder unberührt, und nicht alle Versuche, diese Systemmerkmale bewußt herzustellen, sind erfolgreich. In unserem Bemühen, hier aus Fehlern zu lernen, seien wir zwar nur sehr langsam erfolgreich; aber sei das ein Argument gegen den Versuch, überhaupt aus Fehlern zu lernen?

(29) An dieser Stelle spüren sowohl der Optimist als auch der Pessimist, daß eine weitere Diskussion zu keiner weiteren Annäherung der Standpunkte führen wird. Sie beschließen, ihre arbeitsteiligen Forschungen weiterzuführen – der Pessimist im Bemühen, die Probleme auf keinen Fall zu bagatellisieren, der Optimist im Bemühen, an den Problemen nicht zu verzweifeln und Auswege aus der Gefahr zu entwickeln und zu erproben. Dem Publikum, so denke ich, kann das nur recht sein: Denn es kann von beiden profitieren.

Dr. Gerhard Engel ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Lehrbeauftragter für Wirtschaftsethik am Seminar für Philosophie an der Technischen Universität Braunschweig.

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Anmerkungen

Der vorliegende Aufsatz geht aus Vorträgen hervor, die der Verfasser im Rahmen eines Wochenendseminars der Thomas-Dehler-Stiftung im November 1994 in Nürnberg gehalten hat. Thema der Tagung war Joachim Fests Buch "Die schwierige Freiheit" (Fest, 1993). Der Titel des vorliegenden Aufsatzes spielt auf die Publikation des ZEIT-Verlages "Demokratie in der Krise" (= ZEIT-Punkte, Heft 1, 1994) an, der Untertitel auf Bossle und Radnitzky (1982).

(1) Popper (1963), S. 376. (Meine Übersetzung)

(2) Dies ist die zentrale Behauptung des amerikanischen Politikwissenschaftlers Francis Fukuyama (1992).

(3) Manche Optimisten würden sogar sagen: verpflichtend. Vgl. Popper und Lorenz (1985), S. 42.

(4) Vgl. Bernholz (1982) sowie das anschaulich geschriebene Buch von Renate Merklein (1980).

(5) Äußere Bedrohung war nach Fest (1993, S. 29) "[...] gleichsam die Feder, die der freiheitlichen Ordnung innere Spannung gab." Erinnert sei auch an den Ausspruch Georgi Arbatows von 1989: "Wir werden Euch etwas Furchtbares antun, wir werden Euch den Feind nehmen." Vgl. Fest (1993), S. 15.

(6) Als ein Symptom für dieses breiter werdende Interesse an den strukturellen Defiziten der offenen Gesellschaft kann das Buch von Joachim Fest (1993) gelten. Vgl. ferner Bossle und Radnitzky, Hg. (1982); Albert (1986); Weede (1992), Kap. 20.

(7) Vgl. Kolakowski (1982), S. 9; Pies (1993), S. VII.

(8) Ein Beispiel dafür lieferte in einer Talk-Runde des Deutschen Fernsehens eine Bergarbeitersfrau (und Gewerkschafterin), die auf die Frage, ob die Bürger nun im Interesse von Zechenarbeitsplätzen noch eine weitere Abgabe errichten sollten, antwortete: Nein, das wolle sie nicht. Aber [!] die Politiker sollten gefälligst ihre vor der Wahl gegebenen Versprechungen wahr machen (Beifall im Studio). Das bedeutet auch: Die Bürger applaudieren anderen Bürgern selbst dann, wenn sie diesen Transferzahlungen leisten sollen – falls man sie vorher in ihrer Abneigung gegen Politiker eint.

(9) Obwohl politische Entscheidungen jeden Bürger betreffen, so hat er doch keinen Anreiz, Ressourcen in die Qualität einer politischen Entscheidung zu investieren. Denn die Möglichkeit, durch einen eigenen Beitrag diese Qualität nennenswert zu heben, sieht er als gering an. Es ist für ihn daher rational, in solchen Fragen ignorant zu bleiben. Vgl. dazu Weede (1992), S. 188, 199 und passim.

(10) Das ist zwar kontraintuitiv, läßt sich aber leicht zeigen. Vgl. dazu Weede (1990), S. 10-11.

(11) Vgl. außerdem Barkai (1988), S. 9, wo die Wirtschaftskrise der Jahre 1929-1932 als entscheidender Faktor für den Aufstieg des Nationalsozialismus herausgearbeitet wird. Diese Auffassung ("Demokratie oder Nullwachstum") bedeutet übrigens ein für die Ökologiebewegung äußerst unangenehmes Dilemma. Hans Jonas (1979) löste es auf klare, wenn auch unannehmbare Weise: durch die Propagierung eines ökologischen Leninismus. Zur Kritik vgl. Engel (1994), S. 89f.

(12) Vgl. Anm. 4. Zur Zeit beträgt allein das Sozialbudget der Bundesrepublik Deutschland 34% des Bruttoinlandsprodukts. Vgl. Mayer (1995), S. 58.

(13) Genauer: Subventionen sollten danach beurteilt werden, ob sie der Erhaltung von Strukturen, der Alimentierung von Arbeitslosen oder der Strukturanpassung dienen. Nur für Subventionen, die der Strukturanpassung dienen, gilt das im Text zitierte Argument.

(14) "Renten" sind hier definiert "... als eine Zahlung an den Besitzer einer Ressource, die über das hinausgeht, was diese Ressource in einer alternativen, nächstbesten Verwendung auf einem Wettbewerbsmarkt erzielen würde." (Weede, 1990, 130) Sie dürfen natürlich nicht mit "Renten" im Sinne von ersparten oder erarbeiteten Alterseinkommen verwechselt werden. Eine einschlägige Arbeit zur rent-seeking-society ist etwa Buchanan/ Tollison/Tullock, 1980.

(15) Vgl. dazu Buchanan (1984), S. 143f., wo die Erhöhung von Steuern durch einfachen Parlamentsbeschluß mit kontrakttheoretischen Argumenten kritisiert wird.

(16) Poppers Brief an Friedell vom 30.6.1932 wird auszugsweise zitiert in Popper (1979), S. XIV.

(17) Sowohl der Optimist als auch der Pessimist zeigen hier, wie schwer es ist, Meinungen zu ändern. Vgl. Vollmer (1993), Kap. 1.

(18) Im 19. Jahrhundert war das Bewußtsein, den Liberalismus gegen die Demokratie verteidigen zu müssen, noch erheblich weiter verbreitet als heute. Unbeschränkte Freiheit gefährdet eben die liberale Demokratie. Daher konnte Max Horkheimer schreiben: "Die Ordnung, die 1789 als fortschrittlich ihren Weg antrat, trug von Beginn an die Tendenz zum Nationalsozialismus in sich." (Max Horkheimer, Die Juden in Europa, Manuskript Paris 1939, zitiert nach Kuenelt-Leddihn (1982), S. 47.)

(19) Zu den anthropologischen Aspekten vgl. Flohr und Flohr, 1992.

(20) Menschliches, Allzumenschliches, 1878, § 2.

(21) Empirisch erhärtet ist, daß Demokratien gegeneinander keine Kriege führen. Vgl. Weede (1992a). Darüber hinaus gilt, daß Demokratien in kriegerischen Auseinandersetzungen mit NichtDemokratien höhere Humankapitalverluste erleiden und daher die Entscheidung zur Kriegführung so lange wie irgend möglich hinausschieben. Ferner haben Eltern in modernen Gesellschaften weniger Anreize, ihre wenigen Kinder für "höhere" Zwecke zu opfern, als Eltern in unterentwickelten Gesellschaften mit hohen Kinderzahlen.

(22) Der Pessimist könnte auf Huntington (1993) verweisen. Vgl. dazu jedoch Kurth (1994).

(23) In dieser Hinsicht ist Weizsäcker (1979), Kap. 11, immer noch aktuell. Zum Problem der Friedenssicherung in Demokratien vgl. auch Weede (1990), Kap. IX.

(24) Vom Optimisten um ein Beispiel gebeten, erwidert der Pessimist mit seiner charakteristischen Mischung aus Zynismus und Realismus, daß der Normalbürger die politischen Absichten der Sowjetunion doch eher danach beurteilt habe, daß Frau Gorbatschow schlank war und ihre Kleider in Paris gekauft habe. (Silber, 1988, S. 153)

(25) Hier bedient sich der Pessimist eines Ausspruchs des ehemaligen amerikanischen Außenministers Dean Acheson. Vgl. Silber (1988), S. 152.

(26) Zu einer solchen Interpretation vgl. Homann und Pies (1994).

(27) Vgl. dazu die Textsammlung von Bondolfi (1994), S. 107. Das Zitat stammt von einem der führenden Vertreter der "Tierethik", Tom Regan. (Leider ist die Originalquelle dort nicht angegeben.)

(28) So Tom Regans und Gary Franciones Auffassung, die Kaplan (1993), S. 130-132, referiert. Genau analog argumentierten im 19. Jahrhundert radikale Marxisten: Der Klassenkampf dürfe im Interesse der Weltrevolution nicht durch marginale Verbesserungen der Stellung der Arbeiter entschärft werden.

(29) Der Versuch, Ziele zu erreichen, muß sich auf bestimmte Mittel stützen. Diese Mittel haben (oft unbeabsichtigte) Nebenwirkungen, die dazu führen können, die ursprünglichen Ziele zu modifizieren. Vgl. Homann (1980).

(30) Anschauungsmaterial liefert etwa einer der bekanntesten Veganer, Helmut F. Kaplan, dessen Weltbild sich u.a. aus folgenden Bausteinen zusammensetzt: "Wer aus ethischen Gründen keine Tiere tötet bzw. töten läßt, der tötet auch keine Menschen." (Kaplan, 1993, S. 151) "Menschen haben eine Entscheidungs- und Handlungsfreiheit, Tiere nicht." (S. 36) "Die Überwindung des Speziesismus, die Befreiung der Tiere, steht anderen Befreiungsbewegungen hinsichtlich Bedeutung und Stellenwert in nichts nach." (S. 31. Hier könnte Kaplan mehr Recht haben, als er ahnt.) "Jeder, der über den Zustand der Welt informiert und ehrlich zu sich selbst ist, weiß: Wir steuern unausweichlich dem Ende zu." (S. 179)

(31) Die Moral der Menschen ist im statistischen Mittel ganz in Ordnung (wie sollte es nach Jahrhunderttausenden Stammesgeschichte auch anders sein?). Vgl. dazu Wilson (1994). Das Problem moderner Gesellschaften besteht daher nicht darin, mangelnde Moral zu kompensieren, sondern darin, moralisch motivierte Eingriffe in komplexe Systeme an adäquates Wissen um deren Funktionsweisen zu knüpfen.

(32) In seinem Buch schwankt Fest (1993) unsystematisch zwischen Regelorientierung und Moralorientierung seiner Diagnose und seiner Politikempfehlungen hin und her. Vgl. auf der einen Seite die Bemerkungen über den "unübersehbaren Werteverlust" (S. 75), die Behauptung " [...] jeder ethische Konflikt muß vor einer letzten Instanz bestehen" (S. 76) und die Bemerkungen über den "ethischen Minimalkonsens" (S. 64); auf der anderen Seite fordert Fest "[...] ein rigoroses Beharren auf den wenigen elementaren Normen, die sie [die liberale Ordnung] verlangt" (S. 85f.) und schreibt: "Statt die Einhaltung der Regeln, auf denen das Zusammenleben beruht, mit allem Nachdruck zu erzwingen, widmet die Öffentlichkeit den Gewalttätern in ungezählten Interviews, Talkshows oder Abhandlungen ein fast ethnologisches Interesse [...]" (S. 72).