Hans Albert (Heidelberg)

Die Idee der kritischen Vernunft

Zur Problematik der rationalen Begründung und des Dogmatismus

aus: Aufklärung und Kritik 2/1994 (S. 16 ff.)

"Dinge zu bezweifeln, die ganz ohne weitere Untersuchung jetzt geglaubt werden, das ist die Hauptsache überall." "Selbst unsere häufigsten Irrtümer haben den Nutzen, daß sie uns am Ende gewähren zu glauben, alles könne anders sein, als wir es uns vorstellen."

Georg Christoph Lichtenberg

I. Die Tradition des kritischen Denkens

Wenn heute in Festreden und Feierstunden die Werte der abendländischen Kultur beschworen werden, dann wird dabei nicht selten der Eindruck erweckt, unser kulturelles Erbe biete uns einen einheitlichen Wertehimmel, ein Orientierungssystem verbindlicher und miteinander vereinbarer normativer Maßstäbe, nach dem wir unser Verhalten, unsere Stellungnahmen und Entscheidungen einrichten können und das für alle akzeptabel sein müsse. Diese Vorstellung entspricht aber in keiner Weise der tatsächlichen Sachlage. Jede einigermaßen unvoreingenommene Untersuchung zeigt uns die Differenziertheit unserer kulturellen Erbschaft, einer an Widersprüchen und Konflikten reichen Vielfalt von Traditionen, die nur durch selektive Deutung auf einen einheitlichen Nenner gebracht werden kann. Wir sind also gezwungen, zwischen verschiedenen Traditionen und den mit ihnen verbundenen Systemen der Weltorientierung zu wählen, zwischen miteinander unvereinbaren Aspekten unseres kulturellen Erbes. Eine bewußte und durchdachte Entscheidung zwischen ihnen kann uns allerdings dadurch erspart werden, daß wir mit Hilfe institutionell ausreichend abgesicherter Erziehungspraktiken vor dem Einfluß jeweils unerwünschter Bestandteile dieser Erbschaft geschützt werden. Derartige Tendenzen sind zwar heutzutage noch relativ weit verbreitet, aber sie scheinen allmählich an Wirksamkeit zu verlieren.

Erstaunlicherweise pflegt man im deutschen Sprachbereich gerade eine der ältesten und darüber hinaus eine der wirksamsten und für unsere kulturelle und soziale Entwicklung bedeutsamsten Traditionen des europäischen Denkens nicht selten zu vergessen, zu bagatellisieren oder gar zu diffamieren, oder aber sie zumindest als fragwürdig zu behandeln: nämlich die Tradition des kritischen Denkens und der kritischen Diskussion, der unvoreingenommenen Analyse und Prüfung von Anschauungen, Wertungen, Autoritäten und Institutionen (1). Die bei uns noch immer weitverbreitete Gewohnheit, kritisches Denken mit einem negativen Wertakzent zu versehen, mag dazu verleiten, daß man die Rolle und die historische Bedeutung dieser Tradition falsch einschätzt, zumal sich alle möglichen Verfechter von Auffassungen, die durch kritische Untersuchungen gefährdet sind, große Mühe geben, eine solche Fehleinschätzung zu fördern und den Wirkungsbereich der Kritik nach Möglichkeit einzuschränken. Das ist an sich durchaus verständlich, wenn man sich vor Augen hält, daß diese Tradition ihrem Charakter nach immer wieder mit anderen Traditionen in Konflikt geraten mußte, die aus irgendwelchen Gründen ein Interesse an der dogmatischen Fixierung von Anschauungen hervorbrachten, gleichgültig, ob es sich dabei um religiöse, metaphysische, moralische, politische oder andere Anschauungen handelte. Nicht selten wurden nach einem solchen Konflikt die Resultate kritischen Denkens allmählich mehr oder weniger stillschweigend übernommen und assimiliert, was aber der kritischen Einstellung an sich keineswegs immer die entsprechende Anerkennung verschafft hat – teilweise sicher deshalb nicht, weil es den Vertretern anderer Traditionen vielfach möglich war, die Quellen ihres Denkens entsprechend umzudeuten.

Es ist vielleicht nicht ohne Nutzen, die Tradition des kritischen Denkens einmal in ihrer Eigenart und ihrer Bedeutung zu skizzieren, zumal sie im allgemeinen nicht des Pathos teilhaftig wird, das man an andere Traditionen zu verschwenden pflegt, auch an solche, die mit der Verfolgung Andersdenkender, mit gewaltsamer Bekehrung, mit Unterdrückung und grausamer Justiz verbunden waren. Es ist sehr interessant, daß die geschichtliche Periode, in der bei uns die Tradition des kritischen Denkens zum ersten Male einen entscheidenden Durchbruch erzielte, nämlich die Aufklärung, im deutschen Sprachbereich nur selten eine positive Würdigung erfährt. Man versieht sie gerne mit schmückenden Beiworten pejorativen Charakters wie "flach", "unhistorisch", "trocken", bescheinigt ihr eine Überschätzung des bloß Vernünftigen und dokumentiert die eigene Überlegenheit damit, daß man bereit ist, dunklen, unklaren, widerspruchsvollen und vieldeutigen Ergebnissen geistiger Anstrengungen wegen ihrer angeblichen Tiefe den Vorzug vor den Resultaten klaren, nüchternen und kritischen Denkens zu geben. Dabei läßt sich kaum bestreiten, daß die Aufklärung zu einigen erheblichen Änderungen geführt hat, die in der Richtung der Humanisierung des sozialen Lebens liegen und auf die auch manche ihrer Verächter heute nicht mehr gern verzichten würden (2).

Die Tradition des kritischen Denkens ist keineswegs erst in der Aufklärung entstanden. Sie läßt sich zumindest bis in die griechische Antike zurückverfolgen (3). Allerdings hat sie keine kontinuierliche Entwicklung aufzuweisen. Vor allem im europäischen Mittelalter erfuhr sie unter dem Einfluß der kirchlichen Monopolisierung des geistigen Lebens eine zeitweise Unterbrechung, mit entsprechenden Konsequenzen für die geistige und soziale Entwicklung. Sie hat sich dann vor allem im wissenschaftlichen Denken weitgehend durchgesetzt, wenn man auch nicht unbedingt sagen kann, daß sie sich hier immer unangefochten behaupten kann. Auch im Bereich der Wissenschaft sind nicht selten Dogmatisierungstendenzen zu konstatieren, nicht nur dann, wenn außerwissenschaftliche Instanzen Einfluß auf die Forschung nehmen, wie das unter religiösen und politischen Gesichtspunkten geschehen ist, sondern auch auf dem Wege der endogenen Schulenbildung, wie man sie auch in den Naturwissenschaften mitunter findet (4). Der ungeheure wissenschaftliche Fortschritt in den letzten Jahrhunderten ist vor allem wohl daraufzurückzuführen, daß in diesem Bereich der Hang zur Dogmatisierung immer wieder überwunden werden, daß sich die Tradition des kritischen Denkens in der Konkurrenz der Ideen und Argumente immer wieder durchsetzen konnte. Die in diesem Bereich oft vorherrschende positive Akzentuierung neuer und kühner Ideen, eine entsprechende Einstellung der relativen Unvoreingenommenheit und Irrtumstoleranz, bei der der Andersdenkende meist nicht als Ketzer diffamiert, sondern oft sogar als willkommener Diskussionspartner betrachtet wird und man bereit ist, unter Umständen von ihm zu lernen, findet in anderen Bereichen, vor allem da, wo institutionell verankerte ideologische Bindungen bestehen, im allgemeinen keine Entsprechung.

Natürlich ist der Geist der kritischen Diskussion keine sozial freischwebende und völlig ungebundene Erscheinung, sondern ein Tatbestand, der eine entsprechende soziale Konstellation voraussetzt, die, historisch gesehen, nicht eben häufig realisiert gewesen ist. Eine institutionelle Sicherung freier und unvoreingenommener kritischer Forschung und Diskussion scheint sich in vielen Fällen nicht so leicht bewerkstelligen zu lassen wie die institutionelle Verankerung dogmatischer Überzeugungen. Der Anspruch, im vollen und alleinigen Besitz der Wahrheit zu sein und daher kritische Argumente nicht beachten zu müssen – ein Anspruch, der im engeren Bereich der Wissenschaft meist als naiv und keineswegs als Zeichen der Überlegenheit gilt, erweist sich in anderen Bereichen oft als von erstaunlicher Durchschlagskraft, wenn er mit der Fähigkeit verbunden ist, wichtige Bedürfnisse zu befriedigen oder ihre Befriedigung in Aussicht zu stellen. Von solchen Ansprüchen her wird die Freiheit der Forschung immer wieder gefährdet, auch in Gesellschaften, in denen es gewisse institutionelle Garantien für sie gibt. Das ist natürlich vor allem da der Fall, wo wissenschaftliches Denken in Konkurrenz tritt mit institutionell verankerten Ideologien, die nicht das Interesse an der Wahrheit und der freien Wahrheitsfindung in den Vordergrund stellen, sondern die Legitimation geistiger und sozialer Tatbestände, die Rechtfertigung von Glaubenssätzen, Herrschaftsformen und sozialen Ordnungen.

II. Die Methode der kritischen Prüfung und das Problem des Dogmatismus

Angesichts der Bedeutung, die der Tradition des kritischen Denkens für die geistige und soziale Entwicklung zukommt, ist es nicht erstaunlich, daß man sie selbst, ihre Aspekte, Bedingungen und Konsequenzen zum Gegenstand der Forschung gemacht hat. Die Problematik der Rationalität, der Kritik und des Dogmatismus wurde systematisch und historisch analysiert, man hat ihr philosophische, psychologische und soziologische Untersuchungen gewidmet, und es hat den Anschein, als ob die Resultate dieser Forschungen in einer Weise konvergieren, die sie für die verschiedensten Problembereiche außerordentlich interessant macht. Die Reflexion über die Grundlagen des kritischen Denkens hat in der Philosophie vor allem zur Analyse der erkenntnistheoretisch, wissenschaftstheoretisch und ethisch relevanten logisch-methodischen Aspekte der Idee der kritischen Prüfung geführt, sie hat in der Psychologie Untersuchungen über kognitive Prozesse und ihren Ablauf unter verschiedenen individuellen Bedingungen, bei offener und geschlossener Einstellung, anregt, und sie hat schließlich soziologische Forschungen über soziale und institutionelle Bedingungen der Dogmatisierung und über offene und geschlossene soziale Systeme hervorgerufen. Es hat sich gezeigt, daß alle diese Aspekte eng miteinander zusammenhängen: Methoden, Einstellungen und Institutionen sind in vielfältiger Weise miteinander verflochten; anders ausgedrückt: das Methodenproblem hat logisch-philosophische, psychische und soziale Aspekte; methodische Strategien können logisch durchkonstruiert, internalisiert und institutionalisiert werden, und man kann ihre logische Adäquanz, ihre psychische Verankerung und Auswirkung und ihre soziale Verwurzelung, ihre institutionelle Sicherung und ihre Konsequenzen für die Gesellschaft untersuchen.

Die Idee der kritischen Prüfung ist eine methodische Idee, die darauf zurückgeht, daß unser Denken und Handeln der Irrtumsmöglichkeit unterworfen ist, so daß derjenige, der ein echtes Interesse an der Wahrheit hat, daran interessiert sein muß, die Schwächen und Schwierigkeiten seiner Denkresultate und Problemlösungen kennenzulernen, Gegenargumente zu hören und seine Ideen mit Alternativen konfrontiert zu sehen, um sie vergleichen, modifizieren und revidieren zu können. Nur Anschauungen, die kritischen Argumenten ausgesetzt werden, können sich bewähren. Nur auf dem Hintergrund alternativer Auffassungen lassen sich die Vorzüge und Nachteile bestimmter Konzeptionen beurteilen. Es lohnt sich daher immer, ernsthaft zur Diskussion stehende Ideen in eine Form zu bringen, die solche Vergleiche ermöglicht und ihre Prüfung erleichtert und sie dann tatsächlich mit Alternativen und Argumenten zu konfrontieren. Nur in diesem Fall haben sie Gelegenheit zu zeigen, was sie für die Weltorientierung leisten (5). Es ist zwar stets möglich, Anschauungen aller Art gegen jede Kritik zu immunisieren, sie entsprechend zu formulieren, zu interpretieren und zu behandeln. Methodische Strategien, die das leisten, können ohne Schwierigkeit gefunden werden. Man kann in dieser Beziehung auf ein reichhaltiges Repertoire zurückgreifen. Man kann derartige Strategien außerdem einstellungsmäßig verankern, indem man sich eine dogmatische Haltung zu eigen macht oder andere in dieser Weise beeinflußt. Man kann sie weiter institutionell absichern, indem man die soziale Kommunikation in entsprechender Weise kanalisiert, einschränkt und in bestimmten Richtungen unterbindet, so daß man gegen kritische Argumente aus bestimmten sozialen Bereichen weitgehend geschützt ist. Alles das ist immer wieder mehr oder weniger erfolgreich praktiziert worden. Aber solche Vorkehrungen sind nur geeignet, das Wachstum unseres Wissens und unserer Einsicht, die Entdeckung unserer Schwächen, Fehler und Irrtümer aufzuhalten oder gar völlig zu unterbinden. Sie können daher niemals im Interesse einer besseren Wahrheitsfindung, im Interesse der Erkenntnis, stattfinden, sondern –wenn man einmal von Mißverständnissen absieht – nur in erkenntnisfremden Motiven wurzeln. Die Sicherung des einmal Erworbenen, des Gewohnten und Geglaubten gegen jede Gefährdung steht dabei im Vordergrund, nicht aber seine Bewährung gegenüber möglichen Alternativen, denn bewähren können sich Ideen, Systeme und Konzeptionen aller Art nur insoweit, als sie dem Risiko des Scheiterns ausgesetzt werden. Die durch ihre Dogmatisierung zu erreichende Sicherheit ist also fragwürdig, nicht nur deshalb, weil sie tatsächlich nur temporären und relativen Charakter zu haben pflegt, sondern darüber hinaus, weil sie ein intellektuelles Opfer voraussetzt: man muß bis zu einem gewissen Grade das Interesse an der Wahrheit, an der Erkenntnis und ihrem Fortschritt opfern, um sie zu erreichen. Die Garantie des Bestehenden bedeutet die Absicherung gegen mögliche Einsichten, die Festigung bestehender Irrtümer, die Zementierung erworbener Positionen und damit die Hemmung der geistigen und sozialen Entwicklung.

In der neuzeitlichen philosophischen Diskussion hat sich die Idee der kritischen Prüfung nur ganz allmählich und niemals völlig durchsetzen können. Als sie sich im klassischen Rationalismus und Empirismus zeigte, geschah das in einer Form, der man die theologische Vergangenheit der Philosophie noch anmerkte. Wir haben hier gewissermaßen eine Pseudomorphose des kritischen Denkens vor uns, seine Entwicklung in einem von traditionellen theologischen Formen her bestimmten Gewande. Soweit in der vorhergehenden Phase der intellektuellen Entwicklung überhaupt rationales Denken über philosophische Probleme eine Rolle spielte, war es weitgehend an eine dogmatisierte Tradition gebunden: an Auffassungen, deren Wahrheit als unbezweifelbar galt. Die Bindung an eine solche schriftlich oder mündlich fixierte Tradition, in der sich die absolute Wahrheit historisch geoffenbart hat, ist ja von jeher für die theologische Denkweise charakteristisch gewesen. Dabei wird einer bestimmten Erkenntnisquelle, z. B. einem heiligen Buch und gleichzeitig einer damit gekoppelten inhaltlichen Auffassung, Autorität zugeschrieben. Eine einmal geoffenbarte und unwandelbare Wahrheit wird dadurch ein für allemal gerechtfertigt und jeder Kritik entzogen. Damit sind allerdings keineswegs alle Änderungen ausgeschlossen. Es wird nur das eigentliche Problem auf die Interpretation dieser Offenbarung verlagert. An die Stelle der kritischen Analyse von Sachfragen tritt in den entscheidenden Punkten die Exegese, die Deutung vorgegebener Texte (6). Im Zusammenhang damit taucht dann die institutionelle Frage auf, welche Personen legitimiert sind, verbindliche Interpretationen zu geben. Unter Umständen gelingt es einer relativ geschlossenen und hierarchisch strukturierten sozialen Gruppe, ein Interpretationsmonopol zu er richten, so daß sich mit der Bindung an einen bestimmten Glauben der "Gehorsamsanspruch" von Inhabern bestimmter sozialer Positionen verbindet, die zur Deutung der Offenbarung legitimiert sind und zur Durchsetzung ihrer Ansprüche und damit auch ihrer Konzeption über Sanktionen der verschiedensten Art verfügen, bis zu den Mitteln physischer Gewalt (7).

Solche Zusammenhänge sind natürlich nicht an ein spezielles Glaubenssystem gebunden, auch nicht an bestimmte theologische Konzeptionen. Sie sind nicht inhaltlicher, sondern struktureller Natur. Säkulare Ideologien können gleichfalls in dieser Weise Glaubenspflicht und Gehorsamsanspruch institutionell verankern und ihre Glaubenssätze durch Strategien der logischen und sozialen Immunisierung vor Kritik schützen. Auch hier treten Unfehlbarkeitsansprüche auf, wie sie im theologischen Bereich seit langem üblich sind. Auch hier bilden sich unter Umständen im Gegensatz zur offiziellen Orthodoxie Häresien, die der Verfolgung ausgesetzt sind. Die Neuerung kann, soweit sie sich nicht in der Maskerade der Deutung durchsetzt, etwa weil sie von offiziellen Instanzen gewünscht wird, nur als Häresie zum Vorschein kommen. Wo blinder Gehorsam und unbedingter Glaube zu obersten Tugenden erhoben werden, wird man Häresien mit allen verfügbaren Machtmitteln zu Leibe rücken. Relative Milde ist hier nur bei relativer Ohnmacht zu erwarten.

Wie schon erwähnt, haben die klassischen Richtungen der neuzeitlichen Philosophie, der Rationalismus und der Empirismus, sich in einer Pseudomorphose entwickelt. Die Loslösung vom alten Denkschema, das den Erkenntnisprozeß weitgehend auf die Deutung gegebener Aussagen beschränkte, gelang nicht vollständig. Auch die klassische Erkenntnistheorie entwickelte eine Offenbarungstheorie der Wahrheit (8), in der aber gewissermaßen die Offenbarung naturalisiert und demokratisiert wurde. Sie wurde ihres übernatürlichen und gleichzeitig historischen Charakters entkleidet, in die individuelle Intuition oder die Wahrnehmung verlegt und verlor andererseits ihren Privilegcharakter. Die Idee eines bevorzugten Zuganges zur Wahrheit für die Inhaber bestimmter sozialer Positionen wurde aufgegeben. Die Naturalisierung und Demokratisierung der Offenbarungsidee löste die Erkenntnis aus den traditionellen Bindungen und machte sie zu einer Offenbarung der Vernunft oder der Sinne. Nicht mehr durch Berufung auf mit Autorität versehene Texte, sondern durch Berufung auf geistige Intuition oder Sinneswahrnehmungen konnte man nun Erkenntnisse legitimieren. Das heißt aber nur, daß die irrationale Autorität durch rationale Instanzen mit ähnlicher Funktion ersetzt, das autoritäre Rechtfertigungsschema aber letzten Endes doch beibehalten wurde. Die Wahrheit war nun jedem zugänglich, der sich seiner Vernunft oder seiner Sinne in richtiger Weise bediente, aber gleichzeitig blieb die Idee einer Wahrheitsgarantie, die Vorstellung einer sicheren Erkenntnis, aufrechterhalten. Durch Intuition oder Wahrnehmung hatte man einen unmittelbaren Zugang zu einer unbezweifelbaren Wahrheit, von der sich die anderen, mittelbaren, Wahrheiten mit Hilfe eines Ableitungsverfahrens, in deduktiver oder induktiver Weise, gewinnen ließen. Man glaubte also immer noch auf einen sicheren Grund rekurrieren zu müssen und auch zu können.

Wir können also sagen, daß die Philosophie des klassischen Rationalismus und Empirismus methodisch an der Idee der zureichenden Begründung orientiert war, die auch heute noch eine erhebliche Rolle in unserem Denken spielt. Eine methodische Interpretation des Satzes vom zureichenden Grunde, nach der alle möglichen Aussagen und Tatbestände durch Zurückführung auf eine sichere Quelle der Erkenntnis positiv begründet werden müssen, auf eine Quelle, die mit absoluter und unbezweifelbarer Autorität ausgestattet ist, scheint mir, auch wo sie sich in dieser Weise nicht ausgesprochen findet, das Kernstück der klassischen Methodologie zu sein. Schon die Art der Fragestellung mußte zu Antworten führen, bei denen die Möglichkeit einer absoluten und positiven Rechtfertigung durch Rekurs auf autoritative Quellen als selbstverständlich unterstellt wurde (9). In dieser Annahme steckt also ein dogmatischer Rest, der allerdings in der praktizierten Methodologie schon oft überwunden wurde, denn nun mußte sich ja in der sozialen Konkurrenz der Ideen und Argumente sehr oft herausstellen, daß man trotz angeblich sicherer Quellen zu verschiedenen Auffassungen kommen konnte. Das institutionelle Deutungsmonopol einer hierarchisch gegliederten und zu intellektuellem Gehorsam verpflichteten Kaste war im Wesentlichen gebrochen. Wo es sich heute noch hält, hält sich auch die traditionelle Methodologie der Exegese mit gebundener Marschroute. Wo etwas Ähnliches neu geschaffen wurde, als Konsequenz revolutionärer Wandlungen im Zeichen einer säkularen Ideologie, hat sich sehr schnell wieder eine ähnliche Methode durchgesetzt.

In der klassischen Methodologie war also Kritik immer noch an prinzipielles Rechtfertigungsdenken gebunden. Erst heute scheint sich die Idee der kritischen Prüfung allmählich aus ihrer Verbindung mit der Idee der zureichenden Begründung und damit vom autoritären Muster zu lösen und sich in "reiner Form" durchzusetzen (10). Die theologische Erbschaft der Philosophie, die den Rekurs auf eine letzte sichere Quelle, eine irgendwie geoffenbarte Wahrheit notwendig erscheinen ließ, wird nun als fragwürdig enthüllt und zurückgewiesen. Die kritische Methodologie setzt keine "letzten Gegebenheiten" mehr voraus, die als solche prinzipiell vor jeder Kritik geschützt sind, auch nicht Vernunft oder Erfahrung. Damit sind auch die rationalen Rechtfertigungsinstanzen der klassischen Methode, intellektuelle Intuition und Sinneswahrnehmung, ihrer autoritären Funktion enthoben. Der neue Kritizismus kann die Notwendigkeit nicht mehr anerkennen, irgendwelche Behauptungen gegen jede mögliche Kritik zu immunisieren (11).

Bevor ich auf die Konsequenzen dieser Auffassung für verschiedene Fragen näher eingehe, ist es vielleicht angebracht, die psychischen und sozialen Aspekte der Idee der kritischen Prüfung und der Problematik des Dogmatismus zu behandeln. Neuere Untersuchungen haben gezeigt, daß zwischen der Struktur von Überzeugungssystemen, dem typischen Ablauf kognitiver Prozesse und gewissen emotionalen und motivationalen Faktoren ein charakteristischer Zusammenhang besteht, der in dieser Beziehung interessant ist. Personen, die über ein relativ "geschlossenes" System von Überzeugungen verfügen, ein System von autoritär-dogmatischer Struktur, legen bei der Lösung von Problemen ein Verhalten an den Tag, das auf eine relative Isolierung der verschiedenen Bestandteile dieses Systems schließen läßt. Sie sind nicht so leicht imstande, interne Widersprüche zu erkennen, zwischen sachlichen Auffassungen und den sie vertretenden Personen zu unterscheiden, ihr System unter dem Einfluß relevanter Argumente umzustrukturieren, und neigen zum "Parteiliniendenken" in Abhängigkeit von akzeptierten Autoritäten (12). Der emotionale Faktor, der die Neigung zu geschlossenen, dogmatischen Systemen und damit die Tendenz zu einem derartigen kognitiven Funktionieren begünstigt, ist die Angst. Offenbar ist ein andauernder Zustand der Bedrohung in der Persönlichkeit eine wesentliche Bedingung für die Entstehung geschlossener Glaubenssysteme. Diese Bedingung kann sich unter dem Eindruck von Kindheitserfahrungen herausbilden und in die Persönlichkeitsstruktur eingehen, sie kann aber auch rein situativen Charakter haben (13). Die emotionale Investition in Glaubenssysteme, die auf diesem Wege erworben wird, kann also dazu führen, daß diese Systeme gegen kritische Argumente, gegen neue Erfahrungen und Informationen aller Art weitgehend immun werden. Das Festhalten an alten Dogmen wird hier prämiert gegenüber dem Ausprobieren neuer Ideen, weil von einer emotional verwurzelten Abwehrhaltung her das Neue als bedrohlich empfunden wird (14). Hier stoßen wir wohl auf die psychischen Grundlagen der Tatsache, daß in sozialen Bereichen, die durch relativ geschlossene und dogmatisierte Ideologien theologischer oder säkularer Natur geprägt sind, offene Neuerer sehr häufig als Ketzer diffamiert und verfolgt werden, daß die Neuerung sich, wenn überhaupt, nur in der Maskerade der Interpretation durchsetzen kann und daß der Irrtum, der z. B. in der wissenschaftlichen Entwicklung eine durchaus fruchtbare Wirkung haben kann, in solchen Bereichen als Sünde diffamiert zu werden pflegt, da die geoffenbarte Wahrheit als heilig gelten muß. Man sieht hier den engen Zusammenhang von Methodologie, Psychologie und Soziologie (15).

Die Anwendung dogmatischer Methoden scheint unter Umständen in sehr starken Motiven zu wurzeln. Diese Motive sorgen dafür, daß das System theoretischer Überzeugungen, mit Hilfe dessen sich die betreffenden Personen in der Welt orientieren, in starkem Maße den Charakter eines "Verteidigungsnetzwerkes" gegen bedrohliche Informationen gewinnt, so daß die Abschirmungsfunktion, die Funktion der Sicherung, über die Orientierungsfunktion dominiert. Das System wirkt also selektiv nicht in der Richtung systemrelevanter, sondern in der Richtung systemkonformer Informationen. Man tendiert in weit stärkerem Maße dazu, bestätigende Informationen zu sammeln als auf widersprechende Informationen zu achten, weil man auf diese Weise unerwünschte kognitive Dissonanz vermeiden kann. Das heißt also, daß man die Methode der positiven Rechtfertigung praktiziert, nicht die Methode der kritischen Prüfung, die ja gerade auf relevante Informationen zielt, die mit bisherigen Anschauungen unvereinbar sind.

Dem entsprechen die institutionellen Vorkehrungen, die von Gruppen mit dogmatischen Überzeugungen im Rahmen ihrer Möglichkeiten geschaffen werden, um ihre Mitglieder gegen den Einfluß anderer Anschauungen und gefährlicher Informationen zu immunisieren (16). Solche Vorkehrungen reichen bekanntlich von der Erziehung der Kinder unter dogmatischen Gesichtspunkten, ihrer Abschließung gegen Personen mit anderen Anschauungen bis zu in gleicher Richtung wirkenden Führungs- und Abschirmungspraktiken Erwachsenen gegenüber, die sich im allgemeinen am leichtesten durchführen lassen, wenn eine Führungshierarchie vorhanden ist, die ein Monopol in der Entscheidung von Glaubensfragen für sich in Anspruch nehmen kann und der gegenüber die Mitglieder der betreffenden Gruppen zu Gehorsam in dieser Beziehung verpflichtet sind. Um solche Entscheidungen ohne weiteres akzeptabel und einwandsimmun zu machen, werden oft Inhaber bestimmter Positionen in einer solchen Hierarchie mit einem Unfehlbarkeitsanspruch ausgestattet, der mehr oder weniger aus dem Inhalt des betreffenden Überzeugungssystems legitimiert werden kann. Ein solches Charisma läßt sich besonders gut mit einer Offenbarungstheorie der Wahrheit verbinden, die den Erkenntnisprozeß als eine passive Aufnahme von Eingebungen irgendwelcher Art deutet, für die die Träger bestimmter sozialer Positionen speziell privilegiert sein können. Mit der Methodologie der kritischen Prüfung ist ein derartiger Unfehlbarkeitsanspruch natürlich ebensowenig zu vereinbaren wie der in den betreffenden Gruppen institutionell verankerte und durch verschiedenartige Sanktionen (Strafandrohungen usw.) gesicherte Anspruch auf Glaubensgehorsam gegen andere Personen. Gehorsam in geistigen Fragen erscheint hier vielmehr als der beste Weg für die Zementierung von Irrtümern. Institutionelle Praktiken, die die Konkurrenz der Ideen ausschalten, das Aufkommen alternativer Lösungen von Problemen verhindern, religiöses oder politisches Parteiliniendenken indoktrinieren, und das alles, weil bestimmte soziale Rollenträger den Anspruch erheben, im alleinigen Besitz einer absoluten Wahrheit zu sein, haben nur die Wirkung, Intoleranz, Engstirnigkeit, Starrheit, Dogmatismus und Fanatismus zu fördern und die geistige und moralische Entwicklung aufzuhalten. Die Konsequenzen solcher Verfahrensweisen sind vom speziellen Inhalt der durch sie geschützten Glaubenssysteme weitgehend unabhängig (17).

III. Konsequenzen des Kritizismus: Zum Problem der Aufklärung

Während sich im philosophischen Denken heute die Idee der kritischen Prüfung unter Lösung vom Rechtfertigungsdenken durchzusetzen scheint, ist gleichzeitig eine Tendenz zu beobachten, die Anwendung dieser Idee nach Möglichkeit auf gewisse Bereiche einzuschränken und für andere Bereiche andere Möglichkeiten zu postulieren, vor allem: hier ältere Denkformen und traditionelle Methoden aufrechtzuerhalten. Man versucht, gewisse Bereiche gegen das Eindringen kritischer Gesichtspunkte zu immunisieren, während man andere dafür frei gibt, so, als ob die Annäherung an die Wahrheit bzw. die Eliminierung von Irrtümern, Fehlern und Mißverständnissen im einen Falle durch Kritik gefördert werden könne, während im anderen Falle kritisches Denken eher schädlich sein müsse. Solche an sich nicht sehr überzeugende Einteilungsversuche sind wohl in allen Gesellschaften an der Tagesordnung, da es stets Überzeugungen zu geben scheint, die so wichtig sind, daß ihre kritische Untersuchung Unbehagen erzeugen muß. Man ist daher gerne bereit, aus dem "Wesen" eines Problembereiches, aus der "Natur der Sache" der behandelten Gegenstände oder Probleme, ganz verschiedenartige Verfahrensweisen für diese Bereiche zu rechtfertigen.

In diesem Zusammenhang wird oft ein fundamentaler Unterschied zwischen Glauben und Wissen behauptet, von dem her solche methodischen Unterschiede legitimiert werden können. Im Bereich des Wissens, vor allem in dem der Wissenschaft, scheint die Vernunft, das rationale Denken, eine ganz andere Funktion zu haben als im Bereich des sogenannten Glaubens. Während im ersten Bereich eine kritische Vernunft am Platze ist, neigt man im zweiten eher dazu, sich für eine deutende, verstehende, hermeneutische Vernunft auszusprechen oder gar die hier adäquate Verfahrensweise von der der Vernunft überhaupt abzusetzen. Man entwickelt eine Zwei-Sphären-Theorie, die gewisse tradierte Anschauungen gegen bestimmte Arten der Kritik abschirmen und einen inselhaften Bereich unantastbarer Wahrheiten schaffen soll. In diesem Bereich ist man unter Umständen sogar bereit, die Logik außer Gefecht zu setzen, damit echte Widersprüche akzeptabel werden, allerdings meist ohne die Tragweite eines solchen Unternehmens und seine Absurdität voll zu erkennen (18). Man ist zwar im sicheren Besitz der Wahrheit, hat aber dennoch eine gewisse Angst vor kritischer Prüfung und opfert daher oft lieber die elementare Moral des Denkens als diesen angeblich sicheren Besitz. Auf diese Weise kann man dogmatischen Verfahrensweisen mitunter eine gewisse Anerkennung verschaffen, nicht ohne daß die Isolierung verschiedener Bereiche des Denkens und Handelns voneinander jene milde intellektuelle Schizophrenie fördert, die es gestattet, die konsequente Anwendung kritischer Verfahrenweisen als Naivität zu belächeln.

Im Zusammenhang mit solchen Immunisierungsversuchen findet man sehr oft eine moralische Prämierung des schlichten und naiven Glaubens, der keine Zweifel kennt und daher unerschütterlich ist, als einer Tugend und dementsprechend eine Diffamierung kritischen Denkens für den betreffenden Bereich als unsittlich und zersetzend (19). Die seltsame Idee, man sei einem speziellen Glaubensbestand verpflichtet und nicht der unvoreingenommenen Wahrheitsfindung, die Unterdrückung von Zweifeln sei unter Umständen hier von positiver moralischer Bedeutung, ein Glaube, der sich möglicherweise unter kritischen Gesichtspunkten als fragwürdig herausstellen mag, sei auf jeden Fall vor derartigen Argumenten zu schützen, diese Idee mag einem Parteiliniendenker und Parteigänger einleuchten.

Tatsächlich können wir immer wieder den Kampf der institutionell verankerten Glaubenssysteme, der Ideologien, gegen kritische Methoden und wissenschaftliche Resultate, gegen die Betrachtung sanktionierter Anschauungen im Lichte unserer übrigen Informationen, alternativer Möglichkeiten und kritischer Untersuchungen, konstatieren. Immer wieder scheint dieser Kampf aber auch mit einem Zurückweichen unter gleichzeitiger Etablierung einer neuen Grenze zu enden, eines engeren Bereiches der Immunität und der absoluten Gewißheit, in dem angeblich nur ein dogmatisches Begründungsverfahren Geltung beanspruchen kann. Dieser Bereich unterliegt im Laufe der historischen Entwicklung offenbar dauernder Neuinterpretation, ohne daß man so etwas jeweils gerne zugeben möchte, weil es einen berechtigten Zweifel an der Konstanz des Geglaubten erwecken könnte. De facto kann man sich nämlich gegen den Einfluß neuer Erkenntnisse, Erfahrungen und Erlebnisse niemals effektiv absichern. Aber man kann wenigstens versuchen, die Illusion unveränderlicher Stetigkeit von Glaubensbeständen zu erwecken bei denjenigen, die man unter geistiger Kontrolle hat.

In Wirklichkeit ist die Methode der kritischen Prüfung an keinen intellektuellen oder sozialen Bereich gebunden. Es gibt keine sinnvolle Einschränkung ihrer Anwendung im Interesse der Erkenntnis, nur eine solche im Interesse der Aufrechterhaltung bestimmter Bestände, bestimmter geistiger und sozialer Gegebenheiten, die man dem historischen Wandel gerne entziehen möchte. Auch die Beschränkung der kritischen Vernunft auf die Wissenschaften, die Technik und die Wirtschaft ist nicht besonders sinnvoll. Es gibt keine a priori feststehende saubere Trennung der Bereiche, keine Abschottung und Isolierung von Beständen, die sich auf jeden Fall durchhalten ließe. Auch innerhalb der Wissenschaften haben sich derartige Grenzziehungen nie bewährt. Und wer die Wertfreiheit der Wissenschaft etwa so deuten wollte, daß sich der Bereich des Moralischen, der Werte und der Normen grundsätzlich kritisch-rationaler Analyse entziehe, der hätte aus der Fragwürdigkeit normativer Wissenschaften dogmatischen Charakters eine falsche Konsequenz gezogen. Als Instrument der positiven Begründung, der dogmatischen Rechtfertigung, mag die Logik in diesem Bereiche ebensowenig brauchbar sein wie in dem der Wissenschaft. Als Instrument kritischer Analyse und Prüfung, als Organon der Kritik, läßt sie sich nirgends ausschalten.

Nicht selten findet man in Untersuchungen über das Verhältnis von Wissenschaft und Praxis eine scharfe Trennung zwischen dem Reich der Mittel und dem Reich der Zwecke oder Werte, die dazu führen kann, Fragen der Zielsetzung einer dogmatischen Sozialphilosophie auszuliefern, während der positiven Wissenschaft nur die Fragen der Mittelverwendung zugewiesen werden. Ihre Erkenntnisse sollen in praktischer Hinsicht zwar instrumentale Bedeutung haben, aber im Zusammenhang mit fundamentalen Fragen der Wertung und der Zielsetzung glaubt man auf sie verzichten zu können. Dieses Zweck-Mittel-Denken, nach dem die Zwecke des praktischen Handelns und damit auch der Politik als für die Wissenschaft "gegeben" angesehen werden, so daß sie nur über die zu verwendenden Mittel zu diskutieren habe, ist vor allem auch in den Sozialwissenschaften zu finden, wo es dazu führt, daß man hier das Zusammenspiel zwischen einer dogmatischen Sozialphilosophie mit einer technologisch orientierten positiven Sozialwissenschaft gelegentlich als Idealzustand deklariert findet, dem sich die in manchen Bereichen praktizierte Methode zu nähern scheint. Eine in dieser Weise orientierte Sozialwissenschaft darf sich natürlich bei den jeweilig herrschenden Mächten einer Gesellschaft und den ihre Herrschaft legitimierenden Ideologien einer gewissen Beliebtheit erfreuen, da sie relative Ungefährlichkeit mit einer gewissen Nützlichkeit zu verbinden scheint. Auf dieser Grundlage kann es dann zum Beispiel "zu einer verhältnismäßig friedlichen Koexistenz zwischen einer emsigen Kleinsoziologie und einer recht massiven Ideologie kommen" (20) und darüber hinaus zu einer Zusammenarbeit, bei der das methodische Prinzip der Wertfreiheit der positiven Sozialwissenschaft in ganz eigenartigerweise zum Schutzschild für ideologische Konstruktionen wird.

Wer die moderne Diskussion um die Wertfreiheitsproblematik kennt, wird ein solches Mißverständnis dieses methodischen Prinzips leicht verstehen und durchschauen können. Man wird dazu feststellen können, daß eine solche Einengung der praktischen Relevanz sozialwissenschaftlicher Erkenntnis auf instrumentale Probleme keineswegs in der Konsequenz des Wertfreiheitsprinzips liegt. Wenn die Sozialwissenschaft sich nicht für ideologische Konstruktionen hergibt, so heißt das noch lange nicht, daß sie deshalb diesen Bereich vollkommen unberührt lassen müßte. Ihre praktische Bedeutung kann vor allem auch darin bestehen, daß sie derartige Konstruktionen und ihren sozialen Wirkungszusammenhang kritisch durchleuchtet und auf diese Weise in Verbindung mit einer kritischen Sozialphilosophie einen Beitrag zur Aufklärung leistet. Schon durch die Wahl ihrer Probleme kann auch eine werturteilsfreie Sozialwissenschaft für dogmatisierte sozialphilosophische Positionen aller Art gefährlich sein. Man kann von ihr allerdings nicht erwarten, daß sie jeweils die Dogmen fremder Gruppen durchleuchtet und die eigenen ungeschoren läßt. Die oben berührte allgemeine Problematik des Dogmatismus und der Dogmatisierung ist selbst schon ein Fragenkreis, der in dieser Beziehung außerordentlich relevant sein dürfte. Der natürliche Zug zum Dogmatismus im sozialen Leben, zur Verfestigung und Erstarrung von Anschauungen und, damit verbunden, zur sozialen Abschließung, zur Abschirmung gegen Argumente, Tatsachen und Informationen, die mit den bisher akzeptierten Auffassungen nicht harmonieren, die Immunisierung gegen jede kritische Prüfung, die unter bestimmten sozialen Bedingungen auftritt, ist selbst ein sozialer Tatbestand, der die Neugier des Sozialwissenschaftlers ebenso herausfordern muß wie die des kritischen Sozialphilosophen.

Wenn wir nicht im Namen eines sozialwissenschaftlichen Instrumentalismus rationales Denken auf technologisch relevante Bereiche und Probleme beschränken und die in unserer Gesellschaft herrschenden Irrationalismen für unverletzbar erklären wollen, dann kann auch die Sozialwissenschaft eine durchaus kritische Funktion für die sozialen Zustände und die soziale Entwicklung haben. Sie mag dann mit Ideologien aller Art in Konflikt geraten, für eine kritische Sozialphilosophie bleibt sie immer akzeptabel. Möglicherweise ist der Beitrag, den eine solche Sozialwissenschaft zur Aufklärung leisten kann, ebenso groß wie ihr Beitrag zur Lösung sozialtechnologischer Probleme in einem engeren Sinne. Die Methode der kritischen Prüfung, für deren Anwendung sie keine Grenzen anerkennen muß, gehört zu einer Moral des Denkens, von der Verfechter moralischer Dogmen vielfach keine allzu große Meinung zu haben pflegen, auch wenn sie im Interesse der Wahrheit zu argumentieren scheinen. Dabei scheint die Achtung vor der Wahrheit doch dem Unbefangenen sicher eine positive Beziehung zum Interesse an kritischer Prüfung haben zu müssen.

Wer irgendwelche Probleme ernstnimmt, wird einer kritischen Untersuchung möglicher Problemlösungen im allgemeinen freundlich gegenüberstehen. Wenn man die praktischen Früchte dogmatischen Denkens zur Kenntnis nimmt, dann muß man starke Zweifel daran bekommen, ob es sich lohnt, dogmatischen Glauben zu prämieren und kritisches Denken zu diffamieren und einzuschränken. In einer Zeit, in der das Engagement so große Wertschätzung genießt, wird ein Engagement für die kritische Vernunft nicht zurückgewiesen werden dürfen. Die Tradition der Aufklärung, für die man im deutschen Sprachbereich so selten einen Fürsprecher findet, wird von einem neu durchdachten konsequenten Kritizismus her erneuert werden müssen.

Anmerkungen:

(1) Siehe dazu Karl R. Popper, "On the Sources of Knowledge and Ignorance"; "Towards a Rational Theory of Traditions" und andere der in seinem Aufsatzband Conjectures and Refutations, The Growth of Scientific Knowledge, London 196, abgedruckten Arbeiten. Popper kann das Verdienst für sich in Anspruch nehmen, diese Tradition in seinem philosophischen Werk weitergeführt und ihr eine neue Interpretation gegeben zu haben, die frühere Schwierigkeiten überwindet. Siehe dazu: William Warren Bartley III, The Retreat to Commitment, New York 962. Dt.: Flucht ins Engagement, 2. erw. und revid. Auflage, Tübingen 1987.

(2) Dabei ist vor allem zu denken an das Vordringen religiöser Toleranz, die Einführung der Glaubensfreiheit, die Abschaffung der Folter, das Aufhören der Hexenverfolgungen usw. Siehe dazu das Buch Oskar Pfisters, Das Christentum und die Angst, Zürich 1944. Daß die Reformation mit den üblichen Grausamkeiten keineswegs aufgeräumt hat, ist ja bekannt; siehe dazu Pfister a.a.O., S. 588 ff. und Pfister, Calvins Eingreifen in die Hexer- und Hexenprozesse von Peney 1545 nach seiner Bedeutung für Geschichte und Gegenwart.

(3) Karl Popper führt sie auf die Vorsokratiker zurück; siehe dazu seine Arbeit "Back to the Presocratics" in dem oben genannten Aufsatzband; siehe auch Paul K. Feyerabend, Knowledge without Foundations, Oberlin/Ohio 1961.

(4) Siehe dazu die o.a. Schrift von Paul K. Feyerabend.

(5) Wer Karl Poppers philosophische Konzeption kennt, wird hier und an anderen Stellen unschwer erkennen, in wie starkem Maß ich ihr verpflichtet bin.

(6) Siehe die kritische Analyse Walter Kaufmanns in seinem Buch Critique of Religion and Philosophy, New York 1958, dt. Religion und Philosophie, München (Szczesny) 1965, besonders Kap. VI, und in seinem Buch The Faith of a Heretic, Garden City, New York 1963, dt. Der Glaube eines Ketzers, München (Szczesny) 1965, sowie das o.a. Buch von William Warren Bartley, The Retreat to Commitment.

(7) Siehe dazu das interessante Buch von Paul Blanshard, Communism, Democracy, and Catholic Power, London 1952, das besonders die institutionelle Seite dieser Problematik analysiert. Um den Zusammenhang zwischen intellektueller und sozialer Autorität, zwischen Glaubensbindung und Gehorsamsanspruch festzustellen, kann man z. B. auf das Buch von Ludwig Kösters S. J., Die Kirche unseres Glaubens, Eine theologische Grundlegung katholischer Weltanschauung, 4. Aufl., Freiburg 1952, zurückgreifen, das mir Musterbeispiele theologischen Denkens zu enthalten scheint.

(8) Siehe dazu Karl Poppers o.a. Aufsatz "On the Sources of Knowledge and Ignorance".

(9) Siehe dazu Poppers o.a. Aufsatz und Bartleys Buch, Kap. IV und V

(10) Siehe dazu Bartley, The Retreat to Commitment, S. 134 ff.

(11) Siehe dazu auch Morton White, Religion, Politics, and the Higher Learning, Cambridge/ Mass. 1959, sowie Leszek Kolakowski, Der Mensch ohne Alternative, Von der Möglichkeit und Unmöglichkeit, Marxist zu sein, München 1960, S. 22.

(12) Siehe dazu das außerordentlich interessante Buch von Milton Rokeach, The Open and the Closed Mind, Investigations into the Nature of Belief Systems and Personality Systems, New York 1960, sowie Hoffer, The True Believer, Thoughts on the Nature of Mass Movements, (1951), Mentor Book, New York 1958.

(13) Interessant ist bei Rokeach in dieser Beziehung das Kapitel über die Wirkung bedrohlicher Situationen in der Geschichte auf die Dogmatisierung des Katholizismus, dessen Ergebnisse wieder mit den Pfisterschen Thesen harmonieren. Dieses Kapitel führt schon in institutionelle Probleme über.

(14) Die Prozesse, die eine solche Immunisierung ermöglichen, sind vermutlich im wesentlichen mit Hilfe der von Leon Festinger und seinen Mitarbeitern entwickelten Theorie der kognitiven Dissonanz zu erklären, die zu einer Fülle interessanter Experimente geführt hat; siehe dazu u. a. Leon Festinger, A Theory of Cognitive Dissonance, Evanston/Illinois 1957, und Jack W. Brehm und Arthur R. Cohen, Explorations in Cognitive Dissonance, New York, London 1962.

(15) Zur Problematik des Zusammenhangs von Dogmatismus und Fanatismus, von Dogma, Zwang und Gehorsam siehe auch Eric Hoffers o.a. Buch The True Believer, in dem z. B. auch die Merkmale des typischen Konvertiten analysiert werden, der bei radikalem Wechsel des Glaubensinhaltes die autoritär-dogmatische Struktur seines Glaubens beibehält. Die Passagen des Buches von Margarete Buber-Neumann, Als Gefangene bei Stalin und Hitler (1958), München 1962, in denen sie das Verhalten der ernsten Bibelforscherinnen in einem Konzentrationslager schildert, lesen sich wie eine Illustration zu Rokeachs und Hoffers theoretischen Ausführungen, siehe S. 193 ff.

(16) Siehe dazu das o. a. Buch von Paul Blanshard, Communism, Democracy, and Catholic Power, London 1952, das sich auf katholische und kommunistische Praktiken bezieht, und den Aufsatz von Arthur Schweitzer, "Ideological Strategy", The Western Political Quarterly, Vol. XV/1, 1962.

(17) Siehe dazu auch die Analysen Ernst Topitschs in: Sozialphilosophie zwischen Ideologie und Wissenschaft, Neuwied 1961.

(18) Für eine grundsätzliche Analyse siehe Karl Poppers "What is Dialectic?" (1940) in seinem Aufsatzband Conjectures and Refutations (Dt. "Was ist Dialektik?" in der Aufsatzsammlung: Kritischer Rationalismus und Sozialdemokratie, Berlin (J.H.W.Dietz), 2. Aufl. 1975, S.167-200. Wenn die Logik, wie Popper zu Recht betont, als ein "Organon der Kritik" auf gefaßt werden kann, dann wird es natürlich für Vertreter eines rechtfertigenden Denkens unter Umständen notwendig, sie mit dialektischen Mitteln zu "überwinden". Das haben nicht nur manche Marxisten, sondern auch Theologen von Hegel gelernt.

(19) Der Wille zu glauben wird merkwürdigerweise oft höher geschätzt als das Streben nach intellektueller Integrität und der Wille, ehrlich zu sein, wie u. a. Kaufmann sehr richtig bemerkt, siehe dazu sein o.a. Buch The Faith of a Heretic, S. 10, 65 ff., 216 und passim. Glaubensgehorsam, Glaubenseifer usw.: Dinge, deren historische Wirkung wir nur allzugut kennen, werden im Zusammenhang mit speziellen Inhalten immer wieder als moralisch wertvoll akzentuiert. Die Tugenden des Fanatikers und des Inquisitors finden in autoritären Systemen die Anerkennung, die ihnen für die Erhaltung solcher Systeme zukommen mag.

(20) So Ernst Topitsch in seinem interessanten Aufsatz "Begriff und Funktion der Ideologie" in: Sozialphilosophie zwischen Ideologie und Wissenschaft, Neuwied 1961, Seite 48.

Dieser Aufsatz erschien 1989 in: Club Voltaire, Band I, Berlin (IBDK Verlag ) 1989, S.17-30. Wir danken dem IBDK- Verlag Berlin herzlich für die freundliche Genehmigung zum Nachdruck. (Anm. der Red.)