Dr. Hans-Joachim Niemann (Bamberg)

Die Utopiekritik bei Karl Popper und Hans Albert

aus: Aufklärung und Kritik 1/1994 (S. 57 ff.)

l. Die Fehler des Konstruktivismus

"Der Versuch, den Himmel auf Erden einzurichten, erzeugt stets die Hölle"(1)

Das schreibt Karl Popper in seinem Buch "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde", nachdem er sich mit den Heilslehren großer Philosophen, vor allem mit denen Platons und Hegels, und ihrem geistigen Einfluß auf totalitäre Staatsformen wie Faschismus und Stalinismus auseinandergesetzt hat. Und in einem anderen Buch:

"Wenn wir die Welt nicht wieder ins Unglück stürzen wollen, müssen wir unsere Träume der Weltbeglückung aufgeben. Dennoch können und sollen wir Weltverbesserer bleiben. Wir müssen uns mit der nie endenden Aufgabe begnügen, Leiden zu lindern, vermeidbare Übel zu bekämpfen und Mißstände abzustellen; immer eingedenk der unvermeidbaren ungewollten Folgen unseres Eingreifens, die wir nie ganz voraussehen können..."(2)

Karl Popper und Hans Albert sind die beiden Hauptvertreter der Philosophie des kritischen Rationalismus. Um die Lehre des kritischen Rationalismus in kurzer Weise zu charakterisieren: Er fordert uns auf, eine neue Einstellung zu unseren Fehlern zu gewinnen. Und dazu gehört es, immer von der Fehlbarkeit des Menschen auszugehen. Irren ist menschlich; Fehler sind unvermeidbar. Wir sollen Fehler nicht vertuschen, sondern versuchen, aus Fehlern zu lernen, und sogar Institutionen gründen, die in der Lage sind, Fehler zu entdecken und sie zu korrigieren.

Die Erfindung solcher Institutionen ist übrigens der Sonderweg, den Europa im Unterschied zu allen anderen Weltregionen gegangen ist(3): Kapitalismus, Wissenschaft und Demokratie haben gemeinsam, daß sie davon ausgehen, daß wir uns immer irren können, und sie erheben die Fehlerentdeckung und Fehlerkorrektur zu einer Institution. Mit ‘Institution’ ist eine feste, als Tradition gesicherte Einrichtung gemeint.

In der Wirtschaft ist eine solche Institution der Markt, der dafür sorgt, daß schlechte Produktionsmethoden hohe Preise zur Folge haben und daß sie deshalb von selbst verschwinden; genau so wie Produkte, die niemand haben will, aus dem Markt verschwinden.

In der Wissenschaft sind es die gegenseitige Kritik in den Zeitschriften und die gesellschaftliche Belohnung für den, der anderen einen Fehler nachweisen kann, die für Korrektur sorgen.

In der Politik sind es die demokratischen Strukturen, das Recht, die Pressefreiheit und ein wenig auch das Wahlkreuz, mit denen Fehler entdeckt bzw. korrigiert werden können.

Bei gesellschaftspolitischen Zielsetzungen, bei der Festlegung der politischen Ziele, kann man, so Popper, von vornherein Fehler vermeiden, wenn man es aufgibt, das große Glück bringen zu wollen, und sich statt dessen darauf beschränkt, die anstehenden Probleme zu lösen.

Außerdem sollte es ein Grundsatz sein, möglichst alle Veränderungen in kleinen, notfalls reversiblen Schritten vorzunehmen und nie Experimente im großen zu wagen, falls damit Menschenleben oder das Glück der Menschen gefährdet werden.

Von diesen gesellschaftspolitischen Zielsetzungen handelt nun Poppers Artikel "Über Gewalt und Utopie"(4). Vor der Lektüre aber noch ein paar Bemerkungen zu der Frage, warum es schon aus theoretischen Gründen keiner Politik gelingen kann, das große Glück nach Plan zu realisieren.

Gemeint ist dabei ein utopischer Plan, der eine neue Gesellschaftsordnung zum Ziel hat, von der sehr viele Menschen betroffen sind. Das allein schon, die große Zahl der Betroffenen, bedeutet, ein hohes politisches Risiko einzugehen, das noch verschärft wird durch den Umstand, daß man erst sehr spät sehen wird, ob man das Richtige getan hat, nämlich erst in ferner Zukunft, eventuell erst nach einigen Generationen. Das heißt, wer eine Utopie anstrebt, macht immer ein Experiment im großen, ein Experiment mit ungewissem Ausgang und – ein Experiment mit Menschen. Es sind drei Erkenntnisse, die sich bei Popper und bei Friedrich von Hayek finden, und die im Voraus zeigen, warum solche Menschenexperimente nie gelingen können:

(1) Komplexe Dinge kann man nicht konstruieren.

Kulturprodukte wie Gesetzbücher, Sprachen und Gesellschaftsordnungen sind in einer Art Evolution in Jahrhunderten entstanden; man kann sie weder erfinden noch nach einem Plan herstellen noch konstruieren. Es ist nicht einmal möglich, in einem einzigen Anlauf relativ einfache Dinge wie ein Radio oder ein Auto zu konstruieren. Also einen Plan zu machen, diesen dann in ein Gerät umzusetzen und dann mit allem fertig zu sein: das ist noch keinem gelungen. Die Erfahrung zeigt uns: Ohne diesen Prozeß – Vorversuch, Feststellung der Fehler, Abänderung und Neuversuche – sind komplexe Dinge nicht realisierbar. Immer handelt es sich um eine lange Reihe von Versuchen, bei denen man durch wiederholte Konstruktionen, durch Kritik und Fehlerbeseitigung auf quasi evolutionäre Weise zu immer besseren und schließlich brauchbaren Ergebnissen kommt.

Komplexe Dinge können nur in solchen evolutionären Prozessen von Konstruktion und Kritik realisiert werden. An einem Gesetzbuch z.B. arbeiten Generationen von Richtern und Rechtsgelehrten. Sogar Verbrecher und andere Gesetzesübertreter arbeiten daran mit; denn sie sind es, die die Lücken, die Fehler, finden und den Gesetzgeber zu Änderungen zwingen. Der ursprüngliche Plan ist bei komplexen Vorhaben am Ende immer völlig umgearbeitet worden und kaum noch wiederzuerkennen. Das gilt ganz besonders für wirtschaftliche und soziale Unternehmungen und vor allem für die Umgestaltung der Gesellschaft. Es ist, wie Friedrich von Hayek uns gelehrt hat, der naive Rationalist, der glaubt, eine Gesellschaft konstruieren zu können. (Er nennt ihn auch einen Konstruktivisten, nicht zu verwechseln mit den Erlanger Konstruktivisten und auch nicht mit den radikalen Konstruktivisten.)(5)

Der zweite Grund, warum Utopien nicht funktionieren, ist ebenfalls ein ganz all gemeingültiger Satz, der es wert wäre, ihn sich seinem Alltagsdenken einzuverleiben:

(2) Wir wissen nie im Voraus sämtliche Folgen, die unser Handeln haben kann.

Wenn wir etwas tun, wissen wir nie, was alles daraus werden kann. Ob dieser Vortrag jemanden beeindrucken wird, weiß ich nicht. Ob am Ende zwei oder drei oder mehr das eine oder andere interessant finden werden, das ist eine völlig offene Frage. Sämtliche Folgen einer Erfindung, eher neuen Medizin oder einer Steuererhöhung im einzelnen und vollständig anzugeben, ist unmöglich. Man muß immer mit unerwarteten, von niemandem gewollten Konsequenzen rechnen. Nur der naive Rationalist glaubt, vollständig zu wissen, was er tut.

Der dritte Satz leuchtet ebenfalls unmittelbar ein und hat dennoch genauso weitreichende Konsequenzen wie die beiden zuvor genannten Sätze. Viele Philosophen kritisieren Poppers Denken wegen solcher angeblicher Trivialitäten; aber Poppers Virtuosität besteht in der Entdeckung der bisher übersehenen Konsequenzen, die solche einfachen Einsichten haben können:

(3) Das Wissen von morgen können wir nicht schon heute haben.

Denn dann wäre es nicht das Wissen von morgen. Wer die Zukunft plant, muß Prognosen wagen, aber er kann unmöglich zukünftiges Wissen vorhersagen, und so muß er in seinem Plan das heutige Wissen festschreiben. Nur die nächste und die fernste Zukunft können wir einigermaßen sicher vorhersagen: die allernächste Zukunft wird wahrscheinlich so ähnlich sein wie die Gegenwart, und die fernste Zukunft kennen wir auch: wir wissen, daß wir alle in ferner Zukunft mitsamt unserem schönen Planeten nicht mehr da sind. Aber das hilft uns nicht weiter. Was dazwischen liegt, ist das, was uns eigentlich interessiert, und das läßt sich nun gerade nicht vorhersagen.

Utopien müssen, soweit sie sich über diese drei Sätze hinwegzusetzen versuchen – und das ist leider meistens der Fall – als waghalsige Großexperimente mit Menschen angesehen werden, deren Ausgang niemand vorhersagen kann.

II. Karl Popper über Utopie und Gewalt

Nun zu Poppers Aufsatz "Über Utopie und Gewalt" (s. Anm.4). Nach der Lektüre werde ich noch auf Hans Alberts Gedanken über Utopie eingehen und auch etwas Freundlicheres über Utopien sagen, aber zunächst zu Poppers Utopiekritik.

Ich fasse kurz den Anfang zusammen (S.303-306): Der erste Absatz handelt von der Gewalt, die stets Gegengewalt hervorruft und dadurch das Gewaltpotential auf der Welt immer mehr vergrößert. Eine Anmerkung dazu: Leider ist es aus psychologischen Gründen so, daß diejenigen, die selbst am eigenen Leibe Gewalt erlebt haben, aus ihrer Erfahrung immer zwei ganz verschiedene Lehren ziehen: Die einen sagen: Mit diesem Knüppel soll nie wieder geknüppelt werden! Also nie wieder Rassenhaß, nie wieder Krieg, nie wieder Nationalismus. Und die anderen sagen: Mit diesem Knüppel möchte ich auch mal knüppeln! Wenn erst ich einmal der Stärkere bin... Vermutlich sind die letzteren in der Überzahl. Immerhin meint Popper, die Geschichte beweise, daß die Zähmung der Gewalt möglich sei und daß es nicht vergebliche Mühe sei, sie unter die Kontrolle der Vernunft bringen zu wollen.

Die Ursache von Konflikten sei immer, daß Menschen verschiedene Ziele haben, oder sich über die Wege nicht einig seien, diese Ziele zu erreichen. Popper zufolge gibt es zwei Möglichkeiten, zurechtzukommen (S.304); ich habe eine weitere, die erste, hinzugefügt:

1. Sich aus dem Wege gehen. Das ist in unserer eng gewordenen Welt meist nicht möglich.

2. Gewalt anwenden und seine Interessen durchzusetzen versuchen; aber das versucht der andere auch.

3. Kompromisse aushandeln. Dazu braucht man Intelligenz, um den anderen zu verstehen, und Argumente, um ihn zu überzeugen; also Vernunft. Wer das will, ist Rationalist. Oder als Merksatz:

Rationalist ist, wer Vernunft als einzige Alternative zur Gewalt ansieht.

Den anderen überzeugen, heißt nicht, ihn zu überreden. Propaganda, die Überredungskunst, verwendet zwar auch Argumente, ist aber etwas ganz anderes. Propaganda will nur den anderen überzeugen. Der vernünftige Mensch dagegen, der Rationalist, will selber neue Argumente hören, um eventuell auch seine Meinung zu ändern.

Leider gibt es zwei Arten von Rationalisten. Ich habe das eingangs schon gesagt: Der falsche, naive Rationalist glaubt, daß sehe Vernunft ausreiche, um die Zukunft zu berechnen und zu planen. Er macht aber noch einen anderen Fehler, von dem wir jetzt lesen werden: er glaubt, eine rationale Politik müsse immer erst einmal feststellen, wohin das Ganze gehen soll, was die letzten Ziele der Gesellschaft seien.

Ergebnisse

Die Lektüre des Aufsatzes (beginnend mit S.307 oben bis S.313 unten) führte zu folgenden Einsichten:

Die falsche Rationalität behauptet, man müsse zuallererst bestimmen, was die Ziele der Politik sein sollten: "Eine Handlung ist [dann] rational, ..., wenn sie von allen verfügbaren Mitteln den besten Gebrauch macht um ein bestimmtes Ziel zu erreichen." (S. 307)

In der Politik sind solche Ziele: Machtbesitz, Bereicherung des Regierenden, aber auch Verbesserung der Gesetze oder des Wohlstandes des Volkes.

Ohne Zielbestimmung kann man keine Handlung rational nennen. Das hört sich plausibel an, hat aber, wie Popper zeigen wird, gefährliche Konsequenzen.

Ein Zwischenziel anzustreben, ist nur dann rational, wenn es dem Erreichen des übergeordneten Zieles dient. Zwangsläufig muß man immer nach letzten Zielen Ausschau halten; denn erst das letzte Ziel erklärt, warum man alle Zwischenziele erreichen muß. Popper: "Diese Auffassung ist es, die ich Utopismus nenne." (S.308) Poppers Utopiekritik richtet sich also nicht gegen Utopien überhaupt, insbesondere nicht gegen politische Ideale und nicht gegen den Glauben an eine mögliche bessere Welt.

Dieser von Popper verklagte Utopismus ist schon logisch nicht haltbar, und er führt zur Gewalt. Denn diese Art Rationalismus hebt sich selber auf, weil man niemanden überzeugen kann, daß er bestimmten Zielen folgen soll: Wenn jemand Gewalt liebt, wird er jedes Argument mit Gewalt ‘widerlegen’.

"Man kann niemand mit Hilfe von Argumenten dazu zwingen, Argumente anzuhören." (S.308)

Auch läßt sich durch rein rationale, wissenschaftliche Überlegungen kein Ziel bestimmen. Selbst Naturwissenschaftler müssen sich ihre Ziele setzen. Wissenschaftlich läßt sich nicht bestimmen, ob ich ein Flugzeug bauen soll oder nicht. Dieser alles wollende, auch die Ziele bestimmen wollende Rationalismus funktioniert also nicht.

Dennoch meint Popper, daß man rational für bestimmte Ziele plädieren, daß man für sie werben könne. Das Ziel, für das er plädiert, ist: sich politisch keine Ziele zu setzen und, wo es geht, gegen Gewalt zu sein.

Warum führt utopisches Denken zu Gewalt? Antwort: Wenn das Heil in einem bestimmten Plan liegt und man Andersdenkende nicht mit Argumenten überzeugen kann, dann bleibt nur die propagandistische Überredung oder die Gewaltanwendung.

Quasireligiöse Überzeugungen von dem, was für uns alle gut ist, verbinden sich selten mit Toleranz, es sein denn, man könnte sich aus dem Wege gehen, was aber bei politischen Zielen, die alle betreffen, fast nicht möglich ist, – allenfalls realisierbar durch die wiederum gewalttätige Vertreibung Andersdenkender.

Der Gefahr, daß es bei der Verwirklichung utopischer Ziele zu erkennbaren Fehlleistungen kommt, kann der Utopist nur dadurch begegnen, daß er alles mit Propaganda überdeckt, Kritik und Opposition aber verbietet. Vor allem, wenn er für sehe Ziele Menschen geopfert oder gequält hat, gibt es kein Zurück mehr. Niemand darf entdecken, wie unsicher die Berechnungen waren, derentwegen Menschen oder Menschenglück geopfert wurden.

Diese Utopiekritik trifft nicht unsere politischen Ideale. Ohne Gefahr dürfen wir politischen Idealen nachgehen. Selbst wenn Ideale unrealisierbar erscheinen wie die Ausrottung von Krieg und Verbrechen, darf man sie anstreben. Denn auch eine internationale Polizei und ein internationaler Gerichtshof schienen einstmals unrealisierbar. Poppers Rezept zur Unterscheidung zwischen zulässigen und unzulässigen Idealen (S.311):

"Arbeite lieber für die Beseitigung von konkreten Mißständen als für die Verwirklichung abstrakter ldeaIe."

Der Grund ist, daß bei der Beseitigung konkreter Übel die Realisierbarkeit abschätzbar ist; bei fernen Idealen nicht. Wenn der Weg allerdings keine Opfer fordert, ist auch gegen die Verwirklichung ferner Ideale nichts zu sagen.

Was die gegenwärtigen Übel sind, das ist leicht auszumachen, so daß man sich über derartige Ziele schnell einig wird. Was dagegen "Glück" ist, kann nur jeder für sich selbst ausmachen. Und was das Glück für alle ist, darüber wird es leicht Streit geben.

"Das Elend ist konkret, die Utopie abstrakt."

Poppers wichtigstes Argument (S. 311): "Keine Generation darf zugunsten zukünftiger Generationen geopfert werden, zugunsten eines Ideals, das vielleicht nie erreicht wird."

Jede Generation hat den gleichen Anspruch auf ein erträgliches Leben, und da wir immer irren können, kann es leicht sein, daß die Utopisten einer Generation Lasten aufzwingen oder sogar Menschen opfern, ohne daß es der nachfolgenden Generation dann tatsächlich besser geht. Das Suchen nach Glück soll immer private Angelegenheit sein, nie Aufgabe der Politik. Politik soll die augenblicklichen, brennenden Probleme lösen.

"Der Zauber und der Reiz, den die Zukunft auf den Utopismus ausübt, hat nichts mit rationaler Voraussicht zu tun." (S.313)

Im Gegenteil: solche beschränkte Rationalität setzt sich über die Frage nach der Sicherheit des Erfolges hinweg (S. 313). Wir können nicht den Himmel auf Erden schaffen, aber wir können eventuell das Leid und die Ungerechtigkeit etwas vermindern.

Die falsche Vernunft glaubt, die Zukunft formen zu können. Sie sieht in der Vernunft die Möglichkeit zur Herrschaft über Mensch und Natur. Der bessere Rationalist ist bescheiden und weiß, daß sich die eigene Vernunft immer dem Wissen anderer verdankt, daß daher alle Menschen gleichberechtigt sind.

"Vernunft ist für ihn das genaue Gegenteil eines Instruments der Macht und der Gewaltanwendung: er sieht in ihr ein Mittel, die Gewalt zu zähmen." (S.315)

III. Hans Albert über Utopien als Mittel der Kritik

Hans Albert ist wie Karl Popper kritischer Rationalist und teilt dessen Auffassung über utopisches Handeln, betont aber etwas stärker den Nutzen des utopischen Denkens, also nicht nur der politischen Ideale, die, wie wir gelesen haben, auch von Popper befüwortet werden.

Utopien sind nicht nur Trugbilder und gefährliche Illusionen, sie haben auch ihr Gutes: Es ist nämlich so, daß die Schwächen politischer Problemlösungen sich im Lichte von Alternativen viel besser erkennen lassen. Und das auch dann, wenn es sich um vollkommen unrealisierbare Utopien handelt.(6) Z.B. beleuchtete Karl Marxens Utopie einer klassenlosen Gesellschaft in besonderer Weise die Mißstände einer extremen Klassengesellschaft, in der bestimmte Gruppen stark benachteiligt waren. Deshalb kann man Utopien zur Mobilisierung von Kritik (Anmerkung: so wie auch die sog. Frankfurter Schule utopisches Denken verstanden hat) gelten lassen. In dieser Weise dürfen und sollen Utopien auch weiterhin kultiviert werden. Wir brauchen die Träume von einer besseren Welt, damit wir uns nicht an Mißstände gewöhnen. Nur wenn man versucht, derartige "totale Kritik" arm Gesamtsystem dazu zu verwenden, die gesamte Gesellschaft umzubauen, wird utopisches Denken zu einer Gefahr für alle. Denn man darf nicht vergessen, erstens:

"Eine an illusorischen Wünschen orientierte totale Kritik muß jede mögliche (bestehender soziale Ordnung als radikal schlecht erscheinen lassen."

Mit einer leuchtenden Utopie, einer grandiosen Versprechung, kann man jede Gegenwart schlechtmachen (S.175, Fußnote 34). Und das zweite ist (S.175):

"Eine rationaIe Sozialkritik kann also das Problem der Realisierbarkeit nicht außer acht lassen."

Nur eine Utopie, die ihre Realisierbarkeit nachweisen kann, ist akzeptabel. Vor allem, wenn sie Opfer kostet, muß sie ganz sicher realisierbar sein. Das ist aber, worauf Popper, Hayek und Albert immer wieder hingewiesen haben, nicht möglich Die Zukunft ist nicht im großen planbar, dafür wissen wir zu wenig und machen zu viele Fehler. Wenn überhaupt, ist eine Utopie nur in kleinen übersehbaren Schritten erreichbar, und auch da muß man bereit sein, seine ursprünglichen Vorstellungen auf dem Weg zum Ziel aufzugeben oder abzuändern.

Anmerkung: Das alles wird übrigens gut illustriert auch durch die modischen ökologischen Träume von einer heilen Umwelt im "softindustriellen Zeitalter": Das ist eine schöne Art, die Schwachstellen in unserem System herauszustellen, aber diese Kritik ist auch mit der Gefahr verbunden, das gegenwärtige System total zu verneinen und die Realisierbarkeit der Alternative außer acht zu lassen. Je mehr es einem gelingt, die Gegenwart als Hölle darzustellen, um so weniger läuft man Gefahr, nach der Realisierbarkeit seiner utopischen Alternativen gefragt zu werden. Dürfen wir also Utopien haben oder nicht? Alberts Antwort:

"Vom kritizistischen Gesichtspunkt her kann es ... nicht darum gehen, das utopisch radikale Denken zu diffamieren, weil es sich kritisch gegen das Bestehende wendet... Der wesentliche Einwand gegen diese Denkweise ist der, daß sie unkritisch ist gegenüber dem Realisierbarkeitsproblem. ... Konstruktionen im sozialen Vakuum reichen da nicht aus. Es tritt vielmehr die sozialtechnische Frage auf: Wie lassen sich derartige Entwürfe unter den gegebenen Bedingungen realisieren? Wie muß in das gegenwärtige soziale Geschehen eingegriffen werden, damit man einer solchen Realisierung näher kommt? Die Beantwortung solcher Fragen erfordert ohne Zweifel Phantasie, aber mehr die produktive und konstruktive Phantasie des Erfinders als die von jeder Einschränkung freie Phantasie des Tagträumers und Illusionärs."

Anmerkungen:

(1) Karl Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Band II, Tübingen (Mohr/Siebeck) 1992, S. 277.

(2) Popper, Das Elend des Historizismus, Tübingen (Mohr/ Siebeck) 1979, S. VIII.

(3) Hans Albert, Freiheit und Ordnung, Tübingen (Mohr/Siebeck) 1986.

(4) Popper, Utopie und Gewalt, in: Kritischer Rationalismus und Sozialdemokratie, Bonn-Bad Godesberg (J. W. Dietz) 1975, S. 303-315.

(5) Friedrich A.v. Hayek, The Errors of Constructivism, in: New Studies, London (Routledge and Keagan Paul) 1982, p.3-22.

(6) Hans Albert, Traktat über kritische Vernunft, Tübingen (Mohr/Siebeck) 1980; jetzt auch als UTB-Taschenbuch; S.50f., S.162f., 174ff.