Dr. Michael Hauskeller (Darmstadt):

Die "Banalität des Guten": Political Correctness
in Deutschland und Österreich

aus: Aufklärung und Kritik 2/1995 (S. 2 ff.)

Die PC-Debatte hat in den Vereinigten Staaten in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre begonnen und ist in Deutschland besonders in den letzten zwei Jahren verstärkt rezipiert worden. Der Begriff PC ist heute in aller Munde, in der Regel mit entschieden negativen Konnotationen. PC ist etwas, von dem man sich hierzulande gern verfolgt oder wenigstens bedroht sieht. In den USA konzentriert sich PC im wesentlichen auf die neuralgischen Punkte Sexismus und Rassismus.

Kleinere und größere Gruppen, die sich aus diversen Gründen in der Gesellschaft benachteiligt fühlen, kämpfen dort um die Anerkennung und Berücksichtigung ihrer Interessen und um möglichst große Stücke des öffentlichen Kuchens. Im Zentrum der Auseinandersetzung steht dabei nicht so sehr die Forderung nach Chancengleichheit - die, nicht ganz zu unrecht, als liberale Fiktion abgelehnt wird - sondern vielmehr die Forderung nach Verteilungsgleichheit, die als moralisches Recht eingeklagt wird. Man nimmt sich als Opfer der Gesellschaft wahr und reagiert dementsprechend empfindlich auf alles, was nur irgend als negative Diskriminierung verstanden werden kann. Schnell wird man darauf aufmerksam, daß sich sprachliche Fixierungen als Spiegel historisch gewachsener und nach wie vor bestehender Machtverhältnisse lesen lassen.

Durch die Reinigung der Sprache von solchen Elementen erhofft man sich, das in ihr zum Ausdruck kommende Bewußtsein mit zu verändern. Sexistische und rassistische Denk- und Empfindungsmuster sollen ihren Rückhalt in der Sprache verlieren und so allmählich durch ein politisch korrektes, d.h. in diesem Fall: dem Gleichheitsgrundsatz verpflichtetes Bewußtsein ersetzt werden. Die zugrundeliegende Annahme lautet: Wie wir sprechen, so denken und empfinden wir, und wie wir denken und empfinden, so handeln wir auch. Also ist Sprachkorrektur Bewußtseinskorrektur und Bewußtseinskorrektur Handlungskorrektur. So wird unversehens eine Strategie aufgegriffen, die schon immer gern von Machthabern zur Stabilisierung ihrer Herrschaft verwendet wurde, nur daß diese Strategie nun nicht im Sinne der Macht, sondern gerade gegen sie verwendet werden soll. Es ist jedoch fraglich, ob diese Umkehrung überhaupt funktionieren kann und nicht vielmehr genau das Gegenteil von dem bewirkt, was in ihrer Absicht lag.

Möglicherweise eignet sich die Sprachkontrolle besser zur Befestigung bestehender Machtverhältnisse als zu ihrer Veränderung, so daß man im Kampf gegen ungleiche sprachliche Behandlung ungewollt gerade die Verhältnisse festigt, die man eigentlich beseitigen wollte. "Die Neusprache", schreibt George Orwell in seinem Roman 1984, "war die in Ozeanien eingeführte Amtssprache und zur Deckung der ideologischen Bedürfnisse des Engsoz erfunden worden. Sie hatte nicht nur den Zweck, ein Ausdrucksmittel für die Weltanschauung und geistige Haltung zu sein, die den Anhängern des Engsoz allein angemessen war, sondern darüber hinaus jede Art anderen Denkens auszuschalten."(1)

Politisch unerwünschte Wörter wie Freiheit, Ehre, Gerechtigkeit, Moral, Internationalismus, Demokratie, Wissenschaft und Religion waren nicht mehr Bestandteil der neuen Sprache. Zwangsarbeitslager wurden in Lustlager umgetauft, das Kriegsministerium in Friedensministerium. Selbst wo die Umbenennungen nicht so offensichtlichen Vernebelungszwecken dienen, lassen sich sprachliche Konzessionen von seiten derer, die am liebsten alles beim alten ließen, noch am ehesten verkraften, wenn sie ihnen nicht gar entgegenkommen. Es verlangt wenig, den Gastarbeiter zum ausländischen Mitbürger und das Nutztier zum Mitgeschöpf umzubenennen. Faktisch ändert sich dadurch nichts, im Gegenteil verschleiert es nur das Fortbestehen derselben Strukturen. Sobald die jeweiligen Statthalter der Macht dies erkennen, hören sie auf, den vehementen Forderungen der ihrem eigenen Empfinden nach Unterprivilegierten zu widerstreben, sondern beeilen sich vielmehr, ihnen zu willfahren.

Freilich ist in Deutschland bislang die sprachliche Erneuerung im Sinne des politisch Korrekten von untergeordneter Bedeutung. Man interessiert sich weniger für die Form der Aussage, als für die Aussage selbst, die, wenn nachweislich politisch nicht korrekt, unterbunden werden soll. Auf diese Weise soll verhindert werden, daß sich bestimmte Auffassungen ausbreiten. Als Sammelbegriff und Generalanklage für all diejenigen Äußerungen und Meinungen, die unter das Verdikt des politisch Inkorrekten, und das heißt zugleich immer: moralisch Verwerflichen, fallen, fungiert in Deutschland der Begriff, oder vielmehr das Schlagwort Faschismus.

Wie leicht man unter dieses Verdikt fällt, mußte vor einigen Jahren der australische Moralphilosoph Peter Singer erfahren. Von den drei Vorträgen, die Singer im Juni 1989 in Deutschland an verschiedenen Universitäten (Dortmund und Saarbrücken) und auf einem Ethik-Symposion in Marburg halten sollte, mußten aufgrund massiver und glaubhafter Drohungen von seiten der Studentenschaft, aber auch anderen Gruppen, wie der Deutschen Krüppelbewegung und Teilen der Grünen, zwei abgesagt werden. Der dritte in Saarbrücken konnte nur unter größten Schwierigkeit und nach einem halbstündigen Pfeifkonzert durchgeführt werden. In den Vorträgen sollte unter anderem das durch seine nationalsozialistische Vergangenheit belastete Thema Euthanasie zur Sprache kommen. Die Grünen sprachen in einer Presseerklärung von "Aufruf zum Mord", die taz sprach von "Tötungshelfer", der Spiegel von faschistischem Gedankengut, die Deutsche Gesellschaft für soziale Psychiatrie von "zynischer Vulgärethik". Öffentliche Distanzierungen der Beteiligten wurden gefordert. An Universitäten veranstaltete man Protestkundgebungen, Seminare und Diskussionen wurden verhindert, man weigerte sich geflissentlich zuzuhören, wenn jemand einen Verteidigungsversuch unternahm, man weigerte sich zu diskutieren, ja man weigerte sich sogar, das Buch zu lesen, das solchen Aufruhr verursacht hatte: Singers "Praktische Ethik".

Nachdem Reinhard Merkel in der ZEIT der Angelegenheit ein Dossier widmet und es wagt, Singers Anliegen als im Kern berechtigt zu verteidigen (2), fällt sofort fast die gesamt bundesdeutsche Presse, einhellig von links bis rechts, von taz bis FAZ (3) über ihn und Singer her. Von "unerträgliche(r) Vermessenheit" und ähnlichem ist die Rede.(4) Bereits in der nächsten Ausgabe der ZEIT greift Ernst Klee Singer scharf wegen seiner angeblichen nationalsozialistischen Gesinnung an.(5) Singer ist Klee schon allein deshalb verdächtig, weil Singer auch und vor allem als Tierrechtler bekannt geworden ist. Schließlich hätten sich ja auch die Nazis bekanntermaßen für Tiere stark gemacht, woraus für Klee offenbar im Umkehrschluß folgt, daß alle Tierschützer notwendig Nazis sein müssen. Jeglicher Bezug zwischen der Gattung homo sapiens und anderen Tieren kann nichts geringeres sein als eine "bizarre Verquickung". Der Spiegel schließt sich bald darauf dieser Meinung an.(6) Klees Artikel, den er für eine "Kritik der praktischen Ethik" Singers hält, ist jedoch nichts weniger als das. Beispielhaft für viele, die nach ihm in die gleiche Kerbe schlagen werden, zieht Klee suggestive Parallelen zu Nazi-Schriften und zitiert öfter diese als Singer selbst. Er reißt Zitate aus dem Zusammenhang, so daß sie entsetzlich und unmenschlich erscheinen. Teilweise erweckt er den Eindruck, Ansichten Singers wiederzugeben, ohne daß dieser je dergleichen geschrieben hätte. Ebenso verfährt wenig später Gabriele Göttle in der taz und kommt so schnell zu ihrem Urteil: Singer stehe in der "Tradition einer Wissenschaft, die sich seit der Jahrhundertwende bis heute mit Rassenanthropologie, Erbgesundheit, Rassenhygiene und Humangenetik" befasse. Singers "Vernichtungsethik" setze sich aus Haarspaltereien und Stammtischparolen zusammen. Hinter der vermeintlichen Ethik verberge sich krudes volkswirtschaftliches Nützlichkeitsdenken. Ziel sei eine Steigerung des Bruttosozialprodukts durch Ausmerzung allen unnützen Lebens. Singer spreche das "Todesurteil über nicht Genormte".(7)

Franz Christoph, der Sprecher der Krüppelbewegung, kettet sich ebenso anklagend wie werbewirksam an die Tür des Redaktionsbüros der ZEIT und verlangt, jegliche Diskussion von Singers Thesen in der Öffentlichkeit zu unterlassen, weil das "Lebensrecht Behinderter" nicht diskutiert werden könne.(8) Daß Singer niemals auf die Idee gekommen ist, das Lebensrecht Behinderter zu bestreiten, scheint dabei niemanden zu stören. Verletzte Gefühle äußern sich in Bekundungen persönlicher Betroffenheit und trüben den Blick. Statt sich mit den Argumenten der Gegenseite auseinanderzusetzen, begnügt man sich mit larmoyanten und zumeist reichlich unreflektierten Vorwürfen. Man geriert sich als Opfer und ruft damit sogleich ein williges Heer von Beschützern auf den Plan. Der Behindertenpädagoge Professor Georg Feuser läßt melden, daß er gegen eine praktische Umsetzung von Singers Ethik kämpfen werde, bis er selbst getötet werde.(9) Der Sozialpsychiater Klaus Dörner, für den Singer "einer der brutalsten utilitaristischen Philosophen" ist, malt sich eine sich auf Singers Text berufende Masseneuthanasie aus.(10) Das von Singer in Anschlag gebrachte Mitleid wird von Dörner als Selbstmitleid uminterpretiert. Man finde eben "das jeweilige Leiden unerträglich" und wolle "es deshalb irgendwie weghaben oder wegmachen". Es sei darum "tödliches Mitleid".(11)

Massive Proteste verhinderten in der Folge die Durchführung von Seminaren zur Praktischen Ethik in Duisburg, Bochum, Berlin und anderswo. Sogar die Entlassung der Professoren wurde gefordert. Proteste gab es auch, als Hartmut Kliemt an der Universität Duisburg ein Seminar zur Praktischen Ethik Singers abhalten wollte. Eine faire Diskussion des Textes wurde gewaltsam unterbunden, das Seminar mußte abgebrochen werden. Kliemts Kollege, der Germanist Siegfried Jäger, bezeichnete Singer als Rassisten und "Modernisierer nazistischer Vernichtungspolitik", als Propagandist gesellschaftlich legitimierten Mordes.(12)

Fast alle diese Angriffe auf Singer haben gemeinsam, daß ihre Urheber kaum einmal den Versuch machten, sich rational mit seinen Argumenten auseinanderzusetzen. Das Ergebnis von Singers moralphilosophischen Überlegungen, in diesem Fall: aktive Sterbehilfe unter gewissen Umständen für erlaubt, wenn nicht gar für moralisch geboten zu erklären, wird als solches für unakzeptabel und moralisch verwerflich erklärt, so daß die Gedankengänge, die Singer zu dieser Aussage geführt haben mögen, unwichtig werden: diese müssen einfach falsch (d.h. ebenso unakzeptabel und verwerflich) sein wie die Schlußfolgerungen, weshalb sich eine Beschäftigung damit von vornherein erübrigt.

Das politisch korrekte Denken in Deutschland zeichnet sich dadurch aus, daß es ohne viel Aufhebens eine Art moralischen Syllogismus verwendet, der da lautet: was nicht sein darf, kann nicht sein. Mit anderen Worten: die Wahrheit interessiert nur insofern, als sie sich bequem in unsere jeweiligen moralischen Intuitionen und Gewohnheiten einfügen läßt. Sie wird so zu einer Funktion der Politik. Sofern die Fragwürdigkeit einer solchen Vorgehensweise überhaupt wahrgenommen wird, meint man sie doch, mit dem bloßen Hinweis auf die deutsche Vergangenheit vom Tisch wischen zu können.

Man lebt in der ebenso festen wie unwahrscheinlichen Überzeugung, daß zumindest man selbst aus der Vergangenheit gelernt habe, und zeigt sich entschlossen, dafür zu sorgen, daß dergleichen niemals wieder geschehen wird. Dazu muß man natürlich auf der Hut sein, die Hydra des Faschismus lauert überall, und ihre Köpfe wachsen schnell: je früher man sie abschlägt, desto besser. Den Anfängen soll gewehrt, das Übel schon im Ansatz bekämpft werden, da also, wo es noch harmlos und vergleichsweise unschuldig daherkommt. Eine solche vorbeugende Taktik ist auch an sich nicht unklug, doch steht sie vor einem gewissen Dilemma: je früher ich losschlagen will, desto geringer ist die Sicherheit, daß ich auch wirklich den richtigen treffe. Die Anfänge haben den Nachteil, daß sie oft nicht so richtig erkennen lassen, was einmal aus ihnen werden wird. Ab ovo sind alle Kühe schwarz. Doch weil zuviel auf dem Spiel steht, beschließt man, lieber ein paar Unschuldige zu opfern als einen Schuldigen davonkommen zu lassen, und so ersetzt schnell einmal der Verdacht den nicht zu erbringenden Beweis. Das Urteil steht, noch bevor die Verhandlung begonnen hat. "Tut nichts", sagt der Patriarch in Lessings Nathan der Weise ein ums andere Mal und entgegen allen Einwänden: "der Jude wird verbrannt."(13)

Und eine nüchtern abwägende Verhandlung soll auch ausdrücklich nicht stattfinden. Die Singer-Debatte ging nicht nur um das, was Singer tatsächlich gesagt und angeblich intendiert hatte, sondern vor allem auch darum, ob man überhaupt über dieses Thema debattieren dürfe. Das Thema der Debatte war nicht selten die Debatte selbst. Das Leben, so hieß es, dürfe "nicht zur Diskussion gestellt" werden, und es gebe nun einmal Diskurse, die nicht geführt werden dürften. Wer es dennoch tat und, ohne den Singerschen Standpunkt zu teilen, darauf beharrte, mit der Urteilssprechung doch wenigstens bis nach der Verhandlung zu warten, machte sich sofort des Sympathisantentums verdächtig und wurde sicherheitshalber gleich mit verurteilt. Als moralische Verfehlung wurde so bereits das Nachdenken selbst gewertet. Eben deshalb konnte man seine hehre moralische Gesinnung auch am sichersten dadurch beweisen, daß man sich der Begründung und Rechtfertigung der eigenen Position entschieden verweigerte. Diese Mischung aus entschiedener Gewaltbereitschaft auf der einen und mangelnder Information bzw. bewußter Ignoranz auf der anderen Seite ist typisch für das politisch korrekte Denken in Deutschland. Beispiele für die angeführte Vorgehensweise gibt es mittlerweile genug. Etwa der Fall Nolte.

In Fachkreisen bekannt wurde der Historiker Ernst Nolte 1963 durch sein Werk "Der Faschismus in seiner Epoche". Kontrovers, aber unaufgeregt diskutiert wurde in der Folge insbesondere seine zentrale These vom Europäischen Bürgerkrieg zwischen Sowjet-Kommunismus und Nationalsozialismus. Zwischen beiden Systemen hat laut Nolte ein Kausalnexus bestanden, derart, daß sich der Erfolg und die Triebkraft der nationalsozialistischen Partei wesentlich auf antimarxistische und antikommunistische Ängste und Verteidigungswünsche zurückführen lasse. Nolte verteidigt darüberhinaus grundsätzlich den wissenschaftlichen Willen zu Distanz, Unterscheidung und totalisierender Sichtweise gegen den politisch motivierten Willen zu einseitiger und isolierender Darstellung (14). Sowohl die inhaltliche Ausbildung der Totalitarismustheorie als auch der methodische Ansatz einer historisierenden Betrachtungsweise haben Nolte aber inzwischen in den Ruf gebracht, ein Geschichtsrevisionist zu sein, der sich "der Relativierung der Vergangenheit als Lebensaufgabe" widme; man bescheinigte ihm "Herzlosigkeit" und "wissenschaftliche, kalte Neugier.(15) Dabei galt Ernst Nolte lange Zeit als hochrangiger und durchaus verdienstvoller Wissenschaftler, bis Jürgen Habermas ihm im Sommer 1986 in einem ZEIT-Artikel vorwarf, die Einzigartigkeit Auschwitz zu leugnen, womit er den Anstoß zu einer Debatte gab, der die deutschen Historiker in zwei Lager spalten sollte.(16)

Obwohl eine große Anzahl von vormals unverdächtigen Historikern sich mit guten Gründen hinter Nolte stellten (u.a. Joachim Fest, Karl Dietrich Bracher, Helmut Fleischer, Kurt Hildebrand), blieb in der linksgerichteten Öffentlichkeit doch fortan der von Habermas aufgeworfene Faschismusverdacht an Nolte hängen.

Durch ein Spiegel-Interview, das Rudolf Augstein im September letzten Jahres mit Nolte führte, bekam der Streit dann neuen Auftrieb. Nolte äußerte darin u.a. die Ansicht, daß der Nationalsozialismus ebenso wie der Sowjetkommunismus als "Perversion(en) grundsätzlich guter oder mindestens verstehbarer, nachvollziehbarer Intentionen" aufgefaßt werden könnten oder müßten, die beide auf tragische Weise gescheitert seien. Ferner äußerte er rechtliche Bedenken gegen das Vorhaben, die sogenannte "Auschwitzlüge" zur Straftat zu machen.

Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. In der (1986 noch noltefreundlichen) F.A.Z. warf ihm Gustav Seibst "exzentrische Scheinargumente"(17) vor und griff auf die schon an Singer bewährte Methode zurück, Äußerungen aus dem Kontext herauszugreifen und grob verkürzt zu zitieren, um sie dann vermeintlichen Parallelstellen aus der nationalsozialistischen Literatur gegenüberzustellen und auf diese Weise als faschistisches Gedankengut zu entlarven. Als besonders empörend empfand Seibst offenbar, daß Nolte unter anderem nicht ausschloß, "daß die meisten Opfer nicht in den Gaskammern gestorben sind, sondern durch Seuchen, schlechte Behandlung und Massenerschießungen". Es ist jedoch nicht so recht einsehbar, was an dieser Vermutung eigentlich so ungeheuerlich sein soll. Sind Massenerschießungen und das Verhungernlassen von Millionen Menschen etwa weniger schlimm als die Vergasung?

Es ist schlicht unsinnig anzunehmen, daß der Mord dadurch in irgendeiner Weise abgeschwächt oder verharmlost werden könne. Als weiteres Indiz gegen Nolte zitiert Seibst ferner Noltes Aussage, daß im Nationalsozialismus "Menschen umgebracht werden sollten, weil man in ihnen die Urheber einer verhängnisvollen geschichtlichen Entwicklung sah, und daß man das eben ohne grausame Absicht tat, wie man Ungeziefer, dem man ja auch nicht Schmerzen bereiten will, weghaben möchte." Wieder ist nicht einzusehen, was an dieser Aussage empörend sein soll. Daß der Mord ohne grausame Absicht geschehen sei, wie Nolte sagt, ist nicht nur durch zahlreiche historische Zeugnisse mehr als wahrscheinlich, sondern es macht die Untat nur noch erschreckender. Genau das ist ja die "Banalität des Bösen", die Hanna Ahrendt 1961 im Eichmann-Prozeß entdeckt hat, was übrigens auch ihr seinerzeit viele Feindschaften eingebracht hatte. Das Töten, das nicht aus Haß, sondern aus Gleichgültigkeit und eingebildeter Pflicht geschieht, ist ja umso schrecklicher, weil es praktisch überall zuhause ist. Die Entdeckung der "Banalität des Bösen" verwischt die Grenze zwischen den Monstren der Weltgeschichte einerseits und dem freundlichen Nachbarn und letztlich auch uns selbst andererseits, und ist eben deshalb beunruhigend.

Vielleicht ist ja das der Grund dafür, warum die dem Sachverhalt durchaus angemessene und nicht einmal sonderlich originelle Aussage Noltes so viel Aufsehen erregt hat. In der Öffentlichkeit hängen blieb letztlich nur, daß Nolte Juden mit Ungeziefer verglichen habe. Mit der Geste gerechten Abscheus kann dann Hans Jacobus in der ZEIT fragen, warum die Noltes für eine solche Äußerung nicht belangt würden.(18) Die Frage ist einfach zu beantworten: es gibt nichts zu belangen. Typisch aber ist der Ruf nach gesetzlichem Einschreiten. Verbote sind gefragter denn je, und zwar bemerkenswerter und ironischer Weise von links, nicht wie es bislang üblich gewesen war, von rechts. Man unterscheidet nicht zwischen Tatsachenbehauptung und Kommentar und nicht zwischen dem, was einer selbst sagt, und dem, was andere über ihn sagen.

Die Art und Weise, wie der Spiegel jenes Interview inszeniert hat, die schamlos insinuatorische Bildberichterstattung und die suggestiven Fragen Augsteins ließen Nolte praktisch keine Chance. Wenn Nolte einmal der sozialistischen Utopie und der ihres Gegenentwurfs "Größe und Tragik" konzediert hat, so kann es sich dabei für Augstein nur um eine unzulässige "Verklärung" des Nationalsozialismus handeln. Augstein weiß immer schon, was Nolte eigentlich sagen will, und ignoriert, was dieser tatsächlich sagt. Umstandslos werden Beschreibungen eines bestimmten historischen Bewußtseins für Tatsachenbehauptungen genommen. Die Bildberichterstattung ist so tendenziös und unsachlich, daß es einem fast die Sprache verschlägt. Noltes Beharren auf einer eigenen Meinung wird ihm übel genommen. Dabei hat er nie einen Zweifel daran gelassen, daß er die Vernichtung der europäischen Juden für "den größten und schrecklichsten Massenmord der Weltgeschichte" hält. Spätestens aber seit dem Historikerstreit von 1986, in dessen Folge aus nicht klar ersichtlichen Gründen die Auffassung der Habermasfraktion meinungsbildend wurde, ist es opportun, sprich: politisch korrekt, allen Ernstes zu behaupten, Auschwitz sei in jeder Hinsicht unvergleichbar und die daran als Täter Beteiligten allesamt Geistesgestörte. Es gehört zum guten Ton, auf dem Nichtverstehbaren zu insistieren. Jeder Versuch der Erklärung wird sogleich als Versuch der Rechtfertigung und somit "Verharmlosung" ge- und mißdeutet. Dadurch wird ein Mythos des absolut Bösen aufrechterhalten, mit dessen Hilfe sich ein ebenso scharfer wie bequemer Trennstrich zwischen der Gegenwart und der düsteren Vergangenheit ziehen läßt. Der Darmstädter Philosoph Helmut Fleischer fragt zurecht: "Auf welchen Effekt läuft es hinaus, wenn man das Ereignis Auschwitz aus der gewöhnlichen Menschenwelt so vollständig exterritorialisiert - und damit auch in einen unendlichen Abstand zu sich selbst und den eigenen Möglichkeiten setzt? Das könnte auf einen rein rituellen Gebrauch ohne eine wirklich in die eigene Lebenswelt eindringende Vergegenwärtigung hinauslaufen."(19)

Recht besehen ist es jedenfalls nicht Nolte, der sich in dem Spiegel-Interview diskreditiert, sondern Augstein, der auf die plumpeste Art und Weise versucht, Nolte Fallen zu stellen und ihm verfängliche Äußerungen zu entlocken. Nolte bleibt jedoch kühl, sachlich und unverfänglich. Was ihm freilich nichts nützt, denn das Urteil steht ja schon fest, so daß ihm sogar noch die Tatsache, daß seine Erklärungen eigentlich keinen Anhaltspunkt zur Empörung bieten, zu seinem Nachteil ausgelegt wird: "Diskutieren kann man mit ihm nicht", schreibt der Münchner Historiker Christian Meier in der ZEIT. "Er läßt sich nicht fassen. Ein Aal ist im Vergleich mit ihm ein Reibeisen."(20). Nolte ist also nicht nur böse, sondern auch noch gerissen genug, dies zu verbergen. Glücklicherweise läßt man sich aber weder von Unschuldsbeteuerungen noch Argumentationen von seiner vorgefaßten Meinung abbringen. Wissenschaftlichkeit, weiß Meier, darf "kein Vorwand für jede Art Gemeinheit und Herzlosigkeit" sein. Daß sich Nolte diese angebliche Gemeinheit und Herzlosigkeit nicht nachweisen läßt, tut nichts zur Sache. Daran ist eben seine Gerissenheit schuld. Der Täter ist der Täter, mag er sagen, was er will. "Tut nichts, der Jude wird verbrannt."

Die Parallelen zur Singer-Debatte sind unverkennbar. Es zeigt sich dieselbe Weigerung zu differenzieren und dieselbe Sehnsucht nach einfachen Lösungen. Man verzweifelt an der Unüberschaubarkeit der Entwicklungen und der Komplexität der Umstände und sucht sein Heil infolgedessen im Ruf nach Verboten und insbesondere Berufsverboten. Die Existenz eines Grundgesetzes wird dabei eher als störend empfunden. Man sucht nach einem Schuldigen für den drohenden Niedergang der parlamentarischen Demokratie und hätschelt die Illusion, daß, wenn man den Schuldigen nur finde und dingfest mache, man alles noch einmal zum Besseren werde wenden können. Um dem Schicksal zu entgehen, sich in einem Netz gar zu vielfältiger Ursachen zu verstricken und solcherart handlungsunfähig zu machen, deklariert man kurzerhand zur Hauptursache, was allenfalls ein Symptom sein mag, um sich dann guten Mutes an die Beseitigung machen und so die Welt retten zu können. Bei jedem Versuch, die Meinungsfreiheit einzuschränken, sollte man sich dessen bewußt sein, daß es nur einer Veränderung des politischen Klimas bedarf, um sich selbst plötzlich auf der Seite derjenigen wiederzufinden, die sich nicht mehr äußern dürfen. So sägt man naiv den Ast ab, auf dem man sitzt

Wie leicht sich die gerechte Empörung des politisch Korrekten, der man eben noch selbst beredten Ausdruck gab, gegen einen richten kann, mußte unlängst der israelische Historiker Moshe Zimmermann erfahren. Nachdem das Spiegel-Interview mit Nolte von der Presse aufgegriffen worden war, sagten nämlich fünf Referenten ihre Teilnahme an einem Symposion zum Thema "Der jüdische Nietzscheanismus seit 1888" in Weimar ab, zu dem auch Ernst Nolte eingeladen war. Auf die Durchführung des Symposions wurde daraufhin verzichtet. Zu den Absagenden gehörte auch Moshe Zimmermann. Gerade mal ein halbes Jahr später warnte derselbe Zimmermann öffentlich vor nationalsozialistischen Tendenzen in Israel. Er verglich die Indoktrinierung jüdischer Kinder in der von Israelis besiedelten Hebron-Region mit der Erziehung der Hitler-Jugend. Indem man ihnen hauptsächlich beibringe, daß alle Araber böse seien, schüre man den Haß auf unverantwortliche Weise. Daraufhin wurde Zimmermann wochenlang als Paranoiker, Demagoge und Parasit beschimpft und mit Schmähbriefen geradezu überschüttet.(21)

Zimmermanns Äußerungen waren politisch nicht korrekt.Ebenfalls politisch nicht korrekt war der am 24. November 1994 im Neuen Deutschland erschienene offene Brief des österreichischen Künstlers Alfred Hrdlicka. Hrdlicka, dem allein es zu verdanken ist, daß es in Wien über vierzig Jahre nach Kriegsende "überhaupt ein Denkmal gibt, das nicht den Soldaten der Wehrmacht, sondern den Opfern der Nazis gilt"(22), attackiert in diesem Brief Wolf Biermann wegen seiner wüsten und selbstgerechten Angriffe auf Gregor Gysi und Stefan Heym. Weil er darin den Biermannschen Vulgärjargon imitiert, liest sich auch seine Attacke recht wüst und ist von daher nicht ungeignet, den guten Geschmack zu verletzen.

Der Brief wäre wohl dennoch nicht weiter beachtet worden, wenn ihn nicht Henryk Broder zum Anlaß genommen hätte, um einer erstaunten Öffentlichkeit den als Anti-Faschisten bekannten Hrdlicka in einem profil-Artikel (23) als frisch gewendeten Antisemiten vorzuführen. Als Indiz diente Broder ein einziger Satz aus Hrdlickas Biermann-Polemik. "Du willst mit keinen Gesetzen leben, die Gysi beschließt?!", fragt nämlich Hrdlicka seinen ehemaligen Freund und antifaschistischen Mitstreiter Biermann, "Ich wünsche Dir die Nürnberger Rassengesetze an den Hals, Du angepaßter Trottel!"(24) Damit, meint Broder, habe sich Hrdlicka endgültig als das entlarvt, was er im Grund immer schon gewesen sei, nämlich ein mit dem Totalitarismus Liebäugelnder, der sich als Künstler geriere und Werke mit zweifelhaftem Wert produziere, dessen Antifaschismus immer nur Pose gewesen sei und der nichts dagegen hätte, sich bei den Mächtigen anzubiedern, wenn diese ihn nur ließen. "Ein totalitärer Kopf", so Broders Fazit, "hat sich in einem totalitären Organ (dem Neuen Deutschland, M.H.) ausgekotzt. Hrdlickas 'ich wünsche Dir die Nürnberger Rassengesetze an den Hals!' unterscheidet sich um kein Milligramm von dem 'Dich haben sie vergessen zu vergasen!', das besessene Neonazis grölen, wenn sie einen 'Itzik' auf der Straße sehen. Die linken Antifaschisten sind so lange Antifaschisten, wie sie sich von keinem Juden provoziert fühlen. Danach lassen sie das Anti fallen und finden zu sich selbst zurück." Weil die Juden sich nicht von einem solchen "linken Nazi" wie Hrdlicka verhöhnen lassen bräuchten, fordert Broder, müsse das von Hrdlicka erstellte Mahnmal für die verfolgten Wiener Juden "sofort abgeräumt" werden. Die österreichische Presse griff den von Broder inszenierten Skandal bereitwillig auf und prügelte in den nächsten Wochen so heftig und ausdauernd auf Hrdlicka ein, daß auch die deutsche Presse nicht umhin konnte, von der Geschichte Notiz zu nehmen. Bald wurde Hrdlicka aufgefordert, seinen Sitz als Kuratoriumsmitglied des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstandes aufzugeben. Der Rektor der Hochschule für Angewandte Kunst, deren Vizerektor Hrdlicka zu dieser Zeit war, wurde um die Einleitung disziplinarrechtlicher Schritte gegen Hrdlicka ersucht, da dieser das Ansehen der Hochschule verletzt habe. Hrdlickas selbst solle einsehen, daß er untragbar geworden sei.(25)

Auch der jüdische Direktor des Wiener Jüdischen Museums Julius Schoeps, der den Fehler begangen hatte, Hrdlicka noch zu seinen "direkten Worten" zu gratulieren, wurde hart angegriffen und - man ahnt es bereits - zum Rücktritt aufgefordert. Henryk Broder attestiert Schoeps öffentlich ausgesprochene Dummheit, vor der offenbar auch Juden nicht geschützt seien: "Professor, Doktor und dann noch Jude und trotzdem doof, das ist schon ganz ordentlich", urteilt Broder und rät, man solle Schoeps sämtliche akademische Titel "wegen offensichtlicher intellektueller Unzurechnungsfähigkeit" aberkennen.(26) Nur durch eine peinliche öffentliche Entschuldigung und Reuebekundung konnte Schoeps den Hinauswurf gerade noch abwenden. Wer nicht meiner Meinung ist, so lautet die schon bekannte und von Broder befolgte PC-Spielregel, ist entweder doof oder böse oder beides. Das Publikum jedenfalls spielte begeistert mit und beeilt sich, Hrdlicka zu ächten, ohne seinen Erklärungen, und sei es auch nur um seiner vormaligen Verdienste willen, Beachtung zu schenken. Wie schnell sich die öffentliche Meinung gegen Hrdlicka gewendet hatte, zeigte sich einige Tage später, als Broder im Jüdischen Museum einen Vortrag zum Thema "Wo beginnt der Antisemitismus?" hält und auch Hrdlicka sich unter den Anwesenden befindet. Als Hrdlicka sich im Anschluß an den Vortrag gegen Broders Vorwürfe zu verteidigen sucht, wird er niedergeschrien, und als Broder beifällig meint, in der Bundesrepublik würde sich jemand wie Hrdlicka "nicht mehr aus dem Hause trauen", wird diese lynchjustizverdächtige Äußerung mit tosendem Applaus quittiert. Im Chor fordert man, Hrdlicka solle verschwinden, was er dann auch tut. Im wesentlichen ist man sich danach in Österreich darüber einig, daß der von Broder inkriminierte Satz unter keinen Umständen zu rechtfertigen sei. Man zeigt sich "entsetzt" und "empört"(27). In einem weiteren offenen Brief bezeugt gleich die gesamte Falter-Redaktion Hrdlicka "Dummheit und Taktlosigkeit".

Hrdlickas Äußerung sei ein "beispielsloser antisemitischer Ausfall" gewesen, mit dem er seinen Ruf als Antifaschist "für immer verspielt" habe. Hrdlicka wolle Biermann "ins KZ, in die Gaskammern schicken".(28) Politiker der SPÖ, der Grünen, der Liberalen, Juden wie Katholiken beeilen sich bekannt zu machen, wie angewidert sie von Hrdlicka seien. "Da trieft doch Mordlust raus", schreibt Robert Misik im profil.(29) Hrdlickas Verlogenheit meint man nun auch in seinem Werk zu erkennen.(30) Staberl von der rechtsgerichteten Neuen Kronenzeitung tönt, wie jeder wisse, habe er Hrdlicka von jeher für "einen der widerlichsten Bewohner Österreichs gehalten". Umso mehr freue er sich, daß man jetzt auch in der breiten Öffentlichkeit darauf dränge, Hrdlickas Denkmal "Gegen Krieg und Faschismus", diese für "die Hauptstadt Österreichs (...) wohl ungeheuerlichste Verschandelung seit Jahrhunderten", endlich zu beseitigen.(31)

Michael Maier, der Chefredakteur der Wiener Presse, spricht von Hrdlickas "unglaublichen Äußerungen" und erklärt ihn kurzerhand zu einem "Wiederholungstäter", "den Reue nicht anficht und den Kritik bloß zur Steigerung der Infamie animiert".(32) Peter Vujica meint im Standard, daß "so Ungeheuerliches (...) seit 1945 in Österreich noch nicht formuliert" wurde.(33) Franz Endler im Kurier schreibt: "Hrdlicka ist für die Nürnberger Gesetze. Hrdlicka hat sich selbst gerichtet."(34) Und einen Tag später beschwört Endlers Kollege beim Kurier, Hans Rauscher, das demokratische Wir-Gefühl, um ganz undemokratisch Hrdlicka als einen, der nicht zu "uns" gehört, zu brandmarken: "Für jeden Demokraten", schreibt er, "christdemokratisch, sozialdemokratisch, linkssozialistisch, bürgerlich-liberal, linksliberal, grün, wertkonservativ, nationalkonservativ usw. - war der 'Antifaschismus' des Bildhauers Alfred Hrdlicka schon immer suspekt und schwer akzeptabel. Zur 'antifaschistischen Familie' hat er nie gehört. Wer dem Kommunismus positive Seiten abgewinnt", weiß Rauscher, "ist als 'Antifaschist' komplett unglaubwürdig." (35) In die gleiche Kerbe schlägt Peter M. Lingens im Standard: man hätte Hrdlicka als einem "altlinken Stalinisten" niemals das Mahnmal errichten lassen dürfen. (36)

Tatsächlich hat Hrdlicka aus seiner Sympathie für den Kommunismus nie einen Hehl gemacht, jedoch ist er bereits 1956, als die Russen in Ungarn einmarschierten, aus der Kommunistischen Partei ausgetreten. Der Verdacht liegt nahe, daß man ihn nur deshalb als unbelehrbaren (und d.h. mordlüsternen) Stalinisten hinzustellen sucht, um ihn umso sicherer moralisch diskreditieren zu können. Der Bolschewist gibt zumindest in Österreich immer noch ein lohnendes Feindbild ab. Was aber die so skandalträchtige Äußerung Hrdlickas über die Nürnberger Rassengesetze an Biermanns Hals anbelangt, so bedarf es nur etwas mehr hermeneutischer Umsicht und etwas weniger Inquisitionswillen, um zu erkennen, daß Hrdlicka keineswegs ein Plädoyer für Biermanns Vergasung zu halten beabsichtigte, sondern ihn vielmehr warnen wollte vor den vermeintlichen Konsequenzen seiner Haßtiraden gegen ehemalige Kommunisten. Die Nürnberger Rassengesetze seien genau das, was herauskomme, wenn man so wie Biermann auf Leute wie Gysi und Heym eindresche und damit in den Chor jener einfalle, die sich vor nichts so sehr fürchten wie vor linken Intellektuellen. Wie aber reagierte Biermann selbst? Ein "Skandal" sei Hrdlickas Brief, meinte auch er, und gab sich tief verletzt: "Ich bin kein Stein, ich bin nicht das Material, an dem er seine Wut auslassen kann. Ich bin immer noch ein lebendiges Wesen." (37)

Biermanns Larmoyanz wirkt jedoch recht befremdlich bei jemandem, der sich mit Vorliebe und ohne große Sensibilität in wüster Hetze und unbeweisbaren Beschuldigungen gegen alle und jeden ergeht und sogar öffentlich dafür plädiert hat, Egon Krenz an der nächsten Laterne aufzuknüpfen. Man sollte denken, daß gerade Biermann wenig Grund hat, sich über Hrdlickas Angriff zu beklagen, erst recht nicht mit solcher Leidensmiene.

Ein weiteres Beispiel für PC in Deutschland ist der Fall Deckert, wobei nicht Deckert der Betroffene ist, sondern seine Richter. Der NPD-Vorsitzende Günter Deckert hatte Fred Leuchter, der öffentlich den Einsatz von Gaskammern zur Vernichtung der Juden bezweifelt, zu einem Vortrag eingeladen und wurde daraufhin als verantwortlicher Veranstalter wegen Volksverhetzung verurteilt. Der Bundesgerichtshof hob das Urteil jedoch im März 1994 wieder auf, weil die Leugnung des Holocaust nicht automatisch den Tatbestand der Volksverhetzung erfülle, und ordnete eine Neuverhandlung vor dem Mannheimer Landesgericht an. Darin wurde Deckert nun wegen seiner nazifreundlichen Gesinnung und wegen "Beschimpfung und Verunglimpfung der Toten" zu einem Jahr auf Bewährung und einer Geldstrafe verurteilt. Das verhältnismäßig milde Urteil wurde damit begründet, daß Deckert lediglich eine Meinung geäußert habe und darüberhinaus eine charakterstarke Persönlichkeit sei.

Daraufhin ging ein Sturm der Entrüstung durch die deutsche Presse, und es wurde wieder einmal lautstark nach Konsequenzen gerufen. "Das Urteil muß weg", hieß es allgemein (Lea Rosh in der FR, 16.8.94), und ebenso müßten die Richter weg, die es zu verantworten hätten. Daß es aber durchaus üblich und legitim ist, den Charakter und die Geschichte des Angeklagten in die Urteilsbegründung miteinzubeziehen, so obszön es auch in diesem Fall erscheinen mag, wurde selten bedacht. Hier jedenfalls durfte die übliche Praxis nicht gelten. Ebensowenig bedacht wurde, daß es alles andere als selbstverständlich ist, eine Meinungsäußerung oder eine politische Gesinnung bloß deshalb strafrechtlich zu verfolgen, weil sie zufällig einmal von rechts kommt

Wenn Ernst Nolte Bedenken dagegen äußert, die Leugnung der nationalsozialistischen Judenvernichtung unter Strafe zu stellen, wird ihm das ohne weitere Rückfrage als heimliches Sympathisantentum ausgelegt. Daß Nolte die Einschränkung des Verfassungsrechts auf freie Meinungsäußerung grundsätzlich (und nicht etwa aufgrund seiner rechten Gesinnung) für problematisch halten könnte, wird dabei von vornherein ausgeschlossen. Nun hat jedoch unlängst der jeder rechten Gesinnung gänzlich unverdächtige amerikanische Rechtsphilosoph und oberster Verfassungsrichter Ronald Dworkin in der taz ebenfalls gegen den Straftatbestand der Auschwitzlüge argumentiert. Obgleich es "entsetzlich" wäre, schreibt Dworkin, "wenn die zynische 'Auschwitz-Lüge' jemals Glaubwürdigkeit erlangen würde", dürfe man ihr doch nicht durch Zensur, sondern allein durch öffentliche Widerlegung begegnen. "Wir dürfen nicht das Prinzip unterstützen, daß eine Meinung verboten werden kann, wenn diejenigen, die an der Macht sind, von ihrer Falschheit überzeugt sind und davon, daß eine Gruppe tief und verständlicherweise von ihrer Veröffentlichung verletzt würde. (...) Jedes Blasphemiegesetz", schreibt Dworkin, "jede Bücherverbrennung, jede Hexenjagd der Rechten oder der Linken ist auf derselben Grundlage verteidigt worden: dem Schutz fundamentaler Werte vor ihrer Entweihung. (...) Aber Freiheit ist wichtig genug, daß sie sogar Opfer fordern kann, die wirklich weh tun."(38)

Diese Opfer ist man heute immer weniger bereit zu bringen. Jeder soll zwar seine Meinung frei äußern dürfen, aber nur solange sie auch politisch korrekt ist. Der Ruf nach Verboten schallt ungeniert durch das Land. Die Furcht vor den Rechten macht es möglich, daß sich die Linken ohne sonderliche Skrupel der Methoden der Rechten bedienen. Die Linken verlangen ein Verbot der Republikaner, die moderaten Rechten ebenso, weil sie um ihre Wählerstimmen fürchten. Man würde sich eben wesentlich wohler fühlen, wenn es keine Republikaner gäbe. Die CDU möchte am liebsten auch die PDS verbieten und läßt sich von der Umsetzung dieses Wunsches nur mühsam durch die geltenden Gesetze abbringen. Die Grundrechte sollen ausgesetzt werden, und von allen Seiten ruft man im Zeichen des politisch Korrekten mittlerweile nach einem starken Staat. Political correctness, formuliert der Politologe Eike Hennig in diesem Sinne, sei "der militant auftretende Verzicht auf die Ausdehnung und Bewahrung des politisch zu besetzenden Verfassungsraumes". Die Demokratie ist uns heute unsicher geworden. Wir trauen ihr nicht mehr die Kraft zu, Freiheit und Gerechtigkeit zu sichern. Mordanschläge auf Ausländer nehmen zu, und die Polizei macht keine gute Figur dabei. Es herrscht Untergangsstimmung mit unverkennbaren Anzeichen von Hysterie. Aus Andeutungen abgeleitete Interpretationen und Verdachtmomente werden so ohne viel Aufhebens als Tatbestände behandelt. Die Anklage genügt, Unschuldsvermutungen sind selbst verdächtig.(39) Als nach dem Brand der Lübecker Synagoge am 25. März 1994 die Täter vom Oberlandesgericht Schleswig nicht wegen versuchten Mordes, sondern offenbar mit guten Gründen lediglich wegen Brandstiftung und Beihilfe verurteilt wurden, erklärte Hans Schüler in der ZEIT die Richter sogleich für inkompetent: auf "beklagenswerte Weise" seien sie an ihrer Aufgabe gescheitert.(40)

Ein Richter, der sich um ein gerechtes Urteil bemüht, kann sich heute eben leicht um Kopf und Kragen richten. Milde Strafen sind verdächtig, weil möglicherweise Verständnis für den Angeklagten signalisierend, und Verständnis für rechte Gesinnungstäter ist unzulässig. In den Rechten verkörpere sich das Böse, und dieses gehöre mit Stumpf und Stiel ausgerottet. Leider hat die oft unangemessene Vehemenz der Anfeindungen den unerwünschten Nebeneffekt, daß der Angegriffene sich nun auch noch zurecht als Opfer fühlen darf. Immer mehr mutieren die Republikaner in ihren eigenen Augen wie denen ihrer Wähler zu Opfern der Machthabenden, und in Österreich versteht es Jörg Heider trefflich, diese Rolle auszunützen und die gegen ihn gerichteten Angriffe auf den Angreifer zurückprallen zu lassen. Die Sympathie ist zumeist auf der Seite der Opfer. PC ist deshalb nicht nur eine rechtlich und moralisch bedenkliche, sondern darüber hinaus auch noch eine recht gefährliche Strategie, die leicht genau das bewirkt, was man eigentlich gerade vermeiden will, nämlich die öffentliche Akzeptanz des jeweils politisch Unerwünschten. Man beschwört die vermeintliche Gefahr und macht sie gerade dadurch wirklich. So hätte es etwa nie eine Singer-Debatte gegeben, wenn man sie nicht mit Gewalt zu verhindern versucht hätte. Eine Meinung, die man unterdrückt statt sie argumentativ zu bekämpfen und wenn möglich zu widerlegen, wird sich auf Dauer umso sicherer ausbreiten. Letztlich können wir nichts anderes tun, als der Macht der Argumente zu vertrauen. Wer dies nicht mehr vermag, hat, selbst wenn er im Recht sein sollte, seinen Standpunkt bereits preisgegeben.

Dr. Michael Hauskeller ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Technischen Hochschule Darmstadt.

Anmerkungen

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(1) George Orwell, Kleine Grammatik der Neusprache, in: 1984, Frankfurt/M.-Berlin-Wien 1974, S.274.
(2) DIE ZEIT Nr.26 (23.6.89).
(3) Henning Ritter, Definitionsverbot, in: FAZ Nr.200 (30.8.89).
(4) Leserbrief von Klaus Seidenstücker von der Arbeitsgemeinschaft Spina bifida und Hydrocephalus e.V. Menden, in: DIE ZEIT Nr.29 (14.7.89).
(5) Ernst Klee, Von Menschen und Tieren, in: DIE ZEIT Nr.27 (30.6.89).
(6) Nr.34 (21.8.89).
(7) Gabriel Göttle, A und B, Bein oder Zeh, in: taz (19.8.89).
(8) Exzeß der Vernunft oder Ethik der Erlösung, in: DIE ZEIT Nr.29 (14.7.89).
(9) Offener Brief an Prof. Dr. Christoph Anstötz, Universität Dortmund, 20.5.89.
(10) Leserbrief, in: DIE ZEIT Nr.29 (14.7.89).
(11) Klaus Dörner, Wenn Mitleid tödlich wird, in: Der Spiegel Nr.34 (21.8.89).
(12) Stellungnahme für den ASTA der Universität Duisburg, 14.11.89.
(13) Nathan der Weise, 4. Aufzug, 2. Auftritt.
(14) Ernst Nolte, Paradigmen der Geschichte des 20. Jahrhunderts, in: Ders., Lehrstücke oder Tragödie? Beiträge zur Interpretation der Geschichte des 20. Jahrhunderts, Köln/Weimar/Wien 1991, S.79 - 95.
(15) Gunter Hofmann, Eine Obsession. Ernst Nolte und die Ausschwitz-Leugnung, in: DIE ZEIT Nr.35, 26.8.94.
(16) Die Debatte ist dokumentiert als “Historikerstreit”. Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung, München-Zürich 1987.
(17) Süddeutsche Zeitung Nr.41, 7.10.94.
(18) Hans Jacobus, Menschen ohne Grab, DIE ZEIT, 11.11.94.
(19) Helmut Fleischer, Was heißt: unser Zeitalter historisch betrachten?, S. 59, in: Die Schatten der Vergangenheit. Impulse zur Historisierung des Nationalsozialismus, hg. v. Uwe Backes, Eckhard Jesse und Rainer Zitelmann, S.58 - 82.
(20) Christian Meier, Totales Verwirrspiel, DIE ZEIT Nr.45, 4.11.94.
(21) Gisela Dachs, “Wie in der Hitlerjugend”, in: DIE ZEIT Nr.21 (19.5.95).
(22) Wolfgang Reiter, Das alte Ekel Alfred, in: profil Nr.50, 12.12.94, S.67ff.
(23) Henryk M. Broder, Das Mahnmal muß weg!, in: profil Nr.49, 5.12.94, S.120f.
(24) Alfred Hrdlicka, Offener Brief an Wolf Biermann, in: Neues Deutschland, 24.11.94.
(25) Günter Traxler, Bitte Konsequenzen!, in: Der Standard, 10.12.94.
(26) Henryk M. Broder, Aus Erfahrung dumm, in: profil Nr.50, 12.12.94, S.83f.
(27) Leserbrief von Doron Rabinovici und Silvio Lehmann in: profil Nr.50, 12.12.95, S.10.
(28) Ihre Entschuldigung, Herr Hrdlicka!, in: Falter Nr. 49, 9.12.94.
(29) Interview mit Julius Schoeps, in: profil Nr.50, 12.12.94, S.69.
(30) Georg Hoffmann-Ostenhof, Sechs Juden in Nürnberg, in: profil Nr.51, 19.12.94, S.122f.
(31) Staberl, Richtiges aus falschem Grund, in: Neue Kronenzeitung, 11.12.94.
(32) Michael Maier, Das trojanische Denkmal, in: Die Presse, 7.12.94.
(33) Peter Vujica, Mahnmal ohne Wirkung, in: Der Standard, 6.12.94.
(34) Franz Endler, Hrdlickas Klotz und Keil verdienen kein Verständnis, in: Kurier, 7.12.94.
(35) Hans Rauscher, Hrdlicks “Antifaschismus” war immer antidemokratisch, in: Kurier, 8.12.94.
(36) Peter M. Lingens: Hrdlicka - ein Skandal mit System, in: Der Standard, 12.12.94.
(37) Gegenüber dem Standard abgegebener Kommentar, zitiert in: Proteststurm gegen Alfred Hrdlicka, Der Standard, 7.12.94.
(38) Ronald Dworkin, Krasse Provokationen, in: taz vom 17./18.6.95, S.13.
(39) Vgl. Eike Hennig, “Die Republikaner”: Korrekt oder political correct, das ist die Frage!, in: vorgänge 127 (September 1994), S.119 - 127.
(40) Hans Schüler, Es war versuchter Mord, in: DIE ZEIT Nr.17 (21.4.95); Leserbrief von Günter Kahl, in: DIE ZEIT Nr.21 (19.5.95).